Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 844 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 47 Herr Leopold Frankfurter bemängelt es, daß die Tempelvereine von den gespendeten Geldern einen Percentsatz für ihre Regiespesen verwenden und fordert den Cultusvorstand auf, hier Wandlung zu schaffen. Herr Vice-Präsident Dr. Alfred Stern erklärt, daß diese Sache schon oft im Cultusvorstande Gegenstand der Berathung bildete. Bon seinem persönlichen Standpunkte aus perhorrescire er diesen Vorgang. Herr F e i w e l interpellirt Herrn Dr. S t e r n, ob er seine Beschuldigung wegen der Besudelung des Vorstandes gegen die von ihm redigirte „Welt" gerichtet habe. Herr Bernhard interpellirt denselben Cultusvorsteher, ob er als Angehöriger der deutschliberalen Partei auf die Jugend germanisirend, oder im national-jüdischen Sinne einzuwirken gewillt sei; ob er gleich allen jüdischen Gemeinden, welche den rumänischen Auswanderern hilfreich beigesprungen sind, nicht auch der Ansicht huldige, daß es Sache der Cultusgemeinde sei, bei ähnlichen Katastrophen hilfebringend beizuspringen; endlich was Dr. Stern gegenüber dem scandalösen Borgehen einzelner Collegen in der Miance zu thun gedenke. Dr. Stern erwidert, daß er von dem Momente seines Eintrittes in den Vorstand dafür eintrat, daß der hebräischen Sprache wieder ihr Platz in der Schule eingeräumt werde und dies sogar in dem Statute ausgenommen werde. Vor 18 Jahren habe er an der Grenze von Galizien den Exodus der russischen Emigranten durch volle drei Wochen unter den größten Strapazen geleitet. In der Alliance werde ein ausführlicher Bericht über die Thätigkeit der Alliance gelegentlich der rumänischen Auswanderung vorbereitet. Aus diesem Berichte werde man ersehen können, was hiebei seitens der Alliance geleistet wurde. Die Cultusgemeinde selbst leiste bei solchen Anlässen das, was sie könne. Auf die Anfrage des Herrn F e i w e l verliest Herr Dr. Stern eine Stelle aus der „Welt", die die Richtigkeit seiner Behauptung erweisen solle. Hierauf schließt der Vorsitzende, 12 Uhr Nachts, die Versammlung. _ Verein für unentgeltlichen Arbeitsnachweis. HerrRedacteur! Sie erwarten, daß ich Ihnen über die am 17. d. M. abgehaltene Generalversammlung des Vereines für unentgeltlichen Arbeitsnachweis einen regelrechten Bericht unterbreite, einen Bericht, der trocken aufzählt, wer den Vorsitz geführt, wie viele anwesend gewesen, was mitgetheilt, was beschlossen wurde. Wenn ich diesem Verlangen Nachkommen würde, so wäre der Bericht trotz seiner wahrheitsgetreuen Darstellung dennoch nichts weniger, als ein den Geist dieser Versammlung wiederfpiegelndes Bild. Die Generalversammlung des vorgenannten Vereines war durchaus keine blos geschäftliche. Sie erhob sich vielmehr zu einer weihevollen Trauerkundgebung für den allzuftüh seinem irdischen Wirken entrissenen, allzufrüh für diesen Verein ins bessere Jenseits abberufenen ehemaligen Obmann des Executivcomites Sigmund Rosenfeld. Es war, als ob die Manen des Verblichenen über den Hunderten Männern schwebten, die sich zu dieser spontanen, nicht angekündigten, nicht vorbereiteten Gedenkfeier eingefunden hatten, und nicht nur weil Zeder, der zur Versammlung zu sprechen hatte, Rosenfeld gedachte, nicht nur weil sein Sohn und Schwiegersohn sich an der Versammlung des Vereines betheiligten, dessen begeistertester Fürsprecher Rosenfeld war, sondern weil aus dem ganzen Wirken des Vereines, aus allen seinen Handlungen der Geist Rosenfeld's sichtbar vor Augen tritt, deshalb war die Ovation, die dem Andenken des hochverdienten Mannes dargebracht wurde, eine so überaus wirbmgsvolle und erhebende. Sigmund Rosenfeld war nicht der Initiator der Idee, einen Arbeitsnachweis zu schaffen, der zwischen jüdischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern unentgeltlich die Vermittlung durchführen sollte, aber seine organisatorische Kraft lieh der Idee Leben, setzte den Gedanken in Thaten um und gab dem Vereine die Gestalt, den Wirkungskreis, die Zusammensetzung, die Hilfskräfte, die nicht nur so lange den vollen Dienst leisteten, als der Lenker des Vereines mit seinen Impulsen die Maschine in Gang setzte und in Thätigkeit erhielt, sondern auch dann sich bewährte, als der leitenden Hand die Zügel jählings entrissen waren. Er hatte für einen Nachwuchs gesorgt, der in seinem Sinne sein Werk fortsetzte, er hat eine Tradition geschaffen, die sich als der mächtigste Factor erweist, der noch lange fortwirkt, wenn auch der Urheber bereits in den ewigen Schlaf verfallen ist. So wie Rosenfeld den Arbeitsnachweis eingerichtet hat, so entwickelt er seine segenbringende Thätigkeit, und jede Ziffer, mit der der Vorstand vor seine Mitglieder und vor die Oeffentlichkeit tritt, um sein Thun und Lassen zu rechtfertigen, ist ein Beweis dafür, daß der Grundgedanke ein richtiger war, daß die Schöpfung dieses Vereines einer unabweislichen Nothwendigkeit entspricht, daß die Vereinsleitung ihre Aufgabe voll erfaßt hat und daß der Verein derselben in so weitem Umfange entspricht, als es unter gegebenen Verhältnissen möglich ist. Als vor einigen Tagen in diesem Blatte von den in Wien bestehenden Vereinen für Arbeitsförderung unter den Juden die Rede war, wurde auch dieses Vereines gedacht und dies mit vollem Rechte. Er ist ein unentbehrliches Mittelglied geworden, das den Arbeitgebern die verläßlichsten, tüchtigsten, brauchbarsten Kräfte aus unseren eigenen Glaubensgenossen zuweist und sie demnach in die Lage versetzt, einerseits ihre eigenen Interessen zu fördern und sich mit einem guten Arbeiterstocke zu versehen, andererseits aber auch ihrer Pflicht als Juden gerecht zu werden und die Arbeit, die sie zu vergeben haben, an Arbeiter ihres eigenen Glaubens zu vergeben. Die Wahrnehmung, die anderwärts gemacht wurde, daß der Jude arbeitsfähig und arbeitswillig ist, ist auch in diesem Vereine beobachtet worden, indem sich an 40.000 Arbeitsuchende gleich im ersten Jahre angemeldet haben. So hat denn der Verein auch Gelegenheit gehabt, sich der jüdischen Arbeiter anzunehmen und nach seinen Kräften beizutragen, daß Derjenige, der arbeiten will und kann, auch Arbeit finde. Er hat bei den Arbeitgebern williges Gehör gesunden, über 3000 haben ihm ihre Mitwirkung geliehen und mehr als 1600 Mitglieder gehören ihm an. Allein was will diese Ziffer besagen, wenn wir sie mit der Zahl der Arbeitsuchenden vergleichen? Was bedeutet die Ziffer angesichts der Zahl der Groß- und Kleinindustriellen, jüdischen Groß- und Kleinkaufleute, der Gewerbetreibenden im weitesten Umfange des Wortes, derjenigen Gemeindemitglieder, welche in Amt oder Familie, in Geschäft oder in der Werkstatt fremde Hände beschäftigen. Erst wenn alle diese — wie sie etwa in der Wählerliste der Cultusgemeinde verzeichnet sind, — sich in allen Fällen/ in denen sie Arbeitnehmer suchen, dies durch die Vermittlung des Vereines thun, erst dann wird der Verein jenem Ideal entsprechen, das seinen Gründern, das dem Obmanne des Executivcomites Sigmund Rosenfeld, der in diesem Sinne bis zu seinem letzten Athemzuge wirkte, vorgeschwebt hat und dem auch die Vereinsleitung unablässig nachstrebt. Der Verein hat an 1000 Vermittlungen im ersten Jahre seines Bestandes zustande gebracht. Die Ziffer ist eine relativ sehr große, ja sie übertrifft die Erwartungen, die man hegen durfte, um ein Bedeutendes. Die Arbeitsvermittlung, die dieser Verein zu besorgen hat, ist eben keine leichte. Er hat nicht blos den gewöhnlichen Dienst zu versehen, er hat überdies noch mit Vorurtheilen zu kämpfen, Voreingenommenheiten zu besiegen, Gewohnheiten, die bekanntlich stärker sind als Ueberzeugungen, zu brechen und eine Indolenz zu überwinden, die noch größeren Widerstand leistet, als activer Unwille. Wie viel Geduld, Ausdauer, Nachgiebigkeit ist aufzuwenden, wie viel Unrecht zu erleiden, wie viel Worte und Gänge sind aufzubieten. Nur die Ueberzeugung, daß man das Werk im Sinne der Humanität und Cultur vollführt, indem man den Arbeitswilligen Arbeit verschafft, vermag allen diesen Schwierigkeiten zu trotzen und in diesem Sinne kann man sich beftiedigt erklären, daß an tausend Existenzen, vielleicht eben durch die Arbeitsvermittlung, gerettet wurden. Nicht den Vereinsmitgliedern gegenüber, die ja ihre Pflicht mit