Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 50 (14.12.1900)
- Date
- 1900-12-14
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. SO Dr. Llvch's WochrnfchrM Seite 88» daß sie bei Schaffung derselben die Juden täuschen wollten, oder, daß die Emancipation deshalb ein „Mißverständniß" sei, weil die Staatsregierungen dieselbe als einen „Pact auffaßten, den fie] mit den Juden schlossen und der den Juden die Pflicht auferlegte, welche sie in ihrem Gesuche auf sich zu nehmen schienen^ die Pflicht, in absehbarer Zeit im christlichen Volke aufzugehen." Woher haben Sie, verehrter Herr Doctor die hi st arischen Belege für diese Ihre ganz unerhörte Anschuldigung? Woher haben Sie die geschichtliche Berechtigung gewonnen, solchen Wahnsinn, in dem allerdings Methode liegt, unserem Volke zu predigen? Haben Sie etwa zu den geheimen Archiven derverschiedenen Staatsregierungen Zutritt und dort etwas Anderes gefunden, als was aller Welt in den Motivenberichten zu den betreffenden Constitutionen offen liegt? Nichts von alledem! — Sie lassen aber als Verfasser der .Conventionellen Lügen" und der „Paradoxe" auch hier deren Reflexe wiederspiegelu, damit Sie um jeden Preis originell seien und begehen hiebei so schwere Fehler und versetzen dem Zionismus so viel Maulschellen und so schwere Sch äge, daß derselbe — ich fürchte sehr — wohl nicht sobald sich davon erholen wird! Sie erinnern uns an die Folterbank und den Schnter- Haufen und wagen mit kühner Verwegenheit die Behauptung, daß „unsere Väter vor der Folterbank und dem Scheiterhaufen freudige Bekenner gewesen seien, daß aber die Söhne es nicht mehr wagten, es zu sein, und daß auch die deutschen, österreichischen und ungarischen Juden bewußt oder unbewußt auf dem Standpunkt des napoleonischen Synhedrion standen und in demüthig winselnden Gesuchen um. ihre politische Emancipation g> fleht haben"! In dem Ton, wie Sie jetzt über die Gleichberechtigung der Juden schrieben, konnten diese an Fürsten, Ministerien und Volksvertretungen gerichteten Gesuche allerdings U'cht gehalten sein. Den trafen unsere Väter noch nicht, und an die Scheiterhaufen, vor denen unsere Väter standen, brauchen wir von Ihnen nicht erst erinnert zu werden, weil sonst geglaubt werden könnte, daß Sie Ihr Süppchen an diesem Feuer kochen und Leidenschaften entfachen wollten, die die furchtbarsten Verheerungen anzu richten geeignet wären! 8. Welche Conclusion ergibt sich nun aus diesen Ihren beiden Artikeln über die politische Gleichberechtigung der Juden? Sie wollen, daß die Juden dort, wo sie, wie in Rumänien, noch in Knechtschaft leben, die politische Gleichberechtigung gar nicht a n n e h m e n sollen, weil die christliche Bevölkerung noch nicht die Nothwendigkeit begreift und noch nicht das Gefühl für die Ertheilnng dieser „letzten Gerechtigkeit" hat; daß aber andererseits die Juden dort, wo sie diese Freiheit, wenn auch in der Praxis in noch so beschränktem Maße genießen, gar nicht darüber klagen sollen, wenn man den „Verfassungsparagraphen" a u f h ö b e! Da muß ich Ihnen, dem so begeisterten Knechtschaftshelden und Führer der Zlonisten, denn doch die diesbezügliche Vorschrift des zweiten Buches Mosis, Cap. 8, so laut und kräftig entgegenrufen, daß sie dieselbe unmöglich überhören können und die da lautet: „Wenn der Herr seinem Knechte die Freiheit geben will und derselbe sie anzunehmen verweigert, so bringe sein Herr ihn zum Richter, führe ihn an den Thürpfosten und bohre ihm sein Ohr mit einem Pfriemen durch, daß er dann auf ewig ein Sclave bleibe: Weruza Adonow es osnau bamarzea, waawudau leaulom! Das, Herr Doctor, wäre Ihr wohlverdienter Lohn für Ihre letzten Aufsätze über die Judenemancipation nach mosaischem Rechte. Die Verwegenheit aber, mit welcher Sie als Führer des Zwnismus solche Lehren uns Zionisten in geradezu undenkbaren Gedankenevolutionen zu predigen wagen, läßt mich besorgen, daß Ihr Geist an einer nicht unbedenklichen Depression leide, oder wir müssen mit froher Hoffnung an die wirklich schon eingetroffene Erfüllung der Messiasidee glauben, weil der Talmud die messianische Zeit unter Anderem auch mit den Worten charakterisirt: öe-ikreuäi-rneseblebuebuzpu jassgi, in den Zeiten da der Meffias nahen soll, wird die Verwegenheit zur Macht gelangen, und das sehen wir wirklich jetzt an den christlichen, wie an den jüdischen Reactionären! — Dachten Sie gar nicht daran, daß Sie uns mit Ihrer paradoxen Behauptung, unsere Väter hätten die politische Gleichberechtigung „erschlichen" und „erkrochen", dem Spotte und der Verachtung der christ- »«lichen Bevölkerung noch mehr aussetzen? Haben noch nie etwas von Chilul haschem gehört? P| Mögen Sie, verehrter Herr Doctor, in sich gehen, mögen ^meine Worte wie Schwerter Ihnen durch die Seele dringen und Mmögen Sie wieder Ihre frühere geistige volle Kraft gewinnen! fP Bis dahin jedoch sollten Sie sich Ruhe gönnen und des-!^halb die Führerschaft im Zionismus niederlegen, um nicht als falscher Prophet falsche Lehren zu propagiren. Wien, im December 1900. Ihr ergebener Dr Marcell Hoffman« Hof- und Gerichtsadvocat in Wien. Vom Jahrmarkt des Lebens. In Oesterreich und in Ungarn. Der ungarische Ministerpräsident wurde nach seiner Rede in der Budgetdebatte umjubelt, rauschender Beifall belohnte ihn, alle Parteien des Hauses, mit Ausnahme der katholischen Bolkspartei, gegen welche diese Rede gerichtet war, schaarten sich freudig um den glücklichen Redner, und auch die katholische Volkspartei verhielt sich schweigend, wagte keinen Widerspruch. Dennoch sind die Bolksströmungen jenseits der Leitha kaum anders als in den Ländern des österreichischen Reichsrathes. Da wie dort, die Nationalitäten, da wie dort, die Clericalen auf der Lauer mit Hilfe der unbefriedigten Nationalen, den Liberalismus aus dem Sattel zu heben und an die Herrschaft zu gelangen, da wie dort, die niedrigsten antisemitischen Jnstincte, die B reitschast einen Polnaer Proceß zu incseniren. Dennoch thront der ungarische Ministerpräsident über einem starken Parlamente, welches sich von ihm begeistern und zur pflichttreuen Arbeit anhalten läßt, während der österreichische Ministerpräsident schmählich sein Parlament hat auseinanderjagen müssen und schwerlich ein besseres zusammenbringen wird. Der ungarische Präsident ist keineswegs darin glücklicher, snndern nur klüger. Er hat sich nicht mit einen» Lueger und Liechtenstein alliirt, welche in Ungarn gerade so leicht zu finden gewesen wären, wie in Oesterreich. Er hat ihnen nicht die Aussicht geboten, selbst noch einmal zur Ministerpräsidentschaft zu gelangen, und hat sie nicht zum Anstfften von Verwirrungen ermuthigt. Er ist unerschrocken ihrem häßlichen Spuke entgegengetrelen, hat sie mit dem Zeichen der ewigen Menschheitsgefttze beschworen und hat alle Gutgesinnten und Verständigen erfreut. Alles begreift, daß die Völker die Sachlage erkennen müssen, und die Abgeordneten verdrehen nicht scheinheilig und schwachmüthig ihre Augen, aus Furcht vor den kommenden Wahlzetteln. Man darf sich überzeugt halten, daß auch der österreichische Ministerpräsident mit einer ähnlichen kraftvollen Rede, welche keinem Zweifel Raum ließe, noch immer eine ähnliche Begeisterung Hervorrufen könnte. Auch das österreichische Parlament hat noch eine gewichtige Anzahl ernster, moralischer, weltkundiger Männer, die auf das erlösende Wort nur harren, um ihm zuzujubeln, auch die österreichischen Völker hätten noch Berstctndniß dafür. Die Czechen könnten sich nicht ausschließen, weil sie nicht darauf verzichten könnten, als Culturnation dazustehen. Die Polen wären gezwungen, mitzuhalten, weil sie so beleidigt thun, wenn man sie als minderwerthige Nation bezeichnet. Die Deutschnationalen würden es nicht wagen, sich in solcher Klarheit und Helligkeit der Situation moralisch nackt hinzustellen. Die Clericalen hätten keine Wahl, wo es die Entscheidung gälte, ob die Kirche die unantastbare allgemeine Moral zu bekämpfen beabsichtige. Lueger würde sich in Zittern und Bangen vor seiner Bürgermeisterwürde mit einer zweideutigen Redefloskel begnügen. Schneider, Baxa und Aehnliche würden Scandale versuchen, die aber in der allgemeinen Begeisterung und in der eisigen Ruhe der Bedächtigen nicht aufkommen könnten. Ein Ministerpräsident müßte doch vorausschauen, daß ein verfahrener Staatskarren nur durch einen idealen Schwung aus der bedenklichen Lage emporgehoben werden kann, und daß Diejenigen, die ihn verfahren haben, kleinlaut werden beigeben müffen. Man sage nicht, daß ja die Juden nicht die Achse sei, um welche der österreichische Staat kreise. Aber ich möchte das Paradoxon wagen, daß im österreichischen Antisemitismus die Juden gar nicht die Hauptrolle spielen. Der Antisemitismus bedeutet in erster Reihe den Durchbruch des Staatsgedankens und die Million jüdischer Staatsbürger hielt man nur als den best ge-