Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Sir. 48 Dk, Dloch's Wochenschrift. «eue 867 Alsdann da herauf ist 'r gegangen? Schönes Kaffeehaus, sehr schönes Kaffeehaus, meiner Seel, so ein schönes haben wir in Holleschau nicht. Ich mußte unwillkürlich lächeln, gleich darauf aber schwand die Heiterkeit und ich begann: Sag' Fritzl, was ist's eigentlich mit Deinem Bruder? Ich will nicht indiskret sein. . Was heißt da indiskret? Du kennst unsere Familie so gut, weiß ich . . . so gut wie Du unseren Hauptmann — der Teufel soll'n reiten — gekannt hast. Indiskret'. Red' nicht s o dumm! Was ist da dran Indiskretes, wenn Du nach mein' Bruder sragst? Schulden hat 'r gemacht und kann sie nicht bezahlen. Ja, hat er denn alles verputzt, was er geerbt hat? Nach, wem? Nun — nach Deinem Vater? Nach'n Vater? Gewiß! Hat'r keinen Heller geerbt! Ah! 's ist eine lange G'schichte und eine traurige G'schichte, was hast davon, ich gebet 'was dafür, hätt' ich sie nicht erlebt. Das war so: Der Rudolf hat sich taufen lassen . . . Der Teufel auch . . . . . . und das hat mein' Vater — Gott Hab' ihn selig — so gekränkt, daß 'r d'ran g'storben ist. Wunder war's kein's, das kannst m'r glauben. Der Bruder Rudolf hat keinem Menschen 'was davon g'sagt, er sich gedacht: kommt 's 'raus — na. wer kann helfen, 's muß halt gut s e i n — kommt 's nicht 'raus, besser so! Er hat sich g'sagt, was riskir' ich, wenn ich mich j a taufen laß? Du weist, mir ist das ganz Wurscht, ist einer Jud oder Nichtjud, aber taufen lassen? Nein, das thut 'r nicht, nein, nein! .... Er hat sich damit ein gutes Aug' beim Avanciren machen wollen, nebbich, seit neun Jahr sitzt er noch immer als Oberlieutenant. Kurzum, die G'schichte ist so: Einmal kommt der Reb' zu uns und sagt mein' Vätern: „David, warum sagst m'r nix davon, daß d'r Rudi e Goi gewor'n is?" Mein Vater schaut den Rebben an und mich schaut 'r an und die Mutter und den Maxl, wir aber. haben uns so g'furchten vor seine Blicke, die wie Messer in uns 'reing'fahren sind; dann sagt 'r ruhig, so, als ob nir g'scheh'n war': „Pim — pam, so. e Goi, schau D'r 'n an, schau D'r 'n an. Nu, e Jeder hat sein' eig'nen Willen, er seinen, ich meinen. Gott hat's gegeben, Gott hat's genommen, sein Wille ist heilig!" Seit der Zeit war 's mit 'n Vater aus. Früher ist 'r mit mir zu die Märkte gefahren, seit der Zeit aber, kein einzig'smal mehr. Hab' ich ihm g'sagt er soll mit zum Markt, sagt 'r: „Gib m'r Ruh' mit de Märkt', was Hab ich bei de Markt' zu thun? Soll ich mich etwa von de Leut' durch die Finger anschau'n lassen?" Sagt' ich ihm, er soll sich die Bücher anschau'n wie's G'schäft geht — 's geht gut, Dir kann ich 's ja sagen, sagt 'r: „Gieb m'r Ruh mit de Biecher, was gehen mich de Viecher an, was geht mich 's Geschäft an? Find' ich mei' Ruh in de Biecher, find' ich meinen Gott in 's Geschäft?" So Hab' ich mit der Zeit alles selber gemacht, das Geschäft geführt und das Haus. Den Maxl Hab' ich nach Frankfurt in ein Exporthaus gegeben, daß 'r gründlich das Geschäft lernt und — richtig, Du kennst doch die Steffi? Wie sollt' ich sie nicht kennen? Die ist nach Wien und studirt was weiß ich — Philosophie. Freigeistlerin ist sie geworden — ja! Mein Vater hat die ganzen Täg' lang geweint und gebet', stundenlang ist 'r mit der brennenden Kerz' im Tempel gesessen ... ach, ach! Der Reb' hat ihn überred't, daß 'r den Tempel renoviren laßt, dann sagt ihm Jener, was 'r von gemalene Fenster halt'? Der Vater hat zwei gemalene Fenster ang'schafft .... Während der Zeit aber hat sich sein Zustand sehr verschlechtert. Er hat Nervenfieber bekommen, der Schmerz über 'n Rudolf und die Steffi hat ihn auch sehr hergenommen und einmal, wie ich vom Kremsier'er Markt komm', sagt mir meine Mutter, die gute Frau — Gott soll sie lang leben lassen — daß der Notar Vormittag beim Vater war. Steht 's so, denk' ich, dann mußt Du handeln! „Vater!" sag' ich, „was haben S' mit 'n Notar g'habt?" „Fritzl, die Zeit höhlt ’a Stein aus und 's is' doch e Stein, wie? Und die Zeit fällt Eichen und 's sind doch Eichen! Ich bin weder Stein, noch bin ich e Eichbaum, wieviel früher komm' ich d'ran? Ich Hab' für Euch sorgen muffen." „Aber Vater, warum haben S' denn das gemacht?" „Pst Fritzl, sei ruhig, daß Dei' Mutter nix hört. Gib Dei' Hand her." Er hat mir in den Leisten einen Bruch fühlen laffen, einen Bruch sag' ich Dir, so groß wie der Kopf von 'n Kind und heiß-war das ... heiß! Ich glaub' noch heut' die Hitz' in der Hand zu spüren. „Gestern", sagt 'r," war der Doct'r da und hat mir gesagt, das is' etwas e Brand, lang dauert 's nimmer, höchstens bis Morgen." Und der gute Vater. Gott Hab' ihn selig den Ehrenmann. Fritzens Stimme vibrirte, ich bat ihn, innezuhalten, Thränen entströmten seinen ehrlichen Augen, doch er fuhr fort: A lass', das geht vorüber. Der Vater hat mich beschworen, daß ich nie mein' Glauben wechseln soll, ich Hab' 's ihm versprochen, auch für 'n Maxl — der is' mehr Jud' als ich 's bin — dann sagt 'r mir, daß im Tresor von der Hauptcaffe drei Lose liegen, die soll ich m'r nehmen-— a paar Stunden d'rauf war 'r tod! Wie uns dann sein Testament vorg'lesen wird, kommt drinn eine Clausel vor, die uns eigentlich nicht sehr überrascht hat ... hör' zu: „Diejenigen von meinen Kindern, die sich einmal zu einem andern Glauben überzutreten wagen sollten, enterb' ich, treten sie wirklich über, so verfluch' ich sie und ihr Testamentsantheil soll der Cultusgemeinde zufallen. Gleichzeitig übermach' ich der CultuSgemeinde 10.000 fl. zum Zweck der Gründung eines Tempelbaufonds." Das ist in allen Zeitungen gewesen, hast es nicht gelesen? Merkwürdig. Da schau her, sogar sein Bild hat eine gebracht. Er zog aus seiner Rocktasche eine Nummer des „Correspondent" und wies mir das mißlungene Bild seines Vaters. Jetzt fahr' ich herein zu mein' Bruder. — Ja richtig, von der letzten Judenhetz' hast doch gelesen . . . Ja! Das war 'was Schreckliches! Unser Haus ist abgebrannt, der Tempel mit die schön gemalenen Fenster, 's Rathhaus - no, was soll ich Dir viel sagen, die halbe Judenstadt, die Maurer werden Arbeit kriegen. Früher als man gedacht hat, ist das Geld von Bruder sein Antheil zur Verwendung gekommen. Der Reb' hat gesagt, daß in der Vorhalle vom neuen Tempel mein' Vater seine Büste wird aufgestellt werden. Gibt mir Gott Glück, lass' ich jetzt gemalene Fenster machen. Hab' ich Dir »was von drei Lose gesagt? Ja. Ich Hab' sie natürlich meiner Mutter gezeigt und der Steffi und dem Maxl, wir haben uns getheilt, jeder hat ein's gekriegt. Ich Hab' an mein's längst vergessen, da schreibt mir neulich die Steffi, daß ich auf mein Los 25.000 fl. gewonnen Hab'. Du Glücklicher! Vor paar Wochen hat m'r der Rudolf geschrieben, ich soll ihm auf Ehrenwort 2000 fl. borgen. Unsereiner braucht sein Geld in's Geschäft, und so Hab' ich ihm 200 geschickt, ohne fern Ehrenwort zu verlangen, kriegen werd' ich 's eh' nie. Geschrieben Hab' ich ihm, 2000 borg' ich ihm dann, bis ich a mal 'n Haupttreffer mach'. — Na, er hat von der Steffi erfahren, daß ich gewonnen Hab in der Lott'rie, schickt er mir nicht eine Ansichtskarte mit lauter Vergißmeinnicht und drunt' seine Unterschrift. Ich Hab' doch gewußt, was das sein soll — er hat eine Ehrenschuld von .... erschrick nicht, 7000 fl. zu zahlen, 7000! Er baut Dein Geld rasch an. Was?! — Ja, mein Bruder, der Oberlieutenant hat noble Paffionen. — Ich schenk' ihm meinen Treffer, er soll glücklich mit dem Geld werden, aber in die Hand kriegt er's nie, das kommt in die Sparcaffe auf's Büchel, die Jnt'ressen soll 'r sich immer beheben. Du bist eine Goldseele Fritzl. Na na, 's ist nicht so arg. Ein Prachtmensch! Weißt Du, einer von jenen alten, ehrlichen Juden, die, ihren Gott im Herzen tragend, nicht schlecht sein können, weil dieser Gott ihre Handlungen leitet und das Schlechte nicht zuläßt, deshalb sind diese Juden wahrhaft gute Menschen! D i e Juden sind ausgestorben. Ja, ja glaub' mir's. Wir sind ganz anders und 's wird immer anders werden, bis schließlich die Juden aufghört haben zu sein, bis sie sich dafür schämen werden, daß sie Juden waren! Pass' auf, paff' auf! Ich seh