Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Seite 888 Vr. Bloch's Mochrnlchrr^r. Nr. 50 Es waren aus Philippson'schen Familienkreisen 27 Mitglieder aus Berlin, Bonn, Brüssel, Seesen, Straßburg i. E., Salzwedel und Magdeburg erschienen, auch mehrere noch lebende Schüler und Schülerinnen von hier und auswärts, sowie die oberen Class« bet zchigen ReligiouSschule mit ihren Lehrern. Die Feier begann Mrz «ach 12 Nhr mit einem Quartett des Synagogen- Gesangvereins „Die Himmel rühmen". Hierauf bestieg der jetzige Rabbiner der Gemeinde, Herr Dr. Rahm er, der am 1. April k. I. Z4 Jahre hierorts amtirt, das Katheder, das neben der mit Palmen und Topfpflanzen geschmückten Büste aufgestellt war, und zeichnete in warmherziger, begeisterter, fast dreiviertelstündiger Festrede das Bild des verewigten Amtsvorgängers, insbesonders seine segensreiche Thätigkeit in und für die hiesige Gemeinde. Er wies unter Anderem durch Citate aus Philippson's Schriften nach, vaß derselbe durchaus nicht auf dem Standpunkt der jetzigen Religionsreformer stand, daß er vielmehr sich energisch gegen die Verlegung des Sabbaths auf den Sonntag, gegen die Streichung der historischen Reminiscenzen an Zion und den Messias aussprach, und ebenso für Beibehaltung des Beschneidungsactes und der hebräischen Gebete eingetreten war, auch für die symbolischen Ceremonien beim Cultus. Er betonte stets auch vor Parlamenten und Fürsten die weltgeschichtliche Mission des Judenthums, die dieses noch zu erfüllen habe, und daß es die ihm von Recht swegen gebührende Emancipation unter keinen U m st ä n d e n um den Preis des Aufgebens seiner religiösen Eigenart anstrcben dürfe. — Redner verlas zum Schluß aus einem Gedichte Philippson's folgende Strophen: Willst Du ein kräftig Leben Auf Erden, Jude, führen: So laß von Hohn und Lockung, Von beiden Dich nicht rühren. Der Welt mußt überlassen Den Rach und den Verrath, Selbsteigen Dir gewinnen Die Ernt' aus Deiner Saat Den Menschen und den Juden Mußt Du in Dir vereinen, Doch so, daß fie als Eines In Deinem Thun erscheinen. Ja, das beweise, Jude, Mit Deinem Gut und Blut: Mensch ist der rechte Jude, Der rechte Mensch ist Jud' So adle die Gesinnung, Die Deiner Brust erblühet, Und göttlich sei die Flamme, Die Dir im Busen glühet. Vor Allem aber bleibe Auf immer Dir getreu. Als Juden Dich bekenne Ohn' Furcht und ohne Scheu. Wenn Du als Jude wurdest, So hast Du ihn*) empfangen Und nur als Jude kannst Du Zu Herrlichem gelangen. Vergebens willst Du fliehen. Dich selbst zerstörst Du nur, Dein eigen Selbst zerbröckelt Dein treulos falscher Schwur. Der älteste Sohn, Professor Dr. Marttn Philippson aus Berlin, dankte dem Vorstande und dem Festredner namens der Familie für die ihrem Familienoberhaupte erwiesene Ehrung, und nachdem der Vorsitzende des Vorstandes, Herr S. S i n g e r, in einer Schlußansprache dem Gedanken Ausdruck gab, daß die Büste ihren bleibenden Platz im Berathungszimmer der Gemeindevertreter erhalten und der Geist Philippson's zum Heile der Gemeinde daselbst fortleben solle, schloß die stimmungsvolle Feier mit dem Gesangsvortrage „Lobet den Herrn!" um halb 2 Uhr ab. Rom. (Der Papst und der Antisemitismus.) Die Meldung der Mailänder „Perseveranza*, wonach der Papst in einem Rundschreiben an die Bischöfe von Frankreich, Oesterreich und Deutschland Stellung gegen den Anti- 'emitismus genommen habe, wird jetzt — wie es ja vorauszusehen war — scharf dementirt. Die „Italia" schreibt darüber: Obgleich *) Deinen Beruf. der Papst die antisemitische Propaganda persönlich mißbilligt, so sieht er sich doch keinesfalls veranlaßt, darüber eine officielle Kundgebung zu erlassen. Er wird es umsoweniger thun, als er genau weiß, daß alle führenden Geister des Baticans sich mit Haut und Haaren dem Antisemitismus verschrieben haben. Als Beweis möge die in Ancona erscheinende clericale „Patria" dienen. Dieses Blatt griff die Juden in so aufreizender Weise an, daß die Staatsanwaltschaft sich gezwungen sah, das Blatt zu verklagen und als das Gericht ein freisprechendes Urtheil fällte, gegen diesen Spruch zu appelliren. Paris. (Die Aufhebung der Judenemancipation in Algier.) Die infolge der Interpellation über Algier im vorigen Jahre von der Kammer eingesetzte Untersuchungscommission hat ihre Arbeit beendet und Herrn Pourquery de Boisserin, Deputirter für Baucluse, mit der Berichterstattung über die Lage der Juden in Algier beauftragt. Derselbe schlägt nun vor: 1. die Aufhebung des Crömieux'schen Gesetzes, welches den Juden von Algier die Gleichberechtigung verleiht. Die Aufhebung soll jedoch keine rückwirkende Kraft haben; 2. Die Streichung aller in den letzten 5 Jahren in die Wählerlisten eingetragenen algerischen Juden. Die Commission beschloß, die Streichung der Juden aus den Wählerlisten zu verwerfen, die Aufhebung der Emancipation ohne rückwirkende Kraft aber der Kammer zur Annahme zu empfehlen. Im Anschluß daran soll der Kammer empfohlen werden, das Gesetz vom Jahre 1889 über die Naturalisation von Fremden in Frankreich, wonach alle Fremden, deren Ahnen einmal französische Bürger waren, ohne Weiteres in Frankreich zur Naturalisation zugelassen werden müssen, in Bezug auf die Juden in Algier außer Kraft zu setzen. Der Vorschlag dürfte wohl kaum von den Kammern angenommen werden. Die Antisemiten werden ihn nur als Abschagszahlung annehmen und nach wie vor durch Gewaltacte die weitere Verfolgung der Juden zu erzwingen suchen, die Kammer würde aber, ohne die Antisemiten zu befriedigen, an einem der Grundpfeiler der französischen Republik, der Gleichheit aller Franzosen vor dem Gesetze, rütteln. Kiew. Dem segensreichen Wirken der Juden im Gouvernement Podolien wird von Kiewer Blättern ein glänzendes Zeugniß ausgestellt. Obgleich sie außerhalb der Städte Land weder kaufen noch pachten dürfen, suchen zahlreiche Juden dieses Gouvernement dennoch auf, um sich vom Ackerbau zu ernähren dem sie vermöge ihrer großen Intelligenz zu einer hohen Blüte verhelfen. So lebt der größte Theil der jüdischen Bevölkerung des historisch berühmten Städtchens Bar vom Tabaksbau, den sie auf gepachtetem Gemeindeland betreiben. Um aus den kleinen Parcellen möglichst viel herauszuschlagen, cultiviren sie nur die edelsten amerikanischen und türkischen Sorten, welche sie sorgfältig zu pflegen und sachgemäß vor Schaden zu bewahren wissen. Für den Absatz ihres vorzüglichen Productes brauchen die Juden nicht zu sorgen. Von weit und breit kommen die Händler zu ihnen, welche ihnen ihren Tabak zu solch guten Preisen abnehmen, daß die jüdischen Tabakspflanzer von Bar durch ihre Umsicht und Wohlhabenheit den umgebenden indolenten und armen Bauern als Muster dienen könnten. Ein Jude als landwirthschaftliches Muster für Bauern! Was sagen unsere Antisemiten dazu? Kiew. In Kiew lebte ein Advocat Namens Eisenberg, der infolge ausschweifenden Lebenswandels in große Schulden gerieth. Selbstredend bedienten sich die antisemitischen Zeitungen dieses Mannes zur Demonstration, wo es galt, ein Muster des jüdischen Advocatenstandes zu zeigen. Jüdische Advocaten sind Kartenspieler; Beweis — Eisenberg! Jüdische Advocaten sind Trunkenbolde; Beweis — Eisenberg! u. s. w. Eines schönen Tages, als sich Eisenberg nach mehreren durchschwärmten Nächten in großer Klemme befand und des Beistandes einer hochgestellten Persönlichkeit bedurfte, um sich aus einer großen Verlegenheit zu ziehen, ersann er ein Mittel, um die Gunst dieser hochgestellten Persönlichkeit zu erwerben. Er taufte sich und wählte diesen Mann zum Taufpathen. Allein dem Judenthum erwies er damit einen noch viel größeren Dienst, denn mit dem Tage seiner Taufe hörte er auf, als Muster für den jüdischen Advocatenstand zu gelten. Die Herren Antisemiten fanden das Muster nicht mehr ausstellungsfähig. Wiewohl Elsenberg sein liederliches Leben nicht aufgegeben hat, sondern vielmehr immer tiefer sank, wagte es doch kein Blatt mehr, von ihm ein Wörtlein zu sagen. Der glückliche Eisenberg durfte nunmehr nach Belieben seinen Hangen nachgehen, ohne vor der Oeffentlichkeit zu fürchten. Vor Kurzem trat Eisenberg eine Geschäftsreise nach Minsk an