Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 49 Kr. Bwch's WochrnfchrM Sette 883 So seinen Gedanken nachhängend, ward er durch das Nahen eines Wagens ans Fenster gelockt. Eine Postkutsche hielt vor dem Hause; ihr entstieg ein brünetter junger Mann, groß, schlank, elegant. Eli traute seinen Augen nicht. Hatte sich der Bruder in den drei Jahren, da sie einander nicht gesehen, so verändert? „Aladär!" „Eli, geliebter Bruder!" tönte es von Beider Lippen; sie umarmten einander herzlich. „Und wo ist der Vater?" fragte Aladär, in das Haus tretend. „Zu Mincha im Tempel! Wir erwarteten Dich erst zu Abend!" Jetzt erst bemerkte Aladär die Cousine. Geblendet von ihrer Schönheit, fand er zuerst keine Worte; doch sie kam ihm mit gewinnender Freundlichkeit entgegen und, ihm die Hand reichend, sagte, sie: „Sei unsherzlich willkommen, Aladär! Deinen Eingang segne Gott!" Hand in Hand mit ihm betrat sie die gute Stube. „So", sagte sie, ihn zum Sofa geleitend, „mache es Dir bequem, ich bringe sogleich eine Erfrischung." „Welch herrliches Mädchen", sprach Aladär, als sie gegangen; „wer hätte geahnt, daß sich dieses harmlose Kind zu solcher Schönheit entfalten würde!" Aladär sah nicht, wie der Bruder, sich abwendend, die Stirn runzelte. Schon trat Aranka, auf einem Tablett Confitur und Kuchen bringend, wieder ein. „Das einstweilen", sagte sie freundlich, den Teller präsentirend; „sogleich kommt etwas Warmes." Schon wollte sie enteilen, doch Aladär hielt sie fest und ihr liebevoll in die schönen Augen blickend, sagte er: „Halt Cousinchen! Willst Du mir nicht ein wenig Gesellschaft leisten?" „Gern", erwiderte sie, „wenn ich in der Küche meine Anordnungen getroffen! In fünf Minuten bin ich wieder da!" Und schon hatte sie sich seinen Armen entwunden und war schnell wie ein Böglein hinausgeschlüpft. „Von diesem reizenden Mädchen", sagte Aladär zum Bruder, „hast Du mir ja nie geschrieben! Oder hattest Du keine Augen für ihre thaufrische Schönheit?" „Sie ist ja noch ein halbes Kind", sagte Eli ablenkend. „Sag' eher, eine sich zu voller Schönheit entwickelnde Rosenknospe!" meinte Aladär. „Schwärmer!" entgegnete der Bruder. „Erzähle mir lieber, wie es Dir bei der Prüfung ergangen, was Du jetzt zu unternehmen gedenkst." Die Brüder waren gar bald in lebhafter Unterhaltung; Aladär sprach von seinen Studien, von dem Glücksgefühl, das ihn beseelt, sich nun endlich Doctor nennen, einen Wirkungskreis antreten zu können. Er hatte die Gabe, schön und eindrucksvoll zu sprechen, vom Vater geerbt. Seine Lehrer waren oft der Bewunderung voll, wenn er Anschauungen über Religion, Pflicht, Glaubenstreue in freiem Vortrag entwickelte, und prophezeiten ihm eine glänzende Zukunft als Prediger. Bon hoher Begeisterung erfüllt, die Herzen für die wahre Religion zu erwärmen, sehnte er sich darnach, einen geeigneten WirÄngskeis thunlichst bald zu finden. Eli hatte ihm mit Interesse zugehört. Als Aranka jetzt, von der Dienerin begleitet, eintrat und den Tisch zu decken begann, stockte die Unterhaltung; es war, als ob Aladär nur Augen für sie hatte. „Der Vater!" rief Eli auf die Straße deutend, wo eben des alten Rabbi ehrwürdiges Haupt am Fenster sichtbar wurde. Aladär erkennend, eilte Rabbi Lazzlo mit ausgebreiteten Armen dem geliebten Sohne entgegen. Welch herzinnige Freude lag in diesem Wiedersehen! Thränen der Rührung füllten des alten Mannes Augen, als er segnend die Hände über des Sohnes Haupt breitete. „Dich eine Stunde früher als erwartet bei mir zu wissen", sprach er, als er mit dem Sohne die jetzt festlich erleuchtete Stube betrat, „ist ein Glück, für das ich Gott dem Allmächtigen nicht genug danken kann!" Und selig lächelnd fügte er hinzu: „Die gute Mutter nannte Dich ja immer den Sonnenschein ihres Lebens! Ja, wenn sie noch lebte!" fuhr er wehmüthig fort. „Ich gönne es mir fast nicht, diesen Tag allein zu erleben! War es doch ihres Herzens sehnlichster Wunsch, Dich Doctor nennen und" — „Mach' Dir das Herz nicht schwer, theurer Vater", unterbrach Aladär, „die Mutter ist nicht gestorben, sie lebt in uns fort, in ihrem Sinne und Geiste zu wirken, ist unser Bestreben, so sichern wir ihr ein Fortleben nach dem Tode!" „Das klingt fast freigeistig", sagte der Rabbi, sein Erstaunen kaum unterdrückend. „Nach den Satzungen unserer heiligen Religion —" „Ich weiß", unterbrach Aladär den Vater, „die Religion sagt uns, daß unsere theueren Verstorbenen im Jenseits zu ihren Urvätern und Urmüttern versammelt werden und Gott Loblieder fingen. Diesen frommen Kinderglauben theile ich nicht und möchte Dich bitten, theuerer Vater —" „Genug", unterbrach Rabbi Lazzlo, sein Gesicht in strenge Falten legend, „ich sehe, Du hast Dich wiederum fest in Reform- Ideen verrannt! Hoffen wir, daß Du den rechten Weg zu Gott und seiner einzig wahren Lehre zurückfinden wirst und trüben wir uns die Stunde des Wiedersehens nicht durch Differenzen!" Aladär athmete erleichert auf. Welche Unklugheit, mit dem streng orthodox denkenden Vater polemische Gespräche zu führen! Er erinnerte sich, wie oft er früher des Vaters Unwillen erregt, wenn er seine religiösen Anschauungen nicht theilte, und nahm sich vor. in Zukunft allen derartigen Unterhaltungen auszuweichen. Er war Theolog aus innerstem Herzensdrang, doch das Forschen in Bibel und Talmud hatte ihm Herz und Sinn für das Wesen der wahren Religion geöffnet; „nicht blind glauben, sondern erkennen" war seine Devise. In diesem Sinne hoffte er als Prediger und Jugendbildner zu wirken. (Fortsetzung folgt.) Literatur. „Die Wegmüden", Schauspiel in vier Acten von Otto Meider. Dresden und Leipzig, E. Pierson's Verlag. Mit seinen „Wegmüden" hat ein junger Autor den ersten Schritt in die Oeffentlichkeit gemacht und zwar mit Glück. Wenn auch Einzelnes an dem Drama noch den Charakter des Unvollkommenen, Skizzenhaften an sich trägt, der den ungestümen Drang des jungen Dichters nach hypermodernem Realismus kennzeichnet, lasten der vortreffliche Dialog die geradezu meisterhaft ausgeführte Charakteristik der Gestalten ein Talent erkennen, das sich jedenfalls erst in den späteren Arbeiten des jungen Dichters in seiner vollen Entwicklung zeigen wird. Der Autor der „Wegmüden" hat in seinem Drama noch nicht sein höchstes Können erreicht und unterscheidet sich schon dadurch von den andern jungen Talenten, die die ganze Kraft ihres Schaffens auf ihr Erstlingswerk t erlegen, um dann mit den Früchten ihrer werteren Arbeit zu unterliegen, und schon dadurch nimmt er für sich den Preis der Originalität in Anspruch. Dory. Briefkasten. I. L—g. Dr. Porz er wird in der That von den Antisemiten für den Reichsrath candidirt. Wir sind jedoch nicht in der Lage, Ihnen Auskunft darüber zu ertheilen, was der edle Mann gethan hat, um von seinen Gesinnungsgenossen die Nachsicht — seines Geburtsscheines zu erlangen. Fleißiger Leser Der antisemitische Vorsteher der Schneidergenossenschaft Herr F e n z l scheint seine Leute gut zu kennen. Er hat vor Gericht selber die Behauptung ausgesprochen, er habe den betrügerischen antisemitischen Secretär nicht davongejagt, weil er dachte. Jeder, der nach ihm käme, wäre auch nicht bester. Was hätten die Antisemiten für ein Geschrei erhoben, wenn ein fortschrittlicher Mann ein solches Pauschal-Verdammungsurtheil über alle antisemitischen Stellen such er gefällt hätte! Norbert ©. In Deutschland wurde kürzlich eine ganze Reihe antisemitischer Meineidiger zu schweren Strafen verurtheilt. Das ist jedenfalls geeignet, die in gewissen Kreisen verbreitete — naive Anschauung, daß man gegen Juden mit ruhigem Gewissen falsche Zeugenaussagen erstatten dürfe, einigermaßenzuerschüttern. Ein Leser. Dr. Baxa bleibt bei seiner Erklärung, daß der Bezirkshauptmann F r e n z l ihn gebeten habe, für die Auftechthaltung der Ruhe Sorge tragen zu wollen. Aber wenn der gute Mann auch die Unwahrheit spräche, so ist es charakteristisch genug, daß man derlei für — möglich halten muß. I. M—nd. (M. Bezirk.) Daran kann man nichts mehr ändern. Als Mechaniker Schneider in öffentlicher Sitzung Päpste als bezahlte „Judenknechte" beschimpfte, hatte Niemand den Muth, ihm entgegenzutreten. Aber auch das „Vaterland" fand kein Wort der Abwehr.