Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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Leite 902 Vr. Blmtz's Wochenfchrist. »tr. 50 ging. Die Mutter lag krank darnieder. Sie brauchte eine Diät, zu der baares Geld nöthig war. weil man die Dinge nicht in den jüdischen Geschäften bekam, wo man allerdings noch einigen Credit hätte haben können und auch der Apotheker creditirte nicht. Man setzte alle Hoffnung auf die Heimkehr des Mannes zu Chanuka und diese Hoffnung war jetzt vereitelt. In ihrer größten Verzweiflung bekam sie die Kunde, daß ein Kobersdorfer „Steyrer" doch nach Hause gekommen sei und für viele Familien Geld mitgebracht habe. Sofort waren die Kinder dieser armen Frau, zwei Mädchen von 16 und 14 Jahren, entschlossen, nach Kobersdorf zu gehen, vielleicht daß auch von ihrem Vater Geld gekommen. Trotz aller Abmahnungen seitens der Mutter und der Nachbarn machten sie sich in ihren leichten Kleidern ftohen Muthes auf den Weg. Es war gerade ausnahmsweise ein schöner Wintertag dieser zweite Chanukatag, und sie versicherten, in drei, vier Stunden gesund und heil zurück zu sein. Die kindliche Liebe lieh ihnen Flügel. Trotzdem sie knietief in den Schnee sanken, durch den sie sich erst einen Weg bahnen mußten, gelangten sie doch in etwas mehr als einer Stunde in Kobersdorf an. Ihre Muthmaßung war eingetroffen. Ihr Vater hatte wirklich Geld geschickt. Nach kurzer Rast machten sie sich wieder auf den Heimweg. Sie wollten den Rückweg noch schneller zurücklegen, als vom Hause hieher. Es war schon eine späte Winter-Nachmittagsstunde, aber bis der Abend hereinbricht, würden sie gewiß schon bei ihrer Mutter sein. Kaum hatten die Kinder jedoch Kobersdorf im Rücken, so erhob sich ein Sturm. Das Schneegestöber ließ keinen Schritt vorwärts sehen. Wieder ihren Willen wurden sie in ihren aufgeblasenen leichten Kleidern von dem Orkan getrieben, daß sie die Richtung verloren. Es wurde Abend, sie wußten nicht, wo sie waren. Die Arme ineinandergeschlungen, liefen sie bald da, bald dorthin, wo sie eine Spur der Richtung zu finden glaubten. So irrten sie lange Stunden umher, bis sie erschöpft niedersanken . . . Ws die Mädchen auch am nächsten Tage nicht nach Haufe kamen, konnte man kaum mehr im Zweifel darüber sein, daß ihnen ein Unglück zugestoßen ... Christen wie Juden in beiden Orten empfanden Theilnahme und zogen aus, die Vermißten zu suchen. Es war der vierte Chanukatag und d r erste der christlichen Weihnachten. Die Schloßcapelle zu Lackenbach und die Kirche von Kobersdorf waren leer, wie die Gaffen beider Gemeinden. Damals gab's noch keinen Antisemitismus. Alles war draußen zwischen den beiden Orten gruppenweise nach allen Richtungen zerstreut, um die ganze Gegend zu durchforschen. Der Sturm hatte die Fußritte der unglücklichen Kinder verweht, so daß keine Spur auf sie führen konnte und man von der ganzen Sttecke einer Geviertmelle keine Klafter groß ununtersucht lassen durste. Endlich wurden sie von einer Gruppe der Suchenden doch entdeckt. Ein Schneehügel mitten auf einem Felde, das als eben bekannt war, lenkte auf ihre Spur. Man schaufelte an diesem Hügel und fand richtig, daß er sich über den Leichen dieser unglücklichen Kinder wölbte. Das ältere Mädchen mußte früher den Tod geftlnden haben, als das jüngere, denn dieses war in sitzender Stellung, den auf ihrem Schoß liegenden Kopf der Schwester streichelnd . . . Und das Feld, wo diese Mädchen den Tod gefunden, war — dieselbe Wiese, die seit Jahren der Jugend beider Gemeinden als Unterhaltungsplatz am Sabbath gedient hatte. — Das Leichenbegängnis dieser Kinder war ein großartiges. Die Rabbiner beider Gemeinden hielten Leichenreden und beide vehandelten das Thema, daß diese unschuldigen Kinder die Opfer für die Sünden der Jugend sind, die seit Jahren an der Stelle begangen wurden, wo die Kinder ihren Tod gefunden haben. Kein Auge blieb bei diesen Reden thränenleer und die noch übrigen Tage von Chanuka war alle Fröhlichkeit in beiden Gemeinden dahin. Der Winter verging, es kam wieder der Frühling ins Land, aber die allsabbathlichen Zusammenkünfte der Lackenbacher und Kobersdorfer Jugend auf der zwischen beiden Orten gelegenen Wiese fanden nicht mehr statt; man mied sie vielmehr, als ob die Schatten der Kinder darüber strichen, die in dieser Cbanukanacht hier ihren Tod gefunden. Des Papües Machtwort. Novelle von Jda Darber. (Fortsetzung.) Die Brüder empfanden herzinnige Freude, nach langer Trennung wieder vereint im Vaterhause zu sein; Alles heimelte sie an, rief ihnen die glücklichen Tage ihrer Kindheit ins Gedächtniß. Nur ab und zu huschte Etwas wie ein schwarzer Schatten über EliS Gesicht. Er sah des Bruders Auge bewundernd auf Aranka'S clafsisch schön geformten Gesicht ruhen und fragte sich: „Wirst Du das Mädchen, das Deinem Herzen theuer, dereinst Dein nennen können, wenn —", er wagte den Gedanken nicht zu folgen, „wenn Aladär, der schöne, reichbegabte Mann, dem alle Mädchenherzen zufliegen, in Liebe für sie entbrennt?" Er sah, wie Aranka mehrmals, wenn der Bruder sie fixirte, oder ihren Worten lauschte, das Auge senkte, leicht erröthete und sich irgend Etwas am Tische zu thun machte, um ihre Verlegenheit zu verbergen; als sie hinausgegangen, um der Dienerin einen Befehl zu geben, sagte Eli zum Bruder: „Du bringst Aranka in Verlegenheit! Beachte sie weniger! Sie ist nicht gewöhnt, so angestaunt zu werden!" „Ich kann mich an diesem vollendet schönen Gesichte nicht satt sehen," sagte der junge Mann. „Und wie lieb und gut sie ist! Wahrlich, Ihr wißt gar nicht, welche Perle —" „St!" mahnte Eli, als er Aranka nahen hörte; „mache sie nicht eitel; sie liebt es nicht, Schmeicheleien zu hören!" Aladär sah den Bruder groß und fragend an. Er war Menschenkenner genug, um zu verstehen, was in Eli's Seele vorging. Am anderen Morgen hatten die Brüder eine ernste Aussprache. „Ich muß in wenig Tagen", sagte Eli, „das Vaterhaus verlassen, um meine letzte Prüfung abzulegen. Schweren Herzens gehe ich diesmal. Ahnst Du, weshalb mir die Trennung allerhand Bedenken einflößt?" „Sprich offen", sagte Aladär, „was befürchtest Du?" „Daß Aranka sich Dir zuneigen — sich mir entfremden wird!" „Hast Du ihr je von Liebe gesprochen?" „Niemals, aber sie weiß, daß ich ihr zugethan bin; wir verstehen uns auch ohne Worte!" „Dasselbe kann ich von mir nicht sagen; mir ist ihr Wesen fremd; ich kenne ihr Innenleben nicht!" „Du wirst sie kennen lernen! Ich fürchte, die bestechenden Eigenschaften Deines Geistes und Herzens werden Eindruck auf Aranka machen, sie wird Dich vorziehen, Dich lieben lernen und die Deine werden. Eine dunkle Ahnung sagt mir, daß Ihr wie für einander geschaffen seid. Ich habe Euch gestern und heute beobachtet und wahrgenommen, daß Ihr mehr als ein oberflächliches Interesse für einander empfindet. Offen und ehrlich wie ich bin, verlange ich auch von Dir, Aladär, daß Du mir offen und ehrlich Deine Ansicht sagst, ob ich beruhigt reisen kann, ob ich hier bleiben soll, meinen Schatz zu hüten!" „Reise mit Gott!" sagte Aladär ernst; „Deine Liebe ist mir heilig! Nie soll Aranka wissen, was in mir vorgeht; ich werde mich zu heherrschen wissen und in ihr nie mehr als eine Schwester sehen!" „So habe ich mich nicht geirrt", fragte Eli, „als ich vermuthete, sie könnte Deinem Herzen mehr als"- „Wer könnte", fiel ihm Aladär ins Wort, „diese von Seelengüte durchgeistigte Schönheit sehen, ohne den Wunsch zu empfinden, ihr zu nahen!" „Tausend Dank dafür", sagte Eli, den Bruder umarmend, „daß Du diesen Wunsch in Dir bekämpfst, um meinem Lebensglück nicht hinderlich zu sein!" Eli war des anderen Tages nach herzlichem Abschied von seinen Lieben nach Prag gereist. „Wenn ich den Doctorhut erworben", hatte er Aranka, noch ehe er den Reisewagen bestieg, gesagt, „werde ich Dich fragen, ob Du meine Frau Doctorin werden willst! Ich hoffe, Du wirst nicht „Nein" sagen." Das junge Mädchen war über und über roth geworden. „WaS Eli sich nur denkt", sagte sie, als der Wagen davonfuhr, zu Aladär; „ich empfinde Nichts für ihn; es sollt mir leid sein, wenn er sich trügerischen Hoffnungen hingibt!" Und dabei blickte sie den jungen Mann mit ihren tiefblauen Augen so glückverheißend und sehnsuchtsvoll an, als wollte sie sagen: