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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-21 · 51 (21.12.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
51 (21.12.1900)
Date
1900-12-21
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 908 Dr. BLoch's Wochenschrift. Nr. 51 des Meetings wurden beauftragt, in diesem Sinne ein Gesuch an das österreichische Abgeordnetenhaus und an den österreichischen Justizminister zu richten. Die Konitzer Mordasfaire. Aus Könitz wird telegraphirt, daß die Untersuchung wegen Ermordung des Gymnasiasten Winter in ein neues Stadium getreten ist. Bei dem vorliegenden Verdacht gilt ein Todtschlag im Verlauf einer Eifersuchtsscene für wahrscheinlich. Die Verhaftung von drei Personen unter dem dringenden Verdachte der Thäterschaft des an dem Gymnasiasten Winter verübten Mordes ist nahe bevorstehend. Wie ich eine Stelle suchte und — Leider nicht fand! Ich hatte einst schönere Tage erlebt und wurde es mir auch nicht an der Mege vorgesungen, daß ich dereinst vom Schicksal so hart hergenommen werde. Ich besaß ein alt ererbtes Geschäft in einer böhmischen Stadt, es ging Alles gut und ich heiratete ein Mädchen, wie man es selten findet, so brav und ach so gut. Wir lebten glücklich, zwei prächtige Kinder verschönten unser Dasein. Wir hatten Freunde. Ja, da gab es Freunde, Schmarotzer, die um unsere Gunst buhlten. Wie sehe ich erst jetzt ein, wie viel mit dem Worte Freundschaft gesündigt wird. Ich lebte also in der Landstadt, geehrt, beliebt in jeder Gesellschaft, wo es mir auch nicht an Vereinswürden mangelte. Doch was geschah, daß ich nicht nur all' die Liebe und Gunst meiner einstigen Nachbarn sondern auch meine Existenz verlor? Etwas Schreckliches. In Polna wurde ein Christenmädchen ermordet! Wer that dies? — Natürlich ein Jude, denn die muffen doch die Mazzes mit dessen Blut einrühren. „Der Jude wird boykottirt", heißt die Parole, „gemieden in der Gesellschaft, ausgeschlossen aus allen Zirkeln, seine Geschäfte gemieden, — denn sie dampfen vom Blute". Mein Geschäft ging zurück — nMrlich durch mein Verschulden« Ich kämpfte, um den ehrlichen Namen meines Vaters zu erhalten, setzte langsam das Geld, das ich erheiratet, zu, denkend, es müffe sich ändern. Und es änderte sich. — Es kam der Erlaß Clary's — Aufhebung der Sprachenverordnung. NMrlich waren daran wieder nur die Juden schuld. Das Volk rottete sich zusammen, zerschlug mir alle Fenster, drohte mich zu mißhandeln und meine armen Kinder mußte ich in aufregendstem Weinen in einem rückwärtigen Zimmer verschanzen. Ich verkaufte Alles, bezahlte alle meine Gläubiger, behielt nichts als den ehrlich ererbten Namen, den ich ehrlich meinen Kindern hinterlaffen will. Ich betrog meine armen Kinder um Alles, gab den Gläu igern Alles, in dem Wahne schwelgend, das ich ehrlich mein Unterkommen in Arbeit mld Fleiß finde, wld dann, hatte ich denn nicht so viele Freunde? — Ich fuhr nach Wien, nicht vielleicht um etwas zu erbetteln, Gott behüte, nein, nur um eine Existenz zu finden. Ich kam zu meinen Freunden, mir erging eS gut und deshalb will ich es zum Andenken aller meiner Bekannten und Unbekannten niederschreiben. Mein Notizbuch zu Rathe ziehend, berechnete ich, wen ich zuerst meines Vertrauens würdig finden soll. Ah — da ist Freund A., den Du — doch das nur so nebenbei bemerkt, so oft mit Deiner Brieftasche ausgeholfen. Also rasch zum Herrn Director A. Steige einige elegant mit Teppichen belegte Treppen hinauf, ein bornierter — ah Pardon — wollte sagen bordirter Diener empfing mich mit den Worten, „wünschen?" Bitte mich Herrn Director zu melden, mein Name ist X., bin ein Landsmann und Schulcollege. Nach fünf Minuten kommt der Diener, — „der Herr Director ist nicht hier!" „Ja, wann könnt' ich ihn sprechen? — „Er ist verreist und kommt erst in 14 Tagen —" und damit wendet mir _ der Wohlunterrichtete den Rücken. Also verleugnet! O Emil, das hätte ich nie von Dir erwartet. Mit etwas abgekühltem Muthe verließ ich die eleganten Räume. Was jetzt? Da ist Herr B., ein Großkaufmann, von dem ich und mein seliger Vater um Hunderttausende Waaren bezogen, der wird doch vielleicht in seinem großen Hause eine, und sei es noch so bescheidene Stelle zu vergebe haben. Also frischen Muth und zu Herrn B. „Bitte der Chef zn sprechen?* „Ja, ist soeben im Comptoir, bitte nur einzutreten. „Ach, Herr T.,na das sind Gäste, wie gehts? Wie hüpfte mein Herz bei diesem freundlichen Empfange. Es gibt also doch noch Leute, die Einem Wohlwollen. „Wie Sie wissen, Herr B., mußte ich leider mein Geschäft aufgeben." „Ja, ja, schade um das Geschäft," flötete Herr B. Ich räusperte mich ein wenig und nahm mir Muth, — „na, und da wollte ich Sie bitten, ob nicht bei Ihnen ein Posten frei wäre!" — Ohne die Miene zu ändern, bot mir Herr B. den Stuhl, „bitte setzen Sie sich Herr T. Es thut mir leid, daß ich für Sie nichts thun kann, erstens ist jetzt uichts frei, und dann — entschuldigen Sie meine Offenheit^ Sie sind kein Kaufmann." „Ich? ja warum denn?"— „Na, sehen Sie, wir sind unter uns, es hört uns Niemand, und ich will Ihnen auch sonst nicht schaden. Sie hatten ein schönes Geschäft, Sie hatten unbeschränkten Credit Md find nun ohne alle Mittel — na, wie soll ich es sagen, ohne Sie zu beleidigen, wie ein Bettler fortgezogen. Warum haben Sie nicht Concurs Mgesagt, — ich hätte mich gewiß mit Ihnen auch auf 90''/.. ausgeglichen Md alle übrigen Gläubiger auch, — na — und sehen Sie, Sie hätten heute Geld und brauchten jetzt nicht um einen Posten betteln. Jedoch nichts für Mgut, Herr X., ewpfehle mich Ihnen, habe viel zu thun, Sie entschuldigen, aber Sie können mich wieder besuchen, es wird mich gewiß immer freuen " Ich weiß nicht, wie ich hinaus kam, der Kopf war mir so wüst und ich hätte den wohlwollenden Freund am liebsten mit eigenen Händen erwürgt. Traurig, abgespannt und muthlos ging ich in mein Gasthaus zurück, schrieb meiner Frau einen tröstenden Brief, trotzdem ich selbst am meisten Trost bedurfte. Wohin wohl jetzt? Vielleicht zu Herrn C.? — Der ist Bankbeamter und hat gewiß Bekannte, wo er mich anempfehlen könnte: Ja, aber die Wohnung? Schnell ins Cafe, Schematismus nehmen und nachschlagen. Herr C. wohnt Nr. 10 — . . gaffe, I. Stock. Ich eilte raschen Schrittes in die . . . gaffe, und richtig, C. war gerade beim Speisen. „Ach, ist es möglich, bist Du es wirklich Fritz, oder ist es Dein Geist? Na, das ist schön, daß Du auch einmal nach Wien kommst und dabei nicht an Deine Freunde vergißt. Setz Dich und erzähl', alter Schwede, was Du draußen m dem Nest machst. Ja, wie hält man es nur bei Euch aus, Du solltest nach Wien, hier ist ein Leben, draußen ist man kein Mensch." „Entschuldige, liebster Max, ich bin jetzt auf dem besten Wege ein Mensch zu werden, ich will nach Wien übersiedeln." „Du? na das istcoloffal, das ist aber schön, das werden Zeiten sein." — „Entschuldige wenn ich Dich immer unterbrechen muß, aber erst brauch' ich eine Anstellung, Du hast Connexionen, vielleicht kannst Du mich wo unterbringen", — und er zog sein Gesicht in ernste Falten „Ja, siehst Du lieber Fritz, Du weißt wie ich Dich verehre, aber jetzt wimmelt es in Wien von stellenlosen Leuten, — und dann, warte, Du bist vermögend, gehen wir lieber zu Ronacher, Du, dort gibt's Madeln; — na, Du sollst sie sehen." „Entschuldige, mein Freund, ich bin Familienvater und leider vermögenslos, ich muß Brot für meine Lieben suchen." — „Na, Fritz, Fritz, was ist mit Dir? Wo hast Du Dein Geld gelassen? In Wien ist es herrlich, — aber man muß Geld haben, ich — ich habe zwar nur 300 fl. monatlich, aber lebe doch lustig und flott, heute aber ist bereits alles verjubelt, Du weißt doch der Fasching". — Eine Schamesröthe überzog meine Wangen. „Max, ich komme nicht zu Dir, um Dich anzupumpen, Gott behüte, ich suche eine Stellung und glaubte, daß Du mir als Freund und hier Fremden an die Hand gehen wirst." „Na, natürlich, ich will Dir sogar gleich rathen, gehe in ein Annoncenbureau, es kostet Dich 2 bis 3 fl. —ein Inserat und —" „Ich danke Dir Max, lebe wohl!" und taumelnd schritt ich meinem Logis zu, leise seufzend und nur „meine armen, unschuldigen Kinder" vor mir hermurmelnd. Im Zimmer angelangt, warf ich mich auf's Sopha und — ich schäme mich nicht, es zu sagen — ich schluchzte laut. Wieder ging ich auf die Suche. Den Kopf recht stolz — muß man den von Weitem seinen Kummer zur Schau tragen - schreite ich den Franz Josephs-Quai hinauf, als ich einen freudigen Ruf ausstoßen höre, „ach Gott, Herr X, wie kommen Sie daher?" Ich wende mich um und das reizendste Weibchen fchaut mich so schelmisch an „Wie? Sind Sie es Fräulein Paula?" — „Ja, ich bin es, aber nicht mehr Fräulein sondern —" „Pardon, gnädige Frau, ich ahnte nicht —" „No das macht nichts, wie geht es aber Ihnen, liebster Fritz?" — „Ich danke Gnädigste, nicht besonders, bin auf der Suche nach einer Anstellung und kann leider keine finden", sagte ich etwas zu wehmuthsvoll. „No und da wissen Sie nichts von mir? Mein Mann muß Sie aufnehmen, er besitzt eine große Fabrik und ob Einer mehr oder weniger, das spielt keine Rolle. Also, Sie sind acceptirt, besuchen Sie mich morgen, ich wohne Opernring Nr. —„Gnädige Frau und wann, welche Stunde darf ich mich vorstellen?" „Um 3 Uhr Nachmittags, da bin ich allein zu Hause, mein Mann fährt in die Fabrik —" „Pardon Gnädigste, ich — ich möchte mich doch lieber vielleicht im Comptoir vorstellen." — Ein ungnädiges Kopfschütteln, „Ja, warum denn? Ich bin doch meine eigene Frau und wozu also den Mann?" „Ich dachte nur, denn ich bin Familienvater - ". „Was? Sie sind verheiratet? Ja, dann dürste es mit dem Posten freilich nichts werden, denn ich hielt Sie noch für ledig. Adieu, Herr Fritz —" und fort war die Sirene. Und so steh' ich noch immtr faffungs- und stellMgslos — vielleicht erbarmt sich einer meiner werthen Leser und bietet Anstellung dem armen, dummen Kerl vom Lande. Ferdinand Schick. Da« jüdische Museum. Kaum ein anderer Factor vermag so kräftig das Nationalbewußtsein zu fördern, wie die historische Tradition, keiner so fördernd das ethische Bewußtsein zu heben und auf das religiöse Pflichtgefühl belebend einzuwirken, wie die Erinnerung an Alles, was einst die Vorfahren geschaffen, mag es nun auf dem geheiligten Boden des Landes gewesen sein, in welchem sie eine selbstständige Existenz geführt haben, mag es in den Sphären der Geistesthätigkeit liegen, die sie auf allen Gebieten menschlichen Wissens in der Diaspora bethätigt haben, mag es auf dem Gebiete realen Schaffens zu suchen sein, mit dem sie an dem praktischen und Culturleben der Völker, in deren Mitte sie sich befinden, an deren Geschicken sie theilnehmen, mit denen sie durch unzählige Bande verknüpft und verwoben sind, auf allen Gebieten menschlicher Production, des Kunstsinnes oder des

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