Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 874 Vr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 49 wurf hat man auch jungen Männern gemacht Und doch sieht, man, daß solche in allen Handwerken tüchtig arbeiten und keinem Andersgläubigen zurückstehen. Mangel an Arbeitslust kann man unseren Mädchen im Allgemeinen durchaus nicht vorwersen und könnte nur vereinzelt Vorkommen. Die Ausnahmen dürfen in diesem Falle nicht die Regel bedeuten. Was den jüdischen Dienstmädchen allenfalls abgeht, das könnte höchstens die erforderliche praktische Vorbildung sein. Wäre es aber wirklich so, so ist es des Schweißes der Besten werth, eine Serie junger Mädchen heranzubilden, die obige Bedenken aus dem Wege schlagen, und denen man einen ordentlichen Beruf verschafft, in dem sie, menschenwürdig gehalten, ihre Kenntnisse vom Haushalt verwerthen und sich für ihre eventuelle eigene Wirtschaft vorbereiten können. Hätten wir eine ordentliche Schule, in der Kochen, Waschen, Bügeln, Flicken und Nähen gelehrt würde, so kämen gewiß einige tüchtige Mädchen heraus, die gute Plätze in jüdischen Häusern fänden, und die, falls es ihnen gut geht, immer neue Mädchen in die Dienstbotenschule locken würden. Wie viele arme Mädchen gibt es in der Provinz, die gerne nach Wien gehen würden, um einen anständigen Platz zu finden, allein sie können nichts Tüchtiges, und wo keine gegenseitige Zufriedenheit, dort ist auch keine Nachfrage. Für jüdische Dienstmädchen: als Köchinnen, Stubenmädchen rc. fände sich genügende Verwendung in Privathäusern. Wir haben in Wien jüdische Wohlfahrtsinstitute, in welchen eine stattliche Anzahl von Dienstleuten gebraucht wird: Das Altersversorgungs- und Siechenhaus, das Blindeninstitut, die Waisenhäuser, das Taubstummeninstitut, das Rothschildspital und last not least, die Volksküchen. Warum sollten dort nicht jüdische Dienstboten angestellt sein? Jedenfalls hätten sie Herz für die armen Insassen, und bei gleicher Leistung sind sie menschlich dem jetzigen Personale entschieden vorzuziehen. Ich bitte unsere jüdischen Hausfrauen, ein wenig über die Sache nachzudenken und ihre Meinung über diese Hausfrauen-An gelegen heit abzugeben. Wenn ich von anderen Seiten die Ansichten pro und contra gehört habe, wollen nir dem Projekt immer greifbarer an den Leib rücken und der jetzt scheinbaren Utopie gegenüber einen realisirbaren Vorschlag machen. Wir wollen eine Hausfrauen-Enquote einleiten und der Herr Redacteur soll hiemit gebeten werden, die Antwort der p. t. Frauen entgegenzunehmen und nach Thunlichkeit in seinem Journal unterzubringen. Die Erfahrungen so mancher Hausfrau können die Grundsteine bilden, auf denen eine nutzbringende Einführung den Hausfrauen dienen und den armen arbeitenden Mädchen Existenzen geboten werden können. Ich erwarte, daß die Hausfrauen m der nächsten Nummer ihre Meinungen darüber äußern. Eine jüdische Hausfrau. Sie Juden und die Wiener Krankenhäuser. Bekanntlich haben die Antisemiten sich mit aller Heftigkeit über die angebliche Ausnützung der öffentlichen k. k. Krankenhäuser durch Juden ausgesprochen, als die Frage des Umbaues deS Allgemeinen Krankenhauses aufgeworfen worden war, und sie bemühten sich, die Phantasie ihrer Leser durch Darstellungen und Zifferngrnppirungen zu erhitzen, auS denen hervorgehen sollte, welch riesige Kosten die Juden den Krankenhäusern verursachen. Allerdings zunächst ruht die Krankenhausfrage in Wien, nicht nur weil die Regierung kein Geld hat, sondern weil sie auch keinen Plan hat. Soll das alte Allgemeine Krankenhaus an seinem Platz belasten werden? Sollen die Alserkaserne und das Garnisonsspital zur Vergrößerung herangezogen werden? Soll die Jrrenhausrealität gekauft werden? Soll in Ottü' kring ein neues Spital gebaut werden? Soll das System des Riesenspitales aufgelassen, eine Reihe kleiner Spitäler an der Peripherie gebaut und nur ein sogenanntes klinisches Spital im Centrum belassen werden? Auf alle Fragen hat man noch keine Antwort ge" funden. Die Professoren fügen sich ins Unvermeidliche und die Kranken müssen es natürlich umsomehr thun. Und wenn kein Platz mehr ist,, und selbst die Gänge belegt sind — nun so weist man die Kranken ab! Nun zetern die Antisemiten: Die Juden sind schuld, sie Übervölkern das Krankenhaus! Nie ist eine Lüge mit so viel Frechheit in die Welt geschleudert worden wie diese. Bevor wir in die Ziffern eingehen, welche uns ein von der k. k. niederösterreichischen Statthalterei veröffentlichter Jahresbericht darbietet, müssen wir aber noch vorher betonen, daß das confessionelle Moment überhaupt gar keine Rolle bei der Aufnahme spielt und naturgemäß nicht spielen darf. Ganz abgesehen von der humanen Tendenz des Gründers, ist das Allgemeine Krankenhaus einerseits ein Lehrinstitut, anderseits eine Staatsanstalt, und in beiderlei Hinsicht muß es interconfessionell sein und bleiben. Zur Erhaltung desselben ttagen alle Steuerträger ohne Unterschied der Confession bei, und wenn man die Steuerlisten etwa nach der Confession sondern wollte, käme man umso sicherer zum Resultat, daß die jüdischen Steuerträger relativ am meisten zu den Staatsbedürfnissen beitragen, als bekanntlich die antisemitischen Steuercommissionen es daran nicht fehlen lassen, ihren jüdischen Mitbürgern die Steuerlast so viel als möglich zu erschweren. Aber selbst wenn wir hievon absehen, wird bekanntlich in den k. k. Krankenhäusern Niemand unentgeltlich ausgenommen. Die Juden, die dort Zuflucht suchen, zahlen die Gebühr ebenso wie die christlichen Kranken und haben dieselben Rechte wie diese, und so wie für die christlichen armen Kranken die Gemeinden zahlen, so wird auch die Gebühr der jüdischen Armen von den Gemeinden entrichtet und niemals hat die Ortsgemeinde, sondern nur die Heimatsgemeinde die Last, die ihr ja ihre jüdischen Steuerträger ganz so tragen helfen wie die christlichen. Rechtlich und sachlich wird also den Juden gar nicht mehr geboten, als ihren christlichen Mitbürgern, und ob einer vier Monate oder zwei Jahre im Krankenhause verbringt, hat mit seiner Confession nichts zu schaffen. Die Kosten werden gezahlt! Sehen wir nun, in welcher Zahl die Juden die Wiener öffentlichen l k. Krankenhäuser in Anspruch nehmen. Der Bericht der Stallhalterei stellt die Confession nur bei dem Abgänge fest und gibt die Zahl der aus den Krankenhäusern abgegangenen Juden mit sechs Percent der sämmtlichen Abgegangenen der Krankenhäuser an. Nimmt man die Bevölkerungszahl der Juden in Oesterreich mit 5 Percent an, so übersteigt die Zahl der Kranken nur um ein Geringes das allgemeine Verhältniß, und diese Steigerung darf wohl darauf zurückgeführt werden, daß der Jude in voller Erkenntniß der Pflicht gegen seine Familie rechtzeitig die ärztliche Hilfe aufsucht, wenn er deren bedarf, und keine Ausgabe scheut, um nur recht bald wieder seine Arbeitskraft zu erlangen. Er denkt nicht etwa, er könne seiner Heimatsgemeinde die Last, ihn zu versorgen, aufbürden, sondern bringt jedes Opfer zur Wiedererlangung seiner Gesundheit, selbst das Opfer des Spitalsaufenthaltes. Braucht etwa noch darauf hingewiesen zu werden, daß die Juden, trotz der allgemeinen Lasten, die sie für alle Gemeinde- und Staatsbedürfnisse tragen, noch die der Erhaltung eines eigenen Spitals - dessen hygienische Einrichtungen geradezu musterhaft und an welchem die hervorragendsten Aerzte thätig sind — auf sich nehmen. Welche Confession vermag auf gleiche Opferwilligkeit sich zu berufen? Dabei constatirt der Bericht der Statthaltern eine stetige Abnahme der Zahl der jüdischen Kranken von Jahr zu Jahr.