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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 876 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr 49 boxen und Kabbalisten, heute gilt. Einst lauteten die Welträthsel anders. Damals war die Frage, ob die Welt erschaffen oder ursprünglich ewig, ein Kadmon sei. Hackel hieß Aristotels Und da that Maimonides den denkwürdigen Ausspruch: „Nicht wegen der Bibel oder des Judenthumes bekämpfe ich die Ursprünglichkeit der Wett; denn wäre mir diese nur erst philosophisch sicher, da wäre es mir leicht, die Bibel damit, so wie mit jeder Wahrheit, in Einklang zu bringen. Und Kant äußert sich später, es ist besser, die Bibel noch so gekünstelt auszulegen, als einen Unsinn, eine Unmoral oder Wahrheitswidriges darin gelten zu lassen. Nun hat sich aber Hackel in seinen Welträthseln nicht mit seiner Größe als Naturforscher begnügt, als welchem wir ihm ge-ne andächtig und mit Nutzen lauschen. Er ist darin auch als Philosoph, und so paradox eS klingen mag. als Theologe hervorgetreten Er stellt einen Gottesbegriff auf, und zwar lehrt er einen bestimmten Gott. Das verträgt das Judenthum freilich nicht, und da erst müssen wir und können wir gegen ihn ohne besondere Schwierigkeit Stellung nehmen. Gott ist, so lehrt er ausdrücklich, der inhalts- und weltenlose Stoff! Wir haben es also hier nicht mit einem Atheismus oder einer Gottesleugnung zu thun, sondern mit einem positiven und wieder nur mit einem neuen falschen Gotte zu thun. Als mir Hackel vor Jahren seinen Vortrag „Monismus als Band zwischen Religion und Wissenschaft" zustmdte, schlug ich die Hände über meinem Haupte zusammen und schrieb ihm sofort: „Um Himmelswillen, hochverehrter Herr Professor, Sie, der erste, der eifrigste Monist unserer Zeit, wären also unter die verpönten Dualisten gegangen? Um nämlich die Welterscheinungen aus dem Stoff monistisch zu erklären, mußte Häckel einen zweiartigen Stoff voraussetzcn. Aetheratomstoff und Massenatomstoff (Kraft und Stoff). Ist das nun nicht wieder der leibhafte Dualismus, da die zwei durchaus nicht aus einem einzigen Ursein heraus einheitlich erklärt werden können? Darauf antwortete Häckel: „Augenblicklich kann ich auf Ihre Frage nicht eingehen, aber ich arbeite jetzt an einem großen Werk, da werde ich auch Ihr Buch „Philosophischer und naturwissenschaftlicher Monismus" berücksichtigen und dabei Ihre Fragen beantworten. (Da haben Sie, meine Verehrten, eine historische Neminiscenz für das neu erschienene Buch „Welträthsel"). Die Antwort ist also erschienen, und wie lautet sie? „Aetheratomstoff und Massenatomstoff sind eins, jedoch das eine mehr, das andere weniger verdichtet!" Wieder schlug ich die Hände zusammen und schrieb sofort an Häckel: „Um Himmelswillen, Herr Professor, Sie haben da die ganze Physik mit' sammt ihrer Grundlage zerschlagen. Aus Aetherverdichtung entstnd Maffenatomstoff, mehr oder weniger; mehr oder weniger Aether blieb als Energie, als Kraft zurück. Wissen Sie, Herr Professor, was einst geschehen ist, kann heute, morgen wieder geschehen In dieser Stunde eben, meine Verehrten, kann sich der Häckel'sche Gott einmal umdrehen. es kann sich eben jetzt noch etwas Aether verdichten; da wird der Physiker in seiner Retorte urplötzlich mehr Stoff finden, als er hineinthat. Kraft kann dann auch verloren gehen, und ebenso auch umgekehrt. Wie steht es jetzt mit dem Gesetze von »der Erhaltung der Kraft, mit dem von der Ewigkeit der Materie?" Darauf bis jetzt keine Antwort. Und das genügt uns. Häckel's Gott ist abgethan, die Welträthsel sind nicht gelöst, der überhaupt nicht zu bestimmende Gott des Judenthumes bleibt die Wahrheit. Häckel spottet über den persönlichen Gott der Religionen. Ein persönlicher Gott kann bestens als ein großer, gewaltiger Mensch, also darwinistisch als ein ungeheueres Thier gedacht werden, meint Häckel. Im gewissen Sinne mag er damit Recht behalten; aber wie sieht denn der unpersönliche Gott Häckel's aus? Leerer, weltenloser, stumpfsinniger Stoff, ein Klotz und kein Gott! Das wäre der Schöpfer, der soll strafen und lohnen, der soll die Antisemiten schrecken, die Regierungen gewissenhaft machen? In seinem Schooße soll tvr geängstigtc Mensch sich schützend bewegen? Nebenbei gesagt existirt der Stoff außerhalb der Erscheinungen realiter gar nicht und ist nur Begriff und Formel innerhalb der Naturauffassung. Mit dem soviel erörterten persönlichen Gotte aber verhält es sich einfach so! Er ist sozusagen unser Minimalgott, das Minimum und nicht das Maximum des Gottesbegriffes. Weniger soll Gott, wer er auch sei, nicht sein, als ein persönlicher Gott es wäre. Der Mensch vermag ihn eben nicht höher darzustellen; wer uns aber ihn besser, höher, mehr an Liebe, Wahrheit, Gerechtigkeit und Fürsorge darstellt, er sei willkommen; nur weniger als unser religiöser Gottesbegriff wenigstens soll irgend ein besserer nicht bieten dürfen. Wir drücken uns da nur aus, wie wir es vermögen, wissen jedoch/ daß er mehr ist, alle Welt umfassend und aller Welten Inbegriff. Es ist der Weltengott! Kant hat sehr recht, Gott kann nicht bewiesen werden, ich füge hinzu, braucht auch nicht bewiesen zu werden. „Wenn Jhr's nicht fühlt, Ihr werdet es nicht erjagen." Braucht man denn die Existenz, das Sein zu beweisen? Sobald nur irgend ein Sein gesetzt ist, erscheint Gott gegeben. Es kann höchstens über die Gottesbedeutung gestritten werden. Und darin, ich sage es ganz ungenirt, bin ich sehr trivial, darin fühle ich mich gleich mit iedem gewöhnlichen gläubigen Menschen, so weit es nicht der Naturerkenntniß widerspricht. In allem Andern aber begrüßen wir Häckel's Buch als eine große, schätzenswerthe Leistung. Sein Streben ist ein edles. Er hat die großartige Ambition, die Naturwissenschaft zu einer aufklärenden Doctrin zu machen, durch sie das Menschengeschlecht emporzuheben und selbst die Religionen von Wahn und Aberglauben zu läutern Häckel's „Welträthsel" ließe sich wahrlich als wichtige Waffe gegen den Fall Araten in Galizien gebrauchen. Wir sollen und werden cs nicht thun. Ich würde der Regierung sehr rathcn, gerade um ihrer Kirchenfreundlichkeit willen dort nicht so sehr ein zerrissenes jüdisches Elternherz als vielmehr die Würde und die Ehre der Religion zu schützen. Das Judenthum, meine Verehrten, ist eine Stimmung, die sich vor aufklärenden Büchern ebenso wenig fürchtet, als sie vor unberechtigter Anfeindung und Zurücksetzung die Fahne streicht. Häckel's „Welträthsel" gibt uns noch einen andern schönen Wink. Es ist die Frage unserer Assimilation aufgerollt. Aber wem sollen wir uns assimiliren? Den Gläubigen oder Ungläubigen? Nein, meine Verehrten! so liegt es nicht auf dem Wege der Weltunion. Wir wollen uns und unsere Religion gerne assimiliren, aber der Wissenschaft, der Cultur, der freien Forschung, der besten Moral, den edelsten Bestrebungen ganz allein, derart, wie wir es von allen Völkerschaften wünschen. Da koinmt es schon früher oder später zur erhofften Weltunion ohne Feigheit und Treulosigkeit, und daß wir es ohne Einbuße an unseren Menschenrechten frei und wahrheitswürdig thun können, dafür mit Erfolg einstehen zu können, wünschen wir der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union! Correspondenzen. Der neue Magistratsdireetor in Wien. An die Stelle des in Ruhestand getretenen Herrn Victor Tachau ist Herr Moriz P r e y e r zum Magistratsdireetor in Wien ernannt worden. Die eisige Kälte, mit der diese Ernennung von der gesamniten freisinnigen Presse ausgenommen worden ist, läßt allein erkennen, daß sich der neue Leiter des Magistrates nicht blos keiner Sympathien erfreut, sondern daß man seiner Ernennung mit nichts weniger als Vertrauen entgegensieht. Das Gefühl des Unbehagens — um uns ganz gelinde auszndrücken — das seine Ernennung erweckt, hat gute Gründe. Herr P r e y e r war lange Zeit hindurch Präsidialbeamter im Gemeinderathe. Zum Rath ernannt, leitete er das Schnldepartement und erfreute sich auch in dieser Stellung der Anerkennung, daß er unparteiisch seine Aufgabe erfülle. Mit dem Aufhören der liberalen Aera änderte sich die Situation sowohl was die Einflußnahme des Gemeinderathcs, als was die Haltung des Magistrates betrifft. Die maßgebenden Persönlichkeiten der Gemeinde ließen ihren Einfluß nach jeder Richtung hin spielen und das, was sie „ihre Grundsätze" nennen, mußte dem Magistrate zur Richtschnur dienen. Nicht das Menschenrecht, nicht das Staatsgrundgesetz, nicht Moral und Ethik — sondern antisemitische Willkür war von nun an der richtunggebende Leitgedanke der ganzen Communalwtrthschaft, und der Magistrat, dessen Stellung zwar als politische Behörde eine unabhängige, und unantastbare hätte sein sollen, gerieth in die vollständigste Abhängigkeit, ja Unterordnung und Unterwerfung unter das Machtgebot der Partei, welche in der Gemeinde dominirt. Hätte der Magistrat in dieser schweren, auf die Entwicklung ehrlicher Charaktere ebenso einflußnehmenden Zeit, wie sie eine corrumpirende Wirkung übt, einen Leiterbesessen, der den Mnth gehabt hätte, allem Ansinnen, sich zur Handhabe parteiischer Bestrebungen zu machen, Widerstand zu leisten, so hätte er im Magistrate selbst, in welchem sich ja eine große Zahl ehrenwerther Männer befindet, die im Herzen tief die Schmach empfinden, daß sie uni ihrer Familien willen gegen ihre Ueberzeugung handeln müssen, einen starken Rückhalt gefunden, und vielleicht hätte selbst in der Regierung, trotzdem sie ihre Liebedienerei gegen die Wien beherrschende Partei bis an die äußerste Grenze treibt, sich das Bewußtsein entwickelt, daß die politische Behörde erster Instanz in der Hauptstadt nicht zum Beuteobject einer unscrupulösen Partei gemacht werden dürfe. Alleinsein solcher Mann fand sich nicht an der Spitze des Wiener Magistrates, vielmehr entwürdigte sich der ehenralige Vorstand ganz zum Handlanger der herrschenden Richtung und sein Beispiel wirkte natürlich auf die unselbstständigen, schwachen, oder streberhaften Elemente im Wiener Magistrate. Und zu diesen zählte der Rath Prc.yer, als er nun begann, im Schulwesen jenen christlich-socialen Einfluß geltend zu machen, der dem Schulgesetze straks widerspricht. Und nicht nur in seinem Amte gab sich Herr Preher als gefälliger Diener der herrschenden „Weltanschauung" zu erkennen. In seiner privaten Thätigkeit trat diese „Ueberzeugung" auch zum Vorschein. Im Thierschutzverein hatte er das Referat über „das Schächten nach jüdischem Ritus" übernommen, um alle Argumente der Gegner und nicht eines der zahlreichen Gutachten der ersten Fachmänner zu Gunsten dieser Tödtungsart vorzulegen. Diese einseitige Darstellung, begleitet von salbungsvollen Versicherungen der Thierfreundlichkeit und von Berufungen auf die völlige Unabhängigkeit und Ueberzeugungstreue des Referenten, kennzeichnet so vollständig den neuen Magistratsdirector, daß, wer ihn nicht kannte, ihn aus diesem Referate erkennen

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