Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-30 · 48 (30.11.1900) · page 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
48 (30.11.1900)
Date
1900-11-30
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021331-3021380--10410-3034890
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 48 Dr. Blvtb's WochrnfttzrM Seite 859 semitischen Bestrebungen gefunden zu haben, und man darf leider nicht daran zweifeln, daß es ihm gelingen wird, auch in den umliegeuden Dörfern dieselbe Stimmung hervorzurufen. — Wie uns weiter mitgetheilt wird, hat Pfarrer Krösel sich während seiner Konitzer Studien von seinem K ü ft e r im Amte vertreten lassen, der Sonntag die Predigten ablas. Eine Staatsaction gegen den Aberglauben. Unwiderleglich und aus der täglichen Erfahrung erwiesen ist es, daß die sittliche Entwicklung eines Menschen nicht blos moralischen, sondern auch psychischen Einflüssen unterworfen ist, die je nachdem auf sie fördernd oder hemmend einwirken. Was von dem Einzelnen gilt, gilt auch von der Menge, ja sogar von den Völkern. Einen der schädlichsten Einflüsse auf die Gesittung derselben bildet der Aberglaube. Nicht allein im heidnischen Alterthume, auch in der Regierungsepoche eines Konstantins und Julians, unter denen das Christenthum schon ganze große Länderstrecken beherrschte, gar erst im Mittelalter, hatte der Aberglaube im Volke immer tiefere Wurzeln gefaßt, so daß es erst der Entartung, ja Grausamkeit und Barbarei verfallen war. Nicht selten aber wurde das Volk von den Dienern der Kirche, um es der Aufklärung und dem freieren Denken zu entziehen, von den Regierungen aus politischen Gründen in seinem Aberglauben unterstützt. Die Folgen dieser sündhaften Vorschubleistung konnten nicht ausbleiben. sie zeigten sich in einem rapiden moralischen Rückschritt, den nicht einmal die aus den Klöstern hervorgegangene Pflege der Wissenschaften aufzuhalten vermochte. Wer jedoch hätte es ahnen mögen, daß in unserem stolzen Jahrhundert trotz der fabelhaft technischen Fortschritte in demselben und seiner hochgepriesenen Cultur der Aberglaube so stark emporwuchern, daß er diese vollends Lügen strafen werde und nicht glauben läßt, daß wir in der Zeit und Bildung so sehr vorgeschritten, sind. Den Juden wird das angeblich von ihrer Religion gebotene fürchterliche Verbrechen des Ritualmordes in hartnäckiger Weise angedichtet, und je mehr Beweise für die Unwahrheit dieser Beschuldigung auftauchen, desto mehr, und zwar aus glühendem Ingrimm, daß eben niemals Beweise für die Verübung eines solchen Verbrechens vorhanden waren, steigert sich die Wahnverblendung bis zu ungeahnter Höhe und die Sucht, jede, ob günstige oder ungünstige, Gelegenheit, jedes Verschwinden eines ChristenkindeS zur Aufstachelung der wilden Leidenschaften eines nach Raub und Vandalismus sich sehnenden Mob zu benützen. In Oesterreich scheint der daselbst so blühende Ritualmordaberglaube, der gewiß nicht zur Erhöhung des Prestige dieses Staates beigetragen hat, zur absoluten Nothwendigkeit seiner Existenz, aber nicht zur Nothwendigkeit amtlichen Einschreitens geworden zu sein. Wohin soll diese ewige Täuschung führen? Heute entläuft ein ungerathener Junge vom Elternhause, ohne daß sein Aufenthalt für eine Zeit ergründet werden kann, morgen geht eine Jungfrau in Folge Liebesschiffbruches freiwillig in den Tod, ein anderes Mal wieder wird ein junger Wanderer seiner Barschaft beraubt und erschlagen, ohne daß der eigentliche Mörder, eben durch die auf Kosten des von der Menge sofort fructrficirten Blutmärchens unterstützte Ablenkung des Verdachtes von sich, entdeckt wird. Immer wieder muß der Aberglaube und, wenn dieser nicht, so doch der nur dem Haß entsprungene absichtliche Scheinaberglaube sich prompt einstellen. Nun endlich ist ein amtliches Einschreiten gegen den überhandnehmenden Aberglauben bestimult zu erwarten. Unter der Spitzmarke „Eine Staatsaction gegen den Aberglauben" brachte nämlich das Amtsblatt „Prager Zeitung" kürzlich folgenden Bericht: „Der neue Minister des Innern in Serbien, Popovics, hat, wie serbische Blätter melden, mehrere Erläße an sämmtliche Behörden des Landes gerichtet, durch welche ein amtliches Einschreiten gegen den besonders auf dem flachen Lande überhandnehmenden Aberglauben, welcher unermeßliche, wirthschaftliche und moralische Schäden im Gefolge hat, verfügt wird. Unter Anderem werden die Behörden angewiesen, strenge darauf zu sehen, daß gewisse Werktage, die vom Volke ohne jeden gesetzlichen oder religiösen Grund und nur infolge eines weitverbreiteten Aberglaubens als Feier- und Ruhetage betrachtet werden, für die Zukunft diese Ausnahmsstellung verlieren. Zur Zeit der Ernte bedeutet zum Beispiel die Gewohnheit der Bauern, eine landwirthschaftliche Arbeit weder am Mittwoch noch am Freitag in Angriff zu nehmen, für kleinere Wirthschaftsbetriebe geradezu eine Katastrophe. Die Bevölkerung ist im Sinne des Erlasses an solchen Tagen, besonders wenn es sich um abgeschloffene Verträge handelt, nachdrücklichst zur Arbeit anzuhalten. Gegen Zuwiderhandelnde und besonders gegen die Verbreiter solchen Aberglaubens sind Polizei st rasen festgesetzt. Wie nothwendig die Erläffe des Ministers gewesen, erhellt daraus, daß der A b e rglaube des Volkes sich häufig in Leichenschändungen und Beleidigung ganzer Berufsclassen äußert. Es werden zum Beispiel Leichen nächtlicherweise auf dem Friedhofe ausgegraben und mit Holzpflöcken und Pfählen durchbohrt, damit die Verstorbenen nicht als „Vampyre" erscheinen. Gegen derartige Ausschreitungen ordnet der neue Ministerialerlaß Geld- und Freiheitsstrafen an." Also eine Staatsaction gegen den Aberglauben! aber leider nicht in Oesterreich, sondern in Serbien. In diesem Lande fürchtet der Minister des Innern nicht unpopulär zu werden, in Oesterreich hingegen empfiehlt der Herr Unterrichtsminister den Lehrern (den amtlichen Volksbildern), nicht gegen die nicht mehr fortschrittlichen, d. h. rückschrittlichen Bestrebungen in der Bevölkerung, aufzutreten, damit sie nicht in Disciplinar-Untersuchung kommen. Das sind doch gewaltige Unterschiede! Das kleine junge Königreich Serbien will auch an der Spitze der Civilisation marschiren, dem großen Kaiserstaat Oesterreich schreitet es als leuchtendes Vorbild der Bolksaufklärung voran, es begreift, daß der Aberglaube auf wahre Religion, Cultur und Gesittung eines Volkes einen verderblichen Einfluß nimmt, es ist bestrebt, in demselben den Keim des Guten und Edlen, des wahrhaft Menschlichen zu pflanzen. In Oesterreich geht man von einer anderen Ansicht aus, da opfert man einer rückschrittlichen Partei zuliebe das Humane, unterstützt sie in der Förderung des Aberglaubens im Volke, möge auch unter deffen Einfluß dasselbe dem sittlichen Verfall entgegengehen. Hacket'« „Welträthsel und da« Iudenthum." Vortrag, gehalten in der „Oesterreichisch-Israelitischen Union" in Wien am 27. October 1900 von Dr. M. L. Stern, Rabbiner in Triesch. Meine Hochverehrten! Ein Adept anspruchsloser Forschung, heraus aus stiller Klause, stehe ich da. Dank der edlen Vereinsleitung der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" auf dem politischen Kampfboden unserer Nation, unserer Confession, unserer Race, unseres Familienstammes, unserer Minorität, oder wie sonst noch der Name lauten mag, unter welchem wir uns unserer Haut zu erwehren haben. Was immer wir aber auch sein mögen, Unionisten sind wir unter allen Umständen; das ist unser h i st o r i s ch e r Name. Die Schrift schon nennt uns das Volk der Einheit. Unionistisch ist auch unsere Denkweise, unsere Weltauffasiung. Alle Weltanschauungen, alle Zeiten, alle Entwicklungen fassen wir in der Einheit des jüdischen Gottesbegriffes zusammen. Unter dem Zeichen der Union steht auch unser heiß ersehntes Weltenziel, unsere welthistorische Hoffnung, dereinst noch der großen Weltunion, der vereinigten Völkerfamilie als ein sich selbst treu gebliebenes Volk einheitlich angegliedert zu sein. Unser Urfeind aber rief einst höhnend über uns aus: Die israelitische Union? Sieh', das Volk der Einheit ist zerstreut und zersplittert! Unsere Feinde von heute entsetzen sich: Die Union der Menschheit? Sieh', das ist Judenthum und Verjudung! Verrath am Christenthum und an dem völkischen Abendlande wäre es, den Bestrebungen der Weltunion sich anzuschließen! So steht die israelitische Union heute mehr als je vereinzelt im mächtigen Kampfe und Völkergewühle, ganz auf sich selbst angewiesen da; namentlich in dem unheimlich bedrohlichen Wahlkampfe, der sich demnächst vollziehen soll. Nur spärlich sind unsere verläßlichen Freunde, die Weltunionisten, und selbst diese verzagt und verschüchtert. So legt die israelitische Union seelenmuthig ihren blanken Harnisch an, um stolz und selbstbewußt in eine bereits im Vorhinein verloren gegebene Wahlschlacht hinauszuziehen Wäre ich ein anderer Tyrtäus, meinem Liedermunde sollte dann durch die ergreifendsten Sangesweisen des Herzens ganze Innigkeit erströmen. um Israels geschichtliche Größe zu verherrlichen, bis es in die abgestorbensten Glieder unseres Volkes dränge, damit sich der Unionsgedanke nach verlorener Wahlschlacht nur noch stolzer, selbstbewußter und zuversichtlicher zur Abwehr gegen den siegreichen Gegner erhebe. Doch der entflammenden Lieder nicht mächtig, soll es heute die Wissenschaft sein, mit der ich gerne wenigstens die israelitische Union sammeln wollte, damit wir vorerst dem Hohne des Urfeindes begegnen und uns nicht in uns selbst zerstreut und zersplittert zeigen. Es gilt mir, wenn der Wunsch die Begabung ersetzen kann, die gelehrten, die wissenschaftlichen israelitischen Kreise, selbst die?

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.