Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 52 (28.12.1900)
- Date
- 1900-12-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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fccüf 822 Vr. Bloch's Wvchrafchrifl. Nr. 52 vorneherein dem Untersuchungsrichter Zweifel über die geistige Integrität des Juculpaten erwecken müssen, an: „Die Widersinnigkeit der That und ihre Motive, die auffallende Grausamkeit der That und das Contrastiren derselben mit der ganzen früheren Lebensführung". Und unter diese Merkmale muß Ihre neue Heilslehre nothweudig subsummirt werden; — sie ist widerfinni g, grausam und contra st irt mit Ihrer ganzen früheren Lebensführung. I. Ihre mit so tönenden: Pathos vorgetragene Thesis lautet: „Der Jude wollte nicht länger ein Paria sein, er gab seine mystischen Ideale der meffianischen Erlösung ohne Schmerz auf und ersetzte sie durch ein verständliches, greifbares Ideal: die gesetzliche Gleichstellung mit seinem christlichen Nachbar! Seine Volkspolitik war nun aus die Erlangung der Emancipation gerichtet, die zu erwirken ihm kein Mittel zu unwürdig, keine Selbstdemüthigung zu unerträglich schien". Die gesetzliche Gleichstellung des Juden ist also n a ch Ihrem eigenen Ausspruch ein v erständlich es, greifbares Ideal, und Sie selbst billigen es, daß der Jude nicht länger ein Paria sein wollte und daß er seine mystischen Ideale der messianischen Erlösung ohne Schmerz aufgegeben habe! Antithese: „Der Jude wird aber, wenn er politisch gleichberechtigt ist, den Haß der christlichen Mehrheit gegen sich erwecken". Synthesis und Schlußfolgerung: Also soll der Jude die Gleichberechtigung weder anstreben, noch, wo er d i cselbe besitzt, auch nur geltend machen wollen, sondern sich vielmehr in sein Ghetto „Verschlüssen", um sich nicht in die Angelegenheiteu des Staates, das heißt der christlichen Mehrheit, e i n zu m i s ch e n, und nicht nach S t fl a t sämreru und Würden st r e b e n — also: W ir sollen lieber Parias bleiben und wir sollen nicht das v e r st ä n d l i ch e g r e i f b a r e I d e a l der Gleichberechtigung erstreben, „zumindest insolange nicht, bis man uns um unsere Mitwirkung in der Verwaltung der Staatsangelegenheiten bittet"! Ist das nicht widersinnig und grausam zugleich, Herr Dr. Nordau, und contrastirt das nicht mit Ihrer ganzen früheren Lebensführung? Sie unterfangen sich, gewiß wohlmeinend, uns wieder zu Parias und Knechten machen zu wollen, bis die Regierungen uns um unsere Mitwirkung an der Staatsverwaltung „bitten" werden? Ist das Wahnsinn oder Hohn? Sie, der Philosoph und Geschichtskenner, wollen, daß wir uns politisch in die Passivität der Judengasse vergraben, und denken nicht daran, daß ein Volk, d a s f ü r seine Freiheit nicht kämpft, dieselbe nicht verdient? Sie maßen sich an, ein Führer des Volkes Israel, ein zweiter Moses sein zu wollen, und wissen nichts davon, daß Moses sein Volk Meawdus lecherus von der Knechtschaft zur Freiheit, zur blutig erkämpf en Freiheit führte, während Sie uns von der, wenn noch so eingeschränkten, aber doch wenigstens gesetzlich gewährleisteten Freiheit zur Knechtschaft führen wollen! Ist das nicht grausam und doch gänzlich unmotivirt? Deshalb muffen Sie auch freigesprochen werden! Wer aber hat Sie berufen und erwählt zur Führung des Volkes Israel? War es Gott, der aus dem brennenden Dornbüsche Ihrer tiefinnern Begeisterung zu Ihnen sprach? Aus Ihnen spricht nicht Gott, denn unser Gott ist ein Gott der Freiheit, der uns aus Egypten, aus dem Lande der Sclaverei führte, Sie aber wollen uns dahin zurückführen und verletzten mit unerhörter Osteutation gleich das erste der zehn Gebote! Wie sollte auch wahrhafte Gottesbegeisürurg Jhie Brust erfüllen und Ihr Leben für die Führung unseres Volkes Israel weihen können, wenn Sie' das Wische Schriftthnm gar nicht verstehen, daher auch den Geist des jüdischen Volksthumes und seine hohe sittliche Mission in der Geschichte nicht zu begreifen vermögen! Sie können unser Führer nicht sein, Ihre Lehre ist falsch und Sie sind ein falscher Prophet. Herunter von dem Sockel, auf welchen Sie sich selbst gestellt! Wir sind keine Götzendiener und schon unser Erzvater Abraham lehrte uns, wie man — nach einer Erzählung des Midrasch — Götzen i n Trümmer schlägt! 2. Nun weiter. Sie machen sich, Herr Doctor, wieder einer ganzen Reihe historischer Urwahrheiten schuldig. Sie meinen, „daß für die Juden, denen an ihrem Judenthume wenig oder nichts lag, die politischen Rechte die größte Bedeutung halten, weil sie ihnen gestatteten, aus dem Kreise des Judenthums und der jüdischen Interessen hinauszutreten". Warum g e n e r a l i s i r e n Sie? War Männern wie M out e f i o re, C r e m i e u x, Ad. F i s ch h o f, Ku r an d a an ihrem Judenthume wenig oder nichts gelegen gewesen? Sind diese Man n-er-aus d e m K r ei s e des Judenthums und der jüdischen Interessen h e r a u s g e t r e t e n oder haben sie nicht vielmehr gerade in rhrer höheren Stellung und in ihrem höheren Ansehen für d a s j ü d i s ch e I n t e r e s s e gekämpft? Oder war der große Staatsmann und Gelehrte D o n Jsaac Abarbanel, der unter drei Königen diente und von ihnen als Minister und Gesandter mit den wichtigsten. Staatsgeschäften betraut war, sogar die Friedeusunterhandlungen zwischen der Republik Venedig und dem Königreich Portugal zu führen hatte, war der vielleicht auch aus dem Kreise des Judenthums und der jüdischen Interessen ausgetreten? Sie werden sagen, daß seien nur Ausnahmen. Ich aber sage: Treues Festhalten am Judenthume in allen Lebenslagen und im höchsten Anseh«n war immer die Regel, das Renegaterlthum war immer Ausnahme! Wo wären wir sonst heute? 3. Sie stellen weiters mit der Ihnen eigenen Verwegenheit als Axiom hin, „daß der Jude, der von seinen politischen Rechten den vollen Gebrauch machen will, damit beginnen muß, den Juden in sich zu verheimlichen und womöglich zu erwürgen, und daß der Jude, der unter den heutigen Verhältnissen nach einer staatlichen Laufbahn strebt und zu ihr zugelasscu wird, nothweudig für das I u d e n t h u m v e r l o r e n s e i." Das ist einfach nicht wahr; so wenig wahr, als es denselben je gelingen könnte, „die christliche Mehrheit über ihre jüdische Herkunft zu täuschen", sich also nicht zu erkennen zu geben, was ja, wie Lie selbst wissen, dem Juden nie gelingen wird. Die allerwenigsten unserer jüdischen Landesgerichtsräthe, Hofräthe und Professoren haben das Judenthum von sich geworfen und gerade j'tzt fungirt als Decan der philosophischen Facultat in Wi<n ein Professor des Wiener Rabbiner-Seminars. — Das wollte ich nur zur Ehre jener Glaubensgenossen erwähnt haben, welche den ihnen zustehenden Antheil an der Staatsgewalt und an der politischen Gleichberechtigung durch Talent und Verdienste erstrebt haben, ohne ihr Judenthum aufgeben zu müssen, indem dieselben sogar und jedenfalls öfter als Sie „in Schul" gehen und sich zur Thora aufrufen lassen. 4. Sie behaupten, „daß die Volkspolitik jenes Theiles der Judenschaft, welcher das Ceremouialgesetz beobachtet, n u r „formale Frömmigkeit" und „äußerste Passivität" sei, deshalb sicher zum v ö ll ig en Untergänge führen müss e." Damit schlagen Sie der Geschichte geradezu in's Gesicht! Die Beobachtung des Ceremonialgesetzes bei den Juden war zu allen Zeiten, keineswegs