Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 49 (7.12.1900)
- Date
- 1900-12-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 870 Br. Bloch's Wochenschrift. Nr. 49 wollte nicht verstehen, was ihre Führer mit ihr vorhatten und was ihre christlichen Gönner von ihr erwarteten. Sie blieb jüdisch. Die Regierungen waren enttäuscht, sie hatten etwas wie eine dunkle Empfindung, daß die Juden den Ermmeipationsvertrag an ihrem Theile nicht erfüllt hatten." Schließlich bemerkt Nordau, daß er all diese der Geschichte avgehörenden Schriftstücke nicht lesen kann, ohne daß fich ihm Alles im Leibe herumdreht. Diese Leichenschändung, diese frivole Besudelung der Gräber unserer Ahnen begeht Max Nordau offenbar unter dem suggestiven Einfluß der Geschichtsdarstellung eines Heinrich Treitschke, er ist das Organ und der Dolmetsch seiner Anklagen gegen die Juden und gegen die hochherzige Generation, die, nach Treitschke, »kurzsichtig vertrauensselig" die Judenemancipation durchgeführt. Allein die geschmiedeten antisemitischen Anklagen, die Herr Nordau erneuert, sind nichts als eine gewaltthätige G e s ch i ch t s f ä l s ch u n g. Nordau beruft sich auf historische Doeumente und Schriftstücke. Wir nehmen uns die Erlaubniß, einige Auszüge wörtlich der Beurtheilung der Leser vorzulegen: Im englischen Parlament kam am 4. Deeember 1837 die Zulassung der Juden zur Verhandlung und zur Abstimmung. Der Führer der Katholiken, der berühmte O'Connell, hat feierlich sein Votum abgelegt zu Gunsten der Juden — ohne Spur jener gemeinen Hinterhältigkeit, welcher Herr Nordau einen maßgebenden Einfluß einräumt. Der Führer der Katholiken sagte lediglich: »Er möchte wohl wissen, ob irgend eine Classe in ihrem bürgerlichen Betragen mehr Achtung verdiene und mehr Achtung genieße, als die Juden? Es gebe gar keine Gentlemen, die in der Gesellschaft mehr als sie vorgezogen würden. Das Amendement involvire das Princip der Gewiffensfteiheit, und er unterstütze es von diesem Gesichtspunkte aus." Als im Jahre 1833 die Regierung in Sachsen die vollständige Emancipation der Juden mit der Bedingung zugestehen wollte, daß der Sabbath auf den Sonntag verlegt werde, antworteten die jüdischen Gemeinden mit einer von Dr. Bernhard Beer verfaßten Petition, in welcher gesagt wird: »Sollte auf die uns zugemuthete Verlegung der Sabbathsfeier auf den Sonntag bestanden werden, so müßten wir die Wohlthat der Emancipation uns versagen, weil die Verlegung der Sabbathsfeier, als unserem Gewissen zuwider, auf keine Weise und unter keinerlei Bedingung von uns zugegeben werden kann." In der badischen Kammer gelangte die Judenemancipation am IS. Juli 1837 zur Verhandlung. W e l ck e r hielt seine berühmte Rede und in der Einleitung sagte tr: »Ich lese die Erklärung, welche die Juden gegeben haben, als man sie zu einem Zusammentritt ausiorderte, um zu prüfen, welche Hindernisse der Emancipation entgegenstehen. Sie antworteten, man werfe ihnen den Schachergeist vor. Mit ihren Religionsgrundsätzen aberwollten sie wenigstens nicht schachern; und wenn die Versammlung einberufen werden sollte, um eine Abänderung der Religion zu bewirken, so können diese Versammlungen zu keinem Resultate führen, da keine Versammlung competent sei, eine Abänderung zu bewilligen. Das war eine achtungswürdige Erklärung und Jeder, der seine Religion achtet, wird so sprechen. »Ich will auch nicht von der Unverträglichkeit der Christen mit den Juden sprechen, woran die Letzteren schuldig sein sollen. Die christliche Religion, sagt der Bericht der Majorität, sei eine Religion der Liebe, und die Deutschen seien immer so gutmüthig gewesen, daß die Schuld auf Setten der Juden sein müsse. Haben etwa damals die deutschen Christen, als sie im Mittelalter die Juden gebraten haben, oder damals, wo in einer Zeit die christlichen Deutschen »Hepp! Hepp!" riefen, ihre Liebe zeigen wollen? »Man hat sich auf die öffentliche Meinung berufen und dieses habe ich mit Schmerz gehört. Man sagt sonst von dieser öffentlichen Meinung, es gebe jetzt keine freie öffenttiche Meinung bei der Unterdrückung der Presse, es könnten sich nur die gemeinen Interessen und Leidenschaften erheben, nicht aber die Menschen über ihre edleren Interessen sich verständigen. Nun soll aber auf einmal diese öffentliche Meinung zu Gunsten der Intoleranz und der bürgerlichen Rechtsungleichheit aufgerufen werden. Nur dasjenige, was mit den ewigen Grundsätzen der Gerechtigkeit und mit den ewigen Grundlagen der Religion von dem Volk als übereinstimmend erkannt wird, erkenne ich als öffentliche Meinung. Wenn aber augenblicklich Pöbelleidenschaften laut werden, wenn ein Hepp- Hepp-Rufen gegen die Juden entbrennt, so sage ich nicht, dieses sei öffentliche Meinung, sondern vielmehr eine Verirrung derselben. Lasse man die Presse frei, lasse man die edelsten Interessen sich geltend machen, so wird sich bald in unserem Baden, das aller Cultur zugänglich, die wahre, öffentliche Meinung bilden, und fehlt noch etwas, so sage ich Denjenigen, die sich auf die öffentliche Meinung berufen : Ihr Chorführer der öffentlichen Meinung, sprechet zuerst das Recht aus und man wird Euch folgen." Dr. Ludwig Philippson wandte sich in der Zeit des deutschen Emancipaiionskampfes an die christlichen Bürger Deutschlands mit der Bitte, den Kampf der Juden um ihr Recht zu unterstützen. Und in diesem Aufruf an die Christel! Deutschlands heißt es wörtlich: »Israel hat den Beruf, die Lehre des alleinigen Gottes zu tragen, bis die Menschheit, die ganze Menschheit, sich zu ihr bekennt, die ganze Menschheit anbetet den geoffenbarten. einigen Gott! — Da läßt sich nichts mäkeln, da läßt sich nichts abdingen, da kann es nicht heißen: was Ihr habet in Eurer Lehre, findet Ihr auch bei uns — da muß es heißen: wir können nicht werden wie Ihr, als bis Ihr geworden wie wir, als bis Ihr, ohne Zusatz, ohne Bedingung, ohne Klausel sagt: der geossenbarte einige Gott, den Israel bekennt und anbetet seit vier Jahrtausenden, der allein ist Gott, Keiner außer ihm. — Ferner: Israel hat den Beruf, zu lehren: dieser einige Gott ist allbarmherzig und versöhnt durch sich selbst den Reuigen, den Zerknirschten. Da läßt sich nichts "Mäkeln, da läßt sich nichts abdingen und so Ihr auch hierin nicht werdet wie wir, und so Ihr nicht verschmähet alles Menschenwerk, das zur Sühne und Versöhnung führe, außer Gottes Gnad' allein, bleiben wir Israel für und für. — Ferner: Israel hat den Beruf, zu lehren: ein Gesetz und ein Recht soll sein für alle Menschen. Also lehren uns unsere Propheten: Israel muß bleiben, bis daß die Gerechtigkeit auf Erden gegründet ist und das Heil Gottes bis an das Ende der Erde reichet, bis daß Krieg unter Menschensöhnen aufgehört und Haß und Zwietracht geschwunden, bis daß Ungleichheit die Menschen nicht mehr trennt und Recht keine Gnade, sondern Recht ist. Aber wenn Ihr Liebe uns bietet, so seid uns gegrüßt; Liebe bringen auch wir Euch entgegen, denn Liebe ist ja das Gebot unserer Religion von Uralters her. Lasset Ihr uns Bürger und Volksgenossen sein — wie gern wollen wir es sein, mit Eifer umfassen wir es, und wir können es sein m i t unserer Religion, m i t unserer Lehre. Diese versagt uns nimmer, Wissenschaft und Kunst zu üben zum Heile und Nutzen der Menschen; diese gebietet uns, in Recht und Gerechtigkeit die Gewerbe des Lebens zu betreiben. Ja, nach Palästina ziehen wir nicht, die Stämme Israels richten wir nicht auf, wie der Prophet spricht, aber Gott hat uns gegeben, den Völkern sein Recht zu bringen, das Recht auf Erden zu gründen, daß das Heil des Ewigen sei bis an das Ende der Erde. Mit der Wahrheit läßt es sich nicht mäkeln, von der Wahrheit läßt sich nichts abdingen." Das sind wohl die historischen Documente und Schriftstücke, von welchen Herr Nordau sagt, daß er sie nicht lesen kann, »ohne daß sich ihm Alles im Leibe herumdreht". So erweist sich die Anklage, daß unsere Väter die Emancipatton unter falschen Vorspiegelungen erschlichen hätten, als gemeine Lüge des Judenfressers Treitschke, die sich Nordau ausgeborgt hat. Diesem seltsamen Zionistenhäuptling gefallen nun einmal unsere Ahnen nicht. Schon über das Verhalten des großen Synhedrions unter Napoleon I. ist er empört: