Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Eeite 856 Dr. Bloch's Wochrnfchrifi mx. 48 und durch Beförderung der Arbeitsfähigen und Rücksendung^Blütheperiode, seine Glanzära, sein Ruhm vor aller der Uebrigen evacuirt. Dies die nackten Thatsacheu. Sie sprechen sür die „Allianz" und gegen ihre^ Widersacher. Die Repatriirung erfolgte in der humansten Weise. Den in die Heimat Rückbeförderteu wurden nicht unlnträchtliche Geldmittel — fcO bis lOu Frcs per Familie — zur Begründung einer neuen Existenz mit aus den Weg gegeben. Die „Allianz ' hat voll und ganz ihre Pflicht gethau, und nicht sie trifft die Schuld, wenn das Unabwendbare eingetroffen und die in so überstürzter, regelloser Weise eingetrtteue Auswanderungsbewegung über Tausende Menschen Unheil gebracht hat. Ich kenne, geehrter Herr Redacteur, Ihre Ansicht über die Sache nicht, Sie haben zu der Streitfrage bisher nicht Stellung genommen, ich darf daraus wohl schließen, daß Sie ihr unbefangen gegenüber stehen, und glaube deshalb der Erwartung Raum gebeu zu dürfen, daß Sie dieser meiner ehrlichen Meinung Ihr Blatt nicht verschließen werden. Mit vorzüglicher Hochachtung G. Braudeis. Vre Neirtzsraltzswahlrn Die Reclamationsfrist für die Geltendmachung des Reichsrathsmahlrechtes hat dieser Tage begonnen und geht nach kurzer Dauer zu Ende. Während in srüheren Jahren, zur Zeit des liberalen Regimes, die Wählerlisten gedruckt und sämmtlichen Wählern zugeschickt wurden, so daß sie in der Lage waren, sich davon zu überzeugen, ob sie nicht zufällig übergangen uorden waren, wird jetzt die Liste, die einen dreimal so großen Umfang hat, nur in einem geschriebenen Exemplar im Gemeiudehause eines jeden Bezirkes aufgelegt und in diesem Exemplar sollen Tausende von Wählern, denen überdies nur ein sehr kurzer Zeitraum zugemessen ist, nachblättern und controlireu, ob die Wahlbehörde der Pflicht, sämmtliche Wahlberechiigte ex officio einzutragen, nachgekommeu ist. Da bei der augeordneten Begehung der Häuser zum Zwecke der Feststellung der Wählerlisten die antisemitischen Berti aueusmänuer nach Confession und politischer Gesinnung sich erkundigt haben und ihren Einfluß auf die armen Beamren, die sich nicht getrauen, einem antisemitischen Agitator zu widersprechen, ausgeübt, so darf man wohl von vornherein auuehnleu, daß die Wählerlisten lückenhaft sein werden. Es erscheint daher von nicht geringer Bedeutung, daß jeder Wahlberechtigte auch daun die Evutrole der Wählerliste übe, wenn er glaubt, daß er nicht üvergaugen worden fei. „Versehen", daß selbst bekannte Personen, oie seit Jahren in den Wählerlisten standen, präterirt morden sind, andere dagegen, die schon seit langer Zeit im kühlen Grabe von allen politischen und nichtpolitffchen Kämpfen ausruhen, ausgenommen word.n sind, erscheinen unter den gegenwärtigen Verhältnissen als nicht unmöglich und nur wenn von den Wählern selbst )ireng|te Coutrvle geübt würde, kann den Wahlmogeleien ein Riegel vorgeschoben werden. Unsere Glaubensgenossen haben aber umsomehr die Pflicht, chr Wahlrecht zu vertheidigen, als jede einzelne Stimme aufgeboten werden muß, damit die letzte Position, die noch erhalten werden kann, vertheidigt und festgehalten werde. Gar so ferne liegt die Zeit nicht hinter uns, in der Wien geradezu einen Stolz darein setzte, die Confession, die Race und die Nationalität nicht zum Kriterium bei einer Wahl zu machen, die Zeit, in der Wien es sich zur Ehre rechnete, die Besten einer jeden Confession zu seinen Vertretern zu wählen, und in jener Zeit war Wien die geehrteste unter den Städten, die beliebteste und die gesuchteste; aus jener Zeit datirt das Wort: „Wir gravitiren nach Wien", damals war Wien politisch der Schwerpunkt, die tonangebende, richtuugdictirende Stadt, in wirthschaftlicher Beziehung der Kern- und Sammelpunkt. Das war Wiens Welt. In ganz kurzer Zeit hat es das gegenwärtige Regime verstanden, das Oberste zu unterst zu kehren, und wenn heute in der Provinz oder im Auslande von Wien gesprochen wird, so geschieht es mit Achselzucken. Allein so wie von Wien aus die Decadence sich in die Provinz verbreitete, so muß auch von Wien die Resurrection kommen, und hiezu gibt es kein anderes Mittel, als den Stimmzettel. Noch steht zwar ein großer Theil der Bevölkerung unter der Einwirkung der Hypnose, mit der geschickte Taschenspieler den Sinn derselben so zu umgaukeln vermochten, daß sie, jeder selbstständigen Regung baar, ihre Vergangenheit verleugnet, ihre Gegenwart prersgibt. Und ein anderer Theil steht theiluahmslos bei Seite und läßt den Dingen ihren Lauf, ohne mit feiner einflußreichen Hand die Lenkstange des Wagens ergreifen zu wollen. Aus der Tiefe aber steigen neue Elemente hervor und ringen nach Macht und Anerkennung. In der Jugend, die so lange dem Nationalidol nachhing, weil man ihm seine Ideale geraubt hatte, beginnt ethisches Streben von Neuem, den Boden vom Unkraut zu jäten, die Götzenbilder zu zerstören und eine der Jugend würdige, ideale Weltanschauung zu propagiren. Wie lange diese jetzige Sturmuno Drangperlvde dauern, wann die Klärung emtreten wird, vermag wohl Niemand zu sagen, daß aber der Stimmzettel wesenrlich dazu beitragen wird, die Besserung heebeizuführen, bezweifelt Niemand. Zeigt nur erst die Urne, daß die Macht des Winters gebrochen ist und daß sich in den Stürmen auch Frühlingslüfte kundzugeben beginnen, dann belebt neue Hoffnung die zagenden Gemüther und in absehbarer Zeit glaubt man doch den Beginn der Regenerirung vorauszuahnen. Auch aus diesem Grunde soll Jeder, dem cs um diesen Fortschritt zu thun ist, sich seines Wahlrechts wehren und von demselben Gebrauch machen. In Wien aber sind wir dazu noch aus anderen Rücksichten verpflichtet. Die Fortschrittspartei ist nur noch auf zwei Bezirke reducirt, in denen sie ihre Candidaten durchsetzen konnte, einen dritten kann sie, wenn die freisinnigen Wähler ihre Pflicht thun, erobern. Der Feind wendet nun alle Mittel auf, um diesen letzten Boden ihr zu entziehen, und es ist Gefahr vorhanden, daß er sein Ziel erreiche, wenn nicht der letzte Mann aufgeboten wird, um dieses Terrain zu vertheidigen, von dem aus denn doch die Wiedererlangung Oes verlorenen Einflusses erkämpft werden soll, ölicht Hoffnungslosigkeit darf sich in die Reihen schleichen und die Kampfer entmuthigen, sie müssen sich vielmehr mit Ausdauer stählen, mit Energie wappnen und mit Einigkeit stärken. Es handelt sich aber auch darum, fünf Mandate festzuhalten, deren Träger vollstes Vertrauen verdienen, und ein neues zu gewinnen. Noske und Wrabetz haben sich als echte, freisinnige und unerschrockene Fortschrittsmänner erwiesen, die um keinen Preis in Connivenzen mit dem Gegner sich einlassen, den Muth haben, ihrer eigenen Partei die Wahrheit zu sagen und sie in fortschrittlichem Sinne zu überflügeln. Ihr Mitstreiter Dr. Josef K o p p hat sich im Processe des Dr. Josef S. Bloch gegen den berüchtigten Rohling so große Verdienste um die Wahrheit erworben, daß er um diese willen — von seinen sonstigen Fähigkeiten abgesehen — verdient, gewählt zu werden. Der Vierte im Bunde ist Dr. O f n e r. Ein überzeugungstreuer, ehrlicher Kämpfer für alles Gute, Wahre und Schöne, an dem man wahrlich nicht mäkeln soll, weil er die Schwachen mehr vertheidigt, als es den Starken lieb ist. Das fünfte Mandat ist das Leopoldstädter. Wenn Hofrath K a r e i s sich um dasselbe bewirbt, so müssen alle Mittel aufgeboten werden, daß er gewühlt werde, und tritt ein anderer Fortschrittsmann an seine Stelle, so muß dieser die volle Unterstützung finden, die dem Princip gebührt. Das sechste Mandat ist im Alsergrund zu erobern. Dort lat sich der Ethiker Professor I o d l bereit erklärt, in die Candidatur einzutreten,