Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 52 ^>Xo B'och'S wie Sie zu behaupten sich erkühnen, blos formale Frömmigkeit und äußerste Passivität, weil das jüdische Volk schon vermöge seines Charakters und seiner psychischen Veranlagung niemals, wo immk-r es sich auf der ganzen Erde in der Diaspora zerstreut befand, passiv war. — Der Jude hat zu allen Zeiten und unter allen Völkern, unter denen er lebte, auf allen Gebieten der geistigen und sittlichen Fortentwicklung im V er-- hältnisse zu seiner Minderheit immer das Höchste geleistet und immer und überall die Palme errungen. Gerade die Beobachtung des C e r em o ni a l g es etz e s aber war e s, welche das jüdische Volk vor seinem Untergänge trotz aller Verfolgung bis heute bewahrte. Das Festhalten an seinem Glauben, an seiner Lehre und an seiner Eigena r t, ein hochentwickelter Familiensinn und die Pflege der mündlichen Tradition seiner Thora schebaal peh, — das sind die Pfeiler, auf denen der stolze Bau unseres Volkes und unserer Volkspolitik noch heute ruht und daher Ihres „faßlichen guten Rathes" zur Beobachtung Ihrer neuen jüdischen Volkspolitik am allerwenigsten bedarf! — Sie würden mit Ihrer Lehre vom alleinseligmachenden Ghetto die gesellschaftlichen Bedingungen unseres Volkes nach der schlimmsten Seite hin beeinflussen und umgestalten. Sie würden dadurch unsere ethische, intellectuelle und freiheitliche Ausbildung untergraben — einen Zuwachs a n sittlichem Wollen würden wir im Ghetto gewiß nicht gewinnen! DasJudenthnm setzt nicht blos eine jüdische Nation, sondern auch eine jüdische Confession voraus, und ohne die starke Eisenrippe der Religion wäre unsere Nation als verschwindende Minderheit längst zerrieben. — Mit dem nationalen Chauvinismus allein werden wir unseren Weg durch dieGeschichte niemals machen, am allerwenig st en aber nachPalästinakommen, wenn nicht unsere Religion uns als Feuersäule vor an leuchtet! 5. Sie schwärmen für die im Ghetto von uns zu errichtenden jüdischen Hochschulen, Theater, Museen und für Denkmäler jüdischer Größen. Ja, lieber Herr Doctor, wenn wir uns von der politischen Gleichberechtigung selbst ausschalten, so werden wir auch keinen Grundbesitz erwerben dürfen, wo soll das Alles hingebaut werden? Wir müßten die Kunst nur von Pfarrer Deckert lernen und „Luftvillen" bauen! Oder denken Sie, Herr Doctor, wir wollten Ihnen das erste Denkmal jüdischer Größe und noch zu Ihren Lebzeiten errichten — denn ein Mosesdenkmal steht in Wien schon seit 50 Jahren — wo könnten wir Ihnen dasselbe anderswo als auf dem — Friedhof errichten, weil wir keinen andern Grund — man kann diesem Worte einen beliebigen Sinn beilegen — dafür haben werden! — Und woher sollen wir das Geld zu allen diesen schönen Sachen ins Verdienen bringen, wenn wir uns mit unseren Bankbureaux, Comptoirs und Kaufläden in das Ghetto „verschlüpfen", wohin gewiß kein Christ, seine Abschlüsse und seine Einkäufe besorgen kommen wird, weil ja draußen vor dem T höre derAntisemitismns Wache hält? — Leicht bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen. Sie sehen, Herr Doctor, was Sie da lehren, ist nichts als Flunker, eitel Flunker, das sind nur leere Worte, mit denen Sie streiten und ein System bereiten wollen. Da sehe ich Sie mit solchen Worten, wie den Equilibristen auf dem Drahtseil die schwindelndsten — man kann diesem Worte einen beliebigen Sinn beilegen — Kunststücke zu Stande bringen, und jetzt — jetzt sehe ich Sie wie einen Seraph, — nein, wie einen Kabbalisten, durch geheimnißvolle Kraft an den beiden Aequinoctialpunkten des geschwollenen Pappenstieles unweit den Wetterstürmen des blühenden Unsinns in bläulicher Verzückung schweben! Ist d a s vielleicht der Messias? Nein, nein, der ist es nicht. Auch SchabsaiZewi und Jakob Frank wolltenMessiase sein, — und führten ihre Anhänger schließlich zur Taufe! — Wochenschrift. s-ue m 6. Sie nennen, Herr Doctor, den zornigen Aufschrei der „Klugköpfe": „Die Juden sollen also ins Ghetto zürückkehren?", eine bloße „Eselei". Ich sage Ihnen, die Volks- Politik jener „Klugköpfe", die die Juden wieder ins Ghetto führen wollen, ist ebenfalls eine bloße Eselei! Sie verzeihen, Herr Doctor, wenn ich aus Mangel an Originalität, da wo ich kraftvoll wirken möchte, mir die starken, tiefen Töne von Ihnen erborge Uebrigens muß ich Ihnen, dem so ausgezeichneten Bibel- und Talmudkenner, Ihre „Eselei" zu Gute halten, da Sie gewiß nur deshalb mit solcher Vorliebe das Bild vom Esel brauchen, weil schon die Bibel von einem Esel erzählt, der reden konnte — nas auch jetzt noch vorkommt — während der Talmud zweierlei hübsche Efelsbilder bringt. Das eine lautet, Rabbi Akiba hätte, als er noch ein ungebildeter Hirte war, wenn er einen Schriftgelehrten sah, ihn vor Neid wie ein Esel beißen mögen. Das kommt auch jetzt vor Das andere ist noch actueller: Wenn der wahre Messias kommen wird, so wird er als Armer aus einem Esel reiten — woraus a contrario zu schließen ist, daß, wenn der falsche Messias kommen wird, der Esel auf dem Armen reiten werde! — Das soll auch jetzt thatsächlich Vorkommen. Nichts mit dem Ghetto! Nur im freien Spiele der bewegenden Kräfte, nur in der freien Bethätigung unseres Jntellectes, auch wenn wir noch so sehr in der Ausübung der uns zumindest gesetzlich gewährleisteten politischen Gleichberechtigung eingeschränkt werden, nur da können wir bei freiem vollen Athemzuge auch frei und voll, im Bewußtsein unserer unverkümmerten Menschenwürde, Muth und Hoffnung fassen, daß die Stürme, die seit Jahrtausenden über die stolzen Wipfel unserer hoch ragenden Cedern vom Libanon wehen, auch wieder sich glätten. Auch wir haben der Menschheit Pasteurs, Kochs, Cisters und Röntgens geschenkt, sogar mehr, als solche nach V erhältuiß unsererZahl und bei Verkümmerung unserer Rechte auf uns zu entfallen hätten. Wir haben der Welt einen Moses und einen Christus geschenkt — was kann von unserem hohen Geistesfluge noch mehr verlangt werden? Diese sind aber in der Freiheit, nicht in der Knechtschaft des Ghettoerstanden! 7 Wohl sollen wir in der schweren Bedrängniß unserer Zeit möglichste Zurückhaltung in öffentlichen Fragen bewahren, die die verschiedenen Nationalitäten in den einzelnen Staaten unter sich auszutragen haben. Da sollen wir uns nicht hineinmischen. Deshalb aber die uns gesetzl i ch gewährleisteten Rechte der politischen Gleichberechtigung selbst von uns weisen und dieselben entweder nicht an streben oder, wo wir sie haben, nicht gebrauchen, das wäre Wahnsinn, eine solche Zumuthung hat vorJhnen noch keinMensch gewagt! Bescheidene Zurückhaltung aber für uns Juden im politischen Streite der uns umgebenden Nationalitäten, das brauchen wir nicht von Ihnen erst zu lernen, das hat uns der gewesene Reichsrathsabgeordnete und Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift" Dr. Bloch schon im Jahre 1885 als weise Mahnung zugerufen. Schon vor 15 Jahren warnte Dr. Bloch in seiner „Oesterreichischen Wochenschrift" vor „A s s i mi l i rung" der Juden und „Aufgehen derselben in der christlichen Bevölkerung!" Er schreibt im Jänner 1885: „Ein Gebot der politischen Klugheit und Pflicht der Selbsterhaltung ist es, außerhalb der nationalen Parteien Stellung zu nehmen, . weil wir weder Germanen noch Slaven sind, sondern immer nur Juden sind und bleiben. Je mehr wir den Proceß der Assimilation beschleunigen wollen, desto illusorischer werden alle unsere Bestrebungen. Der Arzt verordnet in solchem Falle — Diät." Schon vor i6 Jahren hat Dr. Bloch die Juden kategorisirt, wie Sie es jetzt thun, in solche, welche blos geborene Juden und solche, die es aus sittlichem Wollen und Bewußtsein sind, und es ist zu staunen, wie Sie