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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-23 · 47 (23.11.1900) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
47 (23.11.1900)
Date
1900-11-23
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr 47 Dr. Bloch's Wachenschrrst. Seite 84S politische Sinn geweckt werde. Verdienen es vielleicht solche Forderungen, daß man uns ein zersetzendes Element nenne? Redner theilt mit, daß die Zionisten in der Brigittenau nach englischem Vorbild eine Toynbee-Hall gegründet haben, und schließt mit den Worten: Die Eroberung alter Cultus-Leitungen ist unser Ziel, wir werden es erreichen, mögen sie es wollen oder nicht! Kaiserl. Rath Heinrich K l i n g e r: Ich habe nicht vom Zionismus als solchem gesprochen, ich habe, ausdrücklich erklärt, daß der Zionismus mir imponirt. Nur in der A r t, wie man die Cultusgemeinden erobern will, .finde ich den Geist der Zersetzung und Zerstörung. Herr Dr. Alfred Stern: Ich habe heute einen Brief des unglücklichen A r a t e n erhalten, der sich wiederholt verzweifelt an mich wendet, ihm zu seinem Kinde zu verhelfen. Solche Briefe sind leider nicht vereinzelt. Denn die Fälle, daß Kinder auf dieselbe Weise ihren unglücklichen Eltern abhanden kommen, wiederholen sich. Angesichts dieser und der Vorkommnisse in den letzten Tagen streiten wir hier, ob 58.000 fl. Verwaltungskosten zu hoch oder zu niedrig sind! Angesichts dieser erschütternden Vorfälle kommt es vor, daß Männer, deren ideales Streben ich nicht in Abrede stellen will, in öffentlichen Journalen den Cultusvorstand als ein Zerrbild hinstellen und sagen, daß bei demselben bei Verleihung von Stiftungen ein Protectionswesen herrsche und daß es bei der Auslosung nicht mit rechten Dingen zugehe! Und ich frage Sie, ist das die Zeit,' wo Juden gegen Juden, welche die Repräsentanz der Judenschaft bilden und als solche vor Behörden die Rechte der unterdrückten Glaubensgenossen zu vertreten haben, in einer solchen Weise austreten? Ist das noch eine Kritik oder eine Besudelung zu nennen? Der Vorstand der Wiener Cultusgemeinde muß denn doch ein großes Vertrauen besitzen, denn sonst würden in den letzten 2 Jahren nicht 70 Stifter der Gemeinde ein Vermögen von zweieinhalb Millionen Kronen anvertraut haben. Diese Stifter würde'.» dies gewiß unterlassen, wenn auch sie der Ansicht huldigen würden, daß bei uns eine Protectionswirthschaft bestche. Das ist nicht die Art, wie man ideale Zwecke verfolgt; so spricht man nicht von Männern, die man als Gegner erachtet! Wir sind ein jüdischer Cultusvorstand und haben die Angelegenheiten der jüdischen Cultusgemeinde zu administriren und für die religiösen Bedürfnisse derselben zu sorgen Deshalb kann und soll von einer systematischen Opposition im Schoße des Vorstandes keine Rede sein und hat eine solche im Vorstände nie bestanden. Wir Alle sind einig in der Liebe und Zuneigung für unseren verehrten Präsidenten. Offen erkläre ich Ihnen, daß ich seit jeher ein Gegner der Fünfgulden-Steuer bin; wenn sie aber einmal sein muß, ist es am besten, wie sie in dem jetzigen Statute besteht. Wir müssen Alles aufbieten, um die vielen Executionen, die diese Steuer nach sich ziehen würde, zu verhindern. Es hat ein Candidat, sich auf seine Jugend berufend, der Meinung Ausdruck gegeben, daß man nur Männer mit grauen Barten und weißen Haaren in den Cultusrath entsenden dürfe. Demgegenüber sage ich: “[bi iz'Ipi2i ■umyn Wir wollen mit unseren Jungen und unseren Alten gehen. Dr. Heinrich Schreiber: Der Präsident der Cultusgemeinde spielt eine zugleich beneidens- und beklagenswerthe Rolle. Es ist der in pü des heutigen Vorstandes. So oft Vorwürfe erhoben werden, muß er als spanische Wand dienen. Dr. Stern hat bezüglich des Borwurfes des Nepotismus nichts Anderes vorgebracht, als was der Cultusminister auf die begründeten Querelen in Betreff der präterirteu Lehrer geantwortet bat. Die diesbezüglichen Vorwürfe waren nicht gegen die Correctheit der Verwaltung der Stiftungen gerichtet. Ich habe meine Candidatur bereits vor Jahren aufgestellt. Die Berechtigung dazu gibt mir mein jüdisches Gefühl, meine Erfahrungen und meine langjährige Beschäftigung mit jüdischen Angelegenheiten. Ich begrüße es mit Freude, daß zwischen den verschiedenen Corporationen innerhalb der Wählerschaft eine Einigung erzielt worden ist. Ich candidire auf das Programm der Tempelvereine. Die Wahlreform ist leider nicht so ausgefallen, wie es von den Tempelvereinen erwartet wurde. Wir verlangen eine zeitgemäßere und richtigere Oekonomie des Budgets. Ich habe z. B. nichts gegen das rituelle Bad einzuwenden. Wichtiger wäre aber vorerst die Errichtung von Bethäusern in solchen Bezirken, die noch kein Gotteshaus besitzen. Wir wollen keine principielle Opposition treiben, sondern uns nach besten Kräften an den Geschäften der Gemeinde betheiligen.Z Dr. Emanuel Spitzer: Zahlreiche Freunde haben mich Mzu meiner Candidatur aufgefordert, und ich habe diesem Rufe 71 Folge geleistet, weil ich es als Ehre betrachte, einer so hochansehnlichen Corporation anzugehören. Es ist die Pflicht eines 7 jeden Juden, mit seinen besten Kräften für das Interesse des Judenthums einzutreten. Ich habe keine Veranlassung, mich den Angriffen, die heute gegen den Vorstand erhoben wurden, an- * zuschließen. Ich werde, wenn Sie mir Ihre Stimmen zuwenden, mit Ernst und gutem Willen mich zu bethätigen streben. Herr Straßberg stellt sich als Mann der That vor und erklärt, kein Programm vorzulegen. Ich bin kein Neuling in Gemeindegeschäften. Seit 15 Jahren bin ich Vorsteher im X. Bezirke. Während dieser Zeit haben wir einen Tempel gebaut, der 100.000 fl. kostete. Ich habe ferner im X. Bezirke einen jüdischen Schulverein gegründet, der 160 Kindern Unterricht angedeihen läßt. In dieser Richtung würde ich mich auch weiterhin bemühen, wenn Ihr Vertrauen mich in einen größeren Wirkungskreis berufen sollte. Dr. Wagner bekennt sich als tüchtiger Hebräist und möchte sein Wissen, gepaart mit seinem ehrlichen Willen, gerne in den Dienst der Gemeinde' stellen. Hiezu sei er von seinen zahlreichen Freunden animirt worden. Hof- und Gerichtsadvocat Dr. Leopold Kahn: Ich bin unschuldig an meiner Candidatur, meine Gesinnungsgenossen in Mariahilf haben mich als Candidaten nvminirt. Ich candidire als Zionist, das heißt als Nationaljude, der über den Erfordernissen der Gegenwart nicht die Erinnerung an die Vergangenheit und den Ausblick in die Zukunft verliert. Wenn auch einmal ein junger Zionist in Begeisterung aufschäumt und Ihren Unwillen erregt, so müssen Sie doch anerkennen, daß die Zionisten die Herzen der Jugend mit Judenthum erfüllt haben. Auf dem Gebiete der jüdischen Erziehung ist Vieles vernachlässigt worden. Da will der Zionismus bessernd eingreifen. Wir wollen, daß das Judenthum in Wien etwas mehr h e b r a i s i r t werden soll. Wenn Sie wünschen, daß eine solche Richtung, wie ich sie repräsentire, auch im Vorstände der Wiener Cultusgemeinde vertreten sei, dann geben Sie mir Ihre Stimmen und ich hoffe, vas in mich gesetzte Vertrauen rechtfertigen zu können. Es folgen nunmehr einige Interpellationen. Herr Baumeister Z e r k o w i tz ftagt, ob die neuen Cultusvorsteher dahin wirken wollen, daß 1. eine Enquete einberufen werde, welche über eine Reorganisation des Religionsunterrichtes in allen Schulen Berathungen pflege; 2. daß die Vergebung von Arbeiten in der Weise durchgeführt werde, wie es in öffentlichen Aemtern geschieht. Dr. Alfred Stern erwidert, daß bei Vergebung von Arbeiten stets eine beschränkte Concurrenz ausgeschrieben werde, wobei selbstredend auf die Vertrauenswürdigkeit des Arbeitnehmers Rücksicht genommen wird. Die eingelaufenen Offerte werden strenge geprüft und. soweit nicht besondere Rücksichten obwalten, die Arbeit an den Mindestbietenden vergeben. Was die Enquete betrifft, erwidert Herr Cultusvorsteher Dr. Berger, daß ohnehin ein neuer Lehrplan ausgearbeitet wurde, an welchem alle Religionslehrer, die Jnspectoren und die Mitglieder der Schulsection theilgenommen haben. Man müsse abwarten, wie sich der neue Lehrplan in der Praxis bewähren wird. Auch sei ein neues Lehrbuch für jüdische Geschichte in Vorbereitung. Herr Bernhard Hofbauer fragt, für welche Stellen sich die neuen Candidaten bewerben, nachdem nur ein Mandat frei sei und die acht ausgelosten Herren eine Wiederwahl anstreben. Der Vorsitzende erwidert, daß die neuen Candidaten jene Stellen für sich in Anspruch nehmen, welche durch den eventuellen Eintritt der alten Candidaten in die neue Curie frei werden. Herr Hofbauer richtet ferner an die Zionisten die Frage, wie sie sich zu den rituellen Fragen stellen. Ihm antwortet namens der Zionisten Herr Dr. Kahn, daß die Zionisten Jedermann in religiösen Fragen seine freie Meinung lassen. Entfernen wir uns von allen religiösen Streitigkeiten, die schon so oft zu tiefgehenden Störungen und unheilvollem Bruch im Judenthum geführt haben. Daß wir keine principiellen Gegner religiöser Bestrebungen find, beweist die Anwesenheit orthodoxer, russischer Rabbiner auf unseren Congressen. 1 '.Herr S. Brod wünscht eine Solidarität der Juden auch nach der Richtung, daß bei der Vergebung von Arbeiten seitens des Einzelnen auf die jüdischen Gewerbeüeibenden vollste Rücksicht genommen werde.

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