Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 892 Dr. Bloch'S Wochenschrift. rttr. 50 Verhandlungen sein, worüber sich die vorerwähnten Preßorgane klug ausschweigen. Der Vorstand unserer Cultusgemeinde hatte übungsgemäß die Initiative ergriffen, um durch Einberufung einer Wähler- Versammlung, in der die Candidaten angehört und ein Comite behufs deren Nominirung gewählt werden sollte, die Wahl vorzubereiten. Um die sechs zu vergebenden Mandate bewarben sich die vier aus dem Vorstände ausgeschiedenen Mitglieder und drei neue Candidaten, unter den letzteren Herr Sonderling, ein Anhänger der Zionisten. Im Wahlcomite, in das ich ohne mein Zuthun berufen wurde, ging die Meinung dahin, die vier ausscheidenden Mitglieder des Vorstandes zur Wiederwahl zu empfehlen, und meinem Einflüsse zum Theile war es zu danken, daß ich in Gemeinschaft mit zwei Herren ermächtigt wurde, mit den Zionisten zu verhandeln und um des Friedens willen eine einheitliche Wahl dadurch zu ermöglichen, daß für ein Mandat Herr Sonderling vorgeschlagen werden sollte, für ein zweites Mandat eine in dem Meinungskampfe neutrale Persönlichkeit. Die Herren selbst, die heute publicistisch die Schale des Zornes über mich ergießen, müssen zugeben, daß ich die Verhandlungen in conciliantester Weise führte. Ich legte ihnen nahe, daß die das Gesammtjudenthum bedrohende Gefahr des wüsten Antisemitismus nicht den Gedanken eines Zwistes im eigenen Lager aufkommen lassen dürfte, daß zwei der zur Wiederwahl Empfohlenen ihnen genehm sein müßten, weil sie als Freunde des Zionismus gelten, dessen idealem, in den Strebungen unsererstudirenden Jugend nach Geltung ringenden Gedanken jeder von uns volle Sympathie entgegenbringt, wenn er auch andererseits Utopien nicht nachjagen will, daß wir durch Empfehlung des Herrn Sonderling insbesondere auch der ganz aus der Luft gegriffenen Verdächtigung entgegentreten wollen, als ob auch nur einer von uns ein Uebergewicht der sogenannten Plutokratie in der Vertretung der Cultusgemeinde anstreben würde — Alles vergebens. Es wurde mir entgegengehalten, wir müßten für ein Mandat auch Herrn Med. Dr. S t r a ch acceptiren, sonst sei der Wahlkampf unvermeidlich. Und weshalb? Weil, wie Herr Sonderling selbst mir versicherte, unter seine» engeren Gesinnungsgenossen nur die in der Minderheit befindlichen älteren Leute der Besonnenheit zugänglich seien und weil die Kampfesorganisation zu weit vorgeschritten sei. So müßten dann die Trommeln wirbeln. Und wie sieht jetzt die zionistische Candidatenliste aus? Auf chr erscheinen zwei der ausgeschiedenen Vertreter, der eine allerdings, der nach der Wählerversammlung dem officiellen ComitL gegenüber seine Candidatur zurückgezogen hatte, jetzt als Trutzcandidat, der gewünschte Herr Dr. S t r a ch. Herr F e i w e l. der seinem Sohn zuliebe sich als Zählcandidat verwenden ließ, und Herr Sigmund Wolf, der vor der Wahl unwidersprochen in den Zeitungen erklärte, daß er gegen seinen Willen candidirt werde und eine Wahl nicht annehmen würde, und Herr Sonderling. Die Herren Opponenten werden sich vielleicht heute bei ruhiger Ueberlegung retrospectiv selbst die Frage vorlegen: „Wozu der LärmDrei der von ihnen aufgestellten Candidaten hätten sie kampflos erlangen können, auf Dr. Wolf durften sie nicht rechnen und heute haben sie den einen, Herrn Witrofsky, durchgebracht, der auf beiden Listen figurirte. Somit um eine kleinliche, kaum wahrnehmbare Personenfrage die Aufwühlung aller Leidenschaften! Und was haben die Herren Gegner an der bisherigen Gestion des Vorstandes auszusetzen? Vor Allem die politische Haltung. Der Vorwurf, das wir Assimilanten seien, uns an die Rockschöße der deutschen Fortschrittspartei hängen, zerfällt schon darum in Nichts, weil die Agenden der Cultusgemeinde der großen Politik ferne liegen. Aber auch sachlich trifft mich dieser Borwurf zum allermindesten. Ich war, gleich Bielen, begeisterter Anhänger der Fortschrittspartei, so lange sie die Borkämpferin der Gleichberechtigung und Freiheit war, und ich weiß mich darin in Ueberstimmung mit den Besten meines Stammes, beispielsweise mit den gewiß unantastbaren Predigern der Wiener Cultusgemeinde, Mannheimer und Ielli nek gesegneten Angedenkens. Ich habe die Partei verlassen, seitdem sie durch die historische Entwickelung in unserem Staatswesen gezwungen ward, unter Hintansetzung ihrer freiheitlichen Grundsätze dem modernen Götzen der Nationalität fast ausschließlich zu opfern. Wohl gibt es noch Einen und den Anderen unter den Unfern, der von der alten Liebe nicht lassen kann. Darüber lasse sich jedoch Niemand graue Haare wachsen. Die Blindesten müssen bcckd sehend werden, angesichts der naturwidrigen Compromisse der deutschen Fortschrittlichen mit den Volklichen und selbst mit' Antisemiten, und der letzte Rest von Achtung für diese Partei muß schwinden, wenn Berufspolitiker noch die Dämmerstunde zu selbstischen Zwecken ausnutzen wollen. Die Fortschrittspartei geht zu Grunde an ihren theils unfähigen, theils eigennützigen Führern, das Losungswort der französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit behauptet trotzdem seine Unsterblichkeit und muß einmal wieder über das zersetzende und verhetzende Nationalitätenprincip siegen. Am wenigsten möchte ich dieses mit dem Gegengifte des jüdischen Nationalismus bekämpfen, ich schwärme nicht für Homöopathie. Auf die sonstigen Recriminationen gegen unsere bisherige Cultusverwaltung ist schwer zu antworten, weil sie zu verschwommen sind. Socialpolitische Aufgaben kann eine Cultusgemeinde-Bertretung bei ihrem gesetzlich eng umschriebenen Wirkungskreise nur in sehr bescheidenem Maße lösen, socialistische Schlagworte helfen uns nicht auf die Beine. Um unsere Brünner Zionisten sammeln sich aber alle Unzufriedenen, die, Gott weiß wo, der Schuh drückt. Das heurige Wahlresultat möge die Herren belehren, daß sie in ihrer bunten Zusammensetzung noch nicht berufen sind, eine führende Rolle zu spielen. An meinen sämmtlichen College» im Cultusvorstande nagt so wenig als an mir der Ehrgeiz, sich in der Ehrenstellung um jeden Preis zu behaupten. Händen, die mindesten ebenso verläßlich sind als die unseren, sind wir jederzeit bereit, die Zügel zu überlassen, im Gefühle unserer Verantwortlichkeit für das Gesammt-Judenthum müssen wir aber die vorläufig fernehalten, die uns im ungeklärten Schaffensdrangs das Schicksal des seligen Ikarus bereiten könnten. Trotz alledem bleibt für alle Zukunft unser Strebensziel der Friede in unserer Gemeinde. Wir werden Jedem Gelegenheit zur Aussprache seiner Wünsche geben, wir werden uns gegen Forderungen unserer bewegt fortschreitenden Zeit nicht sperren, über daran festhalten, daß der That der Rath voranzugehen habe. Gelingt es uns, unsere Gegner zu überzeugen, daß wir nur das beste unserer Glaubensgemeinde anstreben, dann sei dies der schönste Lohn unserer Thätigkeit. Sollte es wider Erwarten nicht glücken — in welche schlichten Worte kleidet doch der Dichter der „Deborah" die Resignation: „Wenn nicht — je nun, so dann?" Brünn, December 1900. Dr. H. F i a l l a. (Korrespondenzen. . Oeffenlliche Sitzung des Wiener israelitischen Cultus Vorstandes vom 9. December 1900. Vorsitzender: Präsident kaiserl. Rath Klingei' Nach Eröffnung der Sitzung gibt der Präsident, kaiserl' Rath Klinger, ven Vorstandsmitgliedern bekannt, daß sich am nächsten Mittwoch M'ttags die Vorstandsmitglieder im Altersversorgungshause zum Zvecke der Besichtigung und Begehung des fertiggestellten Neubaues versammeln. Der neu aufgeführte Tract soll in würdiger, aber bescheidener und einfacher Weise seiner Bestimmung zuzeführt werden. Um die Fertigstellung des Werkes haben sich Herr k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny, der Obmann der Wohlthätigkeitssection, Herr Baurath v. Goldschmidt, sowie in hervorragender Weise auch Herr Oberingenieur Edler von Mises wirkliche Verdienste erworben. Indem der Präsident dies hervorhebt, gedenkt er auch mit herzlichem Danke der Mitwirkung des Damen-Comitäs. insbesondere der Obmännin, Frau Diamant. Der Präsident berichtet sodann über den zufolge der thatkräftigen Jngerenz des Obmannes der Section lll und dieser selbst neugegründeten Verband der Wiener jüdischen Frauenvereine zur Unterstützung armer israelitischer Wöchnerinnen. Am 28. v. M. habe die Delegirtenversammlung der verschiedenen Vereine unter dem Vorsitze der Frau Baronin Königswarter zu diesem Behufe im Saale der israelitischen Cultusgemeinde getagt, und wurde, mit 2. December beginnend, ein Institut ins Leben gerufen, welches ein fegen bringendes zu werden verspricht. Der Präsident ist der Zustimmung der Versammlung gewiß, daß er bei diesem Anlasse Gelegenheit genommen hatte, die hohe Befriedigung des Vorstandes über die Verwirklichung dieser einem thatsächlichen Bedürfnisse entsprechenden wohlthätigen Institution, mit welcher dem Elende vieler Wöchnerinnen unserer Gemeinde prophylaktisch gesteuert werden soll, den Frauenvereinen und den an der Organisation betheiligten Aerzten auszusprechen. (Lebhafter Beifall.) Nach Uebergang zur Tagesordnung erwähnt der Vorsitzende, daß das Budget im Sinne' des § 96 der Statuten von dem