Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 47 (23.11.1900)
- Date
- 1900-11-23
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021331-3021379--10392-3034871- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 842 Vro BloEs Wochrnf^rM Nr. 47 jedes einzelnen Vorstandsmitgliedes Ihnen ja bekannt; Sie kennen zur Genüge die guten und schlechten Eigenschaften eines alten Vorstandsmitgliedes. Gestatten Sie mir aber, Ihnen sachlich vermöge meiner alten Erfahrungen zu sagen, welche Ergänzungen des Vorstandes mir als im Interesse der Gemeinde gelegen nothwendig erscheinen. Wenn Sie die große Wiener Gemeinde in Betracht ziehen, werden Sie finden, daß Humanitäts-Anstalten ausgedehnter Art geschaffen worden sind; wir haben ein Versorgungs- und Siechenhaus für mehr als 200 Personen errichtet; ein Spital, wie es größer und schöner kaum gedacht werden kann. Deshalb trachten Sie bei einer Ergänzung des Vorstandes ärztliche Kreise zu gewinnen. Wohl zählt der Vorstand unter seinen Mitgliedern einen hervorragenden Arzt, der sich hingebungsvoll den Aufgaben des Amtes widmet. Aber es ist doch nur Einer. Wir haben im Vorstande gewiß eine große Auswahl von Intelligenz. Wenn Sie aber durch Ihre Wahl auch diesen Kreis erweitern werden, werde ich uns gratuliren. Was wir weiter brauchen, das sind Männer, die den Werth des Geldes verstehen und zu helfen wiffen. Und nun gestatten Sie mir, auf die Wahlreform zurückzukommen. Wir sind vielfach mißverstanden worden. Was den Herren, die für dieselbe gestimmt haben, vorgeschwebt hat, war, wenn gleich eine große Gemeinde, wie die unsere, Geld und wieder Geld braucht, doch nicht nur die Heranziehung der Geldkräfte; was damit am meisten bezweckt werden soll, das ist die Besiegung der Indolenz, und ich gebe mich keiner schlechten Hoffnung hin, wenn ich sage, daß Sie in kaum 3 Wochen anders urtheilen werden, wie bisher. Wenn Sie aber, meine Herren, die Vorkommnisse der letzten Tage beachten, wenn Sie sehen, in welcher Art, mit welchen Waffen die Sendlinge eines Vereines den jetzt wirkenden Vorstand angreifen, dann werden Sie den Schöpfern dieser viel angeseindeten Wahlreform eine Voraussicht, den richtigen Blick für die Zukunft, nicht absprechen. Ich kann versichern, ich besitze eine gewiffe Hochachtung für den Zionismus, ich habe mir gesagt, wenn sich hervorragende Männer der Intelligenz für ihn einsetzen und diesen Gedanken propagiren, muß er gewiß einen ethischen Hintergrund haben, und darum wäre zu begrüßen, wenn — da nun schon einmal auf dem Zionisten-Congreffe die Eroberung der Vorstandssitze in den Cultusgemeinden als Pcogrammpunkt ausgestellt wurde — die Häupter dieser Bewegung sich melden würden, um in die Dienste der Gemeinde zu treten. Wenn Sie aber hören und lesen, in welcher Art dieser Eroberungskamps geführt wird, was diese Sendlinge über uns sagen, daß wir zur „traurigsten Carricatur" „zum Zerrbilds herabgesunken sind, dann muß ich offen erklären, daß es jedem ernst denkenden Menschen das Amt verleide, und man nach jahrelangem opferwilligen Wirken nicht Lust hat, sich von diesen Herren besudeln zu laffen. Was kümmert es diese Herren, was wir für den Religionsunterricht geleistet, ob mir hungernde Schulkinder verköstigen, — nein, wir sollen Galiziens Noth in Betracht ziehen, während wir nicht Geld genug haben für das Elend in unserer Stadt — daß wir so viele Tempelbauten in letzterer Zeit gefördert, Lese- und Bibelschulen errichtet, einen geordneten, umfassenden Jugendgottesdienst unterhalten, der Noth der Wöchnerinnen zu steuern trachten; für unsere verarmten Greise und Siechen eine würdige Heimstätte geschaffen und viele Hunderte von Stiftungen selbstlos verwalten rc. Was wir von diesen Herren gehört und gelesen haben, ist wahrhaftig nicht der alte Geist der Wiener Gemeinde, es ist nicht der Geist der Erhaltung, vielmehr der der Zersetzung und der Zerstörung. Und dieser entgegenzutreten, geehrte Herren, will ich den letzten Rest meiner Kraft widmen. (Stürmischer Beifall. Hochrufe auf den Präsidenten.) Der Vorsitzende bringt nunmehr 2 Resolutionen des Synagogenvereines Beth-Jsrael zur Verlesung, deren Tenor dahin geht, daß die künftigen Vorsteher es als ihre Aufgabe betrachten mögen, die Erweiterung der Talmud-Thora-Schule in eine jüdische Mittelschule durchzuführen und dahin zu wirken, daß bei Eompletirung des Rabbinats-Collegiums nur auf solche Personen reflectirt werde, zu denen auch die Gemeindemitglieder streng religiöser Richtung Vertrauen fassen können. Der Vorsitzende richtet an die folgenden Candidaten die Bitte, zu diesen Resolutionen Stellung zu nehmen. Dr. Jacob K o h n (als Candidat): Es hat vor mir ein Mann gesprochen, der sich als Oppositioneller vorstellte und förmlich um Entschuldigung dafür bat, daß er erst 47 Jahre zähle. Bon diesem Standpunkte müßte ich mich als Wickelkind betrachten (Heiterkeit). Das ist von principieller Bedeutung. Wenn die Tradition festgehalten wird, daß an der Spitze der Gemeinde Männer stehen müssen, die graue Bärte haben, so frage ich, ob es im Interesse des Judenthums liegt, dieses Princip beizubehalten. Ich vertrete eine Richtung, die der Wählerschaft, schon dem parlamentarischen Brauche zu liebe, wonach auch die Minorität zu berücksichtigten ist, Sitz und Stimme im Vorstande gewähren sollte. Wir bilden aber nicht blvs eine priucipielle Opposition, wir haben der derzeitigen Cultusvertretung auch sachliche Vorwürfe zu machen. Die Wahlreform wurde — wir haben unlängst dieses Bekenntniß gehört — geschaffen, um die Mandatare von 900 Wählern zu Juden zu machen, die es vielleicht noch nicht sind. Ist der Cultusvorstand eine Erziehungsanstalt? — Der Redner schließt mit der Bitte, den Jüdisch-nationalen und den Zionisten, die das Beste des Judenthums wollen, Antheil an der Gemeindeverwaltung zu geben. Dr. Maximilian Steiner: Herr Lucian Brunner hat in der neulichen Wählerversammlung die Kosten für den Religionsunterricht zu hoch gefunden und auf das entsprechende Budget der Wiener Commune hingewieseu. Herr Brunner vergißt aber, daß die Katecheten aus dem Religionsfonde bezahlt werden, und daß, wenn dieser passiv ist, das Plus der Unterrichtskosten aus dem Säckel aller Steuerträger gedeckt wird. Wir haben nicht weniger als 522 Claffen mit Religionslehrern zu versorgen. Hiezu verwenden wir 20 angestellte Lehrer und 58 Stundenlehrer. Das Honorar für dieselben beträgt zusammen 53.310 Gulden, zu welchen der Bezirksschulfond 20.000 Gulden beiträgt. Wenn Herr Brunner gleichzeitig erklärt, daß er selbst keine religiösen Bedürfnisse habe, so verstehe ich eigentlich nicht, warum er sich für die Vermehrung der Bethäuser so lebhaft einsetzt. Seine Anfrage bezüglich der Verwaltungskosten beantworte ich dahin, daß die Gehalte der Centralkanzlei 58.900 Gulden betragen. Wir nehmen allerdings unseren Beamten gegenüber nicht den Standpunkt ein, wie der Fiscus; uns kann es nicht gleichgiltig sein, wie es unseren Beamten, eventuell deren Witwen und Waisen geht. Die Verwaltung des Armenamtes kostet 3570 Gulden. Das Matrikelamt kostet 12.000 Gulden. Die Kosten der Bethäuser inclusive der Gehalte aller Functionäre betragen beiläufig 100.000 Gulden. Man wirft uns vor, daß wir nicht socialpolitisch wirken. Ist es aber nicht auch eine Art Socialpolitik, wenn wir, um gewissen Folgen der derzeitigen Strömung zu entgehen, eine chirurgische Äbtheilung in dem Spital neu errichten, oder wenn wir die bisher in Communalpflege gewesenen verlassenen jüdischen Kinder einer jüdischen Pflege und Erziehung anvertraueu? Es ist traurig, daß wir für dieselben noch immer kein eigenes Asyl errichten können. Schaffen Sie uns nur hinreichende Mittel und und Sie werden sehen, wie wir socialpolitisch wirken werden. Auch ist es unrichtig, daß der Vorstand irgend einem Candidaten den Eintritt verwehrt. Wer nur überhaupt einen jüdischen Weg geht, ist für die Neuwahl willkommen. Architekt Oscar M a r m o r e k. Der Präsident der Cultusgemeinde hat den Zionismus als zersetzend und zerstörend hingestellt — (Widerspruch — hierauf tosender Lärm). Der Präsident ersucht um Ruhe — (der Lärm hält an). Präsident: Wenn nicht sofort Ruhe eintritt, werde ich die Versammlung schließen. (Es tritt Ruhe ein.) Meine Herren, ich ersuche Sie angelegentlichst, jede Unterbrechung zu vermeiden; eine Wiederholung der jetzigen stürmischen Unterbrechung wird die sofortige Schließung der Sitzung zur Folge haben. Gegenüber Herrn Marmorek stelle ich richtig, daß Herr kaiserl. Rath Klinger nicht den Zionismus als solchen, sondern e i nzelne Herren, welche dem Zionismus angehören, unzweideutig als verhetzende Elemente erklärt hat. Architekt Marmorek foctfahrend: Ich frage, warum man uns eine streng sachliche Opposition verübelt. Wenn auch unsere Weltanschauung eine andere ist als die Ihrige, so sollten Sie nicht vergessen, daß wir auch ein warmes Herz fürs Judenthnm haben. Wir haben die Jugend wieder jüdisch gemacht. Wir wollen nicht in die Gemeindestube, um einen persönlichen Vortheil zu erlangen oder die bisherigen Spitzen zu besudeln. Redner lenkt die Aufmerksamkeit der Versammlung auf die galizische Judengefahr. In der Frage der . Wahlreform sind wir entschiedene Opposition. Wir finden die Classentheilung unjüdisch und nicht nothwendig. Die Indolenz der unteren Claffen wird durch diese Wahlreform nur noch gesteigert. Man hat das facultative 5 fl.-Wahlrecht eingeführt. Ich habe verlangt, diese 5 fl. sollen vorgeschrieben werden, damit der