Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 928 Dr. Blorlr's Wochenschrift. Nr,52 geheimen oder öffentlichen Mildthätigkeit verfallen sind. Und diese 20.000 Familien sind leider nickt in der Lage, sich täglich Fleisch zum Mittagstische, zu gönnen. Und der erheblichste Theil dieser 20.000. Familien schätzt sich glücklich, wenn er am heiligen SatchM sich.ein Suppenfleisch allermindester Sorte zu kaufen vermag. An den Wiener Cultusgemeindevorstand tritt die Ausgabe heran, in dieser Richtung Wandel zu schaffen und sich mit allem Eifer dem Studium der Fleischfrage hinzugeben. Es muß Sache der, CultuDgemeinde sein, den armen Gemeindemitgliedern die Möglichkeit zu bieten, rituell geschlachtetes Fleisch zu einem der Situation angemeff nen Preise anzuschaffen. Es ist bekannt, daß in Galizien jüdische Fleischhauer ganz erheblich: -Quantitäten geschachteter Rinder auf den Wiener Markt bringen. Durch eine Vereinbarung mit diesen ausschließlich jüdischen Viehhändlern ließe sich erzielen, daß nach Wien ein der jüdischen Bevölkerung angemessenes Quantum rituelles Fleisch gelangen könnte zu einem Preise, der den gegenwärtigen ganz erheblich unterbieten müßte. Allerdings bedarf die Sache einer reiflichen Erwägung und Prüfung. Es würde sich empfehlen, zum Studium der Wiener Fleischfrage eine Enquete, bestehend aus Vertretern des Rabbinats, der Eultusgemeinde, der Fleischcommiffionäre, der Fleischhacker und einher mit der Frage vertrauten Cultusgemeindemitglieder einzuberufen, denen es obliegen würde, Modalitäten zu schaffen, die es ermöglichten, die jüdischen Fleischhauer Wiens von dem Wiener Rindermarkte so viel als möglich unabhängig zu machen und ihnen die Möglichkeit zu bieten, den Bedarf an rituellem Fleisch zu einem den Fleischnotirungen angemessenen Preise anzuschaffen, mit der Verpflichtung, dieses rituelle Fleisch mit einem anpaffenden Aufschläge in Wien feilzuhalten. Wtt können den jüdischen Fleischhackern nicht verdenken, daß sie in der Boycott-Angelegenheit mit ihren arischen Collegen durch Dick und Dünn gegangen sind. Die Position der jüdischen Fleischhacker in der Genossenschaft ist gewiß nicht weniger schwierig, als die der übrigen Juden in der gegenwärtigen antisemitischen Aera. Wird aber den jüdischen Fleischhackern eine uare Bezugsquelle eröffnet, so ist ihnen die Möglichkeit geboten, das Odium eines Boycotts nicht auf sich laden zu müssen. — Den arischen Fleischhackern gegenüber dürfte man maßgebenderseits nachsichtiger sein, allein, es ist zu befürchten, daß die jüdischen Fleischhauer für die Widerspenstigkeit und Rebellion gegen Gesetz und Ordnung, welche in dem Boycott zum Ausdrucke gelangt, die Zeche werden bezahlen müssen. Die Regierung hat neulich wahrzunehmen Gelegenheit gehabt, wie weit die Begehrlichkeit der herrschenden antisemitischen Partei geht, und - will sie es nicht zur förmlichen Anarchie kommen kaffen, wird sie bemüffigt sein, mit aller Energie Wandel zu schaffen. - . Eduard Beer. Zur Frauenfrage. An die Redaction der „Oesterreichischen Wochenschrift!" Die in Nummer 49 der „Oesterreichischen Wochenschrift" angeregte Enquete über jüdische Dienstboten, die gewiß von jeder jüdischen Frau sympathisch begrüßt wurde, veranlaßt mich, um Aufnahme dieser Zeilen zu ersuchen. Der von Frau Sophie Klein in richtiger Erkenntniß der Wichtigkett dieser Sache ertheilte Vorschlag sollte in nähere Erwägung gezogen werden. Ich möchte mir jedoch erlauben, auf die Zuschrift von N. N. zu erwidern. Die Erfahrungen, die wir auf diesem Gebiete besitzen, können nur in negativer Weise gewonnen sein, aus der einfachen Thatsache, daß ein wirklicher Mangel an jüdischen Dienstboten besteht. Die jüdischen Mädchen, die dienen, gehören meistens einerhöheren Dienstbotenkategorie an (Wirthschafterin rc.), und das ganz arme jüdische Mädchen, welches das Hauptcontingent liefern könnte, zieht andere Berufe vor, wenn es einen sucht, denn es entbehrt ja gewöhnlich der einfachsten häuslichen Kenntnisse. Wie viele ordentliche Existenzen würden da durch die Einrichtung von Schulen geschaffen werden! Was die individuelle Freiheit anbelangt, so frage ich N. N., ob es vielleicht eine bessere Verwerthung der Persönlichkeit ist, wenn alljährlich eine große Anzahl jüdischer Mädchen aus Galizien elenden Mädchenhändlern zum Opfer fallen, die die Verzweiflung dazu treibt: (Siehe Mädchenhandel von Dr. R. S. Landau.) Die Rettung so-vieler Mädchen, die ein trostloses, menschenunwürdiges Dasein ins größere Elend und Verderben treibt, ist Pflicht jeder jüdischen Frau, nicht nur vom jüdischen und socialen, sondern vom rein menschlichen Standpunkt. Der erste Schritt ist bereits gethan. Am 1. October letzten Jahres sind drei Arbeits- und Wirthschaftsschulen in Tarnow, Stanislau und Kolomea aus der zu diesem Zwecke errichteten drei Millionen-Stiftung der Baronin Hirsch ins Leben getreten. Äuf dieser Grundlage könnte w itergebaut werden, doch vor Allem müssen größere Kreise jüdischer Frauen dafür gewonnen werden. Für Aufnahme dieser Zeilen dankt im Voraus bestens Wien. 15. December 1900. W. Zur Nationalitätenhetze in Oesterreich. Ein reichsdeutscher Leser schreibt uns : Berlin, 18. December 1900. Sehr geehrter Herr Redacteur! In der „Frankfurter Zeitung" finde ich unter dem Titel „Eine bemerkenswerthe Rede" den Bericht über eine Rede, die Herr Dr. Friedjung im Allgemeinen österreichischen Frauenverein gehalten hat. Der Inhalt der Rede ist: daß die Feudalen und Clericalen in Oesterreich durch den Sprachenstreit herrschen, daß Taaffe der Reaction zum Siege verholfen hat und es eher nicht besser werden kann, bis — ein gerechteres Wahlrecht eingeführt-wird. Herr Friedjung that jedenfalls recht daran, den Vortrag im Frauenverein zu halten, wie es auch vortheilhaft ift,. daß er. in einem reichsdeutschen Blatt zum Abdruck gelangte. In Oesterreich dürfte den Politikern bekannt sein, daß Herr Friedjung lange vor Taaffe ein Nationalitätenhetzer war. War er nicht sehr, stolz darauf, daß Schönerer ihm als Verfasser des Linzer Programmes zujubelte — nicht Friedjung, Streitjung sollst Du heißen! Und war es nicht gerade Taaffe, der ein gerechteres Wahlgesetz cinbrachte, aber von den politischen Freunden des Herrn Friedjung gestürzt wurde, weil das Gesetz zwar gerecht — aber . gerade deshalb für die Nurdeutschen unbequem war? Der profunde Politiker Streitjung welcher beim Nationalitätenstreit Hebammendienste geleistet hat, thut jeder,falls gut, seinem Schmerz über diesen Streit in Frauenversammlungen Ausdruck zu geben, welche über die wahren Schuldigen nicht so gut Bescheid wissen. H°chach.""gs°°ll . Jüdische Märtyrer im christlichen Kalender. Die Israelitische literarische Gesellschaft in Budapest hielt unlängst Abends nnter dem Vorsitze Adolf Agai's eine Vortragssitzung. Als Erster trat an den Vorlesetisch Professor Dr. Wilhelm Bacher, dessen Ausführungen über ^Jüdische Märtyrer im christlichen Kalender" die Zuhörer mit Interesse folgten. Sodann verlas Secretär Heinrich Lenkei Alexander Teleki's Gedicht „Utolsö pillanat“, zum Schluffe trug Stanislaus Timär seine Novelle „Tribuß Jorrathan" vor. Die oberwähnte Vorlesung Professor Bacher's — unstreitig das hervorragendste Moment der Sitzung — lautet im Wesentlichen wie folgt : Die Kirche San Pietro in Vincoli in Rom, eine Schöpfung der Kaiserin Eudoxia aus dem Jahre 442, in der die Ketten drs Apostels Petrus aufbewahrt werden, wurde im XVI. Jahrhundert durch Michelangelo's berühmte Statue Mosis, welche das Grabmal des Papstes Julius U. schmückt, zu einem Heiligthum der menschlichen Cultur, zu dem auch der Jude gern pilgert, um das Standbild des großen Lehrers;eines Volkes zu bewundern. Und in eben dieser Kirche wurde im Jahre 1876 ein anderes, zwar bescheidenes Baudenkmal gefunden, an das sich aber die Erinnerung an eine der ruhmvollsten Epochen aus der späteren Geschichte des Judenthums knüpft. Bei .einer Ausgrabung stieß man nämlich auf einen siebentheiligen.: Marmorsarkophag, in dem — wie die Inschriften besagen — die irdischen Ueberreste der sieben Maccabäer ruhen. Nach dem in Ketten gelegten Apostel Petrus ist der 1. August im katholischen Kalender der Tag Petri Kettenfeier geworden, doch hat er noch eine zweite Bedeutuna, die er den Maccabäern verdankt. Der Kalender bezeichnet sie als: Lonirneinoratio Lanetorum Uaeedabaeoruni Nari^runi (Erinnerung an die heiligen Maccabäer-Märtyrer). Und in dem vfficiellen Verzeichnisse der Heiligen und Märtyrer des Papstes Gregor XUI. aus dem Jahre 1584 heißt es vom 1. August: Canonisirung Petrus'in Rom auf dem Esquilin; ferner: In Antiochia die Leiden der sieben Maccabäer und ihrer Mutter unter Antiochus Epiphanes. Ihre Ueberreste wurden nach Rom gebracht und in eben derselben Kirche Zeigesetzt. Durch, die Entdeckung des alten Sarkophags wurden die Maccabäer. Gegenstand erneuten Interesses, und ,feiii; Geringererals der