Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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®etlf 862 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 48 Gemüth, Frömmigkeit und Gottvertrauen; Gott werde ihm ewigen Frieden geben. Nach dieser eindrucksvollen Rede hoben die Mitglieder des Fünfhauser Bethauses den Sarg, um ihn zum Grabe zu tragen. Gleichzeitig stimmte Obercantor Bela G u t m a n n das jauschef bessesser an, das er mit Würde und Kunst vortrug. Als der Sarg hinabgesunken war, trat Obercantor Singer an das offene Grab, um als Präsident des Oesterreichischungarischen Cantorenvereins, namens dieser Corporation, deren Vicepräsident der Verstorbene war, die Bedeutung Stern's als Cantrr zu würdigen. Redner sagte unter Anderem: „3)u bist aus htm alten Chasonimthum hervorgegangen, aus dem Du den alten Melodienschatz gehoben und uns gebracht hast. Aber Deine Intelligenz wußte die alten Schätze in moderne Fassung zu bringen. Du warst eine Zierde unseres Standes, ein Führer für uns und ein Muster. Unter den österreichischen Cantoren wird Dein Andenken stets in hohen Ehren gehalten werden!" Obercantor Singer sprach mit warmem Ausdruck und in tiefer Erschütterung, die sich auch allen Zuhörern mittheilte. Schließlich widmete Religionsschul-Jnspector Dr. Leopold Langfelder namens der Religionslehrer der Wiener israelitischen Cultusgemeinde dem Dahingeschiedenen tiefempfundene Worte des Abschiedes. Er charakterisirte in trefflicher Weise die persönlichen Eigenschaften Stern's. Das Wohlwollen, die Güte und die Liebe zur Jugend, die ihn als Menschen und Lehrer beseelte. Sein tiefes Wissen habe ihn weit emporgehoben über seine Standesgenossen. „Er schrieb ein classisches Hebräisch", sagte Redner unter Anderem, „und wie selten solche Männer heutzutage sind, daß wissen wir Alle." Der Redner gedachte auch der Kämpfe, die Stern seinerzeit als Angestellter einer kleinen Gemeinde durchzukämpfen hatte, um das Fortkommen seiner Familie zu sichern, und pries die Vorsehung, die ihm den Abend des Lebens so glücklich und heiter gestaltete. Nach dieser vom Herzen kommenden und zum Herzen dringenden Rede fielen die ersten Schollen auf den Sarg. Es war bereits */«l Uhr, als man den Friedhof verließ. — Den Hinterbliebenen sind aus allen Kreisen viele Hunderte von Beileidskundgebungen zugekommen. Der älteste Sohn des Verstorbenen ist der Redacteur des „Fremdenblatt", Julius Stern. Stockerau. (Antisemitische Bestialität.) Welch' unglaubliche Verrohung durch die sattsam bekannten Hetzreden der antisemitischen Agitatoren in die Bevölkerung getragen wird, dafür liefert jeder Tag neue Beispiele der widerlichsten Art. So wurde uns gestern aus Stockerau ein Vorfall gemeldet, der so recht zeigt, bis zu welchem Grade von Sittenverwilderung und Brutalität die antisemitische Heilslehre ihre Anhänger gebracht hat. Ein Bubenstück sondergleichen: Vor einigen Tagen saßen mehrere „Herren" Antisemiten in Ritter's Gasthaus auf dem Stadtplatz in Stockerau und lauschten den Brandreden eines antisemitischen Agitators, der aus Wien gekommen war, um die Stockerauer über Ritualmord und dergleichen in seinem Sinne aufzuklären. Als nun die „Unterhaltung" im besten Gange war und die Gemüther sich an reichlichen Getränken und blutrünstigen Reden schon mehr als erhitzt hatten, kam zu seinem Unglücke ein 74jähri.ger, gebrechlicher Hausirer mit seinem Kasten zur Thüre herein. Ein Jude! Das war das richtige Object für die tapferen „Herren", um ihre antisemitische Strammheit und Gesinnungstüchtigkeit zu zeigen. Nicht genug daran, daß die Helden den gebrechlichen Greis in der beleidigendsten Weise beschimpften, sperrten sie die Thüre des Gastzimmers ab, um ihres Opfers sicher zu sein, und mißhandelten jetzt mit Bierkrügeln und Spazier stocken den wehrlosen Alten! Die Sachen aber, die den einzigen Lebensunterhalt des Greises bilden, wurden in alle Ecken gestreut, zertreten und auf die Straße geworfen. Und erst, als der alte Hausirer aus einer Kopfwunde heftig blutete, rissen die Stockerauer Helden die Thür auf und warfen den Mann auf die Straße, wo er ohnmächtig liegen bl eb. Zum Glück kam ein Wiener Radfahrer, Herr Emil Rummler, des Weges, der dem armen Alten Hilfe leistete und ihn verband. Der Polizei wurde die Anzeige gemacht, ein Wachmann kam nach einiger Zeit und arretirte die „Herren", die den traurigen Muth gehabt hatten, ihren waschechten Antisemitismus auf die geschilderte Weise zu beweisen Es sind dies: der Schuster Josef Wegscheid t e r, der Bäcker Josef Nothnagel, der Polier Eduard Schuster, der Commis Josef Wondracek und der Diurnist Ernst Ritter v. W i n d f e l d. Der antisemitische Agitator aus Wien jedoch - er soll Karl Freihammer heißen — hatte inzwischen das Weite gesucht! — Das arme Opfer der Schandthat, der 74jährige t Hausirer Samuel Morgen st ern aus Steinamanger, mußte, da er j auf der Polizei einen neuerlichen Ohnmachtsanfall bekam, in's > Spital gebracht werden! Ä Aus Böhmen. Es ist in diesen düsteren Tagen, wo es in den böhmischen Wäldern unheimlich rauscht, gar nicht ohne Reiz, wenn man so recht von Herzen einmal lachen kann. Und die Gelegenheit hiezu bietet sich uns nach Einlangen jeder Post, mit welcher die czechischen Zeitungen kommen. Da wird jetzt in den Zeugenaussagen gewühlt und gegrübelt, manch' ein Wort zur weltbewegenden Theorie aufgebaufcht, welcher bald wieder gewiß die klirrende Praxis folgen soll. Ich habe mir eine kleine Blüthenlese herausgesucht, will aber die Leser Ihres geschätzten Blattes nicht damit belästigen. Nur das Eine ist interessant und verdient erwähnt zu werden. Ein Zeuge sagte: Wir sprechen jetzt alle böhmisch, weil wir unterdrückt sind. — Mit welcher Wollust stürzten sich die „besten" Blätter Czechiens auf diesen Machtspruch eines einfachen, seine Worte ohne Hintergedanken vor Gericht sprechenden Juden. Da wird daraus die unendlich niedrige jüdische Gesinnung derselben gefolgert, da kann man sehen, wie es um die nationale Gesinnung derselben bestellt ist, rc. Und dies umso erschreckender, als doch unsere Mitbürger uns ihre Huld, ihre unendliche Liebe in erhöhtem Maße gerade seit der Zeit bewiesen und beweisen, feit wir Alles und Jedes ihnen assimilirten, seit wir die jüdischen (wie die Czechen und Judoczechen sagen) germanisatorischen Schulen sperrten, und unsere Kinder dem Hohn und Schimpf der nationalen Kinder in den czechischen Schulen Preisgaben. Das muß man gesehen haben, diese gedrückte Stimmung der Kinder, die Thränen derselben, wenn sie gerade von den schlechtesten Mitschülern, die den Lehrern jede Antwort schuldig bleiben, immer und immer wieder mit 2ide und etlichen Fauststößen regalirt werden. — Wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen. Und dann sind sie, klein und groß, verletzt, wenn die Pocken des Slavismus, mit denen die Juden Böhmens sich impfen lassen, nicht den ganzen Organismus umwandeln können, und schreien Zeter und Mordio, wenn in Pisek das Kind beim rechten Namen genannt wird. — Wir haben hier an der Strecke, an welcher auch Pisek liegt, keine einzige Judengemeinde, welche nicht gänzlich czechisch eingerichtet ist, und die Bevölkerung weiß dies, aber das wird gewiß nicht verhindern, daß bei nächster Gelegenheit wieder die Sünden der Deutschen, die Sünden der Czechen und selbstredend die Sünden Hilsner's in erster Reihe an uns und unseren Fenstern gerächt werden. Wir haben bei jeder Bahnfahrt Gelegenheit, uns zu überzeugen, wie es in dem Innern unserer lieben Landsleute gährt, unverhohlen komnrt ihre Gunst schon jetzt zum Ausdruck, wir haben uns gewöhnt, beim Einsteigen mit Pfui und ähnlichen Höflichkeiten empfangen zu werden, und wir sehen der Zeit entgegen, wo man für uns Judenwaggons einstellen wird, damit dieselben bequem mit — Ovationen überhäuft werden können. — Aber wenn der Zeuge in Pisek sagt, wir sprechen alle czechisch, weil wir unterdrückt werden, gerathen die Geister der böhmischen Blätter außer sich. Ist das nicht zum Lachen? Dr. H. Prag. (Der Centralverein zur Pflege jüdischer Angelegenheiten) eröffnete im großen Saale des „Hotel Bristol" den Cyklus seiner Vortragsabende mit einem Vortrage, welchen Herr Professor Rabbiner Dr. Kisch über die neuere Ghettoliteratur hielt. Nach einer den allgemeinen Zeilverhältnissen Rechnung tragenden, stimmungsvollen Einleitung besprach Herr Professor Kisch die Entwicklungsgeschichte der Ghettoerzählung überhaupt und ging sodann auf den Inhalt eines neuen Werkes auf diesem Gebiete „Dr. Guttmann" von Max Viola ein. wobei er durch geistvolle Aperes und psychologisch vertiefte Darlegung der Charaktere, sowie durch Wiedergabe einiger dem genannten Buche entnommenen Kraftstellen über die moderne Stellung und Aufgabe des Judenthums die gespannte Erwartung des zahlreichen Auditoriums in fesselnder Weise befriedigte. Nach Schluß des überaus anregenden Vortrages vereinigten sich die anwesenden Zuhörer zu einer zwanglosen geselligen Unterhaltung, im Verlaufe welcher der Obmannstellvertreter des Vereines, Herr Dr. Ludwig P i ck, dem Vortragenden den Dank des Vereines für die gebotene geistvolle Erörterung aussprach und auf den wesentlich vertieften Eindruck hinwies, welchen die Besprechung des Romanes durch Herrn Professor Kisch gegenüber der Lectüre des Buches ausübte, indem er schließlich im Zusammenhänge mit den vom; Vortragenden in Bezug auf die Stellung des Judenthums gekzogenen Folgerungen über die Thätigkeit des Centralvereins | refertrte und zur Förderung der Handwerkerabtheilung und der Hsonstigen Wohlfahrtsinstitutionen dieses Vereines aufforderte.