Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 878 Vr. Blmtz's Wochenschrift. Nr. 49 Mrt wurde, und Herr Heinrich Weiner, welcher als Obmann des Executiv-Comites eine sehr verdienstvolle Thätigkeit vor und bei dem Tempelbau entfaltet hatte, einstimmig zu Ehrenmitgliedern des Brigittenauer Bethausvereines ernannt. Nachdem Herr Dr. Alfred B e r g e r den Verein zu dieser Ernennung beglückwünschte, die Ehrenmitglieder für die ihnen zutheil gewordene Auszeichnung gedankt, dem Herrn Dr. Alfred Berger eine lebhafte Ovation dargebracht und das Wahlergebniß mitgetheilt worden war, schloß diese imposante Versammlung. Gewählt wurden die Herren: Hermann Eltbogen, Dr. Ernst Rosenthal, Josef Wünsch, Heinrich Weiner. Dr. Max Weißen st ein, David Pollatsche k, Adolf Schreiber, Jakob Goldner, Jakob Kohn, Juwelier, Heinrich Mayer, Berthold Kaiser, Jakob O t t e. Die Constituirung findet innerhalb acht Tage statt. Wie«. (Herr Redacteur!) Ich habe Ihnen vor Kurzem den Bericht über die Generalversammlung des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis gesendet, den Sie gütigst veröffentlicht haben. In dem Bericht waren auch die Ziffern über die Leistungen des Vereines — dem Charakter des Berichtes entsprechend, nur cursorisch angegeben. Gestatten Sie, daß ich Ihren Lesern nunmehr die vollständigen Ziffern vorlege: Es waren 42.383 Anmeldungen am Schalter. Die Zahl der Arbeitswerber betrug 8373, die der Aufträge der Arbeitsgeber 3397; der Zuweisungen 8189; der Vermittlungen 1369 im Zeitraum 15. November 1899 bis 15. November 1900. Sie werden daraus entnehmen, daß der Verein schon im ersten Jahre seines Bestandes eine umfassende Thätigkeit entwickelt hat. Nun gilt es weiter arbeiten; namentlich die Arbeitsgeber veranlassen sich stets des Vereines zu bedienen, auf die Arbeitnehmer kräftig einwirken, und endlich die Gemeindemitglieder bestimmen, dem Verein materiell und moralisch zu unterstützen. Es ist die Sache Aller, diesen Verein zum Rückgrat der Arbeitsförderung zu machen und Keiner soll zurückstehen, wenn es gilt eine Action zu kräftigen, deffen Ziele nur dem Gemeindewohle dienen. L. Wie». Geehrter Herr Redacteur! Fast gleichzeitig erhielt ich das Wählerverzeichniß für die Wahlen in die Städtecurie vom magistratischen Bezirksamte Leopoldstadt und das von der Wiener israelitischen Cultusgemeinde für die Cultusvorstandswahlen zugestellt. Während sich das Wählerverzeichniß der israelitischen Cultusgemeinde, das an Stärke (ö. h. Wähleranzahl) dem kommunalen Verzeichniffe für den II. Bezirk gleichkommt, schon betreffs des Druckes nett und gefällig repräsentirt, läßt das communale Wählerverzeichniß in dieser Beziehung viel zu wünschen übrig. Es zeigt dies, daß unsere jüdischen Drucker ihr Fach verstehen, und daß wir alle Beranlaffung haben, unsere tüchtigen, jüdischen Handwerker nach Kräften zu unterstützen, was leider vielfach nicht geschieht. Aber auch textlich ist das Wählerverzeichniß der Cultusgemeinde dem der Commune weit überlegen. Wir finden z. B. im Letzteren viele Wähler mit Berufen angegeben, welche sie seit vielen Jahren nicht bekleiden. Ich interessirte mich für diese Sache und habe erfahren, daß das Berzeichniß der Cultusgemeinde von 3 bis 4 Beamten gearbeitet wurde, daß denselben beiweitem nicht jene amtlichen Behelfe zur Verfügung stehen, wie dem Magistrate, und daß nicht einer von den 14.000 Wählern der israelitischen Cultusgemeinde eine berechtigte Reclamation wegen Nichtaufnahme ins Wählerverzeichniß vorzubringen Beranlaffung hatte. Wie anders steht es da mit der communalen Arbeit. Welch* coloffaler Apparat wird hier zur Verfaffung der Wählerlisten in Bewegung gesetzt und wie mangelhaft sind diese gearbeitet! Sie würden ein Werk der Gerechtigkeit üben, wenn Sie die Güte hätten, diese meine Zeilen in Ihrem geschätzten Blatte zu veröffentlichen. Hochachtungsvollst 8. D., Abonnent. Antisemitischer Anarchismus. Das ^Deutsche Volksblatt" vom 29. November bringt folgende Notiz unter der Spitzmarke: Der Zar vergiftet? Der Zar, schreibt ein unterrichteter Correspondent der „N. Bayr. Londesztg,", ist unrettbar verloren, denn er hat ein schleichendes Gift erhalten. Schon wiederholt wurde in der „Landesztg." daran erinnert, daß der Zar bei den maßgebenden Kreisen Rußlands wegen seiner judenfreundlichen Gesinnung und seiner Rücksicht auf das dicke englische Blut unbeliebt sei und daß diese Unbeliebtheit noch durch diejenige Lberboten werde, welche die Zarewna, eine hessische Prinzessin, die mit ihrem Gemahl und den Kindern nur englisch spricht, im ganzen russischen Lwike genieße. Wiederholt haben wir darauf hingewiesen, daß die Russen einen romanisch-englisirten Kaiser auf die Dauer nicht ertragen und daß diesem das Schicksal des Zaren Paul, der genau vor 100 Jahren an seiner eigenen Generalsbinde starb, in naher Aussicht stehe. Der Zar, sagte ein russischer Edelmann, kriegt noch sein englisches Pflaster und stirbt an den Boeren. Die Leser werden sich an unsere Aeußerungen erinnern. Das Schicksal hat den Zaren bald erreicht Es ist gar kein Zweifel, daß der ohnehin nicht nerven st arke Fürst Gift bekommen hat, gegen dessen Wirkung die Kunst der Aerzte vergeblich sich bemühen wird. Sollte er auch jetzt noch nicht sterben, so wird er zeitlebens an Siechthum leiden und die Regierungsgeschäfte seinem 22jährigen Bruder Michael und einer Regentschaft überlassen müssen. Dann kommt wieder ein scharfer Zug in die russische Politik. Wenn der Zar von judenfreundlicher Gesinnung und vergiftet worden, wer waren diejenigen, welche ihn vergiftet haben? Prag. (Ein Interview mit Professor M a s a r y k) hatte am 26. November der Correspondent der „^ervisß Oßronicte" gehabt. Obgleich viele gebildete Czechen sehr gut wissen, daß die Blutbeschuldigung völlig erlogen ist, sieht der kühne Prager Gelehrte dennoch die Zukunft der böhmischen Juden sehr pessimistisch an, da schlechte Elemente wie Dr. B a x a fortfahren, die czechischen Volksmassen zu vergiften. Schlimmer noch als die Prager Judenfresser sind die routinirten Wiener Geschäftsantisemiten, denen trotz ihrer zur Schau getragenen katholischen Frömmigkeit in der Wirklichkeit nichts heilig ist und die mit eben so großer Geschicklichkeit wie Gewissenlosigkeit immer neue falsche Zeugen zum Meineid abrichten. Wie weit die Czechen noch in der Cultur zurück sind, haben die Richter in Kuttenberg bewiesen, die sich nicht geschämt haben, den rituellen Charakter des Mvrdes hervorzuheben. Dadurch aber haben sie das Vorurtheil der Menge gegen die Juden noch mehr verstärkt. Der Ausspruch des unwissenden Polnaer Sachverständigen hat die Geschwornen in Pisek beeinflußt, obgleich die Prager Universität die Haltlosigkeit der Behauptungen dieses „Sachverständigen" klar bewiesen hat. Auch das Märchen von der Vorgefundenen geringen Blutmenge am Fundorte der Leiche wurde von der Prager Facultät gründlich zerstört; dennoch hat Dr. Baxa die Frechheit gehabt, den Spruch der Wissenschaft mit Verachtung zu behandeln und offen von christlichen Jungfrauen zu reden, welche von Juden zu religiösen Zwecken geschlachtet werden. Aus diesen und anderen Gründen, ist Professor M a s a r y k, im Vereine mit sämmtlichen Rechtsgelehrten in Oesterreich, fest davon überzeugt, daß auch der Urtheilsspruch von Pisek vom Caffationshof ebenso annullirt werden wird, wie das Urtheil der famosen Geschwornen von Kuttenberg. Wessely an der March. Ein erhebendes Bild harmonischen Zusammenlebens verschiedener Nationalitäten und Confessionen bot das am letzten Sonntag hier abgehaltene Leichenbegängniß des Herrn Josef O r n st e i n. welcher, obzwar strenggläubiger und frommer Jude deutscher Nationalität, durch mehr als 40 Jahre dem Gemeinderathe der fast durchwegs von katholischen Slaven bewohnten Stadt ongehörte und in den letzten 12 Jahren das Amt eines Bürgermeisters bekleidete. In dieser Stellung erwarb er sich große Verdienste, welche von der Gemeinde vor mehreren Jahren durch die Ernennung zum Ehrenbürger und von Sr. Majestät dem Kaiser durch die Verleihung des goldenen Verdienstkreuzes mit der Krone anerkannt wurden. Besonders viel haben ihm aber seine Glaubensgenossen zu verdanken, denen er stets mit Rath und That zur Seite stand, für die er sowohl bei der Verwaltung der Cultusangelegenheiten als auch im Curatorium des mährischen Landesmaffafonds und auch sonst vielfach thätig war, und insbesondere die Armen, für welche er stets eine offene Hand hatte. Das Leichenbegängniß gestaltete sich denn auch zu einer imposanten Trauerkundgebung aller Schichten der Bevölkerung ohnc Unterschied der Confeffion. Auf dem großen Stadtplatze vor dem Hause des Verewigten hielt Rabbiner Dr. Groß aus Lundenburg eine weihevolle und gedankenreiche Trauerrede. Hierauf widmeten der Vice- Bürgermeister Rajecky dem Verblichenen in czechischer und der Ortsschulrath Julius Kohn in deutscher und czechischer Sprache ehrenvolle Nachrufe und endlich sprach Dr. Max Ornstein aus Wien, ein Neffe des Verstorbenen, namens der Familie, einige rührende und ergreifende Abschiedsworte. Der Sarg war mit Kränzen der Stadtgemeinde und des Gutsherrn Grafen Victor Chornisky geschmückt, und in der tausendköpfigen Trauerversammluug, welche dem Sarge das Geleite bis