Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Seite 931 Str. 52 Dr. Vloch's WochrnfrlMfl. stische Bewegung genährte Argwohn konnte die Pforte in der auf die Verhinderung einer größeren Judeneinwanderung gerichteten Tendenz selbstverständlich nur bestärken, was sich in dem Umstande deutlich genug ausspreche, daß es mit allen erwähnten Maßregeln speciell auf die Fernhaltung der Israeliten von Palästina abgesehen ist. Die „Frankfurter Zeitung" meldet auS Constantinopel, 6. December. Die Pforte hat wiederholt in Circularnoten an ihre Vertreter im Auslande zur überhandnehmenden Einwanderung fremder jüdischer Staatsangehöriger in Palästina Stellung genommen. Doch schien es, daß diese Auslassungen keine Wirkung hatten, da trotzdem und besonders in letzter Zeit aus Rumänien stch Juden dauernd in Palästina niedxrlassen konnten. Ob im Zusammenhänge hiermit oder in Folge von äußeren Einflüssen jetzt eine neue schärfere Verordnung erlassen worden ist, bleibt noch festzustellen. Die Türkei ist durch die zionistische Bewegung von größtem Mißtrauen gegen die jüdische Einwanderung in Syrien und Palästina erfüllt, da die Juden dort das muselmännische Element zurückdrängen und der Sultan schon im Geiste den Abfall mehrerer Provinzen und die Errichtung eines jüdischen Königreiches sieht. Dieses Mißtrauen des Sultans wird durch das officielle Rußland stark genährt. Rußland betreibt seit einem Jahrzehnt mit großen Geldmitteln und der Unterstützung fast des gesammten Clerus eine intensive Propaganda in Syrien und Palästina. Rußland hofft, das numerisch starke, aber geistig schwache griechische und arabische Element in den beiden Provinzen seiner Propaganda dienstbar zu machen, und diese Bestrebungen zeigen auch bereits Erfolge. Mit den indolenten Moslims ist Rußland noch überall, wo es den Hebel ansetzte, fertig geworden, bleibt also noch das zähe Judenthum, welches besonders an den heiligen Stätten eine größere Widerstandskraft entwickeln dürfte. Diese Widerstandskraft müßte natürlich im Berhältniß zur Stärke der Einwanderung steigen, und um diese zu schwächen, unterstützt Rußland die gegen die jüdische Einwanderung nach Palästina gerichteten Maßnahmen des Sultans. Das neueste Circular der Pforte an ihre auswärtigen Vertreter ordnet an, daß Niederlassungen von Juden in Palästina und Syrien — ausgenommen die bestehenden — unbedingt untersagt werden. Es werden nur jüdische Pilger zugelassen, welche aber nach Ablauf von drei Monaten spätestens das Land verlaßen müssen. Die Pforte behält sich vor, andernfalls behufs Veranlassung sofortiger Ausweisung an die betreffenden Consulate zu appelliren. Auf Grund dieses, auch den hiesigen fremden diplomatischen Vertretern mitgetheilten Circulars fanden mehrfache Conferenzen der Botschafts- und Gesandtschaftsdragomanen statt, welche aber ein Ergebniß vorläufig nicht gehabt haben. Rußland ist, wie gesagt, geneigt, auch officiell sich auf die Seite der Türkei zu stellen, während fast alle anderen Staaten eine abwartende Haltung einnehmen und voraussichtlich auf einen concreten Fall warten, um aus ihrer Reserve herauszutreten. Nur Italien hat sofort gegen das gesetzwidrige Circular der Pforte mit Entschiedenheit protestirt. Principiell steht thatsächlich der Pforte das Recht zu diesem Erlasse nicht zu. Das unter Sultan Abdul Medjig erlassene Gesetz „Sefer", welches auch heute noch der Türkei bei ihren Verhandlungen mit den Mächten als Norm dient, bestimmt ausdrücklich die Freizügigkeit, sowie den Erwerb von Grund und Boden für die Angehörigen fremder Staaten im ganzen türkischen Reiche, ausgenommen in der Provinz Hedschaz. Daß die fremden Staatsangehörigen jüdischen Glaubens von diesen Vergünstigungen ausgeschloffen seien, ist in dem Gesetz „Sefer" nicht erwähnt und würde auch im Widerspruche mit einer mehr als dreißigjährigen Praxis stehen. Trotzdem will es aus den oben angedeuteten mehrfachen Gründen scheinen, daß die Mächte zu einer definitiven Einigung nicht kommen werden und die Pforte der weiteren Einwanderung von Juden einen Riegel vorschieben wird. Wien. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redacteur! Ich bin ein Anhänger und eifriger Leser der „Oesterreichischen Wochenschrift", umso mehr schmerzt es mich daher, der Empörung Ausdruck geben zu müffen, die mich in Folge des in der jüngsten Nummer Ihres geschätzten Blattes veröffentlichten Artikels: „Wie ich eine Stelle suchte" erfüllt. Wenn Herr Ferdinand Schick bei der angeblichen Befriedigung seiner Gläubiger ebenso ehrlich war, wie bei der Charakterisirung der Personen in seiner Skizze, so find die armen Gläubiger zu bedauern. Sicherlich lag es ihm fern, in dem Bankdirector, der der Petenten nicht empfängt, und dem Beamten, dem die „Wiener Madeln" bei Ronacher so sehr gefallen, Typen zu schaffen, aber ich bezweifle auck, daß seine Darstellung den gemachten Erfahrungen entspricht. Noch weniger aber find jener Kaufmann, der den Stellesuchenden für einen Dummkopf hält, weil er nicht ConeurS angesagt und dabei einen Rebbach gemacht hat, und jene Frau, die nur „ledige" Beamte anstellt und in Abwesenheit des Gatten in ihrer Wohnung empfängt, der Wirklichkeit entlehnt, denn was man uns Juden auch vorwerfen mag, das Mitleid mit dem Unglücke Anderer, die Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit wird uns wohl Niemand ab sprechen können. Die geehrte Redaction irrt fich, wenn fie annimmt, daß durch die Veröffentlichung des Aufsatzes dem Autor in irgend einer Weise gedient wurde, indem sie jüdische Menschenfreunde auf sein Geschick lenkt. Jüdische Wohlthätigkeit wird fich kaum dort besonders lebhaft bethätigen, wo fie so ungerecht beurtheilt und bösartig dargestellt wird. S. K. Wien. Am 20. December fand die 33. ordentliche Generalversammlung des israelitischen Humanitäts-Vereines für die westlichen Bezirke Wiens „Nachlat Jesehurun“ im Restaurant Löbl statt. Der Präses, Herr Dr. Carl Löwy, begrüßte die erschienenen Vertreterinnen des Frauen-Wohlthätigkeits-Bereines, Frau Fanny Fröhlich und Frau Frieda Strauß, ferner den Delegirten des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde, Herrn Architekten Max Fleischer, und den Vertreter des Mariahilfer Tempelvereines, Herrn Leo Bauer, sowie die erschienenen Vereinsmitglieder auf das Herzlichste. Nachdem der Schriftführer, Herr Richard Schüller, das Protokoll der letzten Generalversammlung zur Verlesung brachte, erstattet der Präses den Rechenschaftsbericht, welcher lebhaften Beifall findet. Wir entnehmen demselben, daß heuer die höchste Frequenz des Freitisches erreicht wurde, wo 35 Kinder armer Glaubensgenossen vollständige Mittagskost erhalten. Eine große Anzahl von Damen, welche sich bereitwilligst in den Dienst der guten Sache stellten, ermöglichte es, daß täglich eine dieser Controlvamen der Ausspeisung beiwohnte, wodurch eine mustergiltige Ordnung erzielt wurde. — Außerdem erhielten 66 arme Schulkinder am 25. November Winterkleider, Schuhe und Wäsche und wurden arme Glaubensgenossen in größerem Maße unterstützt. Den Beiträgen der Mitglieder und Spender, sowie dem bedeutenden Erfolge eines Vereinsballes unter Leitung der Vorstandsmitglieder und Gönner des Vereines war es zu danken, daß für diese humanitären Zwecke der ansehnliche Betrag von K 6830 verausgabt werden konnte. Auf Antrag der Revisoren Herren Liebermann und Ernst Schüller wird der Rechenschaftsbericht genehmigt und der Casseverwaltung das Absolutorium erlheilt. Hierauf stellte der Präses Herr Dr. Carl Löwy an den Delegirten des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde die Bitte, bei nächster Gelegenheit die Sache des Vereines bei der Cultusgemeinde dahin zu vertreten, daß demselben in höherem Maße entgegengekommen werden möge, da er trotz thatkräftiger Unterstützung der Mitglieder leider oft noch gezwungen ist, Bittsteller abzuweisen. Herr Architekt Fleischer, in Vertretung des Cultusgemeinde-Vorstandes, erwidert hierauf: Er gehöre zwar nicht jener Section des Cultusvorstandes an, welche sich mit den Angelegenheiten der Wohlthätigkeit und deren Anstalten befaßt, dennoch ist ihm Manches in dieser Sache bekannt. Auch alle Diejenigen, welche ein möglichst opulent ausgestattetes Armenbudget zugestehen möchten, werden gewisse nicht überschreitbare Grenzen anerkennen; wir haben bereits eine sehr hohe Cultussteuer und es ist trotzdem nur bei äußerster Sparsamkeit dem Cultusvorstande möglich, die Hauptaufgaben der Cultusgemeinde, um derentwillen die Cultussteuer eingehoben wird, zu erfüllen. Da ist es wohl nicht leicht möglich, den Wohlthätigkeitsvereinen so hohe Subventionen zu gewähren, wie es der Vorstand und die Vereine wohl wünschten. Vielleicht würde eine gerechte Armensteuer zu bessern Resultaten führen, als das jetzige System; wahrscheinlich würde dieselbe niemals jene Höhe erreichen, die dem entspricht, was der Einzelne jetzt für Armenunterstützung ausgibt, und dennoch dürste dann der Armuth ausgiebiger zu helfen sein; natürlich müßte auch ein entsprechend richtiges System der Besteuerung und der Armenpflege platzgreifen.