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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · page 17

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
– (sequence 17)
Language
German
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Nr. 50 Dr. Bloür's Wochenschrift Sette 901 „Telegraphischer Cursbericht" lebhafte Heiterkeit und wohlverdienten Beifall fand. Nach einer Pause prvducirten sich die Herren Leonhardt, Löwenthal und Hahn in dem wirkungsvollen Trio für Gesang, Violine und Clavier, „Der blinde Geig-r ' von H. Prach. Ihr Zusammenwirken übte einen großen künstlerischen Reiz und war gleichfalls vom besten Gelingen gekrönt. Es folgte der Vortrag „Judith Simon" von Joszi Kisso, der in Herrn L. Neher einen gewandten Interpreten fand. Verdienter Anerkennung erfreuten sich auch mehrere Liedervorträge des Frl. Forescu, die ihre Nummern sehr launig sang. In dem Lied aus dem musikalischen Lustspiel „Der Müßiggänger", einer musikalisch sehr hübsch erdachten und vertonten Komposition des Herrn Obercantors Dawison, glänzte Frl. Hoffmann mit ihrer angenehmen, reinen Stimme, während Herr Hahn die Harfenbegleitung in sehr feinsinniger Weise besorgte. Stürmischer Beifall folgte, der zu gleichen Theilen dem Componisten wie den Vortragenden galt. Den Beschluß machte Herr Edler mit Probni seiner unwiderstehlichen Komik, deren Ausübung ihm gleichfalls Applaus in reichem Maße eintrug. Ein animirtes Tanzkränzchen beschloß den außerordentlich gelungenen Abend, dessen Reinerträgniß ein sehr befriedigendes ist. Waag-Neustadtl. Unsere Gemeinde hat durch den Tod des bekannten Talmud-Gelehrten, Rabbi Major Tauber, der vorige Woche im 85. Lebensjahre nach kurzem Leiden gestorben ist, einen schweren Verlust erlitten. Der Verblichene zeichnete sich sowohl durch seine bedeutende Gelehrsamkeit, von der auch sein berühmtes Buch „Ajin Mejir" Zeugniß gibt, wie durch seltene Wohlthätigkert und Herzensgüte aus. Das Leichenbegängniß, das unter größter Betheiligung am 8. d. M. stattfand, gab einen Beweis von der allgemeinen Verehrung, die der Verstorbene genoß. In den Trauerreden, die von den ehrwürdigen Herren Oberrabbiner H. K. Reich aus Budapest, Rabbiner Israel Frankl aus Satmannsdocf, Rabbiner Bernhard Fischer aus Pöstyön und dem langjährigen Freund des Verstorbenen, Rabbiner D. L. Baum aus Waag-Neustadtl, gehalten wurden, sind die trefflichen Eigenschaften des Dahingeschiedenen. seine hohe Frömmigkeit und sein segensreiches Wirken geschildert worden. Der Verstorbene hinterläßt eine trauende Witwe, mit der er 60 Jahre in glücklichster Ehe lebte, sowie zahlreiche Kinder, Enkel und Urenkel. Feuilleton. Traurige Chanuka Wen von uns Alten beschleichen nicht süße Jugenderinnerungen bei dem Worte Chanuka. Und doch kann ich auch an eine traurige Chanuka aus meiner Knabenzeit nicht vergeffen. Ich muß etwas weit ausholen, um davon zu erzählen. Die Gemeinde Lackenbach und die Gemeinde Kobersdorf liegen nur eine Wegstunde von einander entfernt. Aber materüll wie intellectuell waren sie vor sechzig, siebzig Jahren himmelweit von einander verschieden. Die Gemeinde Lackenbach war eine der wohlhabendsten Ungarns, der Mittelpunkt für den Productenhandel einer weiten Gegend; sie besaß einige sehr reiche Familien, die in Handelsbeziehungen zu dem Auslande, selbst zu überseeischen Ländern standen und ganz wie Aristokraten lebten, livrirte Diener, Hofmeister und Gouvernanten hielten. Der ärmere Theil der Gemeinde sammelte bienenartig die ganze Woche in den umliegenden Ortschaften Schafwolle, Rinds- und Kalbshäute, Knoppern rc. und führte es am Freitag nach Hause, wo die Großhändler es kauften, ohne viel zu feilschen. Nur einige Wenige befaßten sich mit dem Hausirhandel in den benachbarten österreichischen Alpenländern und kamen blos zu den Feiertagen nach Hause, ließen sich aber da an Wohlleben auch nicht spotten. Mit dem materiellen Wohlstände hielt auch ihr Geistesleben gleichen Schritt. Es gab zwar noch keine allgemeine Schule, aber fast alle Familien hatten Privatlehrer, die studirte, kennntißreiche, weit über den Bildungsgrad der damaligen ungarischen Provinzlehrer hinausreichende Männer waren, den Ton in der Gemeinde angaben, eine reine deutsche Sprache, bessere Umgangsformen einbürgerten, und selbst die ärmeren Mädchen eigneten sich schöngeistige Bildung an, so daß man von ihnen an Feiertagen, wenn sie am Bache, der durch den Ort floß, die Sabbathlampen putzten, Schiller's Gedichte declamiren hören konnte. Die Gemeinde Kobersdorf hingegen war eine sehr arme Gemeinde. Ein Theil ihrer Mitglieder bestand aus Gerbern und ein Theil aus Hausirern, die man „Steyrer" nannte, weil fie fich jahraus jahrein in den Gebirgsdörfern der grünen Steiermark aufhielten und nur dreimal im Jahre, zu Peffach, zu den heiligen Tagen und zu Chanuka, und da nur, wenn diese von den christlichen Weihnachten nicht weit auseinander lag, heimkehrten. Die Kobersdorfer waren fromme und gute Menschen, standen aber auf einer sehr niedrigen Bildungsstufe. Es florirte do.t das Chederwesen und die Mädchen lernten gar nichts. Aber diese strotzten von Gesundheit wie die Bauernmädchen. Lackenbach galt den Kobersdorfern als Stadt, obwohl der Ort nicht einmal Markirechte besaß, denn er war nur ein Judenort und hatte gar keine Kirche. Aber wegen des Reichthums, der hier herrschte, gab es hier größere Handlungen, so daß das Landvolk hieher strömte, seine Einkäufe zu machen, weswegen auch die Verwaltung und die Gerichtsbarkeit der Herrschaft, der Herrenstubl, ihren Sitz hier hatten. Für die Kobersdorfer Juden jedoch war mehr noch als das die Bildung, die Sitten, oie Mode i» Lackenbach maßgebend. Sie schickten ihre Töchter gern in d^n Dienst zu reichen Leuten, um einen feineren Ton und beffere Umgangsformen zu lernen. So gab es in Lackenbach immer viele Kobersdorferinnen als Dienstmädchen. Allmälig schlich sich der Brauch ein, daß diese Mädchen an Sabbathnachmittagen, wo sie frei hatten, aus einer Wiese, die ungefähr in der Mitte zwischen Lackenbach und Kobersdorf lag, mit ihren Anverwandten zusammen kamen. Die Frommen hier und dort wurden darauf aufmerksam gemacht und warfen die Frage auf, ob der Weg bis zu dieser Wiese nicht die Grenze überschreite, die man am Sabbath zurücklegen darf. Bon beiden Seiten wurden Messungen, natürlich mit den primitivsten geometrischen Mitteln, angestellt. Die Rabbiner konnten aber schließlich nicht einig darüber werden, ob der Weg bis zu dieser Wiese erlaubt oder verboten sei, sie predigten jedoch, daß man sich aus Zweifel jedenfalls dieser Spaziergänge am Sabbath enthalten möge. Allein die Mädchen und ihre Angehörigen hielten sich an diejenigen Talmudgelehrten, welche der Meinung waren, daß der Weg erlaubt sei, und setzten ihre Sabbathspaziergänge fort. Mit der Zeit schlossen sich diesen Dienstboten und ihren Anverwandten auch andere Mädchen und junge Männer aus beiden Gemeinden an und feierten auf dieser Wiese allsabbathlich wahre Orgien. Jetzt wurde von beiden Kanzeln mit Feuereifer gegen diesen Unfug gedonnert und das Strafgericht Gottes prophezeit. Das Uebel war jedoch schon zu tief eingewurzelt, als daß die Predigten dagegen etwas nützten. Dieses Treiben nahm immer erst ein Ende, wenn der Winter ins Land kam und Schnee die Wiese bedeckte. Diesmal trat die letzte dieser unheiligen Sabbathvergnügungen sehr zeitlich ein, aber der Scandal erreichte bei derselben seinen Höhepunkt. Es war gerade der erste Sabbath rach den Herbstfeiertagen. Die „Steyrer" nahmen Abschied von ihren Mädchen, aber wie vor einer Katastrophe, wo bekanntlich die Schamhaftigkeit zwischen den Geschlechtern aufhört. Man sprach wochenlang in beiden Gemeinden von diesem Hexen-Sabbath auf der Wiese und war nahe daran, einen Fasttag auszuschreiben, um den Zorn Gottes abzuwenden. Schon seit vielen Jahren war der Winter nicht so früh und mit solcher Strenge eingetreten, wie Heuer. Einige Tage vor Chanuka und den in derselben Woche auch fallenden christlichen Weihnachten schneite es unaufhörlich und es war fast jebe Communi-- cation von Ort zu Ort aufgehoben. Die Hausirer in den Alpenländern konnten gar nicht daran denken, in ihre Gemeinden heimzukehren, wie sie es sonst in dieser Zeit thaten. Ihre Familien zu Hause waren dadurch in die traurigste Lage versetzt, denn sie rechneten auf das Geld, das die Männer heimbringen sollten. Man nahm monatelang alle Bedürfnisse des Haushaltes au' Borg bis Chanuka, an welcher immer die Väter und Brüder mit vollen Taschen nach Hause kamen, die Schulden zahlten urd einige Tage vergnügt lebten, bis sie keinen Heller mehr hatten, ihre Bündel wieder auf den Rücken luden und auf Monate Ab. schied von Weib und Kindern nahmen, denen sie nichts zurückließen, als die sichere Erwartung auf neuen Credit bis Pessach. Am schmerzlichsten fühlte diese Unbill des Wetters eine arme Lackenbacher Familie, deren Ernährer auch in Steyern

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