Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 83 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 835 die zionistischen Führer wirklich und mit vollem Bewußtsein. Man will einerseits die christlichen Zionisten als willkommene Bundesgenossen gelten lassen und anderseits doch den jüdischen Anhang darüber hinwegtäuschen, daß diese angeblichen Bundesgenossen weit schlimmere Judenfeinde sind, als die offensten Antisemiten. Man „diplomatisirt nach beiden Seiten" und betrügt Beide. Wenn aber Nordau dem Synhedrion ob dieser jesuitischen Taktik den Vorwurf der Verächtlichkeit macht, welchen Namen verdienen dann die zionistischen Führer, die diese Taktik adoptiren? 2. Der Fall Nord a^r. Die Artikelserie Max Nordau's über die Judenemancipation hat die ganze jüdische Welt in Aufruhr gebracht und hält sie noch unausgesetzt in Athem. Die zionistische „Welt" aber schweigt consequent zu all' den Entrüstungsrufen, die sich gegen Nordau erheben. Warum auch hier dies Schweigen, das Bände spricht? Warum tritt das WienerActionscomite nicht offen hervor, um seine Stellung zu Nordau's hochwichtigen und sensationellen Programmartikeln öffentlich zu docnmentiren? Die Artikel Nordau's sind nicht in der Rubrik „Oeffentliche Tribüne", für deren Inhalt die Parteileiter keine Verantwortung übernehmen, sondern in jenem Theile des Blattes erschienen, für welche die Nedaction die volle Verantwortung trägt! Nordau's Ausführungen sind nicht nur Privateigenthum dieses nach Herzl bedeutendsten zionistischen Parteiführers, sondern durch die kritiklose Aufnahme im officiellen Parteiblatte hat sich Herzl selbst und die ganze Parteileitung mit ihnen identificirt. Es geht nicht an, die öffentliche Discusjion, die sich darüber entspannen hat, einfach zu ignoriren. Die zionistische Parteileitung hat die Pflicht, entweder Herrn Nordau gegen die wider ihn erhobenen Anwürfe zu vertheidigen oder ihn offen und ehrlich zu verleugnen. Aber man „diplomatisirt" auch hier, oder um dies Fremdwort in Nordau'sches Deutsch zu übersetzen: Man betrügt nach beiden Seiten. Während ein namhafter Zionistenführer Nordau in einem Privatconventikel vertheidigt, raunt man anderen einflußreichen Juden zu, daß der Mann mit seinen Maulschellen-Artikeln der zionistischen Parteileitung unangenehm sei. In dem ganzen Vorgänge steckt eine Perfidie, die jeden ehrlichen Menschen mit unsäglichem Widerwillen erfüllen muß. 3. Das An siedlungsverbot des Sultans. Vor wenigen Tagen brachte die „Politische Korrespondenz" aus Constantinopel die Meldung von einer Circularnote der Pforte, in welcher mitgetheilt wird, daß dieselbe, zur Verhinderung der festen Ansiedlung jüdischer Einwanderer in Palästina für die Dauer der Pilgerfahrten ein Maximum von drei Monaten eingeräumt hat. Man sollte wohl meinen, daß eine solche Nachricht ein zionistisches Parteiblatt und dessen Leser lebhaft interessiren müsse. Ueber die „Politische Correspondenz" kann man nicht mit einem Achselzucken hinweggehen Sie ist das wohlaccreditirte officiöse Organ nicht nur des Wiener Auswärtigen Amtes, sondern der gesammten europäischen Diplomatie und namentlich die Regierung des Sultans benützt es mit Vorliebe zu halbamtlichen Verlautbarungen. Wir begreifen es ja, daß den zionistischen Parteihäuptern die Circularnote des Sultans unangenehm ist, denn sie zieht ihnen den berechtigten Vorwurf zu, daß sie durch ihre nebulöse Agitation das Colonisationswerk in Palästina schwer geschädigt haben. Aber gibt ihnen ihr persönlicher Mißerfolg das Recht, eine so entscheidende Thatsache todtzu schweigen? Ja wohl, Herr Dr. Herzl und seine Mitarbeiter haben das schier Unmögliche zu Stande gebracht: sie haben dem zionistischen Lesepublicum e.n Ereigniß, welches für die ganze künftige Richtung der zionistischen Propaganda bestimmend sein muß, verschwiegen. Die zionistische Parteiregierung hat die Circularnote der Pforte nicht zur Kenntniß genommen und ihren Anhängern nicht zur Kenntniß gebracht, weil sie um ihr Prestige besorgt ist. Mögen Hunderte jüdischer Auswanderer pi nächster Zeit an der Grenze des Heiligen Landes eine bittere Ertäuschung erfahren - das ist Nebensache! Die Hauptsache ist und bleibt, daß kein Zweifel an der Autorität und diplomatischen Befähigung der Herren Herzl, Nordau und enoffen laut wird. Ein stärkerer Beweis dafür, daß innerhalb des Neu-Zionismus das persönliche Moment längst schon alle sachlichen Bestrebungen erdrückt hat, ist kaum zu denken. „Das Synhedrion", sagt Max Nordau, „benahm sich verächtlich", „gab zweideutige Antworten", „diplomatisirte nach beiden Seiten und betrog Beide." Herr Nordau hat aber noch einen anderen Ausspruch gethan; er hat unseren Vätern den Schimpf in's Grab nachgeschleudert, daß sie die Gleichberechtigung „erschlichen" und „erkrochen" haben. Wir versuchten nachzuweisen, daß die innerste Grundlage der neuzionistischen Partei die UnWahrhaftigkeit, die Unaufrichtigkeit gegen die Freunde und die Würdelosigkeit gegen die Feinde ist. Durch ein ganzes System von Listen und Tücken wollen ihre Führer an Erfolge glauben machen, die sie nicht zu erringen vermögen. Wenn irgendwo von „Erschleichen" und „Erkriechen" die Rede sein darf, so ist es hier der Fall. Man erinnere sich, wie die Herren an gekrönte Häupter und an Staatsmänner sich heranschlängelten und mit vieldeutigen Worten von Sympathie und werkthätiger Unterstützung sprachen, die ihnen angeblich in der christlichen Welt entgegengebracht werden. Schritt für Schritt haben sie die Thatsachen Lügen gestraft, sie aber haben die diplomatische Kunst eines Talleyrand überflügelt, denn sie verbergen nicht nur ihre Gedanken, sondern auch unangenehme Thatsachen hinter tönenden Worten. Auf solche Weise soll dem Neu- Zionismus eine Bedeutung „erschlichen" und „erkrochen" werden, die er in Wahrheit nicht besitzt und nie besessen hat. Der Zionsgedanke war ein heiliges Erbgut des Judenthums, Der Gifthauch der Lüge hat ihn nicht entweiht, bis sich die wortge-. wandten Vertreter des modernen Journalismus seiner bemächttgten, ihn profanirten und ihn hinabzogen in die Niederungen des allerpersönlichsten Ehrgeizes und des kleinlichsten Parteigetriebes. Dieser Herabwürdigung eines hohen Ideals treten wir entgegen, das ist der wahre Inhalt des Kampfes, den der Alt-Zionismus gegen den Neu-Zionismus führt. H a z o f e. Vre Bulle des Papstes Paul Ist. gegen die Vlutlüge und Pfarrer Deckert. Unter allen päpstlichen Bullen gegen die Blutküge war keine den Bluthetzern so peinlich, als die von der „Oesterreichischen Wochenschrift" im Jahre 1889 zuerst publicirte Bulle des Papstes Paul III. Nicht blos wegen der eindringlichen Sprache und des entschiedenen Tones, welche diese Bulle auszeichnen, sondern vor Allem, weil sie nach und trotz dem Mordproceß des Simon von Trient erfolgt ist. Die Bulle Panl's ist die en^ schiedenste Berurtheilung des Trientiner Proceßverfahrens und deswegen wurde sie von Deckert und dem Wiener »Vaterland" einfach für ein Falsificat erklärt. Daß alle päpstlichen Bullen gegen den Blutaberglauben gefälscht wären, das wagte Herr Deckert nicht zu behaupten, vielmehr gab er zu, daß die vor dem Jahre 147» ergangenen Papstbullen echt sein mögen, daß aber in jenem Jahre durch den Proceß von Trient „die Thatsächlichkeit des Vorkommens von Ritualmorden" so „sonnenklar erwiesen" worden sei, daß nach demselben „unmöglich" ein Papst die Inden gegen die Blutbeschuldigung in Schutz genommen haben könne. Das Trientiner Gerichtsverfahren habe aber zugleich dargethan, daß die Entscheidungen früherer Päpste auf irriger Voraussetzung beruhen und somit jegliche Beweiskraft eingebüßt hätten. Allein das von der „Oesterreichischen Wochenschrift" zuerst publicirte Breve des Papstes Paul UI. vom 12. Mai 1540 verdammt und verurtheilt die Blutbeschuldigung in viel schärferen Worten als alle früheren Bullen. Der ehemalige Abgeordnete Dr. Bloch citirte dieses päpstliche Breve im österreichischen Abgeordneteuhause am 11 Februar 1890, worauf Herr Deckert und das Wiener „Vaterland" sich nicht anders helfen konnten, als die Echtheit dieser päpstlichen Urkunde anzuzweifeln. Erfreulicherweise ist es jetzt gelung-'n, im päpstlichen Geheimarchiv die minuta, d. h. das C o n c e p t des