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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 860 Dr. Blvch's Wochenlchrrfk. Nr. 48 jenigen, die unserem Kampfe derzeit noch kühl und fremd gegenüberstehen, für unsere Union zu erwärmen, im Weiteren ferner die Weltunionisten in unsere Spuren hineinzuziehen, offen gestanden auch der Regierung ein beachtenswerthes Volkselement vor Augen zu halten, und schließlich, wenn Alles gelänge, sogar noch das treibende Element des ganzen Antisemitismus — Sie errathen doch — die Religionspolittk unserer Zeit auf unsere Bahn zu drängen. Es soll hier vor aller Welt gesagt werden, welches Volkselement die Union in Oesterreich vor dem Todtschlagen und Schußgelde zu schützen hat. Freilich ist die Wiffenschaft nicht gleich dem Liederklange das Gebiet, auf welchem der Lorbeer der Begeisterung zu pflücken ist. Mir wenigstens jedoch scheint die Begeisterung auf der Höhe unserer Eultur gar nicht mehr so recht auf dem Platze zu sein. Ich wünsche sie sogar gebannt, diese liebliche Schwester des Fanatismus, der schon so vielfach die Menschheit gewürgt hat. Mir wenigstens haben erst in letzterer Zeit so viele Ausrufe der Begeisterung tief ins Herz geschnitten. Was uns noth thut und besser als Begeisterung sich bewährt, ist S t i m m u n g, die ruhig, gewaltig dauernd, unüberwindlich, Alles besiegend die Geisteswelt gestaltet, große Werke hervorbringt, und die, wenn es nicht anders geht, auch im schmerzhaften Martyrium aushaucht. Immerhin ist meine Aufgabe nicht leicht. Etwas Philosophie, Naturbetrachtung, ich will nicht sagen, leider auch Theologie und Religionsgeschichte werden in meinem Vortrage nicht zu vermeiden sein. Aber es soll Alles rücksichtsvoll nur ein flüchtiges Berühren unb Nippen sein, ein leichtes Niedertauchen zu diesen eisigen reinigenden, heilenden Fluthen, um den Tropfen zur Kühlung erhitzter Phantasie zu holen. Doch ehe wir uns in diese kühlen Sphären begeben, zuvor noch in aller Wärme die Begrüßung aller meinen hochgeehrten Freunde und Bekannten hier, meiner Heimatsgenossen, des Vereins der Triescher in Wien, der Heldenseelen, die für uns einzusteheu bereit sind, des Vereins der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union! In dem Sie sich für die Juden einsetzen, stehen Sie für's Judenthum ein, und daß Sie dadurch an Ihrem Weltbürgerthume und Menschheitsideal nicht verringert erscheinen, dies zeigen zu können, möge meinem Vortrage nicht versagt bleiben. Es ist fürwahr eine echt dramatische Geschichtspose, daß gerade in der Zeit des erneuten confessionellen Hasses und der religiösen Reaction Häckel's Buch „Welträthsel" erschien. Alle Welt zollt diesem Buche Lob und Anerkennung. Eine Gegnerschaft ist kaum laut geworden, und welches ist sein Inhalt?? Das ganze Heerlager der Wissenschaft am Ende des XIX. Jahrhunderts erscheint darin aufgerollt und Professor Dr. Ernst Häckel, der Heroe der Zoologie und Biologie, tritt vor die Front desselben, um mit volltönender Stimme die A e ch t u n g aller positiven Religionen auszurufen. Dieses Buch ist kein bloßes Feuilleton eines Wiener officiellen Blattes, gegen welches man schließlich einen Wiener Landtagsabgeordneten zu Felde schicken könnte. Es ist die Welteffenz aller feinen Säfte, aus allen zur Zeit gellenden vielfach erwiesenen, musterhaft begründeten, die menschlichen Welteinrichtungen durchströmenden Wissenschaften, es ist die monistische Weltauffassung, der materialistische Pantheismus, der entgötterte Spinozismus. Es ist die nwnistische Weltauffassung, gegen welche die Philosophie nur halblaut und ohnmächtig ankämpft, wenn sie sich ihr nicht ganz in die Arme wirft. Die Sache stellt sich einfach so, wie folgt: Der Monismus, die Erklärung des All ausschließlich auf Grund des stofflichen Causalprincipes ist Gemeingut der forschenden Geister und dieser Monismus schließt jeden religiösen Endzweck, jede Realität des menschlichen Seins, Unsterblichkeit und moralische Sel» stbestimmung völlig aus, stempelt alle historischen Zeugnisse der Religionen in Nachweisung ihrer mathematischen Unmöglichkeit zur Lüge, sieht in der ganzen Natur und culturhistorischen Entwicklung nur den einheitlichen monistischen Zug vom Stoffe zum astronomischen Weltgebäude, vom Protoplasma zum zeitgenössischen Menschen, vom ersten Mythos. Fetischdienst und Todtencultus zur monistischen Welterkeuntniß Häckel's. Professor Häckel hat überdies die Ambition, aus der bloßen Theorie hinauszuringen, seine Weltanschauung zu einer praktisch erlösenden einzusetzen, die dem Geiste und Gefühle, allen Institutionen des Staates und des socialen Lebens die ausschließliche Grundlage zu bieten hätte. Keine Religion, kein Glaube, kein Gefühlsgott, kein Unsterblichkeits- und Vorsehungsgedanke soll fortan das stoffliche, causal und logisch geistige Reich des menschlichen Lebens trüben. Er macht nur das Zugeständniß, die religiösen Naturfeste monistisch umgestaltet beibehalten zu dürfen. Nun könnte man ja freilich auch hier wie allenthalben ausrufen : Alles schon dagewesen. Derartige Weltanschauungen sind uns schon längst, schon seit Demokritos von Abdera bekannt; dennoch hat sich die religiöse Weltanschauung allen solchen Anfechtungen gegenüber noch siegreich behauptet, da könnten sich auch Religionen und Confessionen trotz „Welträthsel" sicher fühlen und davon unbehelligt unter einander sich weiter befehden. Möge sich das Gewölk der Wissenschaft und Erkenntniß noch so drohend über dem Haupte des auf seine physische Macht und Majorität stolzen Ehristenthumes und in gleicher Weise über dem Haupte des angstvoll seiner Haut sich erwehrenden Judenthumes zusammenziehen, mögen noch so sehr die Blitze der Aufklärung gegen beide feindlichen Lager niederfahren, die Staatsgewalten und die Volksmassen sind gegen solche unholden Wetter gefeit, und diese werden die Religionen wie bisher auch noch weiter erhalten. Dem besser Unterrichteten jedoch muß solche Sorglosigkeit und Zuversicht als thörichte Verblendung erscheinen. Die Geschichte der Religionen belehrt uns eines Besseren darüber und warnt vor ernster Gefahr. Staatsgewalt und Volksmassen bieten keinesfalls auf die Dauer Gewähr gegen Wissenschaft und Aufklärung; schon darum nicht, weil Staat und Volk trotz der neuerlich wieder zu Ehren gekommenen Kräutelweiber allzusehr der Wissenschaft und aufklärenden Erkenntniß bedürfen, ihr unterworfen, ja geradezu unterthan sind und dauernd sie nicht beherrschen können. Der Staat stellt die Professoren an, beschränkt ihre Lehrfreiheit, protegirt die Klugen, die ihm zu Gefallen sind; Allem scheint bestens vorgesorgt. Dennoch gilt hier das Prophetenwort: Wer will den Geist in dem Zipfel seines Gewandes eingebunden halten? Angenommen, die katholische Universität sei hergestellt, wo bleibt dann die vielbesprochene Eitelkeit der Gelehrten? Und wenn es auch ein echt katholischer Professor sein wird, der eine Erkenntniß, fet es auch ein Darwinismus oder Monismus, auf seinem Forscherwege findet, so wird es seine Eitelkeit allein schon nicht zulassen, daß er sic mit dem Fuße fortscharre; er wird sie hoch in die Lüfte erheben und zeigen wollen, was er und nur er gefunden habe. Wer weiß ob nicht zuletzt noch auf der neuen Salzburger Universität der erste Streit zwischen Religion und Wissenschaft ausbricht? Wissenschaft und Erkenntniß haben immer noch religiöse Umwälzungen zur Folge gehabt. Und lehrt die Geschichte nicht, daß bie griechische Wissenschaft das griechische Heidenthmn zersetzt hat, daß Europa beim orientalischen Judenthume Hilfe suchen mußte, nachdem die Götter des Abendlandes durch die Wissenschaft entseelt wurden? Und wie ernst nahmen es jene religionsbildenden Zeiten mit Wahrheit und Erkenntniß im Vergleiche zu unserer Zeit. Man begnügte sich keinesfalls mit einfacher religiöser Reaction, die auch wenig gefruchtet hätte. Judenthum, Christenthum und Islam zeigen sich da'in einem wahren Eftistesadel, getragen vom sittlichen Drange. Die jüdischen und mohammedanischen Neuplatoniker und Aristoteliker, die christliche Patristik und Scholastik sind ewige Deukzeichen jener ehrlichen und gewissenhaften Geistesströmungen, zeigen in greller Beleuchtung den Rückgang unserer heutigen religiösen Führungen, die Verlassenheit unserer höchsten Interessen. Die Elite der Geister, die Weisen und Gelehrten aller Fächer waren auf der Höhe der Religion. Dann kamen später wieder die englischen Materialisten und Skeptiker, aber ihnen wurde nicht hochmüthig das Gebiet der Erkenntniß überlassen, um Muße für das Völkische oder Antisemitische zu behalten, sondern alle nachfolgenden Deuker zeigten sich beflissen, ihrer Herr zu werden: Cartesius, Wolf, Leibnitz, Alle überragend Kant und Moses Mendelssohn nicht der Letzte! In gleicher Weise waren es die deutschen Classiker, welche das Ideal und die Weltenrealität vor dem französischen System llo 1a nature in sichere Obhut nahmen. Das war es, was die Religion noch immer erhalten hat, es war die Wissenschaft selbst und nicht der Schutz des Staates oder der Volksmassen. Ganz anders zeigt sich das Verhaltuiß zwischen Religion und Wissenschaft zum Beginne des XX. Jahrhunderts. Häckel's Buch und seine Aufnahme seitens der wissenschaftlichen Welt zeigt uns das Band zwischen Religion und Wiffenschaft ganz und vollständig zerrissen. (Schluß folgt) Correspondenzen. Wien. (Der Verein zur Hebung der Gewerbe in Wien) hatte am S a m st a g den 24. d. M. einen gelungenen Abend. Der Festsaal des Niederö st erreicht schen G ewerbevereines erwies sich als viel zu klein, die Nebensäle mußten geöffnet werden, aber selbst dann standen Mann an Mann gereiht bis zum Schluffe des Vortrages. Unter großem Beifall der Versammlung begann der Generalcommissär und Sectionschef Dr. Exner seinen Vortrag über die Pariser Meltaus st ellung mit den einleitenden Worten: „Sehr gerne bin ich von Paris aus dem Rufe eines Vereines gefolgt, dessen Rührigkeit und erfolgreiche Strebsamkeit mir seit vielen Jahren bekannt ist. Nach einer Schilderung der äußeren Erscheinung der Ausstellung unter Vorführung von Lichtbildern der verschiedenen stabilen und provisorischen Bauten ging der Redner auf die speciellen Leistungen der einzelnen Großstaaten und kleineren Mächte ein. Den Hauptstoff des Vortrages bildete die Besprechung der Leistungen Oesterreichs in den einzelnen Gruppen, die der

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