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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 47 Dr. Bloch's Wochrnschrifi. Sette 845 Aufopferung und Hingebung erfüllen, sondern den Gemeindemitgl'edern, die von der Existenz dieses Vereines noch nicht insoweit Notiz nehmen, daß sie sich seiner in allen Fällen bedienen und die von ihm Empfohlenen berücksichtigen, muß man es immer wieder betonen, daß sie an diesem heilbringenden Werke Mitarbeiten müssen, Mitarbeiten nicht blos durch den Mitgliedsbeitrag, sondern mehr noch durch die active Theilnahme, daß sie des Vereines in allen Fällen als Vermittlungsorgans sich bedienen. Wenn der Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis diese Ausweitung seines Mitgliederstandes erreicht haben wird, wird er auch noch den weiteren Anforderungen entsprechen, welche sich sonst der verewigte Rosenfeld als die Vereinsvorstände selbst zur Aufgabe gestellt haben. Daß die Vereinsmitglieder ihrem Vorstande für seine rastlosen Bemühungen dankten, daß sie den Jahresbericht genehmigten, dem Cassenbericht dar Absolutorium ertheilten, sowie daß sie allen auf das Wirken Rosenfeld's bezüglichen Kundgebungen des Präsidenten Dr. K l e m p e r e r, des Berichterstatters des Executivcomitäs E. W i e n e r, des Kassiers Dr. Bela T aussig, die sämmtlich Gelegenheit nahmen, des Verewigten nach seinen Verdiensten zu gedenken, ihre pietätvolle Zustimmung gaben, dürfen Sie als selbstverständlich voraussetzen. Dr. Knöpfel macher gab namens der Mitglieder, Herr Salo K o h n als Vertreter der Cultusgemeinde der Befriedigung über das Wirken des Vereins Ausdruck. Es mag diese Erwähnung der Vorgänge des Abends genügen. Lassen Sie mich lieber, Herr Redacteur, statt des schablonenmäßigen Generalversammlungsberichtes den Appell an Ihre Leser — die ja zu Tausenden zählen, richten — daß jeder von ihnen mit vollster Ueberzeugung sich an der Propaganda für den Verein betheilige, sich selbst von seinem wohlthätigen Wirken überzeuge, selbst mitthue und jeden zum Mitthun veranlasse, der es mit der Arbeitsförderung unter den Juden ehrlich meint. I. L. Vom Jahrmarkt des Lebens. Rumänien und Galizien. Ich bin von befreundeter Seite brieflich angegangen worden, in der „Oesterreichischen Wochenschrift" einen in der Krakauer utraquistischen Zeitschrift „Sprawiedliwos'ö" erschienenen Artikel zu unterstützen, dessen Tendenz dahin geht, daß die deutschen Hilfscomites ihre Action für die jüdischen Emigranten aus Rumänien als überflüssig geworden einstellen und sie den hilfsbedürftigen Juden Galiziens zuwenden mögen, deren Nothlage der Rumänien wegen in letzter Ze-it gänzlich ignorirt wurde und die seitens ihrer reichen Landsleute nichts zu hoffen haben. So nahe mir auch das unbestreitbar große Elend der gewiß sehr bemitleidenswerthen galizischen Juden geht, deren Erwerbsquellen immer mehr versiegen und deren Existenz immer mehr einschrumpft, könnte ich doch nicht mit ruhigem Gewissen die Zumuthung befürworten, die rumänischen Juden als bereits gesundet zu entlassen und die galizischen in die Cur zu nehmen, wenn die Mittel nicht für beide ausreichen. Für mich gibt es bezüglich der Juden überhaupt keine Landesgrenzen; Alle bilden sie Ein kettentragendes Volk und Eine von Unduldsamkeit und Rohheit verfolgte Religionsgenossenschaft, ob sie nun in Oesterreich, in Rußland oder in Rumänien leben und kämpfen. Wenn diese Verfolgung hie und da aus innern oder äußern Ursachen zuweilen an Jntensivität nachgelassen, so hat sie nicht aufgehört, namentlich nicht in jenen Ländern, von denen es heißt: „Grattez le . . , et vous trouverez le tartare“. Der Streit eines jüdischen Hausirers mit einem betrunkenen Wallachen wegen einer alten Hose würde genügen, einen neuen Krawall und eine neue Judenverfolgung in Scene zu setzen und Hunderte Familien um Habe und Heimat zu bringen, wie dies vor einiger Zeit in Odessa der Fall war. Es bleibt somit unter allen Umständen eine nicht genug zu schätzende Wohlthat, wenn man eine Anzahl Juden aus den galizischen. ruffischen oder rumänischen Pferchs befreien und in Ländern ansiedeln kann, in denen sie unbeängstigt athmen, unbeanständet leben und ungestört arbeiten können. Ich traue dem Hausfrieden nicht; der Zug der Zeit ist mächtig, die Reaction und die Verwilderung schreiten fort und werfen nieder, was die Cultur früherer Decennien aufgerichtet. So schwer die armen Juden Galiziens kämpfen — das Elend und die Unsicherheit in Rumänien sind noch größer. Den Behörden in Galizien konnte man zuweilen den berechtigten Borwurf machen, daß sie langsam, bedächtig und schwerfällig waren, wenn es galt, einen Angriff auf Juden abzuwehren, aber niemals haben unsere Regierungsorgane mit den Meuterern sraternisirt und an den Ausschreitungen des Janhagels theilgenommen, wie in den lieblichen Ländern an der unteren Donau. Es kann in Galizien wohl vorgekommen sein, daß die Localbehörden sich so lange Bedenkzeit für ihre Intervention genommen, bis si: ruhig zu Haus hätten bleiben können, da nichts mehr zu verhüten und zu verhindern war; es konnte auch Vorkommen, daß ein mehr reclamesüchtiger als überlegter Staatsanwalt im Gerichtssaal seine antisemitische Gesinnung ausschrotete — aber kein Staatsbeamter, mag er vom Judenhaß noch so geschwollen sein, würde bei uns wagen, sich zu den Angreifern zu gesellen, sie zu befeuern, ihren Schändlichkeiten zu applaudiren, wie es in Rumänien oft genug der Fall war. Dabei gehören die dortigen Juden nicht zur schlechtesten Sorte; sie sind arbeitsam, als Handwerker fleißig und geschickt und wurden auch, bevor der Antisemitismus das Land verseuchte, als solche sogar zu Maler-, Lackirer- und Decorateurarbeiten in Kirchen verwendet. Allerdings herrscht momentan Ruhe — die Ruhe des Kirchhofes. — Ueber Nacht jedoch kann das Ministerium oder noch leichter die Gesinnung der Minister wechseln und der widrige Spectakel geht abermals los, urplötzlich wie schlagende Wetter die die nichts ahnenden Arbeiter im Schoße ihres Bergwerkes hinstrecken und ihre Familien mit Jammer erfüllen. Nein, dort wo kein Recht und keine Gerechtigkeit existirt, wo Menschen wie wilde Bestien ungestraft Menschen angreifen dürfen, kann man sich nicht ruhig niederlegen. Es wäre eine schwere Unterlassungssünde, die Befreiungs- und Bergungsarbeit für die rumänischen Juden vor Erlangung von Garantien auf verfassungsmäßigem Wege zu sistiren.Das Wanderziel ist gleichgiltig. Wohin sie gehen, sind sie besser aufgehoben als in ihrem jetzigen Stiefvaterlande. Amerika. Australien, Asien und Afrika haben genug brache Schollen für kräftige und arbeitsharte Arme: „Raum genug hat die Erde — für eine verfolgte Heerde!" Ich bin jedoch weit entfernt, behaupten zu wollen, daß sich unsere galizischen Juden in brillanter Situation befänden und daß es ihnen so wohl ginge, wie ihren hochgestellten Prizim, die contingentirtenSpiritus erzeugen, fettePropinationsentschädigungen einstrichen und nun die Propination als Pächter ausüben, dabei Salz verschleißen und Spölkas gründen. Wenn man in ein Städtchen tritt, das für einen Europäer alle Schrecken der Verwilderung und Verkommenheit hat — wenn man die bodenlosen Gäßchen mit den pestilenzialischen Pfützen, die verfallenen Hütten mit den schiefen Dächern und papierbeklebten Fenstern sieht, dazwischen die dürftigen, zerschliffenen, gramgebeugten Gestalten — so fragt man sich, wovon leben eigentlich diese Menschen? Sie sind arm, ihre Nachbarn, die Bauern sirrd arm; die Gutsherren und ihre Leute hetzen sie vom Hof und den Gesindehäusern; vom Himmel regnet kein Manna; das Brod ist theuer und der Steuersequester ist kein Gefühlsmensch. — Nun, das Aussehen der Leute ist die Antwort. Es ist der langsame Hungertod, die Degenerirung eines dem Untergange geweihten Volkes, das an dem letzten Rest seiner Säfte und Kräfte zehrt. Ein Elend, so allgemein und intensiv, daß darüber das Herz eines Wiener Antisemiten auffauchzen würde, kann durch Unterstützungen kaum gelindert, niemals aber behoben werden. Hunderttausende können nicht für die Dauer durch Almosen erhalten werden, wenn ihnen das Land seine Nährquellen verschließt. Hier kann nur durch eine langsame aber continuirliche Ableitung geholfen werden; die starke Anhäufung beschäftigungs- und subfistenzloser Menschen auf engen, sterilen Punkten muß gelichtet und für sie fruchtbare Terrains gesucht werden, wo sie mit Aussicht aus Erfolg ihre Kräfte einsetzen können, die jetzt latent sind. Es ist nicht wahr, daß der Jude die Arbeit scheuet — die Arbeit scheuet den Juden, man entzieht sie ihm, indem man ihm den Absatz entzieht, ohne welchen die Arbeit stille steht, die Werkzeuge verrosten und die Arbeiter zum Proletariat hinuntersinken. Meran. LeoHerzberg-Fränkel. Jüdische Wohtthäligkeits-Anstalten. Wir erhalten folgende Zuschrift: Geehrter Herr Redacteur! In der letzten Nummer Ihrer geehrten Wochenschrift hatten Sie die Güte, über eine Studienreise nach Frankreich und Deutschland zu berichten und jene Wahrnehmungen zu skizziren, welche ich bei Besichtigung jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten in mehreren großen Städten dieser beiden Staaten gemacht habe. Erlauben Sie, daß ich die kurze Bemerkung, welche Sie dem

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