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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · page 19

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Rr. 60 Vr. Bloch's Wochrnschrifk. Seite SOS „Ja Du, Du wärest meinem Herzen der Langersehnte! Zu Dir zieht mich Alles hin, jeder Gedanke, jede Regung meiner Seele. Doch Aladär that, als verstehe er sich auf Augensprache nicht; ihm war das dem Bruder gegebene Wort heilig. Offen und ehrlich hatte ihm Eli seine Bedenken kund gethan, offen und ehrlich wollte er, wie schwer es ihm auch würde, bei Eli's Rückkehr vor ihn hintreten und sagen: „Ich habe mein Wort gehalten!" Der alte Rabbi ahnte nicht, was in des Sohnes Seele vorging, wie schwer es ihm wurde, sich der schönen Hausgenoffin, gegenüber kalt, ja ablehnend zu verhalten. „Da ist mir der Eli doch ein anderer Mensch", sagte er einst, als sie in der weinumrankten Laube saßen, zu Aladär. Eli pflegte viel mehr wie Du für Aranka's Unterhaltung zu sorgen; er ging mit ihr spazieren, leistete ihr, wenn sie im Garten war, Gesellschaft, las ihr Etwas vor, während Du fie gänzlich vernachlässigst. Du bist doch nicht etwa ein Weiberfeind?" Aladär blieb die Antwort schuldig; ihm war das Herz zum Zerspringen voll. Gleichgiltig scheinen müssen, wo man heiß und innig likbt, — welche Qual! Der Zufall wollte es, daß er am folgenden Abend einen Besuch bei seinem Jugendfreunde Jmre Szegö machte und Aranka bei dessen Schwester Janka traf. „Gut, daß Du kommst", sagte diese, dem Doctor die Hand reichend, „so haben wir Aranka, die sich eben verabschieden wollte, doch noch ein Stündchen! Sie wollte Jmre's Begleitung nicht annehmen, Deiner Begleitung vertraut fie sich gewiß gerne an!" Aladär warf einen fragenden Blick auf das schöne Mädchen. „Ja, ich bleibe, so lange Du bleibst", sagte Aranka; in ihrer Stimme lag eine ganz eigene Melodie, etwas einschmeichelnd Süßes, das Aladär bezauberte. Man plauderte, musicirte, Aranka sang mit ihrer klaren, glockenreinen Stimme einige Nationallieder — in denen sie die ganze Tiefe ihres Gemüthes zum Ausdruck brachte. Des Mondes Silberschein erhellte die Landschaft, als man zum Heimgang rüstete. Schweigend ging Aladär eine Weile neben Aranka einher. „Du darfst mir Deinen Arm reichen", sagte sie; „es ist Glatteis; man geht sicherer zu Zweien!" Für was für einen Tölpel mußte sie ihn halten, daß er die einfachsten Gebote der Schicklichkeit vergaß. Als sie jetzt an seiner Seite dahinschritt und er, indem sie zu ihm sprach, fast den Hauch ihres Mundes spürte, war ihm, als müsse er ihr sagen, welchen Zwang es ihm koste, gleichgiltig zu scheinen, doch er wußte, daß es dann auch mit seiner Selbstbeherrschung vorbei war, daß sie ihm auf halben Wege entgegenkommen würde. Entsetzliche Pein, seine Liebe nicht gestehen zu dürfen! Bor dem Hause angelangt, fragte Aranka des jungen Mannes fieberheiße Hand in der ihrigen haltend: „Sage, Aladär, was ist Dir? Du bist so scheu, so verstört? Sieh' in mir eine Schwester, die es gut mit Dir meint, die keinen sehnlicheren Wunsch kennt, als Dich glücklich zu sehen! Willst Du mir nicht vertrauen? Sag' lieber Aladär, was bedrückt Dich?" „Lass' mich! Last' mich!" rief der junge Mann, seine Hand aus der ihrigen befreiend. Und schon war er mit einigen Sätzen die Stiege hinan und in seinem Zimmer verschwunden. „Sonderbar!" sagte Aranka, indem Thränen ihre Wangen netzten; „mein Herzblut gäbe ich dafür hin, ihn glücklich zu sehen, mich von ihm geliebt zu wissen! Aber er meidet mich! Weshalb nur? Was habe ich ihm gethan?" U. Des anderen Tages langte ein Brief von Eli an, in dem er mittheilte, Rabbi Lipmann, der Prediger einer orthodoxen Gemeinde in Prag, sei eines plötzlichen Todes gestorben. Er legte es dem Bruder nahe, sich um die gut dotirte Stelle zu bewerben. „Prediger einer orthodoxen Gemeinde!" sagte Aladär nachdem er gelesen, „nein, Freund Eli, das ist keine Stellung für mich!" Der Vater, der diese Worte gehört, stutzte. „Bedenke," mahnte der alte Mann, „welch ein Glück es für Dich wäre, in einer großen Stadt ein Amt bekleiden zu können! „O, daß ich diese Stunde nie erlebt hätte!" rief Rabbi Lazzlo, die Hände über den Kopf zusammenschlagend. „Gott, Gott,-" sprach er im Tone herzzerreißenden Jammers, „warum strafst Du mich so, daß ich Aladär, den geliebten Sohn, als ungerathenes Kind beweinen, jedes Gefühl für ihn in meinem Baterherzen ertödten muß!" „Das mußt Du nicht, Vater," fiel Aladär begütigend ein, „bei Gott, ich bin Deiner nicht unwürdig! Mir ist alles Edle und Hohe heilig; ich sehne mich darnach, den Besten unseres Volkes gleichgestellt zu sein, mich fortzubilden, des Lebens Räthsel zu erklären; aber im Sumpf zu vegetiren, zu heucheln, den Frömmlern gleich Gott anzurufen, ohne an ihn zu glauben, nein, das kann ich nicht!" „Lästre nicht," unterbrach der alte Rabbi mit Stentorstimme, „nur zu lange habe ich Deine unheiligen Worte mit angehört! Mein religiöses Gefühl empört sich, es ist mir, als wäre mir das Herz aus dem Leibe geriffen, all mein Blut zu Eis erstarrt. — Du, Aladär, Du," fuhr er wehklagend fort, „auf dem ich so große Hoffnungen gesetzt, Du kannst mir so herbes Wehe zufügen!" Du weißt nicht, wie schwer die Stellung eines Rabbiners in einer kleinen Gemeinde ist!" „Vielleicht paffe ich überhaupt nicht zum Rabbiner," sagte Aladär nach einigem Ueberlegen. Der alte Mann sah ihn bestürzt an, als traue er seinen Ohren nicht. „Ja, ja, Vater, so leid es mir thut, Dich zu betrüben," sprach Aladär, „einmal muß es doch gesagt sein; verzeih', wenn Dich meine Worte kränken, aber ich fühle, daß ich — will ich nicht zum Heuchler werden — keine derartige Stellung in einer orthodoxen Gemeinde antreten kann!" „Du sprichst im Wahn!" rief der alte Mann erbleichend, „versündige Dich nicht an Gottes Wort! Du bist berufen, es zu künden. Was in aller Welt hat Dich Deinem heiligen Berufe abtrünnig gemacht?" „Mir fehlt der Glaube!" sagt Aladär tonlos. „Du ahnst nicht, Vater," fuhr er nach einer Weile, da ihn der Vater thränenden Auges angeschaut, „wie ich mit mir gerungen, um die in mir aufsteigenden Zweifel zu bannen! Es ist mir nicht gelungen. Kann ich, der ich selbst nicht glaube, Seelsorger einer Gemeinde werden, deren Mitglieder von mir Trost, Zuspruch, Glaubenstreue verlangen?" „Du wirst nicht wollen, Vater," fiel Aladär begütigend ein, „daß ich Zeit meines Lebens zum Heuchler werde. Das orthodoxe Judenthum hat sich überlebt; Reformen thun Noth; finde ich wo immer einen Wirkungskreis, in dem ich in diesem Sinne wirken kann, so will ich all mein Wiffen und Können für meinen Beruf einsetzen!" „Reformen! Reformen!" höhnte Rabbi Lazzlo. „Gottes Wort ist heilig und bedarf keiner modernen Deutung! Es will mit dem Gemüth erfaßt sein! Wer kein gläubiges Gemüth hat, dem helfen auch Reformen nicht! Im Gebet, wie es unsere Urväter gesprochen, liegt Stärkung, Heil, Labung der Seele! Fangt Ihr erst an, an Gottes Wort zu deuteln, so ist die echte Poesie des Glaubens dahin! Last' Dich von all den modernen Sophistereien nicht vom wahren Glauben ablenken, mein Sohn, bleibe der Religion der Väter treu! Sie ist ein Born, dem all das, was das Leben lebenswerth macht, in reichstem Maße entquillt!" „Wie beneide ich Dich, theuerer Vater," sprach der junge Mann, „um Deine Glaubenstreue! Trotzdem ich mit mir gekämpft und gerungen, in schlaflosen Nächten Gott gebeten, mir Kraft zu geben, daß ich meinem Berufe treu bleibe, ich kann es nicht! — Gib mir ein Jahr Zeit; ich werde irgend eine wiffenschaftliche Laufbahn wählen, die, ohne daß ich mir selbst untreu werde, meinen Fähigkeiten entspricht und mich befriedigt; zum Rabbiner paffe ich nun einmal nicht!" „O, Gott Vater," jammerte der alte Mann, „was habe ich so schwer gesündigt, daß Du mich also strafst — all meine Hoffnungen mit einem Schlage vernichtest!" „Jammere nicht, Vater," bat Aladar, des alten Mannes Hand ergreifend, „Deine Worte zerreißen mir das Herz! Bedenke, daß wir Jüngeren eine andere Lebensanschauung haben, uns durchringen müssen zu höherer Klarheit, zu reiner Erkenntniß, wenn uns der blinde Glaube, der Euch beseligt, fehlt!" „Worte, Worte! Nichts als Worte!" sagte Rabbi Lazzlo abweisend. „Man denkt und grübelt nicht, man hat gar kein Recht, nach den letzten Ursachen aller Dinge zu forschen! Und glaube mir, die, die es thun, find nie glücklich. Der Zweifel an Gott ist Sünde! Nie war ein Zweifler ein glücklicher Mensch! Glücklich ist nur, wer sich Eins fühlt mit Gott, gläubig zu ihm

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