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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-14 · 50 (14.12.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
50 (14.12.1900)
Date
1900-12-14
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 888 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr 50 3. Wie würde aber die Zionistenbewegung dann überhaupt möglich sein? Welches klägliches Ende fände dann dieselbe in dem Augenblicke, wo bei Aufhebung der Verfassung auch das Vereins- und Versammlungsrecht für die Juden aufhört? Wenn der Zionismus keine Vereine mehr bilden, keine Versammlungen mehr abhalten darf und in seiner Presse beschränkt würde? Wo ist die Consequenz des Denkers hingerathen? Morden Sie nicht selbst unser Ideal — ich will zu Ihren Gunsten annehmen, daß es auch das Ihre ist — ich sage das Ideal, für welches Sie, wenn auch leider mit schlechten und stumpfen Waffen, zu kämpfen glauben? Sie sehen also, daß der Zionismus ohne Staatsqrundgesetze auch sofort begraben ist, und daß Sie ohne politische Gleichberechtigung auch keine bürgerliche Gleichberechtigung ausdenken können, wenn Sie nur logisch und historisch wahr denken, aber auch sprechen wollten! Hier, wie nicht leicht wo, paßt das schöne Gleichnch Simson's, mit dem ich Sie so gerne vergleichen möchte: Luleli charaschtem beeglussi, lau muzussem chidussi. Hättet ihr nicht mit meinem Kalve gepflügt, so hättet ihr nicht mem Räthjel gefunden; hätten wir nicht die Verfassung, so könnte nie das Räthsel des raschen Aufblühens des Zionismus gefunden werden. Ich fürchte nur, daß, wieSimson mit seiner geyeimnißvollen Kraft den Tempel der Philister, auch Sie jetzt mit solchen Aufsätzen über die Judenemancipation den Tempel des Zionismus in Schutt und Trümmer legen werden. 4. Sie meinen weiters, die Juden Rumälliens und so auch alle anderen Juden sollten nur eine solche politische Gleichberechtigung annehmen, „welche von der christlichen Bevölkerung als eine Nothwendigkeit begriffen und gefühlt wird", d.h. also warten, bis der Judenhaß gänzlich erloschen i st. — Ich frage Sie: Wie lange müßten wir da warten, bis un)ere christlichen Mitbürger die Nothwendigkeit begreifen und fühlen werden, daß wir als Menschen mit vollen» Gewichte un>erer Persönlichkeit und Rechtsfähigkeit in vollkommen gleiche Berechtigung mit ihnen gestellt sein müssen? Keineswegs dürften wir so lange auf diesen idealen Znstand warten, — der ja dann ohnehin schon die Erfüllung der messianischen Verheißung in sich schließt — als es dem Zionismus bei solchen Fehlern Ihrer Führung gelingen wird, die öffentlich rechtliche gesicherte Heimstätte in Palästina für uns Juden zu schaffen, die aber daun ganz überflüssig sein wird, weil der Judenhaß erloschen ist. Der Zionismus aber steht und fällt mit dem Grundsätze, daß der Judenhaß niemals aufhören werde. Wo ist da die Consequenz. Herr Doctor? 5. Sie kommen weiters noch zu folgendem unbewußten oder bewußten Fehl- oder Trugschlüsse: Wir Juden müffen auf die politische Gleichberechtigung so lange warten, beziehungsweise dort, wo wir sie haben, lieber auf dieselbe für so lange verzichten, bis dieselbe als eine uns zu gewährende „letzte Gerechtigkeit", von der christlichen Bevölkerung „als eine Nothwendigkeit begriffen und gefühlt wird", was -also von Ihnen doch jedenfalls schon nach dem Entwicklungsgänge menschlicher Cultur in absehbarer Zeit für möglich gehalten werden muß, so daß folgerichtig jetzt wieder das Erlöschen des Judenhaffes von Ihnen selbst für möglich erklärt wird! Andererseits aber n e g i r t der Zionismus in seinem Urgründe das jemalige Erlöschen des Judenhasses, weshalb ja ur Abhilfe dagegen die öffentlich rechtliche, gesicherte Heimstätte ür uns zu schaffen als hohes Ideal und jedenfalls als erstrebenswerthes Ziel erachtet werden muß. Was ist dann wahr? Das Halvbürgerthum der athenischen Metöken oder das von Ihnen herbeigesehnte analoge Schutzjudenthum mit seinem Kopfgelde wird den Antisemitismus gewiß nicht tödten, die politische Gleichberechtigung aber kann nach Ihrer Meinung denselben auch nicht tödten, sondern chn vielmehr „neu anfachen und ungeheuerlich entwickeln". Wann also dürfen wir Juden dann doch zu unserer vollen Rechtsfähigkeit gelangen? Nach Ihrer falschen Logik gar nie! Ooer dürfen wir etwa unsere politische Gleichberechtigung erst dann aus den Händen der uns umgebenden christlichen Bevölkerung annehmen, wenn uns dieselbe auf dem Präsentirteller des Gefühles angeboten wird? Da können wir lange warten. Dann wäre es aber schließlich nur das Mitleid, welchem wir als duldende und leidende Märlyrer die politische Gleichberechtigung zu danken hätten und würden wir dieselbe dann nicht gerade in Befolgung Ihrer Politik wieder nur „erkrochen" und mit unserem Herzblute „erwinselt" haben? 6. Sie führen als Beispiel dafür, daß die Juden ihre politische Gleichberechtigung „erschlichen" und „erkrochen" haben, das Verhalten des Synhedrions an, welches von dem großen Napoleon im Jahre 1806 nach Paris berufen wurde? Da machen Sie sich ledoch durch ganz unhistorische, erkünstelte und gezwungene Deutungen der Absicht Napoleons, von welcher er st v bei Einberufung dieses Synhedrions leiten ließ, einer geschichtlich falschen Darstellung, bewußt oder unbewußt, schuldig, welche einem Manne von Ihrer Bedeutung nicht arriviren darf. Es ist nicht wahr, daß der Befehl Napoleons, dem Synhedrion gegenüber, „Opferung alles Wesentlichen im Jude»- thume oder Entrechtung" gelautet habe. Das ist Ihre blos subjective Ansicht und Napoleon gemachte falsche Supposition, die aber historisch und aus den Acten keineswegs begründet erscheint. Wenn solches wirklich die Absicht Napoleons gewesen wäre, so hätte dieser harte, rücksichtslose Despot gewiß keinen Anstand genommen, den Juden die wichtigsten, sie von anderen Völker» scheidenden Merkmale: die Brschneidung, die Sabbathfeier und die Einhaltung der rituellen Speisegesetze, ganz direct zu verbieten. Warum that er dies nicht, wo doch in einem solchen Verbote gewiß die von ihm angeblich befohlene „Opferung alles Wesentlichen im Judenthnni" gelegen gewesen wäre? Ich will es Ihnen sagen! Weil es eben nicht wahr ist, daß Napoleon die „Opferung alles Wesentlichen im Judenthume' jemals auch nur gewünscht, geschweige denn befohlen hat, weil, sage ich. es geschichtlich festgestellt ist, „daß Napoleon gerade, um den von christlicher Seite ansgegangen tu Beschuldigungen der jüdischen Religion ein Ziel zu setzen, eine zuverlässige Erklärung der gesammten Judenschaft durch eine aus ihrer Mitte erwählte Vertretung und durch eine aus dieser zu ernennende gesttzgebende Behörde über die Grundsätze des Judenthumes, belrrffend die wesentlichen Pflichten und Verhältnisse verlangte. — . Er legte der im Juli 1806 nach Paris einberufenen Versammlung von 110 Notabel» durch seine Regierungscommissäre Molö, Portalis und Pasquier in feierlicher Sitzung zwölf Fragen vor, welche nichts anderes als die Eheschließung, vaterländische Gesinnung, rabbinische Macht und Lebensberuf betrafen." — Hierin aber lag gewiß kein Uebergrrff und kein stiller Zwang, und wenn Sie, Herr Doctor, der ausgezeichnete Kenner, ganz insbesondere der französischen Geschichte, zu behaupten wagen, daß das Synhedrion dem Kaiser gegenüber sich „verächtlich benommen und betreffs der Mischehe it)ui eine zweideutige Antwort gegeben habe, die er als Verzicht auf Messtasglaube, Z-onshoffnung und Eigenart verstehen konnte', so haben Sie sich hier wieder einer unrichtigen Geschichtscitirung schuldig gemacht, indem diese Antwort des Synhedrions ganz unzweideutig dahin lautete, daß Juden, welche eine Mischehe eingehen, volle Religionsgenossen bleiben. «xHM, Und nur dieser Erklärung, Herr Doctor, haben Sie es zu danken, daß Sie derzeit noch Zionistenführer sein können! Wie könnte auch geglaubt werden, daß Napoleon, der selbst ein so doppelzüngiger und zweideutiger Charakter war, sich von einer zweideutigen Antwort hätte irgendwie irreführen lassen, um auf Grund derselben eine in sich vollständig abgerundete Verfassung, die Consistorialverfassuug, zu geben, welche heute noch i» Frankreich und, wie ich glaube, auch in Holland und Belgien gilt. £ü§gä 7. Sie verfolgen jedoch, verehrter Herr Doctor, die ga> z eigenthümliche Manier, daß Sie, wo Sie Historiker sein woll n, verschweigen und wo Sie Zivilist sein wollen, falsch s u pponiren und auf Grund dessen künstlich gezogene Trugschlüsse machen, wodurch dann freilich der Schein entstehen könnte, als ob Sie die Volksmassen verblenden und verführen wollten. ' So ist es wieder historisch unwahr und wieder Ihre blos subsictive, jedoch grundfalsche Unteistellung, welche Sie denStaarsregierungen damit machen, wenn Sie mit derselben Ueberzeuguna, als ob Sie die Lehre Mosis verkünden wollten, als eine hislorische Thatsache es hinzustellen wagen, daß die politische Emancipation, welche den Juden von den verschiedenen Staatsregierungen bisher gegeben ist, entweder eine „Zweideutigkeit" oder „ein Mlßverständniß" war! Es war weder das Eine noch das Andere und ist diese Ihre Auffassung eine schwere Vergehung Ihrerseits sowohl gegen die Staatsregierungen als auch gegen den Zionismus und dessen gedeihliche Fortentwicklung! Es ist historisch absolut unwahr, daß die Staatsregierungen mit der politischen Emancipation der Juden gleich von vorneherein zweideutig waren und

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