Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 846 Dr. Blmh's Wochenfthrift. Nr. 47 Berliner Krankenhause gewidmet haben, mit einigen Worten ergänze: In der That entspricht das Haus in baulicher Hinsicht nicht mehr vollständig den gegenwärtigen Anforderungen der Hygiene. Indessen verdient es hervorgehoben zu werden, daß die Verwaltung dieses Spitals eine mustergiltige. die erzielten Heilresultate geradezu glänzende sind. Man wird auch nicht bald eine aus gewählten Funktionären zusammengesetzte Verwaltung antreffen, deren Mitglieder sich in so aufopferungsvoller Weise ihrer humanen Mission widmen, wie dies beim Verwaltungsausschusse dieses Spitals der Fall ist. Täglich versieht ein anderes Mitglied dieses Ausschusses, und zwar ununterbrochen durch mehrere Stunden, den Aussichtsdienst im Hause. Wenn man bedentt, daß die Ausschußmitglieder zu den angesehensten Mitgliedern der Berliner Gemeinde zählen, daß dieselben großen Geschäften oder Industrien vorstehen und außerdem öffentliche Aemter bekleiden, so wird man deren Opferwilligkeit gewiß hochschätzen. Wie mir überdies von maßgebender Seite mitgetheilt wurde, geht der Vorstand der Berliner Cultusgemeinde in Uebereinstimmung mit der Spitalsverwaltung mit dem Plane einer durchgreifenden Adaptirung dieses Spitals um, welches sohiu noch durch Jahrzehnte seinen gemeinnützigen Zwecken erfolgreich dienen wird. Mit vorzüglicher Hochachtung Wien, 20. November 1900. ergebenst W. S t i a ß n y. Nach dem Proceß Hilsner. Hilsner hat „anläßlich seines Namenstages" gegen dreihundert Ansichtskarten aus allen Weltgegenden zugeschickt erhalten. Es darf wohl als eine besondere Gemüthsverrohung bezeichnet werden, daß diese Karten fast durchwegs eine Beglückwünschung Hilsner's zu dessen Verurthettung zum Tode enthielten. Eine der Karten, die aus Wien einlangte, enthielt die Worte: .Herzlichen Glückwunsch zum hoffentlich letzten Namenstage." Gestern gegen 9 Uhr Abends rottete sich vor dem Kreisgerichtsgebäude .ein Haufe junger Bursche zusammen, um Hilsner ein .Ständchen" darzubringen. Die Bursche sangen mehrere Strophen eines der zahlreichen, in jüngster Zeit in Pisek entstandenen Hilsner-Lieder, dessen Text auf den Ritualmord anspielt. Die Polizei erschien ziemlich spät am Platze und zerstreute die Ruhestörer. Bezeichnend für die Stimmung, die den Hilsner-Proceß auch von außenher begleitete, ist der Umstand, daß Dr. B ax a aus Wien und vom Lande zahlreiche Glückwunschtelegramme erhielt, in welchen er als Retter des Christenvolkes gefeiert wird. Zur Ritualmordhetze. Während das Organ unserer Radicalnationalen einen so blutrünstigen Ritualmord-Propaganda-Artikel brachte, daß der Staatsanwalt den größten Theil dieser publicistischen Leistung für sich allein behalten mußte, lesen wir in den ..Mü nchener Neue st en Nachrichte n", einem gewiß gut und stramm nationalen Blatte alldeutscher Richtung, folgende Ausführungen über die Processe in Könitz und Polna insbesondere : „Daß diese gehässige Legende auch an Leute herantrat, die späterhin berufen waren, als Gesch warne und Zeugen aufzutreten, dürste staglos sein. Es wird ohnehin wenig Leute geben, die im Stande sind, scheinbar belanglose Einzelheiten mit Genauigkeit Wied rzugeben, die, wie im Polnacr Processe, zwei Jahre zurückliegen. Das Wenige aber vielleicht, das noch dunkel in der Erinnerung zurückgeblieben ist, wird durch eine solche durch das geschriebene oder gesprochene Wort geübte Beeinflussung getrübt worden sein. Der unparteiisch handelnden Justiz haben die Herren Bruhn und Eonsorten in Könitz und die Herren Baxa und Genossen in Polna mit ihrer Agitation einen schlechten Dienst geleistet. Ganz abgesehen von den vorliegenden Fällen, sollte es doch unmöglich irgend einer ernst zu nehmenden politischen Parte: darum zu ihnn sein, das System über das Recht zu setzen und Unschuldige zu Verbrechern zu stemp eln, selbst wenn sie einer Religionsgemeinschaft angehören, die den Principien der Partei nach zu bekämpfen ist. Denn ein ehrlich handelnder M ensch darf und wird nie und nimmer mit Mitteln streiten, welche den Gesetzen der Moral entgegen stehen. Das aber und nichts Anderes ist in Könitz und Polna jüngst geschehen. Und in diesem traurigen Sinne kann man h'er wie dort von einem politischen Processe reden . . . Das Unerwartete im Polna er Proceß war, daß die Geschwornen sich entschließen konnten, auf Grund eines nicht geschlossenen Jndicienbeweises und nicht einheitlicher Zeugenbeurkundungen die Theilnahme Hilsner's an beiden Morden als erwiesen anzunehmen. Zeugen, welche die Mordthaten mitangesehen haben, existiren nicht. Ja, bezüglich der Klima, an deren Ermordung Hilsner nach dem Wahrspruch der Geschwornen theilgenommen hat, ist überhaupt nicht festzustellen gewesen, ob die aufgefundene Leiche mit der Ermordeten identisch war. Daß darüber Zweifel bestanden, das beweisen die eingehenden Nachforschungen, die sofort angestellt wurden, als es hieß, die Klima lebe und halte sich als Kellnerin irgendwo in Westdeutschland auf. Allerdings muß man zugeben, daß es Hilsner nicht gelungen ist, sein Alibi an den kritischen Tagen nachzuweisen. Allein — und hier fehlt ein wichtiges Glied in der Beweiskette — auch die anklagende Partei hat nicht den einheitlichen Beweis erbringen können, daß Hilsner z u r k r i t i s ch e n Z e i t am Orte der That gewesen sei. Der Zeuge Peschak, dessen Aussage, er habe den Hilsner im Walde gesehen, wohl nicht zum Wenigsten zur Verurtheilung des Angeklagten beigetragen hat, ist zwar notorisch im Besitz einer normalen Sehweite. Allein — das hat die Facultät festgestellt — die Entfernung zwischen ihm und Hilsner war eine derartige, daß ein Erkennen der Gesichtszüge Hilsner's ausgeschlossen war . . . Alle diese Lücken in der Beweisführung, die Niemand leugnen wird, sind nicht ausreichend für ein „Non liquet" gewesen . . . Wie wir hören, hat Herr Baxa die Verurtheilung H i l s n e r's zum Tode noch am gleichen Tage im Kreise seiner Gesinnungsgenossen f e st l i ch begangen. In der That, ein z w e i t e r A l b o i n, der aus dem Schädel seines Feindes den Siegeswein schlürfte!" Correspondenzen. Wien. (T r a u e r g o t t e s d i e n st.) Anläßlich des Ablebens Sr. Ehrwürden des Herrn Gemeinderabbiners I. F l e i ß i g, veranstaltete der Verein B e t h-J s r a e l Sonntag den 18. d. M. in seiner Vereinssynagoge, II., Leopoldsgasse 23 eine solenne Trauerandacht, verbunden mit Kanzelvortrag und Psalmenrecitation. Noch vor der anberaumten Stunde war das geräumige, hell erleuchtete Gotteshaus von den Mitgliedern des Vereines, ständigen Besuchern und zahlreichen Trauergästen bis auf das letzte Plätzchen besetzt. Nebst dem Vereinsvorstande, der sich mit seinem Präses Herrn I Meisels an der Spitze ‘ und sämmtlichen Bethausvorstehern corporativ eingesunden, bemerkte man unter den erschienenen Gästen: Se. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n, Rabbiner Dr. Schmiedel, Rector Dr. A. Schwarz, Lector M. Friedman n, Dr. E. A d l e r in Vertretung des I. Sccretärs der Eultnsgcmeinde kaiserl. Rathes Dr. Lieben, die Rabbiner W. S o r, Dr. G e l b h a u s, Kramer, den Ehacham der türkischen Gemeinde M. P a p o, kaiserl. Rath I. F l u ß, Director Jg. I o l l e s, die Obmänner und Dclcgirten vieler Vereine, die Vertreter der jüdischen Presse rc, sowie die Söhne und Angehörigen des Dahingeschiedcnen. Nach Beendigung des Minchagebetes bestieg der Gemeinde- und Vereinsrabbiner Eyrwürdcn Herr M. M a y c r s o h n die schwarz drapirtc Kanzel, um den Verewigten als seinen Vorgänger im Amte einen würdigen Hesped, einen warmen, riefempfundenen Nachruf zu halten Im Laufe des Vortrages gedachte der Redner auch des im Vorjahre in der Blüthe seines thatenreiches Lebens verstorbenen Rabbinatsassessors I. B r e u e r, indem er die rührige Thäti ikeit, die derselbe in Angelegenheiten des Rabbinats entfaltete, rühmlichst hervorhob. Wir haben in deni dahingeschiedenen Rabbi Fleißig — schloß der Redner mit tiefbewegter Stimme — nicht nur einen großen, bedeutenden Talmid Ehochom, einen Thorakundigen von unschätzbarer Größe und Vollkommenheit, sondern auch einen fleißigen, nimmermüden Forscher, Förderer und Verbreiter der Thora Hakdauscho verloren, und können nur in dem einen Gedanken Trost finden, daß wohl sein klares, scharfes Kennerauge für immer sich geschlossen, sein edler, erhabener Geist aber noch fortlebt unter uns, und die Saat, die er so eifrig und so sorgfältig in den Boden des Thorastudinms und der Gotteslehre gesäet, weiterkcimen, Wurzel fassen und reichliche Früchte tragen wird. Die Versammlung, die von der Weihe des Tages sichtlich bewegt und ergriffen ward und mit Spannung auf jedes einzelne Wort des Vortrages lauschte, zollte dem Redner, als dieser seinen inhaltsreichen Vortrag beendigt und die Kanzel verließ, ungeteilten lebhaften Beifall. Sodann trat Obercantor S ch o r in Function. Er recitirte in wahrhaft rührender, herzergreifender Weise das El mole rachamim. trug in Begleitung seines wohlgeschulten Chores zwei eigens für den Trauergottesdienst componirte Psalmen vor und schloß unter. allgemeiner Begeisterung des Publicums mit dem üblichen Kadischgebete. Hierauf wurde das Maariwgebet verrichtet und damit fand die Trauerandacht, die wohl manchem der vielen Theilnehmer in pietätvoller Erinnerung bleiben wird, den würdigen Abschluß. lieber die Leichenfeier ist noch zu melden, daß, da der Verblichene 28 Jahre an dem Bethausverein „ Beth Hachneteth", III., Untere Viaductgasse 13, gewirkt hat. der derzeitige Rabbiner, Herr Dr. A b e l e s, an der Bahre im Ceremoniensaale einen trefflichen Nachruf dem Vorgänger gehalten, und der Vereinsobmann Herr Dr. Ludwig Straßer am offenen Grabe in schwungvoller Rede im Namen des Vereines vom Verewigten Abschied genommen hat. D. LLn.