Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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r»r.6i Seite 907 ^r.Hoch's Allerdings mögen die herrschenden Gegensätze, welche in so peinlicher Weise die Bevölkerung zerklüften und einem großen einheitlichen Wohlthätigkeitswerke so ungünstig sind, ihren hemmenden Einfluß in überwiegendem Maße geltend gemacht haben, die Noth pocht jedoch täglich an unsere Thüre und sie kennt keinen Unterschied der Nationalität, der Race, der Confession oder gar des politischen Glaubensbekenntnisses. Unter den Wirkungen dieser Noth leidet nicht blos der Einzelne, nicht blos eine unglückliche Familie — die ganze Stadt, das gesammte Gemeinwesen leidet darunter, und deshalb wäre es wohl Pflicht der Stadtverwaltung, sich dieser Frage umsomehr anzunehmen, als sie ja auch in dem erwähnten Vereine vertreten ist, ganz abgesehen davon, daß es ihre eigenste Aufgabe ist, dieser socialen Pflicht im Allgemeinen und aus dem Titel richtiger präventiver Armenpflege, sowie unmittelbar erforderlicher Hilfeleistung nachzukommen. Eine ungemein große Anzahl von Wohlthätigkeitsvereiueu versieht eigentlich die Pflichten, welche der Gemeinde obliegen, und wiewohl wir die Bethatigung menschlichen Mitgefühles und die Ausübung der Werke der Barmherzigkeit nicht missen möchten, so muß es doch gesagt sein, daß durch einen großen Theil dieser Vereine lhat>ächlich die Gemeinde entlastet wird, und daß die Millionen, die auf dem Altar der Nächstenliebe geopfert werden, eine freiwillige Steuer sind, welche die guten Herzen der Wiener auf sich nehmen. Diese Erkenntniß müßte in der Stadtverwaltung zum Durchbruch gelangen und sich nicht nur in der richtigen und allseitigen objectiven und gleichmäßigen Würdigung und Behandlung aller Vereine, auch der jüdischen, sondern besonders darin knndgeben, daß sich die Gemeinde selbst zu systematischer Armenpflege aufrafft. Mit dieser Bemerkung kommen wir zu der erwähnten Fürsorge für Unterbringung ' der von Delogirung bedrohten Familien zurück. Was bei uns nicht geschieht, wissen wir leider. Sehen wir, was anderwärts geschieht. In Paris hat vor Kurzem eine Frauenverfammlung stattgefunden, in welcher der Professor der Philosophie Boutroux einen Vortrag hielt, worin er die Bedeutung der Erhaltung des eigenen Herdes als die Grundlage der öffentlichen Ordnung, der Familie, des Gemeinwesens, der Sittlichkeit pries und die Unterstützung derjenigen empfahl, die im Kampf ums Dasein unterliegen müßten, wenn man sie des eigenen Herdes berauben ließe. Die Versammlung beschloß die Gründung eines Vereines „Das Obdach", der auf folgender Grundlage thätig sein soll. Die Damen besorgen selbst ohne bureaukratischen Apparat die Erhebungen und die Vertheilung der Unterstützungen. Der Verein verlangt aber keine regelmäßigen Beiträge, sondern überläßt es Jedem, je nach feiner Eingebung, seinem Bedürfnisse und je nach dem Momente seiner Geberlaune freiwillig zu leisten, was und wann er seinen armen Mitbürgern beisteuern will. Er rechnet aber darauf, daß zur Zeit der Miethzinsleistungen die freiwilligen Gaben die Damen empfangen und ihre Frage, wie viel n ollen Sie uns zur Verfügung stellen, mit klingender Münze beantworten und je nach den Eingängen eines jeden Zinsquartals sresp. in Paris Zinssemesters) wird die Thätigkeit des Vereines eine größere oder geringere sein. Vorläufig ist erst ein Comitö gebildet, welches sich die Aufgabe stellt, Bitten entgegenzunehmen, Erhebungen zu pflegen, auch die verschämte Noth, die es nicht wagt, ihre SÜmme zu erheben, aufzusuchen, Gaben zu sammeln und Hilfe zu bringen. Es sollen aber in allen Bezirken derartige Comitss ins Leben gerufen werden, und man gibt sich in Paris der Hoffnung hin, daß der Verein eine umfassende Thätigkeit entwickeln werde. Wenn die Noth, die wir täglich vor unseren Augen sehen, nicht genug wirksam ist, um uns zu wahrhaft socialer Hilfsthätigkeit zu drängen, so möge es wenigstens das Beispiel sein. Wir haben auch im Wohlthun noch genug von Anderen zu lernen. Johann Lichten st ad t. Wochenschrift Vom Jahrmarkt des Lebens. Bilderbücher für unsere Meinen. (Eine Anregung.) Der Winter ist die Zeit der Kleinen, insofern das Gefeffeltsein an Haus und Stube es mit sich bringt, den Kindern eine erhöhte Aufmerksamkeit zu widmen. Wer wüßte es auch nicht, wie viel die beständige Regsamkeit, wie der unermüdliche Thätigkeitsdrang der kleinen Allesgernwisier den Eltern zu schaffen gibt? Da sind es denn neben den mannigfachen Spielsachen namentlich die Bilderbücher, die als willkommene Hilfe gegen den Ansturm der Kleinen begrüßt werden, zu welchen man auch umso bereitwilliger greift, je mehr sie den Kindern eine zugleich den kleinen Geist anregende Zerstreuung bieten und den Gesichtskreis derselben erweitern. Der bunte Farbendruck der Bilder, der zunächst das Auge fesselt, die Fülle der darin abgebildeten Gegenstände und nicht zuletzt die beigedruckten Berschen sind es, die dem Kinde eine theils bekannte, theils unbekannte Welt eröffnen und hiedurch eine unerschöpfliche Quelle immer neuer Anregung und Ueberraschung bieten. — So weit hätte die Sache ihr gutes Bewenden. Aber wer kann es bestreiten, daß ein großer Theil dieser Bilderbücher Dinge enthält, die, für ein jüdisches Haus nicht geeignet, am allerwenigsten dem leichtempsänglichen naiven Sinn des jüdischen Kindes zum Vortheile gereichen können. Wenn eine jüdische Mutter es schon schwer vermeiden kann, daß ihrem Kinde von dem Hausmädchen über den Nicolo, das Christkindl und anderen ähnlichen Dmgen erzählt wird, so sollte sie es doch wenigstens verhüten, daß durch die verschiedenerlei Bilderbücher dem kindlichen Gemüthe Vorstellungen beigebracht werden, die alles andere eher, als jüdisch-religiösen Sinn zu erwecken im Stande sind. Und doch gibt es Mütter, denen es dem Anscheine nach Vergnügen bereitet, das schwache Gehirnkästchen ihrer Kleinen mit allerlei Versen vom Christbaum, von Weihnachten rc. vollzustopfen, und sich später darüber wundern, wieso es denn komme, daß ihre Kinder so wenig Interesse für die jüdische Religion zeigen. — Unsere Altvordern wußten sehr wohl, warum sie schon im zartesten Alter den Kindern ein gewiffes jüdisch-religiöses Bewußtsein beigebracht. Haftet doch nichts so fest in Herz und Gemüth, als Dinge, die in frühester Jugend gesehen oder erlernt wurden! Und wir, die wir den Niedergang des jüdischen Sinnes beklagen, und Wege, ihn zu heben, suchen, sollten nicht nach jenem alterprobten Mittel greifen? Schon in dem Herzen des Kindes muß Raum für jüdisches Fühlen und Empfinden geschaffen werden. Und um dieses zu erreichen, mögen immerhin auch die modernen Hilfsmittel des Anschauungsunterrichtes, wozu im gewiffen Sinne auch die Bilderbücher gezählt werden dürfen, herangezogen werden. Ein Bilderbuch für jüdische Kinder muß geschaffen werden, das in spielender Weise jüdische Ideen in das kindliche Gemüth einpflanzt, es jüdische Sitten und Gebräuche schätzen und lieben lehrt. Oder sollte es diesen etwa an Poesie und Schönheit fehlen, so daß man von ihnen nicht auch in hübschen Berschen erzählen könnte? Nun die jüdischen Feste, zumal Chanuka und Purim, sie weisen doch genug an gestaltungsreichen Stoff auf, daß aus demselben manch Herrliches in Wort und Bild geformt werden könnte, das nicht nur Auge und Ohr der Kleinen, sondern auch vieler, den Kinderschuhen bereits Entwachsener zu entzücken im Stande wäre. Allerdings um diese Voraussetzung zu erfüllen, wird auch in dieser so unscheinbaren Sache ein gewiffer Kunstsinn obwalten, wird der alte Grundsatz nicht unberücksichtigt gelassen werden müffen, daß für Kinder das Beste gerade gut genug sei. — Sollte es also gelingen, ein solches jüdisches Kinderbilderbuch zu schaffen, dann wird es einer dankbaren Aufnahme nicht nur bei den Kindern, sondern auch bei den Großen sicher sein. Lea Steif. Ein belgisches Prolestmeeling gegen bas Uriheil im Hilsner-Proceffe. Unter dem Vorsitze des radicalen Abgeordneten I a n s o n fand vor Kurzem im »Cour d'Angleterre" in Brüssel ein öffentliches Protestmeeting gegen das Todesurtheil im Hilsner-Proceffe statt. Liberale Universitätsprofefforen, liberale und socialistische Abgeordnete und Priester D h e n s brandmarkten in beredten Worten den fanatischen Antisemitismus und die Legende vom Ritualmord. Die überaus zahlreiche Versammlung nahm eine Resolution an, in welcher der Wunsch ausgedrückt wird, es mögen alle Recursformen erschöpft werden, um die Durchführung des Todesurtheils zu verhindern. Die Vorstandsmitglieder