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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 49 Br. Blvch's Wochenschrift. Sette 875 Folgen wir nun weiter der Statthaltereistatistik auch darin, welchen Berufen die jüdischen Kranken angehörten: Es waren 27 Landwirthe, 252 Hilfsarbeiter, 923 selbstständige oder gewerbliche Arbeiter, 987 dem Handelsstande angehörige Personen, 345 Beamte u. dgl., 284 Dienstboten, 71 Prostituirte, 708 Private.. Familienangehörige und Schulkinder erscheinen den Berufen der Eltern zugezählt. Im Ganzen wurden 3605 Juden und 51.272 Katholiken gezählt. Da nun die Wiener jüdische Bevölkerung zehn Percent der Wiener Gesammtbevölkerung ausmacht, so zeigt sich eben keine „jüdische Übervölkerung" in den Krankenhäusern und die gegentheilige Behauptung ist unwahr. Aber es könnten doch viele „Zugereiste" in der verhältnißmäßig kleinen Zahl sein? Auch diese Annahme ist unrichtig. Nach den Zählungen der Statthalterei hatten von allen Kranken 82 Percent ihren Wohnsitz in Wien, 8 Percent in Niederösterreich, 0-2 Percent in Obcrösierreich, 0 03 Percent in Salzburg, 0 2 Percent in Steiermark, 0'03 Percent in Kärnten, 0'02 Percent in Krain, 0*03 Percent im K üstenland, 0 04 Percent in Tirol, 0 6 Percent in Böhmen- 2 3 Percent in Mähren, 0'2 Percent in Schlesien, 0 9 Percent in Galizien, 0'08 Percent in der Bukowina, 0'01 Percent in Dalmatien. 2 Percent in Ungarn, 1 Percent im Ausland. Diese Ziffern legen es so augenscheinlich dar, daß die Angaben von den „zugereisten kranken Juden" auch nur der perversen Phantasie der antisemitischen Hetzer ihren Ursprung verdanken, daß jede Widerlegung der Details, dieser oder jene brave Jude habe einen kranken Glaubensgenossen in's Spital geführt, dieser oder jener Verein beschäftige sich mit der „Zuführung" kranker Juden, von nichts Anderem Zeugniß gebe, als von dem hochentwickelten Humanitätsgefühl der Juden — im Gegensatz zu der unmenschlichen Gesinnung der Antisemiten. A. Wiener. Häckel's „Weltrsthlel und das Iudenthum." Vortrag, gehalten in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" in Wien am 27. Oktober 1900 von Dr. M. L. Stern» Rabbiner in Triesch. (Schluß.) Die Religion hätte nach dem gegenwärtigen Stande der Wissenschaft entweder einfach abzudanken oder anders die Wissenschaft zu ignoriren, mit anderen Worten, auf Wahrheit zu verzichten! Auch diese Ansicht hat bereits namentlich in den leitenden und wissenschaftlichen Kreisen praktische Anhänger. In den oberen Schichten sei die Religion thatsächlich abgedankt, in den untern Schichten, für die Volksmassen sei sie auch mit Verzicht auf Wahrheit zu erhalten. Geist und Erkenntnis; verschmähen sie, Herz und Gefühl seien ihrer bedürftig. Schlimmer Ausgleich. Ich nenne es einfach frommen Betrug und mein ganzes Wesen, mein bestes Judenthum empört sich dagegen. Man sagt, wenn es für das Volk keine Religion gäbe, könnte die Welt nicht bestehen, und man muß sie erhalten, selbst wenn sie keine Wahrheit wäre. Wie, bin ich ein Welt- oder gar ein Gottesversorger? Gott, Weltenschöpfer, sage ich mir. wenn Du in Deiner Allmacht und Größe wirklich des Dienstes eines Staubgeborenen bedarfst, gönne es mir, daß ich auf gradem, ehrlichem Wege, auf dem Wege der Wahrheit Dir dienen kann. Kann ich es nur als betrogener Betrüger, so versorge Dir Deine Welt nur selbst, oder laß sie zu Grunde gehen. Mir wird nimmer der Zweck die Mittel heiligen, und die Menschheit selbst in ihren niedrigsten Elementen steht mir gar zu hoch, als daß ich sie zu welchem Zwecke immer betrügen könnte. Viele in unserer Zeit wieder zeigen sich in dieser Gewissensfrage bestrebt, die überzeugende Kraft durch politische Macht zu ersetzen. Man beschäftigt sich da wenigstens nicht minder mit Politik als mit dem Lehrberufe. Man bietet gesellschaftliche Vortheile, Aemter, Würden, Vorrechte und Verheißungen, statt geistiger Rettung. Die Religion zeigt sich in ihrer Wahrheit und göttlichen Machtfülle, da es alle Welt sehen kann, wie die Staatsgewalt vor ihren Pforten Halt macht, selbst wenn es gilt, ein gegen Gesetz und Recht geraubte- oder verführtes Kind an's gestörte Elternherz wieder heilend zurückzulegen. Das ist die religiöse Reaktion, die sich jedoch noch nicht behauptet hat, das ist das sichere Zeichen des Niederganges, um so sicherer, als sie um die' politische Macht buhlt und der Wissenschaft, die ihr noch stets die mächtigste Unterstützung bot» scheu auS dem Wege geht. So sehen wir nirgends die Brücke schlagen, die die beiden mehr als je geschiedenen Lager Religion und Wissenschaft wieder verbinden könnte. Darum zieht auch dies Weh durch die Welt, das uns beunruhigt. Häckel's Buch will nun behaupten, der Ausgleich werde überhaupt nie mehr zu Stande kommen. Seitens der öffentlichen Kritik erhebt sich gegen dieses Buch kaum noch ein erheblicher Widerspruch. Sein naturwissenschaftlicher Standpunkt gilt als Axiom, die antireligiöse Consequenz wird mit Resignation zugestanden. Die Philosophie ist eingeschüchtert, verirrt sich theilweise in die alte Scholastik oder sie geht mit fliegenden Fahnen in das Lager des atheistischen Monismus über. Der tonangebende philosophische Referent in Wien hat nur noch Anerkennung und Bewunderung für physiologische Seelenlehre, Herbert Spencer ist der lebendige Brunnen, aus der alle moderne Psychologie sprudelt. Doch getrost, wir haben in Oesterreich ein Parlament, oder bekommen vielleicht demnächst eines. Das ist doch noch eine Zuflucht; denn im österreichischen Parlamente wenigstens ist großer Lärm geschlagen worden; ich glaube, ein Christlich-Socialer war es, weil ein großer Lehrer der Anatomie frei und unzweideutig, wie er ja ehrlicher Weise gar nicht anders konnte, den Darwinismus docirte. Aber abgesehen davon, daß solche unberufene Einmischung in die Wissenschaft gar lächerlich ist. sicher auch in allen verständigen Kreisen ein stilles Kichern hervorrief, was nützt es auch? Der Professor wird fortan vielleicht den Satz verschlucken. Andere werden es auch nicht werth finden, ihre Erkenntniß dem parlamentarischen Unwetter auszusetzen. Man gehe jedoch einmal selbst in derartige Vorlesungen, jede Zeichnung an der Tafel, jede noch so unbefangen scheinende Erläuterung eines Präparates wird sofort erkennen lassen: hier wird darwinistisch vorgetragen, ein Monismus, der alle Religionen als reine Bornirtheit zurückstellt Es ist aber zu staunen, wie leicht und schnell solche Weltanschauungen von der Universität aus bis in die untersten Volksschichten dringen. Denn jeder Halbgebildete und auch Ungelehrteste erhascht da und dort irgend ein Schlagwort aus der Region der Uebermenschen und läßt dann gerne auf so wohlfeile Art errathen, daß auch er zu den Aufgeklärten und Wissenden gehört, was auch er von jeder Religion im Innersten denkt, und alle Herrlichkeit der Reaction hat dann bald ein Ende. Und es ist gerade so recht, so soll es auch sein, an diesem Zuge der menschlichen Natur allein erkenne ich die Gottesschrift im Weltengange. Es soll eben nicht ein Strich durch die Menschheit gehen, welcher sie in die zwei Arten der Ueber- und Untermenschen scheidet. Wenn schon nicht das gleiche Wissen, der gleiche Adelsrang, der gleiche Reichthum, so soll es doch die gleiche Weltenstimmung sein, welche die gesammte Menschheit vom höchsten Gipfel der Universitäten und Paläste bis zur niedrigsten Köhlerhütte durchtönt. Jndeffen haben seit dem Beginne unseres reacttonär-religiösen und monistisch-atheistischen Zeitalters so manche hervorragende Zeitgenossen in mehreren ausgezeichneten Artikeln die ideale Gedankenrichtung in bewunderungswürdiger Weise verfochten Weil jedoch diese Aufsätze zumeist mehr schwungvoll als mathematisch präcise lauten, so dringen sie nicht genügend gegenüber der Exaktheit des atheistischen Monismus durch.^Anderweitig umfaßt auch die Kirche viele Geister, selbstverständlich darunter auch viele klar blickende, hochsinnige, welche besser die Gefahr und die richtige Stellungnahme dagegen erkennen als die reactionären. So ist erst unlängst Bischof Lemire in Frankreich für Affimilation der Religion an die Wissenschaft aufgetreten. Im ähnlichen Sinne wurde auch schon in einer Katholikenversammlung in Deutschland gesprochen. Der um das Christenthum so sorgsam beflissene Mann in Rom sollte fürwahr auch dorthin sein denkwürdiges Muth! Muth! tönen lassen, statt es dem zuzurufen, der auf seine Fahne die Erschlagung des Judenthums geschrieben hatte. Ja, sollten jene schön» n Worte wirklich ernst genommen werden und die gesammte Christenheit es nicht nur bei der Phrase bewenden lassen, sondern wirklich mit aller Consequenz diese Richtung einschlagen, dann hat unsere israelittsche und auch unsere Weltunion die beste Aussicht. Einstweilen jedoch steht der Vereinigung zwischen Religion und Wissenschaft noch bedeutsam Häckel's Buch „Welträthsel" entgegen, welches wir als Ausdruck des derzeit allgemein herrschenden, wissenschaftlichen Bewußtseins zu bezeichnen nicht umhin können. Dieses Buch zersetzt jede Religion und gerade da- Christenthum so nachdrücklich und so im Allerheiligsten, daß ich es Letzterem selbst überlaffen muß, für sich einzustehen, indem ich mich für un» nur auf daS Judenthum beschränke. DaS Judenthum hat einen anspruchslosen Gott, der woül Allein Allem sein will, aber gleichviel in welcher Art und Auffassung. Das Causalprincip ist nachweisbar schon in unserer religiösen Urschrift, in der alten Bibel, voll und ganz anerkannt, auch in der Partie der Wunder. Darwinismus, Pantheismus, Monismus, insoferne es die logische Zusammenfaffung der Welterscheinungen bedeuten soll und über die Naturauffassung zum Antasten der Existenz und der göttlichen Realität nicht hinausgreift, haben für uns jeden Schrecken verloren. Damit Sie jedoch nicht denken, daß ich hier etwas zu eigenmächtig im Namen des JudenthumeS spreche und unsere kostbarsten Heiligthümer für ein noch nicht erprobtes Bündniß mit der Wissenschaft hingebe, berufe ich mich auf «inen Gewährsmann, auf MaimonideS, der unbestritten in allen Lagern des Judenthum-, auch bei O r t h o-

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