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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-12-07 · 49 (7.12.1900) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
49 (7.12.1900)
Date
1900-12-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 49 Dr. Bwch's WochrnschrM Seite 871 „Da- Synhedrion benahm sich verächtlich", „gab zweideutlge Antworten", „diplomatisirte nach beiden Seiten und betrog beide". Wahrlich, es wäre nicht zu verwundern gewesen, wenn die greisen Rabbinen, deren ganzes Leben im Studium der Bibel und des Talmud ausging, vor dem gewaltthätigen genialen Imperator, vor welchem die Potentaten Europas sich zu Lakaien erniedrigt und in der demüthigsten Haltung um seine Gunst gebettelt haben, ich sage, wenn die greisen Rabbinen vor Napoleon in Angst und Zittern geriethen. Jndeffen haben jene Männer, und man sollte das mit Dank anerkennen, die Bewunderung vor dem großen Kaiser mit der Würde des Judenthums zu vereinigeu gewußt. Einer der Deputirten bei der Notablen-Bersammlung, Lipmann Cerf-Berr, sprach die zündenden Worte: „Vergessen wir, woher wir stammen! Nichts mehr von Elsässer Juden, nichts mehr von Portugiesen. Ueber den Erdboden zerstreut, sind wir doch nur ein einziges Volk, denselben Gott anbetend, und wie unser Gebot es befiehlt, der Macht unterworfen, unter derem Gesetze wir leben". Und daß diese Versammlung auch dem großen Napoleon durch ihre Haltung einigermaßen imponirt haben dürfte, zeigt die Botschaft, die er durch Molä ihr übermitteln ließ. In seiner Anrede bemerkte Molä: .In der That, wer wäre nicht von Erstaunen ergriffen beim Anblick dieser Versammlung von aufgeklärten Männern, erwählt unter den Nachkommen des ältesten Volkes? Wenn irgend eine Persönlichkeit aus den entschwundenen Jahrhunderten wieder auflebte und dieses Schauspiel ihr Blick träfe, würde sie sich nicht in die Mauern der heiligen Stadt versetzt glauben, oder würde sie nicht meinen, daß eine Umwälzung die menschlichen Dinge bis auf ihren Grund erneuert habe?" Herr N o r d a u klagt jene Männer des Berrathes am Judenthum an, weil sie auf die Frage über ihre Stellung zur Mischehe geantwortet haben: „Die Rabbinen dürfen eine Mischehe nicht einsegnen, erkennen aber einen Juden oder eine Jüdin, die eine Mischehe eingehen, als volle Religionsgenossen an"; und auf die Frage, ob die Juden alle Franzosen als ihre Brüder und Frankreich als ihr Vaterland betrachten, mit Berufung auf die Satzungen des Judenthums in Bibel und Talmud im Sinne eines gesteigerten Patriotismus geantwortet haben. Herr Nord au versteigt sich zu folgender Aeußerung: „Waren die 71 Synhedristen morsche Charaktere? Das darf man nicht ohneweiters behaupten. Man oiuß eher glauben, daß sie innerlich vom Judenthum schon abgefallen waren und für das bloße bequemere Verharren in äußerlichen ererbten Gewohnheiten keine Opfer mehr bringen mochten, auch geringe nicht." Unter diesen 71 Synhedristen saßen zahlreiche Männer, die ihr ganzes Leben dem Studium der Thora opferten, deren Sinnen und Trachten innerhalb der „vier Ellen des Gesetzes" eingeschränkt blieb. Diese Männer werden nun wegen angeblich nachsichtiger Haltung zur Mischehe von Max Nord au angeklagt, welcher als Zionistenführer eine Mischehe mit einer Christin geschloffen. Er beschimpft alle Vorkämpfer der Emancipation als angebliche „Assimilanten", während er selber mit der hohen Würde des Zionistenhäuptlings es vereinbarlich hält, seinen väterlichen Namen „Südfeld" durch Verwandlung in „Nordau" unkenntlich zu machen. Der Preis der eigenen Brandmarkung, der Selbstpersiflage scheint ihm nicht zu hoch und zu theuer gezahlt, um dem europäischen Judenthum, welches aus den Gemarkungen der Civilisation sich nicht hinaus drängen lassen will, einen vergifteten Pfeil in den Rücken zu senden. Nordau dehnt seine schweren Anklagen unmittelbar bis auf unsere Zeit aus. In allen Ländern wurde die Emancipation „erschlichen" und „erkrochen": „Die deutschen, die österreichischen, die ungarischen Juden standen bewußt oder unbewußt auf dem Standpauke des napoleonischen Synhedrions, als sie in demüthigwinselnden Gesuchen an Fürsten, Ministerien und Volksvertretungen um ihre Politische Emancipation flehten." Vorkämpfer für die Judenemancip ation in Oesterreich war vornehmlich der erste Präsident der Wiener Israelitischen Allianz, Josef Ritter von Wertheimer ruhmreichen Andenkens. Wie lauteten seine Argumente? Wir finden sie in der Schrift: „Die Juden in Oesterreich". S. 219. „Es ist aber auch nirgendwo vorgekommen, daß die jüdischen Kaufleute in Oesterreich sich minder rechtlich und ehrenhaft bewiesen hätten, als die christlichen, oder daß die jüdischen Soldaten weniger Muth und Ausdauer bewiesen hätten, als die christlichen, oder die jüdischen Aerzte weniger Hingebung als die christlichen, oder die jüdischen Arbeiter und Handwerker weniger Fleiß und Nüchternheit als die christlichen bewiesen hätten, oder daß die Juden überhaupt an Rechtlichkeit, Menschlichkeit und Vaterlandsliebe gegen ihre christlichen Mitbrüder zurückgestanden wären." S. 243. „Die heutige Civilisation glaubt schon viel gethan zu haben, wenn sie diesen tausendjährigen Fahnenträgern nicht wie ehedem das kalte Mordeisen in die Brust stößt, vielleicht kommt noch eine andere, die sich schuldig fühlt, das Gewehr vor ihnen zu präsentiren." „Ja mit Stolz sagen wir es. wir Juden waren es, die zu einer Zeit, wo Hellas Töchter noch mit Schwänen und Stieren Umgang pflegten, schon ein strenges Ehe» und Keuschheitsgesetz hatten, die Blutschande auf das Speciellste definirten, für die kriegsgefangenen Frauen sorgten und den Blutschänder mit dem Tode bestraften. Wir Juden waren es, die das Thier im Menschen zähmten, zügelten, fesselten, und von uns hat es die Welt gelernt." Der Führer in, Emancipationskampfe in Deutschland war Gabriel R i e s s e r. Er sagte wörtlich : „Darum nichts von Rechtfertigungen oder Zugeständnissen!" „Demuth und Bescheidenheit ziert nur den Starken, erscheiut aber häßlich und ekelhaft, wenn sie der llebermacht den feigen Tribut der Unterthänigkeit zollt." „Das ist die Bedeutung, das die Aufgabe unseres heutigen Kampfes, daß wir ohne eine andere Waffe, als die der Humanität, ohne einen anderen Stolz, als den der Menschenwürde, allem verjährten Borurtheil. allem Uebelwollen zu begegnen haben. Diese Waffe, dieser Stolz allein müssen unser Gemüth frei und rein erhalten, sowohl von Haß und dauernder Bitterkeit, als von Gedrücktheit und steter Empfindlichkeit." „Das Menschenrecht kann uns die Niedrigkeit mißgönnen, kann die Gewalt uns vorenthalten; aber an Menschen würde, an männlichem Bewußtsein, an reiner ungetrübter menschlicher Bildung sollen sie uns kein Haarbreit rauben." Juden aus Altona haben im Jahre 1840 an den Präsidenten des norwegischen Storthing eine P tition gerichtet, um Aufhebung des Gesetzes, welches den Juden den Eintritt in Norwegen verbietet. In diesem Actenstücke heißt es wörtlich: „Verbannt man uns, weil wir unserer alten Religion unter allen Verfolgungen und Martern Jahrtausende treu angehangen haben, so kann dies nicht wohl wegen dieser beispiellosen Treue, nicht wegen jenes hohen und ungebeugten Muthes geschehen, mit welchem wir uns zu einem geistigen Gute bekennen, das uns als das höchste erscheint und wofür wir allem Irdischen nicht sowohl entsagt haben, sondern für welches wir Gut und Blut entschlossen hingegeben und damit der ganzen Welt die Wahrhaftigkeit unsere- Bekenntnisses unzweifelhaft bewiesen haben. Denn welchen höheren Beweis könnte man wohl'fordern, welchen leisten? Eine solche ehrenhafte Treue aber wird an sich von keinem, nicht einmal vom barbarischesten Gesetze strafbar befunden und mit Verbannung belegt werden." In einer Petition der ungarischen Israeliten an die hohen Reichsstände heißt es wörtlich: „Wahrlich mit herzerhebendem Selbstbewußtsein dürfen wir uns sagen, daß wir weit besser und würdiger find, als wir wohl in natürlicher Folge des langwierigen Druckes sein sollten. Bewußt sind wir's uns, daß wir an Treue und Ergebenheit gegen das erhabene Herrscherhaus, an Liebe und Hingebung gegen das theure Vaterland den übrigen Unter* thanen nicht nachstehen; daß wir, selbst ohne gleiche Theilnahme an den gemeinschaftlichen Rechten aller Staatsbürger, den-

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