Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 51 (21.12.1900)
- Date
- 1900-12-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 906 Dr. Bloär's Wochenschrift Nr. 61 einer verächtlichen Eigenschaft oder Gesinnung geziehen und dem öffentlichen Spotte ausgesetzl zu haben?" .Wahrspruch: 8 Ja, 4 Nein. Zusatzfrage: „Hat der Angeklagte entehrende Handlungen des Klägers bewiesen, welche diese Schmähung rechtfertigen?" Wahrspruch: 7 Ja, 5 Nein. 3. Hauptfrage: „Ist der Angeklagte schuldig, durch die Stelle: „mögen sie in langen Reden die Verdienste eines Steinwender preisen, der, wie es sich nunmehr herausgestellt hat, seine Vertraulichkeit mit den Ministern dazu benützt hat, seinen Wählern Sand in die Augen zu streuen, nicht die Interessen des Wahlbezirkes zu fördern, sondern durch mehr als zehn Jahre allen Ministern dazu behilflich war, daß sie, auch ohne einen Sturm des Unwillens heraufzubeschwören, den reichen Juden (der Südbahn) zu Liebe die Tauernbahn ungebaut lassen konnten", bestimmter unehrenhafter Handlungen beschuldigt zu haben?" Wahrspruch: 12 Nein. Zusatzfrage auf Wahrheitsbeweis wird nach dem Grundsatz: „doppelt genäht" (siehe wie oben) einstimmig bejaht. 4. Hauptfrage: „Hat der Angeklagte durch die in der „Vertheidigungsschrist" aufgestellte Behauptung, „daß Dr. Steinwender durch die Bewerse des Wohlwollens zweier damals im Amte befindlicher Minister zu diesen in Abhängigkeit gerathen sei und dadurch unfähig geworden sei, sein Mandat in Ehren weiter zu behalten", den Kläger unehrenhafter Handlungen beschuldigt?" Wahrspruch: 7 Nein, 5 Ja. Die Zusatzfrage auf Wahrheitsbeweis wird wiederum nach dem Grundsätze doppelt genäht ... mit 7 Ja und 5 Nein beantwortet. Die 5. Hauptfrage betrifft die Stelle in dem Artikel „Einigkeit" der „Auffig-Karbitzer Volkszeitung": „Haben sich doch die drei alten Freunde Dobernig, Sylvester uno Steinwender erst kürzlich wieder zusammengefunden, um den von Steinwender bisher allein betriebenen Tauernbahnschwindel forlzusetzen." Wahrspruch: 11 Nein, 1 Ja. Die Zusatzfrage wurde ult 8 Nein und 4 Ja beantwortet. Die Wiener Antisemitenorgane sind über, das Urtheil entsetzt, allen voran die „Deutsche Zeitung". Sie fühlt sich bemüssigt, zu constatiren: „Dieser Proceß hat vor Allem Eines gelehrt: Den Geschwornen können nur Fälle zur Entscheidung überlassen werden, deren Beurtheilung nicht über ihr Begriffsvermögen geht. Politische Ehrenbeleidigungsprocesse sind in diese Fälle wohl nur selten, besser aber gar nicht einzubeziehen. Denn wenn infolge falscher Auffassung, gänzlicher Verständnißlosigkeit oder Politischer Parteileidenschaft es zu offenkundigen Justizmorden komm!, so muß dem ein Ende gemacht werden. Der Fälle aber gibt es schon eine ganz nennenswerthe Anzahl." Wenn aber bäuerliche Geschworne in ihrem blöden, finsteren Aberglauben und aufgehetzt durch eine blutdürstige antisemitische Preßmeute einen unschuldigen Menschen wegen angeblichen Ritualmordes zum Tode verurtheilen — ja in diesem Falle fand die „Deutsche Zeitung", daß aus dem Urtheil des „Bolksgerichtes" die Gottesstimme spricht. Wenn Ihr Jahrzehnte hindurch tagaus, tagein Haß und Gift in das Herz des Volkes gießt, daß die Regungen des Gewissens in seinem Innern erstarren und der Sinn die Empfänglichkeit verliert für die Pflichten der Wahrheit und Gerechtigkeit, wenn die ungezügelte Parteileidenschaft die einzige R-chterin wird, dann wundert Euch nicht, daß auch Ihr solchen Richtersprüchen zum Opfer fällt. In der Versammlung beim „Wilden Mann" in Währing, declamirte Stemmender im Monate November 1891, daß man sich abgewöhnen solle, immer wieder dre Frage auszuwerfeu, ob die Juden wirklich schlecht und all jener Verbrechen schuldig seien, deren man sie anklagt. Es genügt, daß sie Juden finb 1 Zweifellos haben die Verhandlungen vor dem Salzburger Schwurgericht abstoßende Scenen eines unehrlichen Parteikampfes der Oeffentlichkeit vorgeführt. Herr Dr. Stein Wender hat es eben nicht verdient, im ehrlichen Kampfe zu 'fallen. Er wurde mit der Keule erschlagen und er darf sich über sein Geschick nicht beklagen. Den Giftbecher, den er Jahrzehnte hindurch Anderen gereicht, hat er nun selber leeren müssen. Ohne Obdach! Wie groß die Zahl der Fälle ist, in denen arme Familien ihres Obdaches beraubt werden, weil sie den Zins nicht zahlen können, ist leider von der städtischen und polizeilichen Statistik nicht angegeben worden, und wir wollen eine approximative Ziffer, die wir aufstelleu könnten, nicht zum Maßstab nehmen, da sie, selbst hoch angenommen, wahrscheinlich noch weit hinter der Wirklichkeit zurückstehen würde. Gelangt ein solcher Fall zur Kenntniß irgend ein er wirklich edeldenkeudeu Persönlichkeit, so wird wohl schleunigst geholfen, und wenn er gar durch eine Zeitung veröffentlicht wird, dann kann mall mit Sicherheit darauf rechnen, daß die öffentliche Mildthätigkeit unmittelbar mehr leistet, als für den augenblicklichen Bedarf erforderlich ist. Woran es aber fehlt, das ist systematisch organisirte Hilfe. Und doch niüßte namentlich angesichts der stets steigenden Wohnungstheuerung in Wien, die insbesondere die ärmere Bevölkerung schwer belastet, und angesichts der unleugbar zunehmehnden Verarmung die Erkeuutuiß in die Kreise Derjenigen, welchen Reichthum Pflichten auferlegt, dringen, daß sie kaum eine wohlthätigere Actiou beginnen könnten, als die Armen vor Obdachlosigkeit zu schützen. Es ist nicht blos der moralische Ruin der Familien auf dem Spiele, es handelt sich auch um Leben und Gesundheit, und es handelt sich um den Schutz des Eigeuthums, der letzten Habe, die, wenn sie noch so gering ist, einen umso größeren Werth repräseutirt, als mit dem Verluste dieses Besitzes die Familien gänzlich dem Vagabundenthum anheimfallen. So lange noch ein Rest von Besitz vorhanden ist. klammert sich die Familie an denselben und sieht darin eine Gewähr, daß der Hausstand noch gerettet werden kann, daß noch eine Erhebung und Erholung möglich ist und sie wendet die äußerste Kraftanstrengung auf, um denselben zu erhalten. Ist er aber einmal dahin, so ist er zumeist unwiderbringlich verloren. Das äußere Band erscheint gelöst, wie bald lösen sich auch die inneren Baude der Familie, und welche traurigen Folgen dann eintreteu, bedarf keiner Schilderung. Unter den 580 Wohlthätigkeitsvereinen, deren Zweck und Mittel das Armendepartement der Stadt Wien in einem dickleibigen Buche zusammengestellt hat, befindet sich nur ein einziger, der es sich zur Aufgabe stellte, den von Delogirung beorohten Familien Hilfe zu bringen und sie vor dem unvermeidlichen, materiellen und moralischen Untergang zu retten. Es ist der im Jahre 1899 gegründete Verein „Heim für obdachlose Familien". Es ist ihm ein großes Programm als Angebinde in die Wiege gelegt worden, er hat auch sofort eine ansehnliche Widmung erhalten — allein seit Jahr und Tag schläft er wie ein Dornröschen und der Prinz ist noch nicht gekommen, der die schlafende Schöne zu kräftigem Leben erwecken würde. Ihr fehlt nämlich die nur aus der Mitwirkung der gesammteu Bevölkerung entströmende Kraft, die nicht durch den guten Willen einiger Vereinsfunctionäre ersetzt werden kann. Die löblichen Absichten, von denen die Gründer des Vereines erfüllt waren, können nicht realisirt werden, wenn sich nicht am Werke „ganz Wien" betheiligt, wenn nicht blos jene aufschäumende Begeisterung sich kundgibt, welche unter dem Eindrücke einer herzbewegenden Schilderung momentan reichlich gibt, sondern jene anhaltende Bethätigung wahrhafter Menschenfreundlichkeit, die dauernder Roth auch mit dauernder Hilfeleistung entgegeuwirkt. Diese ist es eben, die wir vermissen. Und dann — ein einziger Verein für dieses große Wien! — Welchen Apparat müßte dieser Verein besitzen, um, wie es erforderlich ist, sofort Erhebungen zu pflegen und ebenso schleunig auch die jedem Falle anzupassende Hilfe zu bringen. Raum und Zeit, Kräfte und Mittel, und dann die enorme Zahl der Fälle stellen Bedingungen, welche ein Verein für sich allein, ohne Filialen, nicht erfüllen könnte, und nun schläft gar auch dieser Verein!