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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 47 Dr. Bwch's WochenfchrM Seile 851 lugte mit einem Auge in die Gasse, wo die Passanten fröstelnd und zähneklappernd dahineilteu, Kinder einander mit Schneeballen bewarfen und unbändig lachten, sobald ein Wurf traf; der Kutscher am Bock sah vor sich hin, der klepperdürre Gaul knickte auf seinen muskellosen Beinen tief ein, ließ die Ohren schlapp hängen und rührte sich nicht — nur dann und wann, wenn ihn die Kälte überkam, schauerte er unter der schlissigen Decke, die ihm der Kutscher über den Rücken geworfen, zusammen. Der alte Kellermann ist todt! Vor einigen Wochen noch sah ich ihn, da war er frisch — so, was man eben gemeinhin »frisch" nennt. Seit dem Jahre 1887 litt er an einer Lähmung des 8 püiuIcter vesicae, an chronischem Gelenksrheumatismus und hochgradigen Nervositätszuständen; Krankheiten, welche eine Einkerkerung im Holleschauer Gemeindekotter nach sich zog. Kellermann stand damals unter dem Verdacht, seiner Magd Katscha, einem frechen, trotzigen Hannakenmädel, die Pulsadern unterschnitten zu haben, um sich auf diese Art in den Besitz ihres Blutes zu setzen. Einmal, als ich mich in einem Wäldchen um Holleschau erging, begegnete ich dem alten Rabbiner; wir grüßten uns und sprachen über verschiedene Dinge, und unter Anderem erzählte mir der alte Herr Kellermann's Leidensgeschichte: Katscha war bei Kellermann hauptsächlich wegen der Gänsezucht bedienstet, da diese in den mährischen Provinzstädten meistens von Juden betrieben wird. Eines Freitag Abends, als die Familie bei Tische saß, kam das Madel bestürzt herein und sagte der Frau, daß ihr eben eine Gans beim Stoppen erstickt sei. Die Frau, ihres Gatten Jähzorn befürchtend, beauftragte Katscha, der todten Gans die Kehle zu unterschneiden, so, als ob das Thier geschlachtet worden wäre. Kellermann trank über seinen Durst und hob schließlich sein Glas, um auf das Wohl seines in Wien als Lieutenant dienenden Sohnes Rudolf zu trinken: Kinder, Euer Bruder, der Herr Lieutenant soll leben! Jubelnd und stolz zugleich auf den Herrn Lieutenant, wurden die Gläser geleert. Kellermann lag lange schon im Bett und noch immer plauderte er, seine Frau wies ihn zur Ruhe, er lachte und srug, aus welchem Grunde Katscha während des Abendbrotes in das Zimmer gekommen? Schlaf' — mahnte die Frau — 's war nix. Kommt m'r da wie e 'seil in's Zimmer geflogen? Jeder kommt wie 'r kann. Schlaf'! Ich schlaf eh schon. .. Nachts, gegen die zweite Stunde, fühlte er sich aus dem Schlafe gerüttelt, er schlug die Augen auf, schloß sie jedoch, geblendet durch den grellen Schein einer Blendlaterne, welche ihm ein Gendarm vorhielt, gleich wieder zu; in diesem Moment aber bekam er einen zweiten, noch derberen Schlag, so daß er vollends erwachte und blinzelnd um sich im Kreise sah. Was wollen Sie von mir? begann er raisonnirend. Nehmen Sie Ihre Kleider — herrschte ihn der Polizeicommissär an — und kommen Sie mit mir. Die Coinmifsion, welche aus einem Gerichtsadjuncten, dem Polizeicommissär und einem Gendarm-Postensührer bestand, zerrte zugleich Kellermann's Söhne Fritz und Max aus den Betten, auch die mußten sich ankleiden, sodann wurden alle Drei in den Hof geführt, zum Brunnen hin, wo Katscha sich befand, der Knecht Holomek und ein zweiter Gendarm. Einen Schritt vor dem Brunnenrand wurde Halt gemacht und der Commissär wies bei dem Licht der Blendlaterne auf eine Lache geronnenen dunklen Blutes, welches auf einem Steine des Brunnenrandes lag, breit und plät;chig wie eine aufgeblähte Kröte in der Nässe. Katscha! — befahl der Commissiär — zeig' Deine Hand! Das Mädel rollte einen schmutzigen Leinwandfetzen vom Gelenk der rechten Hand und bot dann diese wimmernd hin. Sie Kellermann und Ihr zwei Mistbuben, was hat die Katscha an der Hand? Kellermann sah hiu, ebenso seine beiden Söhne, und da bemerkten sie drei wagrechte Schnitte oberhalb der Schlagader, in der Nähe des Pulses. Die Schnitte mochten die obere Hauptpartie durchtrennt haben, nur einer schien etwas tiefer, da eine spärliche Menge Blutes aus der Wunde langsam rieselte und tropfenweise niederfiel auf die Pflastersteine. Na — bekennen Sie sich schuldig? forschte der Commissär. Ich? Um Gottes willen wessen? Des Mordversuches an Ihrer Magd! Ich bin verloren! kreischte er und schloß jammernd seine Kinder an die Brust. Nach einigen Augenblicken wandte er sich an Katscha: Katschenko ... sag' mir ... oder nein, da den Herren sag's, Hab' ich D'r was gemacht? Jetzt aber hob das Mädel frech den häßlichen Kopf mit den wulstig aufgetriebenen Lippen und rief: Haben S' g'hört, Herr Commissär, wie 'r sich selbst verrathen hat vorher? Ja, er hat mich morden wollen und der Fritzl hat ihm geholfen und der Maxl hat ihm geholfen. Es waren noch zwei fremde Juden da, aber — die sind über die Mauer weg g'laufen. Pim — pam — a so gut bin ich ni . . . schrie Kellermann. Du miserables Luder! Du Lügnerin l brüllte Fritz in seiner ungeheuren Erregung mühsam hervor. Du wirft uns verleumden? Er hätte sich auf Katscha gestürzt, hielte ihn der Gendarm nicht fest wie in eiserner Klammer. Führen Sie die Leute ab! näselte der Gerichts-Adjunct. — — Vier Wochen währte die Untersuchungshaft. Die beiden Jungen wurden mit ihrem Vater in einen Kotter gesteckt, in welchen nur spärlich Licht kam, die Sonne sahen sie nicht, blos ein winziger Ritz mit festen Gitterstäben in der Mauer, ließ ein wenig Licht in den Raum fallen. Seit jenem Abendmahl sah Kellermann nicht mehr seine Frau, dahier aber stand er täglich dem Untersuchungsrichter gegenüber, mußte Tag für Tag eine Flnth von Schmipfworten über sich ergehen lassen, die gemeinsten Verdächtigungen mußte er ruhig anhören und fand in seinem grenzenlosen Jammer kein Wort, mit welchem er sich hätte vertheidigen können. Als er nach einem der letzten Verhöre wieder abgeführt wurde, sagte ihm ein Wachmann, daß Stern — Frau Kellermann's Bruder — alle möglichen Schritte zur Befreiung der Gefangenen unternommen habe, zwar sei er überall abgewiesen worden, doch — heute ist er beim Kaiser und man kann nicht wissen . . . Stumpf wie immer stieg Kellermann in sein Gefängniß. Während der Untersuchungshaft entwickelte sich bei ihm langsam ein Leiden. Augeekelt von dem Schmutz und Unrath des Berließes, schaudernd bei dem Anblick des Koths, den seine Vorgänger hier zurückließen, wollte er sich so viel als nur möglich zurückhalten. Einige Tage ging es, er kämpfte mit seinem Leib, da ihm die Scham vor seinen Kindern eine ungeheure Widerstandskraft verliehen — dann aber verließ ihn diese Kraft immer mehr, er wurde fertig! Sein Unglück war hereingebrochen! Nachts, wenn er sich schlaflos auf der harten Pritsche wälzte und wirre Phantasien seinen Sinn durchrasten, da riß es ihn in allen Gliedern, die Gelenke verdickten sich allmählich, es schien ihm, als läge er in feurigem Bett und so blieb er ruhig auf den ungehobelten Brettern liegen, da jede Bewegung die wahnsinnigsten Schmerzen im Gefolge hatte; er wimmerte nicht einmal, seine Kinder sollten schlafen, um das Geheul und Gebrüll der Horden nicht zu hören, die plündernd in das Judenviertel fielen und dieses von Petroleusen in Brand stecken ließen. Der blutige Reflex der Flammen fiel vom Firmament durch den Mauerritz auf die kaltnassen Fließen, dort tänzelte er in der Nässe und färbte roth den kleinen Fleck und Kellermann's Phantasie schuf ein Meer von Blut und Blnt aus dieser winzigen Lache. Von fern her vernahm er das Prasseln der brennenden Judenstadt, den dumpfen Donner, das Krachen, Brechen und Poltern der einstürzenden Gebäude, aus deren Schutt sich sprühende Funken zu gigantischen Höhen erhoben, getrieben vom Herbststurm, der durch die Ebene brauste und die glühenden Splitter weit hinaus trug bis nach jenen Oertern, woher die Horden kamen. Und wie Kellermann so dalag, flog ein Funke durch den Ritz und fiel neben der Pritsche nieder. Da schoß es dem Alten durch den Kopf, daß dieses Stückchen glimmenden Holzes von seinem eigenen Hause sein könnte und er weinte laut. Das Fünkchen glomm noch einige Minuten, beleuchtete einen kleinen Umkreis, das Licht wurde mit einewmale intensiver, Kellermann blickte hin nach einem Funken — seinem brennenden Haus, er schien die Augen daran zu verlieren, da verlosch der Splitter, zischte in der Nässe und der Alte stöhnte so laut, daß er das Gekrache der Salven überhörte, welches eben draußen begonnen. Nach einigen Augenblicken jedoch vernahm er ein schmetterndes Hornsignal, Trommelwirbel, und dachte dabei an seinen Sohn, den Lieutenant.

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