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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 918 Dr. Bloch's WvchrnfchrifL Nr. 61 «Wohl wahr", sagte Aranka, sich mühsam beherrschend; «ach und es war doch so schön, wenn wir —" Schluchzen unterbrach ihre Worte, zwei große Thränen rollten über die rothen Wangen. Schnell erhob sie sich und eilte hinaus. Aladär wollte sie halten, sie beruhigen, aber eine innere Stimme mahnte ihn: «Bist Du auch stark genug, der Gefahr zu trotzen? Gedenke des dem Bruder gegebenen Versprechens!" So reiste er eine Stunde später, ohne Abschied von Aranka zu nehmen, ab. Das junge Mädchen war trostlos. Wie schön hatte sie sich das Zusammenleben mit AladLr gedacht, wie gern seinen Worten gelauscht, mit welcher Wonne ihm in die tiefdunklen Augen geschaut, in denen sie eine ganze Welt des Glückes zu sehen meinte. Tieftraurig saß sie da; nicht Speise noch Trank wollte ihr munden; jetzt erst wußte sie, was ihr Aladär gewesen. Auf ihn verzichten, bedeutete für sie, allem Lebensglück entsagen. Morgen war Sabbath. Da wollte sie im Tempel zu Gott beten, daß er AladLr in seinen Schutz nehme, ihr krankes Herz gesunden lasse. — Sie war am anderen Tage die Erste in der Frauen-Abtheilung; das war ihr gerade Recht; da konnte sie unbeobachtet ihrem gepreßten Herzen Luft machen, den Allmächtigen anrufen, daß er sie erhöre — ihren Thränen freien Lauf lassen. Als sie ihre Zwiesprach mit Gott gehalten, war es ihr leichter um's Herz; sie schaute jetzt um sich. Da saßen schon all die geputzten Frauen, die Jittel Abraham mit ihren großen Brillant-Ohrringen, die Leah Simches in ihrem hellgrauen Seidenkleide, die Reffke Jüterbock mit dem in Gold gestickten Brustlatz. Sie plauderten mit einander, lachten, schienen kaum zu wissen, weshalb sie im Gotteshaus seien. «Warum hast Du geweint, Aranka?" fragte ihre Nachbarin die schöne Ruth Heigel. «Um AladLr Lazzlo brauchst Du Dich nicht zu härmen! Er ist kein guter Jud; ich weiß es von meiner Schwester, die in Pest im selben Hause wie er wohnte." «Was weißt Du von ihm? fragte Aranka aufhorchend. «Daß er intim mit dem Jesuiten — Pater Jeremias verkehrt, stets seine Predigten besucht, schon mehr Christ wie Jud ist!" «Das lügst Du", sagte Aranka erregt; ich verbiete Dir einfür allemal, Ungünstiges über Aladär zu sprechen!", «Gedenk' was ich Dir sagte", mahnte Ruth Heigel; „ich meine es gut mit Dir!" „Ich danke für Deine gute Meinung", sagte Aranka, stand auf und wandte sich zum Gehen. Es war ihr, als hätte sie Jemand mitten durch's Herz gestochen. Aladär, ein Ungläubiger! Aladär, der Abgott ihrer Seele, im Verkehr mit einem Jesuiten-Pater! Was würde Rabbi Lazzlo sagen, wenn er davon hörte! Sie konnte, wollte es nicht glauben. Dennoch beschloß sie, Erkundigungen einzuziehen. Sie schrieb an Eli, er möge Aladär, der, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist, durch einen gemeinsamen Freund beobachten lassen, ihr mittheilen, ob für die von Ruth Heigel erhobene schmähliche Beschuldigung ein Anhalt vorhanden sei. Aranka's Brief versetzte Eli in hochgradige Aufregung. Der Bruder hatte das Vaterhaus verlassen, ohne ihm davon Mittheilung zu machen; zu welchem Zweck weilt er in Pest? Mit wem verkehrte er? Ohne viel zu überlegen, fuhr er nach Pest und direct in Aladär's Wohnung. Die Wirthin sagte ihm, daß der Bruder sich, als er anlangte, sehr krank gefühlt habe und daß ihn Pater Jeremias zu sich in das Kloster genommen, um ihn zu pflegen. Eli stand wie vom Donner gerührt. «Wer ist dieser Pater Jeremias?" fragte er. «Ein guter Freund vom Herrn Doctor", meinte die alte Frau, «ein sehr würdiger Herr, der beim Erzbischof in hohen Ehren steht." Jetzt erst wurde es Eli klar, weshalb der Bruder sich im letzten Jahre ostentativ von allen Jugendfreunden zurückgezogen. Er betrat Aladär's Zimmer; zufällig gewahrte er, daß sein Schlüssel auch zu Aladär's Schreibtisch paßte. Er mußte klar sehen. Den Schreibtisch öffnend, fand er zahlreiche Briefe mit der Unterschrift «Jeremias". Was er las, machte ihm das Blut in den Adern erstarren. Aladär schien sich dem Jesuiten mit Leib und Seele verschrieben zu haben. Ein Passus in einem Briefe des Mönches lautete: «Jedenfalls mußt Du, lieber Bruder, Deine Studien beenden. Du giltst dann in Rom mehr, wenn Du als Prediger, denn als Laie hinkommst. Mache der guten Sache zu Liebe den Hokus-Pokus noch ein Jahr lang mit. Der Doctor- Titel wird Dir ein ganz anderes Ansehen verleihen; ich halte es für unbedingt nöthig, daß Du, ehe Du in den Orden eintrittst, den Doctorgrad erreicht hast. Deine Scrupel bezüglich Deines Vaters kann ich sehr wohl verstehen; doch Du bist ein Mann; Du mußt lernen Dich beherrschen, überwinden. Bedenke, welch' herrliches Ziel Dir winkt! In der heiligen Roma, im ehrwürdigen Dom zu St. Peter wirst. Du zu Füßen des Heiligen Vaters Dein Gelübde oblegen! Eine neue Welt wird sich Dir eröffnen! Sei stark im Glauben, im Vertrauen auf unseren Erlöser, der, wie Du von jüdischen Eltern erzogen, das Heil in der neuen Lehre erkannte und sie der Welt als die allein selig machende verkündet hat!" Eli faltete den Brief zusammen, steckte ihn zu sich, schloß die Lade ab und verließ das Zimmer. Er wollte die Luftt nicht athmen, in der der Jesuit das Herz seines Bruders dem Judenthume entfremdet hatte. Jetzt erst wußte sich Eli gar Vieles zu erklären, das er früher der Eigenart Aladär's zugeschrieben; zu spät sah er ein, daß der Bruder, von finsteren Mächten umgarnt, nicht anders handeln konnte. Der Jesuit hatte eine Gewalt über ihn erlangt, die jeden anderen Einfluß lahm legte. Das war ihm klar, dennoch wollte er versuchen, auf das Herz des Bethörten einzuwirken. Seine Füße waren ihm wie gelähmt; er mußte einen Wagen nehmen, um nach dem nahe gelegenen Jesuitenkloster zu gelangen. Auf seine Frage, ob Dr. Lazzlo in der Kranken-Abtheilung Aufnahme gefunden, erhielt er eine verneinende Antwort. Ec fragte nach Pater Jeremias. Man ließ ihn in einem der großen, altersgrauen Klostersäle warten. Endlich erschien ein in Weiß gekleideter Mönch, dessen fahles Gesicht und stechende Augen ihm wenig Vertrauen einflößten. «Ich komme mich nach dem Schicksal meines Bruders Aladär zu erkundigen", sagte Eli. «Schicksal?" fragte der Mönch nach einigem Ueberlegen. «Er ist mit seinem Schicksal sehr zufrieden und seit, gestern aus dem Wege nach Rom". «Unmöglich", sagte Eli, «was hat er in Rom zu suchen?" «Darüber", erwiderte der Mönch, «kann ich Ihnen nicht Rede und Antwort stehen; nur so viel will ich Ihnen mittheilen, Ihr Bruder kam vor einigen Wochen gebrochen an Leib und Seele zu mir; ich sah, daß ein hitziges Fieber im Anzuge war, behielt ihn bei mir, pflegte ihn, und als er sich wohler fühlte, sprach er den Wunsch aus, den Winter im Süden zu verbringen. Da gerade eine Deputation unseres Ordens nach Rom abging, dem Heiligen Vater zu Neujahr zu gratuliren, schloß er sich den Brüdern an." «Welch' teuflischen Einfluß müssen Sie ausgeübt haben", sagte Eli zähneknirschend, «um diesen ehedem strenggläubigen Juden in Ihre —" «Keine Beleidigungen", unterbrach ihn der Mönch mit Stentorstimme; «wagen Sie es nicht noch einmal, von teuflischem Einfluß zu sprechen, sonst —" «Unverschämter", fiel ihm Eli ins Wort, «Sie. der Sie meinem arglösen Bruder in Ihren Netzen gefangen, wollen mich glauben machen, daß —" «Gar nichts will ich Sie glauben machen", unterbrach der Mönch, «fordere Sie vielmehr auf, dieses Haus zu verlassen, und zwar sofort!" «Ich gehe", sagte Eli verächtlich, «da ich eS unter meiner Würde halte, mit einem auf Seelenfang ausgehenden Priester Worte zu wechseln". Auf dem Heimwege überlegte Eli, was er thun könne, um den Bruder zu retten, ihn dem Glauben der Väter zu erhalten. Mit Grauen dachte er daran, welch' tief schmerzlichen Eindruck die Nachricht von dem beabsichtigten, oder wohl gar schon vollzogenen Glaubenswechsel Aladär's aus den strenggläubigen Vater machen müsse. Es würde sein Tod sein, sagte er sich, und ich bin verpflichtet, Alles aufzubieten, ja selbst die weite Reise nach Rom zu machen, um Aladär ins Gewissen zu reden, daß er dem Glauben der Väter treu bleibe. Durch einen Mönch. hatte er nach vielem Hin- und Hersragen in Erfahrung gebracht, daß die nach Rom bestimmte De-

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