Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 61 Br. Vloch's Wochenschrift^ Seite 909 Gewerbefleißes, der Rechtspflege oder der Gütererzeugung Mitwirken, mitringen, mitleiden und mithoffen. Die Pflege dieses historischen Sinnes ist eine der edelsten Aufgaben der Bildung und deshalb verdient die „Gesellschaft zur Sammlung und Erhaltung der historischen und Kunstdenkmäler des Judenthums" nicht blos seitens der Juden selbst die sorgsamste Beachtung. Was sie mit Emsigkeit und Sachkenntniß zusammenträgt, hat nicht blos für die Geschichte der Juden, für die Erkenntniß ihrer Leistungen im österreichischen Vaterlande Bedeutung, es liefert die werthvollsten Beiträge zur Culturgeschichte der Menschheit und müßte deshalb auch demgemäß von Nichtjuden gerechte Förderung erfahren. Vorerst wären wir aber schon zufrieden, wenn nur unsere eigenen Stammes- und Religionsgenoffen mit vollem Erfassen den unvergleichlichen Werth dieser Institution in sich aufnehmen möchten, wenn in vorderster Linie die Wiener Juden sich von der Pflicht durchdringen lassen würden, der Eine mit seinen Mitteln, der Andere mit seinem Wissen, ein Dritter mit den in seinem Besitz befindlichen Objecten dazu beizutragen, daß diese Sammlung Alles erhalte und enthalte, was das Wirken der Juden zum allgemeinen Wohle und im öffentlichen Dienste zu charakterisiren vermag. Das Beispiel würde gewiß begeisternd auf die in anderen Städten lebenden Juden wirken, um sie zu veranlassen, es den Wienern gleichzuthun und eine Institution zu heben, in der ihre Gemeinsamkeit, ihre Leiden und ihre Thätigkeit in idealster Weise zum Ausdrucke und zur Anschauung gelangen. Eine solche alle Kräfte zusammenfassende Action müßte bewirken, daß sich das Winer jüdische Museum soweit ausgestalte, um als centraler Sammelpunkt für jüdische, historische und culturelle Interessen zu dienen, auf den die Juden der ganzen Monarchie mit Stolz und Bewunderung blicken würden, von dem aus sie mit Selbstbewußtsein erfüllt und zu neuen Werken begeistert werden müßten. Zu dieser Betrachtung werden wir durch die Generalversammlung veranlaßt, welche die Gesellschaft zur Sammlung und Erhaltung historischer und Kunstdenkmäler der Juden am Samstag Abend im Saale des Gewerbevereins abgehalten hat. Aus den Berichten des Präsidenten Wilhelm S t i a ß n y, des Schriftführers Max Fleischer, des Casseverwalters Theodor Ritter von Goldschmidt war zu entnehmen, wie viel mit kleinen Mitteln von wenigen beitragenden Mitgliedern geleistet worden ist, wie reichhaltig und interessant die Sammlung bereits ist, welche Vermehrung sie von Jahr zu Jahr erfährt» welche großen und schönen Ziele sich das Curatorium setzt: Veranstaltung von Einzelnausstellungen, Vermehrung der Besuchstage, Heranziehung bedeutender Kräfte zu Vorträgen u. A. m. Das Programm ist groß, aber es fehlt zu seiner Durchführung an Geld und Raum! An Geld! Von nahezu 20.000 jüdischen Steuerträgern sind kaum 200 Mitglieder des Museums. Wir haben 900 Höchstbesteuerte und nicht einmal diese gehören dem Museum an. Fast dürfte man glauben, daß sie von seiner Existenz nichts wissen, wenn man nicht wahrnehmen würde, daß zu den Vereinsvorträgen regelmäßig so viele Gäste sich melden, daß man keinen Saal findet, der sie Alle fassen könnte. Ja, wenn das Museum, so wie es verdiente, gefördert würde, dann könnte es ein eigenes Athenäum erbauen, das nicht nur ihm, sondern auch anderen verwandten Institutionen eine würdige Heimstätte bereiten könnte. Allein solchen optimistischen Zukunftsträumen dürfen wir uns noch nicht hingeben, wir müssen vor Allem wünschen, daß die Aufmerksamkeit auf den Bestand und die Erhaltung dieser Gesellschaft sich lenke und daß man hieraus die unmittelbaren Consequenzen ziehe. Man kann dem Curatorium das Zeugniß nicht versagen, daß es durch die Auswahl der Themen, die es in öffentlichen Vorträgen zur Verhandlung bringt, sowie durch die Auswahl der Vortragenden am erfolgreichsten dazu beiträgt, das Museum zu Ehre und Ansehen zu bringen und den Kreis der Freunde zu erweitern. Die jüngst abgehaltene Generalversammlung brachte den Gästen und Zuhörern den Genuß, daß sie einen der hervorragendsten evangelischtheologischen Bibelforscher der Gegenwart, Universitäts- Professor Dr. Cornill aus Breslau, zu hören bekamen, der sie mit dem Charakter des „Schir haschirim“ bekannt machte und diesem Liede der Lieder eine Erklärung ab, die freilich von der theologischen abweicht. Nach Cornill's geistreicher Auslegung, die mit derjenigen anderer Forscher übereinstimmt, ist Schir haschirim ein Hochzeitscarmeu, nicht allegorisch gedacht, sondern völlig dem Leben abgelauscht und angepaßt. Salomo ist kein König im Sinne eines Herrschers, sondern der typische Brautkönig am Hochzeitstage und Sulamith die Brautkönigin, die in den Augen des Bräutigams immer die schönste ist. Dr. Cornill leitete seinen Vortrag mit einer sinnigen Huldigung an die Geistesheroen Wiens ein, an Beethoven, Mozart und Schubert, welche die idealsten Liebesgesänge schufen, an Grillparzer, dessen Worte „Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag", die herrlichste Versinnbildlichung der Liebe bilden. Das jüdische Volk habe auch seine erotische Poesie gehabt und im Schär haschirim sehen wir sie verkörpert. Darin sei kein Drama enthalten, wie Einige meinten, und noch weniger eine kirchliche Allegorie, es sei nur durch Jrrthum in die canonischen Bücher ausgenommen, denn es sei nichts anders als ein Hochzeitsgesang. Durch Vergleiche mit egyptischen, syrischen und arabischen Gesängen desselben Charakters führt Dr. Cornill für diese Behauptung den Beweis und unterstützt ihn mit paralleler Schllderung der damaligen und noch fortbestehenden Hochzeitsgebräuche der arabischen Völkerschaften. Der Gesang preise aber nicht die bräutliche, sondern die eheliche Liebe und sei eine Verherrlichung des unter den Juden so hochentwickelten Familiensinnes, des so hoch in Ehren stehenden Ehebündnifses. Auf die traurigen Verhältnisse anspielend, unter denen die Juden durch die antisemitische Verfolgung zu leiden haben, richtete Dr. Cornill an seine Zuhörer den Appell, in der Hochhaltung des Familiensinnes und der Ehe auch ferner als Muster voranzuleuchten, weil darin die Gewähr liegt, daß die Verfolgungen ein Ende nehmen werden. Mü rauschendem Beifalle und stürmischbegeisterten Kundgebungen wurde dieser Vortrag ausgenommen und mit fteudiger Zustimmung der Dank quittirt, den der Vorsitzende Baurath Stiaßny dem Vortragenden abstattete. Aus den Vorgängen des Abends sei noch erwähnt, daß die kostbaren Reproduktionen der Bilder aus der Haggadah von Sarajewo, die Architekt Max Fleischer mit Liebe und Treue dem Original nachgeschaffen hatte, ausgestellt waren, nachdem der Eigenthümer dieser Kunstwerke, Herr Salo Cohn, sie in großmüthiger Weise dem Museum zum Geschenke gemacht hatte. Ferner waren acht köstliche Aquarelle von Professor Leopold Schauer ansgestellt, welche freie Compofitionen zum Schir haschirim in meisterhafter Ausführung darbieten. Vielleicht findet sich auch wieder ein hochherziger Käufer, der sie für das Museum erwirbt! Anwesend waren: die Profefforen der katholischen und evangelischen Theologie Dr. Bickell und Dr. Seeigel; Hofrath Dr. Karabacek, Director der kaiserlichen Hofbibliothek; Baudirector Bode, Präsident der evangelischen Gemeinde in Wien; Oberrabbiner Dr. ©Übemann; die Barone Alphons und Louis Rothschild an Stelle ihres durch frühere Verpflichtungen am Erscheinen verhinderten Vaters, des Barons Albert; Superintendent Seberiny; Baron Günzburg aus Petersburg; der Präsident der israelitischen Cultusgemeinde, kaiserl. Rath Heinrich K l i n g e r, mit den Vicepräsidenteu Landesschulrath Dr. K o h n und Dr. Stern, sowie den Vorstandsmitgliedern Emanuel Hoffmann, Salo Cohn, Oberfinanzrath