Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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*m± & Nr. 52 Dr. Bloch's Wortzenlrtzrlst. Sette 937 Der Inhalt des päpstlichen Schreibens ist folgender: Die Kirche tolerirt die Juden in testimoninm lidei nostrae (als Zeugniß für unseren Glauben), owobl sie in ihrem Unglauben verharren; sie rufen nicht umsonst den Schlitz des Papstes an. Man zeige ihnen christliche Milde, um sie für Christus zu gewinnen. Die gegenwärtige Klage der Juden geht dahin, daß sie seit einiger Zeit von den christlichen Machthabern bedrückt werden und daß zur Rechtfertigung dessen neben anderen Beschuldigungen auch die Blutanktage wider sie erhoben werde. Sie haben nun den Papst um Schutz und um Bestätigung aller Privilegien seiner Vorgänger, besonders Martin's V., gebeten Dieser Bitte kommt der Papst nach, besond rs im Hinblick auf die so sich ergebellde Erleichterung der Missionsarbsit, sowie wegen der wirklich schweren Lage der Juden, die sie sogar zum Gedanken der Auswanderung gebracht hat. Und zwar sollen die Privilegien auch für den Fall gelten, daß es wirklich derartige sonderliche Vergehen der Juden gäbe. Der Papst glaubt nicht an sie. indem er ihrer nur in der Form der irrealen Hypothese gedenkt. Er will sie aber ausdrücklich erwähnen (pro snfficienter expressis habentes), damit nicht etwa man dieselben als Ausrede wider seine Anordnung verwende. Der Papst will also sagen, daß, selbst wenn es besondere Vergehen der Juden gäbe, er bte Verfolgung und Bedrückung der Juden verbiete, nämlich sofern für die Verfolgung falsche Vorwände geltend gemacht werden (sub falsis praetextibus)," Prof. Seeberg theilt sodann nach einer allgemeinen Charakterisirung des Inhalts den lateinischen Text der Urkunde mit, welche in deutscher Uebertragung lautet: „Obschon die Juden, welche die allerheiligste allgemeine Kirche in den verschiedenen Tbeilen der Welt zum Zeugniss unseres Glaubens duldet, lieber in ihrer Hartnäckigkeit und Blindheit und in ihrem Unglauben verharren, als die Worte der Propheten uud die Geheimnisse der heiligen Schriften erkennen, den besagten Glauben auuehmen und für das Heil ihrer Seele sorgen wollen, so dürfen wir dennoch, da sie in ihren Nöthen Unseren Schutz und Unsere Gnaden anrufen, ihnen die Liebe christlicher Sauftmuth nicht verweigern, damit sie, von einer derartigen Liebe geleitet, ihre Irrthümer erkennen uud, durch die Gnade von oben erleuchtet, endlich zu dem wahren Lichte von beständiger Klarheit, welches Christus ist, zu gelangen suchen. Wir haben fürwahr durch die Klage sämmtlicher in jeueu Theilen weilender Juden missfällig vernommen, dass seit etwa einigen Jahren Magistrate und andere Herren und Machthaber, welche in denselben Gegenden wohnen, als heisssporuige und, wie mau sagt, tödtliche Feinde, derselben Juden, VCIl HüSS Und Nsid oder, was mehr wahrscheiudlich scheint, von Habsucht Vßrblßlldet, damit sie die Habe selbiger Hebräer mit einem gewissen Anstand sieb anzueignen im Stande seien, ihnen fälschlich andichten, dass sie kleine Kinder umbringen, deren Blut trinken und verschiedene andere, mannigfache ungeheuerliche Verbrechen begehen, welche sich namentlich gegen unseren besagten Glauben richten, und in solcher Weise bemüht sind, die Getnüther der einfältigen Christen gegen sie aiifzuhetzen, wodurch es geschieht, dass letztere häufig nicht blos ihrer Habe, sondern sogar des Lebens in ungerechter Weise beraubt werden. Die Juden selbst behaupten nun, dass das, was ihnen augedichtet wird, nicht nur nicht wahr, sondern auch nicht wahrscheinlich sei, da es ebenso sehr durch ihr Gesetz, wie durch das unsenge verboten ist, und haben daher durch einen eigenen zu diesem Zwecke an Uns abgesandten Boten die Sanftmuth christlicher Liehe beweglich angerufen und Uns demüthig antteheu lassen, dass Wir geruhen möchten, Unsere Liebe, da die Juden so vielen Verfolgungen nicht mehr widerstehen können, über sie auszudehnen und die Privilegien, welche durch die römischen Päpste, unsere Vorgänger, und auch durch uns, unter welchem Wertausdruck immer, ihnen bewilligt worden, und namentlich diejenigen, welche der Papst Martin V. Hochseligen Andenkens, unser Vorgänger, ihnen bewilligt hat, zu bestätigen und zu bekräftigen und auch sonst hierin für ein geeignetes Heilmittel in Apostolischer Gnade zu sorgen. In Erwägung, dass es Unsere Pflicht ist, selbigen Juden, da auch sie das Ebenbild Gottes haben, und da ihr Ueberrest nach der Wahrheit unseres Glaubens selig werden wird, Unsere Hilfe und Fürsorge angedeihen zu lassen, damit sie nicht, ungerechter Weise von den Christen bedrückt, schwieriger für die Einverleibung in unseren Glaub engemacht werden, zumalbssorgt wird, wie Wir diese Besorgniss von vertrauenswürdigen Männern vernommen haben, dass sie schon zur höchsten Verzweiflung gebracht, zu den Ungläubigen, bei denen dann jegliche Hoffnung auf ihre Bekehrung schwinden müsste, übergehen würden, so bestätigen Wir nun, derartigen Bitten geneigt, die Spuren unserer meisten Vorgänger nachahmend, bezüglich der besagten Verbrechen, welche selbigen Hebräern zugeschrieben werden, auch wenn es solche wären, die eine besondere Erwähnung bedürfen, sie für ausdrücklich erwähnt erklärend, mit Gegenwärtigem kraft unserer Autorität die sämmtliehen uud einzelnen Privilegien, welche ihnen vornehmlich durch den genannten Martin, Unseren Vorgänger, bewilligt worden, uud wir beschlossen, dass sie die Kraft beständiger Giltigkeit besitzen, indem Wir Euch, aber auch Jedwedem kraft des angelobten Gehorsams auftragen, dass Ihr besagten Juden, soweit es mit Gott gestattet sein wird, beisteht und nicht erlaubt, dass ihre obengenannten Privilegien ihnen beeinträchtigt uud verletzt werden, oder dass sie selbst, von wem es auch sei, bedrängt oder aufgestört werden, dass Ihr sie vielmehr gegen jene, welche ihnen ungerechterweise eine Unbill zufugen wollen, schützt und vertheidigt, indem Ihr die Widerspenstigen, welche es auch sein mögen, und die Ungehorsamen durch kirchliche Censuren und Strafen und andere geeignete Rechtsmittel, ohne Rücksicht auf ihre Appellation, zurechtweist, wobei Ihr. wenn es nöthig ist, auch die Hilfe des weltlichen Armes anrufen könnt. Eben so sehr fordern Wir Unsere theuersteu Söhne in Christo auf, die erlauchten römischen Könige Ungarn's und Böhmeu’s. wie auch Poleu’s, ferner die geliebten Söhne, die Adeligen, Fürsten und Barone, und welch’ andere weltlichen Herren * da sind, und die übrigen Christi Getreuen jener Gegenden und ermahnen sie angelegentlichst, dass sie bei ihren Beamten, Dienern und Völkern mit ihrer Autorität eintreten, dass die Juden keine Verfolgungen ungerechterweise erleiden sollen, damit sie, von christlicher Gütigkeit angelockt werden und grössere Hoffnung gefasst werden kann, ihre Seelen für Gott zu gewinnen. Gegeben zu Rom bei St. Peter unter dem Fischerring am 12 Mai 15 iO, im sechsten Jahre Unseres Pontificats.“ Vom Jahrmarkt des Leben». Die Wiener Fleischfrage. Wien, 28. December. Die Wiener Fleischhacker haben Anfangs dieses Monats einen Boycott ganz eigenthümlicher Art inscenirt. Die Herren von der Hacke trafen nämlich eine Vereinbarung, auf dem Wiener Rindermarkt den Einkauf zu sistiren. Selbstverständlich wäre es dann nur eine Frage von Tagen gewesen, daß die über lx/2 Millionen zählende Einwohnerschaft Wiens den Consum von Rindfleisch hätte einstellen müssen. Run wäre dies allerdings für eine Haupt- und Residenzstadt wie Wien eine sehr heikle Situation gewesen. Der Boycott war wohlweislich inscenirt und in allen seinen Details mit agitatorischem Geschick geleitet. Steht doch an der Spitze der Wiener Fleischhauergenofsenschaft der bekannte antisemitische Agitator Gemeinderath Hütter und ist doch die Wiener Fleischhauergenossenschaft durch die genossenschaftliche Ehrenbürgerschaft des Bürgermeisters Dr. Lueger in ihrem Rücken gedeckt. Allein der Mensch denkt uud — horribile dictu — auch die Regierung lenkt, freilich nur in Zeiten größter Noth, wie sie hätte durch den Mangel an Rindfleisch in Wien entstehen können und entstehen müssen. Unvermutheter Weise raffte sich die Regierung, allerdings in letzter Minute, zu einer That auf. Sie fuhr mit einem eeterum senseo in die Machenschaften der Wiener Fleischhauergenoffenschaft und auf einen Wink des Ehrenfleischhackers Dr. Lueger kroch die Fleischhackergenossenschaft zu Kreuze. Man war allenthalben der Ansicht, daß die Fleischhacker von den nichtigen Vorwänden, die zum Boycott geführt hatten, Abstand nehmen und nach wie vor den Wiener Fleischmarkt zur Versorgung ihres Rinderbedarfes weiter frequentiren werden. Sei es nun, daß die Mahnungen des Bürgermeisters Dr. Lueger nicht länger vorgehalten haben, — oder daß die Wiener Fleischhacker den Moment für gegeben erachteten, ihren Willen durchzusetzen, genug, die Genoffenschaft hat in einer außerordentlich gut besuchten Plenarversammlung am letzten Sonntag neuerlich den Beschluß gefaßt, in dem Falle wieder den Boycott zu insceniren, als die Regierung nicht gewillt sein sollte, den Fleischhackern ihren Willen zu thun. Für die jüdische Einwohnerschaft Wiens hat die vom Zaune gebrochene Fleischfrage noch eine ganz besondere Bedeutung, und zwar dadurch, daß der weitaus größte Theil der Wiener Judenschaft nur rituell geschlachtetes Fleisch consumirt. Die unter einem Fleischboycott leidenden Arier sind in der Lage, zu allerhand Fleischsurrogaten greifen zu können. Es ist ihrem Belieben anheimgegeben, Wildpret und, wenn die Roth vorhanden, Pferdefleisch, Katzen- und auch Hundefleisch zu effen. Diese Facultät aber ist namentlich den gläubigen Juden ganz verschloffen. Bei dieser Gelegenheit soll auch darauf hingewiesen werden, wie groß das Elend und die Roth unter der Wiener Judenschaft ist. In Wien gibt es ungefähr 35.000 jüdische Familien, von denen nur 14.000 zur Steuerleistung für die Wiener Cultusgemeinde herangezogen werden können. Ungefähr 20.000 Familien sind derartig bedürftig, daß fie fich nur von der Hand zum Mund zu ernähren vermögen oder zum Theile oder ganz der