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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 890 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 50 eigneten Angriffspunkt, wo zunächst Bresche gelegt werden konnte für jene Elemente, welche auf den allgemeinen Trümmern ihre erdrückende Herrschaft aufzurichten lauern. Doch dürfte es mit dem Zertrümmern leichter als mit der Aufrichtung der geplanten Herrschaft gehen. Es dürfte Alles vergebens sein. In Oesterreich kann es keine andere Herrschaft als die des unversehrten Staatsgedankens geben. Erkennt dies der österreichische Ministerpräsident und hat er Muth genug, mit Kraft und Feuer diese Fahne zu erheben, so steht allerdings auch für ihn der Lorbeer des ungarischen und auch des französischen Ministerpräsidenten in Aussicht; andererseits gibt es nur ein Fortfretten bis zum Schicksale Badeni's und des Grafen Thun. Dr. M. L. Stern. Einige Lehren aus der Wiener Cuttuswahlbewegung. Von befreundeter Seite wird uns geschrieben: Wer lernen will, konnte aus der jüngsten Wahlbewegung so manche Lehre ziehen; manche erfreuliche nnd manche bedauerliche. Bedauerlich vor Allem ist die geringe Betheiligung der Wähler: von 15.000 sind nur 3000 an der Urne erschienen. Selbst der Antisemitismus, selbst der Stand der Nolhwehr, in dem wir uns befinden, vermag die große Mehrzahl der Wähler nicht aus ihrer Indolenz aufzuscheuchen. Wegen Ehille-Angelegenheit sich zu incommodiren, scheint ihnen nicht der Mühe werth Bedauerlich war es, daß die Gegner des bisherigen Vorstandes die gleichen Methoden anzuwenden beginnen, die bei politischen Wahlen im Schwange sind: Pauschalverdächtigungeu, Schimpfereien, Herbeischleppen meinungsloser Wähler, falsche Agnoscirungen, Tumulte in und vor den Wahllocalen u dgl. mehr — Rohheit und Gemeinheit aus dem Arischen aufs Jüdische übertragen. Bedauerlich war es, daß man Geschäftsinteressen in die Wählerversammlungen hineinzieht, so zum Beispiel die Beschimpfung eines Vorstandsmitgliedes, das (bedauerlicher Weise) ein Haus durch einen Arier bauen ließ, dann die Agitation der Fleischhauer, welche sich vom Rabbinat nicht controliren lassen wollen. Bedauerlich war es ferner, daß ein Vorstandsmitglied sich den Schimpfern und Schreiern angeschlossen, ja zeitweilig dieselben — gleichsam als „Wissender" — noch übertrumpft hat. Bedauerlich endlich, daß die seltene Gelegenheit jüdischer Versammlungen nicht dazu benützt wurde, die wichtigsten Fragen jüdischer Gemeindeverwaltung zu discutiren und die Ansichten über den Gottesdienst, den Religionsunterricht und die Armenpflege zu klären. Der Jndifferentismus der bei den Versammlungen erschienenen Wähler ist im Gegentheil so weit gegangen, daß ein Redner es ungescheut aussprechen durfte: „er habe keine religiösen Bedürfnisse". Anstatt einer vernichtenden Zurückweisung, begegnete er dem heiteren Lächeln der Wähler. Eine jüdische Versammlung, welche solchen Hohn ungerügt passiren lasse, will „sich nicht zu erkennen geben", wie in der Assimilirungszeit! Gottlob, daß auch manches Erfreuliche unterlief. Erfreulich ist die mannhafte Haltung, welche von allen Vorstandscandidaten kundgegeben wurde. In verschiedenen Tonarten liefen alle Candidatenreden daraus hinaus, daß die Zeit der Assimilirungstendenzen, die zu weitgetriebene Bescheidenheit vorüber sei und daß man sich offen und rücksichtslos dem Feinde gegenüber in die Bresche stellen wolle. Dabei wurde es energisch betont, daß man unter den vielen Feinden, die uns bedrängen, den inner« Feind für den gefährlichem halte. Als solchen bezeichnete man den Jndifferentismus der Männer und die Irreligiosität der Frauen Daß man diese trüben Symptome erkennt und mit allen dem Vorstande verfügbaren Mitteln bekämpfen will, ist eine nicht zu unterschätzende Besserung gegen frühere Wahlperioden. Erfreulich ist es ferner, daß sich immer Gegner, die sich euphemistisch Zionisten nennen, offen und unzweideutig als eitle, selbstgefällige Streber entpuppt haben, wodurch sie sich selbst den Boden unter den Füßen wegzogen. Sie haben es klar erkennen lassen, daß ihnen an unseren Heiligtümern nichts gelegen ist, daß sie vielmehr Nationalisten im gemeinsten Sinne des Wortes sind, das heißt, daß sie äußerlichen, selbstischen Zwecken nachjagen, daß sie nur demoliren wollen, den Vorstand, die Allianz, die Armenpflege — daß aber ihre Impotenz es unmöglich macht, irgend etwas Positives an Stelle des Zerstörten zu setzen; eine Schaar von Betrügern oder — Betrogenen. Ihr Führer hat in offener Versammlung eine Erklärung dafür gegeben, was er unter einen „guten Juden" verstehe. Diese Offenheit dürfte dem Fasse dem Boden ausgeschlagen haben: für Diejenigen, denen die jüdische Religion noch etwas gilt, hat damit der Zionismus ausgespielt. Zu den wichtigsten Lehren aber gehört es, daß die Vorstandsmitglieder aus ihren eigenen diversen Reden und aus der Gesammtheit der Umstände die Nothwendigkeit ersehen mußten, das Statut, d. h. Wahlordnung und Steuerregulativ, gründlich umzugestalten, wenn sie die Cultusgemeinde auf jene Höhe heben wollen, zu der sie berufen ist. Mit der Flickarbeit, mit der Pluralwahl, mit der Fiscalwillkür und auch mit der actionsunfähigen Centralverwaltung von gestern geht es nicht länger. Das Gebäude muß von Grund aus erneuert und den Bedürfnissen von heute angepaßt werden. Der religiöse Sinn, die volle Hingebung an unseren Glauben verträgt sich ganz wohl mit einer angemessenen Organisation, welche allein geeignet wäre, den Bedürfnissen nach Außen und nach Innen Rechnung zu tragen. Es muß Alles aufgeboten werden, um unser Civi Komanus sum — Jwri onauchi — wieder zu Ehren zu bringen. Omega. Zur Frauenfrage. I. Geehrter Herr Redacteur! Der Artikel „Zur Frauenfrage" in Nr. 4-9 Ihres geschätzten Blattes hat mir aus der Seele gesprochen; wiederholt schon habe ich das gleiche Thema angeregt, ohne jedoch einen greifbaren Erfolg, nämlich die Einleitung zu einer Action im großen Style, durchzusetzen. Es ist eine evidente Thatsache, daß die überwiegende Zahl der Dienstboten nothgedrungen, jedenfalls widerwillig, für bessere Löhne, nur dann Stellungen in jüdischen Häusern annehmen, wenn ihnen in arischen Häusern nichts Besseres geboten wird; wie viel wir Hausfrauen unter solcher „Gnade" leiden, das niederzuschreiben würde der Raum Ihres ganzen Blattes nicht ausreichen. Ist allo schon von diesem Standpunkte eine Abhilfe dringend nöthig, erscheint es anderseits noch viel wichtiger, den zahllosen unbemittelten jüdischen Mädchen Gelegenheit zu einem anständigen Erwerbe, zu einem ordentlichen Verdienste und damit auch die Aussicht zu späterer Selbstständigkeit zu schaffen, eben dieses Ziel und nicht allein der bisherige Mangel einer Vorbereitungsschule, haben unsere Jugend bis nun abgehalten, sich dieser Thätigkeit zu widmen, es muß dem in diesen Kreisen bestehenden Vorurtheil, als würde der Dienstbotenstand ein Hinderniß zur Verheiratung bilden, entgegengetreten und die Ueberzeugung beigebracht werden, daß jeder jüdische Gastwirth, Krämer oder irgend ein Gewerbetreibender bei Gründung seines Hausstandes eine tüchtige Köchin, eine erfahrene Wirthschafterin, ein sittsames, praktisches Stubenmädchen eher zur Gattin erwählen wird, als eine solcher Fähigkeiten entbehrende alte Jungfer, eine Probirmamsell, oder ein Buffetdame. Ich will die kostbaren Spalten Ihres Blattes nicht noch mehr in Anspruch nehmen, gestatte mir nur noch den Vorschlag, es mögen die Vorstände sämmtlicher hiesiger Frauenvereine die Sache in die Hand nehmen, ein Comit6 mit der Ausarbeitung von zweckdienlichen Maßregeln betrauen, welche sodann einer allgemeinen Frauenversammlung zur Beschlußfassung zu unterbreiten wären. Das Interesse unserer ärmeren Glaubensgenoffen, wie auch unser eigenes erheischt gebieterisch thatkräftiges Einschreiten; in dieser Erkenntniß wird es auch nicht schwer fallen, die erforderlichen Geldmittel hiefür aufzubringen. Ich zeichne hochachtungsvoll Wien, 10. December 1900. Sofie Klein VI/*.'

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