Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 48 (30.11.1900)
- Date
- 1900-11-30
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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vtr. 48 Or. WnchenfchriN. «eite 8r>5 lassen. Dieses Urtheil konnte nicht anders als entschieden abfällig sein, wenn man las, daß die „Israelitische Allianz" über reiche Mittel zur Beförderung der Emigranten verfüge, daß die Auswanderer in den Vereinigten Staaten und in Canada mit offenen Armen erwartet wurden und daß sich ihnen dort die besten Aussichten eröffneten, daß aber die Wiener Allianz den Strom der Emigranten gewaltsam zurückstaute, für deren Unterbringung absichtlich nicht vorsorgte und zuletzt die Polizei und die Regierung bestimmte, die Rücksendung der Armen über die rumänische Grenze zu verfügen Nach den zionistischen Berichten — den einzigen, die bis jetzt Vorlagen — haben die leitenden Persönlichkeiten der „Allianz" eine beispiellose Hartherzigkeit bekundet, und noch in den letzten Tagen konnte man ein Schreiben des Budapester Cultusvorstandes lesen, in welchem auf die am l3. Juli d I. gestellte Bltte des Vorstandes der „Allianz", die Budapester Glaubensgenossen mögen bei der ungarischen Regierung die Grenzsperre erwirken, geantwortet wurde, daß der Antrag auf beschränkende Maßregeln gegen die freie Bewegung der rumänischen Glaubensbrüder seitens einer jüdischen Behörde geradezu ausgeschlossen sei. Nun ist mir der Bericht des Vorstandes der „Allianz" zugesendet worden und ich muß nach eingehender und gründlicher Prüfung desselben der Leitung der „Israelitischen Allianz zu Wien" alle jene Vorwürfe, die ich ihr im Stillen gemacht hatte, ehrlich abbitten. Dieser Bericht ist eine vollständige Rechtfertigung und wirkt umso überzeugender, als er lediglich die nackten Thatsachen anführt und mit keiner Silbe gegen jene gehässigen Anfeindungen polemisirt, denen die „Allianz" in so unverdient kränkender Weise ausgesetzt war. Im Frühjahre wurden die durch politische Unterdrückung und wirthschaftliche Noth zur Verzweiflung gebrachten Juden Rumäniens, verlockt. durch trügerische Anpreisungen gewissenloser Auswanderungsbureaus, vom Emigrationsfieber ergriffen. Was man ihnen von Canada erzählt hatte, war eine uichtswürdige Lüge, aber sie wurde allgemein geglaubt und die ersten Auswandererzüge setzten sich im Mai in Gang. Nun trat in Paris eine Delegirten-Conferenz der jüdischen Wohlthätigkeitsvereine zusammen, um die mit elementarer Gewalt hereinbrechende Bewegung, so gut es noch ging, zu organisiren Als das einzige überseeische Gebiet, wo die Ansiedlung noch Erfolg verhieß, wurde auch jetzt jenes der Vereinigten Staaten erkannt. Es lagen aber warnende Stimmen vor, daß die nordamerikanische Union aus politischen und socialen Ursachen nur noch arbeitsfähige Elemente aufnehmen und Frauen, Kinder und Greise als Paupers rücksichtslos zurückweisen werden. Die Pariser Conferenz setzte daher als unbeugsame Norm für alle zu bildenden Comitos fest, daß nur jüngere Leute, die sich der landwirthschaftlicheu oder gewerblichen Arbeit zuwenden können, befördert werden sollten. Die Wiener Allianz sollte für das Fortkommen dieser Auswanderer bis Nürnberg oder Frankfurt sorgen, von hier sollten dieselben durch die deutschen Comitßs bis Hamburg, Rotterdam oder Antwerpen gebracht werden, während das Pariser Comitß den überseeischen Transport aus diesen Hafenplätzeu übernahm. Durch die Macht der Umstände wurde die Wiener Allianz gleich anfangs gezwungen, dieses Normativ, durch dessen strenge Einhaltung allein ein geregelter Gang der Auswanderung verbürgt war, zu überschreiten. Den ersten, aus arbeitsfrohen jungen Männern bestehenden Auswanderertrupps folgten schon Anfangs Juni ganze Schaaren von Familien mit Weibern und kleinen Kindern, deren Pässe dahin lauteten, daß ihnen die Rückkehr nach Rumänien nicht gestattet sei. Die ungarische Regierung hatte ihr Territorium gleich anfangs gegen die Emigranten gesperrt, d. h. sieg estattete die Ueberschreitung der rumänischen Grenze nur solchen Auswanderern, die mit Fahrkarten über das ungarische Gebiet hinaus versehen waren. Die Sichtung der Auswanderer gemäß dem Pariser Normativ war also erst in Wien möglich. Was sollte nun mit den Frauen, Kindern und Greisen geschehen, deren Beförderung nach jenem Normativ ausgeschlossen war, die aber auch nicht mehr zurück iu die Heimat konnten? Die Leitung der Allianz gab der Stimme der Barmherzigkeit Gehör— sie sandte all' diese armen Familien ohne Auswahl nach Frankfurt. Die Folge waren energische Recriminationen aus Frankfurt, Rotterdam und Paris und der stricte Auftrag, bei Gefahr einer Zurückweisung solcher Elemente, die in Nordamerika bestimmt keine Aufnahme fänden und das ganze Werk gefährdeten, künftighin eine strenge Sichtung vorzunehmen. Wie begründet dieser Auftrag war, zeigten schon die nächsten Tage. Die nordamerikanische Regierung hatte einen großen Theil der mit dem Dampfer „Phönicia" in New-Iork angelangten Auswanderer als Paupers erklärt, deren Landung verhindert und deren Rücktransport nach Hamburg veranlaßt. In Folge dessen weigerte sich die deutsche Schiffahrtsgesellschaft in Hamburg, weitere Auswanderer zur Ueberfahrt nach Amerika auszunehmen. Gleich daraus wurde auch in Folge eines Hafenarbeiterstrikes in Rotterdam und Amsterdam der Transport über diese Häfen unmöglich, und es traf vom Pariser Comitß die bestimmte Weisung ein, den Lrtrom der Auswanderer in Wien zurückzuhalten Mittlerweile trafen in Wien mittelst Schiff und Bahn immer neue Auswandererzüge ein, die weder vorwärts noch zurück konnten. Mitte Juli belief sich der Emigrantenstand in Wien auf nahezu 2000 Personen, für welche nur mit der äußersten Anstrengung dadurch Unterkunft geschaffen werden konnte, daß nebst der Talmud-Thora-Schule in der Malzgasse und zwei neugebauten Häusern, die ein Bauunternehmer zur Verfügung gestellt hatte, fünf Schleppschiffe von der Donau- Dampfschiffahrtsgesellschaft zur Verfügung gestellt wurden. Neue Unterkunftsräume zu beschaffen, war nicht mehr möglich. Das. war der Zeitpunkt, in welchem die Allianz sich an die Budapester Cultusgemeinde mit der inständigen Bitte wendete, von der ungarischen Regierung die Grenzsperre zu erwirken. Die Zionisten haben nur den Wortlaut der Antwort, nicht aber jenen des Ersuchschreibens der „Allianz", welches die Begründung der Bitte enthielt, veröffentlicht Die Budapester Cultusgemeinde übte wahrhaftig eine sehr billige Wohlthätigkeit! Sie schickte die Auswandererschaaren, denen der Aufenthalt in Ungarn verwehrt war, ohne Rücksicht auf die kritische Situation, in welche das Wiener Comitö gerathen war, mit aller Beschleunigung nach Wien — mochte dort mit ihnen geschehen, was wolle. Diese Transits- Humanität entsprach allerdings den Absichten der ungarischen Regierung, nicht aber den Forderungen der Menschlichkeit und dem Wohle der Auswanderer. Sie wurde so blind geübt, daß ein Zug von über 600 Auswanderern e r st vier Stunden vor seinem Eintreffen am Wiener Staatsbahnhofe von den Budapester Glaubensgenossen der „Allianz" avisirt wurde. Nur mit Mühe konnte für diese für eine Nacht in einer Werkstätte der Staatsbahn Obdach geschaffen werden, am folgenden Morgen mußten die Leute im Freien campiren Die Polizei legte sich ins Mittel, und da es unmöglich war, eine andere Unterkunft >u beschaffen, mußte ein Extrazug gemiethet und der Trupp nach Budapest und von hier nach Rumänien zurückgesendet werden Als nun aber Meldungen von weiteren riesigen Emigrantenzügen,die unterwegs seien, in Wien eintrafen, deren Unterbringung oder Weiterbeförderung unter den obwaltenden Umständen ein Ding der Unmöglichkeit war, stand die „Allianz" vor einer katastrophalen Wendung, der nur dadurch vorgebeugt werden konnte, daß die Territorialsperre, die bisher nur für Ungarn bestand, auch für das österreichische Gebiet erwirkt wurde. Allmälig wurde dann das aus ca 2<’00 Köpfen bestehende Wiener Emigrantenlager gesichtet