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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Sette 834 W0ÄMlchrm< Nr 46 gemeinde in Belgrad gewählt und erfreut sich hier großer Beliebtheit. Herr Öbercantor Sagher, der noch sehr jung ist, verfügt über einen klangvollen Tenor und einen vorzüglichen Vortrag und verspricht eine bedeutende Kraft auf dem Gebiete des Cantorates zu werden. Feuilleton. Aus meinen Erinnerungen- Wenn wir zuweilen im Gespräche mit lieben Freunden vergangener Zeiten gedenken, wenn bald der eine, bald ein anderer eigene Erlebnisse oder Geschichten von Freunden und Verwandten berichtet, so geschieht es oft, daß Begebenheiten zur Sprache kommen, die der Phantasie eines Dichters entsprungen scheinen. Freilich häuft das Leben solche Vorkommnisse nicht; meistens verfließen die Tage im gewohnten Gleichmaß, aber manchmal wird die Einförmigkeit unterbrochen. Dann teilt uns das Schicksal entgegen, bald uns mit voller Wucht zu Boden schmetternd, bald statt der Tragödie ein Farce inscenirend. Die drei folgenden Geschichten, die wirklich erlebt und erlitten sind, mögen diesen Worten zum Beweise dienen. I. Um das Jahr 1843 herrschte in Oesterreich, besonders in Böhmen, eine große Theuerung. welche durch den heißen und trockenen Sommer hervorgerufen wurde und einen solchen Umfang annahm, daß die Landstraße von hungernden Bettlern belagert war, die von Oct zu Ort zogen und in den Bauernhöfen meistens vergeblich um eine Gabe ansprachen. Unter ihnen befand sich auch ein Junge namens Jtzig, der Prag zuwanderte, in der Hoffnung, dort eher Arbeit und Brot finden zu können. Er war das Kind eines armen jüdischen Dienstmädchens, das mühselig für ihren und seinen Unterhalt gearbeitet hatte und ihm das Wenige, was sie von den Gesetzen der Religion wußte, beibrachte. Viel war das allerdings nicht, und ihre Ermahnungen gipfelten schließlich darin, kein Schweinefleisch zu essen und Samstag nicht zu arbeiten. Als er 13 Jahre alt war, schenkte ihm ein wohlhabender Glaubensgenosse ein paar Tefilin und lehrte ihn die Anwendung derselben. Das waren die ganzen Kenntnisse Jtzigs, denn eine Schule hatte er niemals besucht und so verstand er auch weder zu schreiben noch zu lesen. Als seine Mutter starb, ging er zu den umwohnenden Bauern auf Arbeit, hütete das Vieh, arbeitete am Felde und verdiente sich so kümmerlich seinen Unterhalt. Oft riethen ihm die Bauern, die den fleißigen Burschen liebgewonnen: „Laß Dich taufen. Was willst Du als Jude ohne Geld beginnen?" Er jedoch hatte andere Pläne und Hoffnungen. Sein Traum war, Soldat zu werden; er glaubte, daß er es durch Fleiß und Tüchtigkeit beim Militär weit bringen würde und konnte kaum die Zeit der Stellung erwarten. Endlich war er so weit, aber er wurde als untauglich zurückgewiesen. Nun war ihm seine letzte Hoffnung zerstört, dazu kam die Theuerung und die allgemeine Noth und so machte er sich denn auf den Weg nach dem großen Prag. Bis Mnichowitz, einem kleinen Städtchen, das zwei Meilen vor Prag liegt, gelang es ihm, sich durchzuschlagen; dort aber pochte er, hungernd und müde, vergeblich an alle Thüren, bis man ihm sagte: „Geh auf die Dechantei; dort wirst Du zu essen bekommen." Jtzig folgte diesem Rathschlage und bald, saß er in der Hellen freundlichen Küche der Dechantei, eine warme Suppe und ein Stück Brod vor sich. Der arme Junge, der, halb erfroren und übermüdet, endlich ein warmes Plätzchen und etwas Ruhe gefunden, hatte den begreiflichen Wunsch, diesen Zufluchtsort nicht allzu bald verlassen zu müssen, und er erinnerte sich des Rathes, den man ihm so oft schon gegeben: „Laß dich taufen". Je mehr er darüber nachdachte, desto vertrauter wurde ihm dieser Gedanken, und endlich sagte er der Köchin, er möchte mit dem Herrn Dechant selbst sprechen. In das Zimmer des hochwürdigen Herrn geführt, sprach er seinen Wunsch aus, sich taufen zu lassen, und es entspann sich folgender Dialog: Dechant: „Also Du bist ein Jude?" Jtzig: „Ja Hochwürden." Dechant: „Und was werden Deine Eltern sagen, wenn Du Dich taufen läßt?" Jtzig: „Ich habe keine Eltern und auch sonst Niemanden, der sich um mich kümmert." Dechant: „Und was rvirst Du als armer Christ beginnen? Da wirst Du auch tüchttg arbeiten müffen." Das versprach Jtzig auch hoch und theuer und der Dechant sagte endlich: „Ich will es mit Dir versuchen. Vorläufig bleibst Du bei mir, wo es schon Arbeit für Dich geben wird. Bist Du erst getauft, so werde ich weiter für Dich sorgen. Wie heißt Du denn?" „Jtzig." „Von heute an heißt Du Josef, das merk Dir." So blieb dann der neue Josef in der Dechantei und verstand es, sich überall nützlich zu machen. Bald hörte man von allen Seiten sein Lob verkünden, und da um diese Zeit der Kutscher des Dechant vom Bocke fiel und sich schwer verletzte, so wurden ihm auch die Pferde anvertraut. Josef hatte nun Alles, was sein Herz begehrte: Wohnung, Essen und Kleidung, dennoch fühlte er sich unbehaglich in dem fremden Kreise. An die Sitten in der Dechantei konnte er sich kaum gewöhnen und trotz der spöttischen Bemerkungen der Dienstleute vermied er es, so viel wie möglich, am Samstag zu arbeiten und aß auch niemals Schweinefleisch. Auf die Vorstellungen des Dechants erwiderte er stets, er werde sich ändern, wenn er getauft sein werde. Der Dechant wollte aber den unwissenden Jungen erst ein wenig erziehen, ehe er den Taufact vollzog. Da geschah es eines Morgens, daß der Dechant zu einem Kranken geholt wurde, der im Sterben lag. Es war noch ganz zeitig und der Geistliche begab sich nach dem Stalle, um seinen Kutscher zu rufen. Da bot sich ihm ein seltsamer Anblick. Das Gesicht nach Osten gewendet, stand Josef in tiefe Andacht versenkt und wickelte die Gebetriemen um seine linke Hand. Schweigend entfernte sich der Dechant, aber als er nach Hause zurückgekehrt war, ließ er den Jungen zu sich rufen, zahlte ihm den Lohn für die vier Monate, die er bei ihm gearbeitet und hieß ihn sich auf Nimmerwiedersehen entfernen. Weinend kam Josef dem Befehle nach. Mit seinen wenigen Sachen und seiner geringen Baarschaft ging er seiner gewesenen Heimat zu, wie aus einem schweren Traume erwacht. Er wollte versuchen, als Pferdeknecht ein Unterkommen zu finden, aber das Schicksal hatte es anders beschlossen. Unterwegs traf er einen mit Bettfedern handelnden älteren Juden, der einen Träger brauchte. Jtzig bot sich ihm an und nach einer längeren Unterredung wurde er zum Angestellten des alten Händlers und zog mit ihm einer Wohnung zu. Bald hatte er sich das volle Vertrauen seines Herrn erworben und schon nach einem Jahre wurde er der Compagnon seines Brodherrn und heiratete dessen einzige Tochter. Nach dem Tode seines Schwiegervaters verkaufte er das Geschäft und pachtete ein kleines Gasthaus in der Nähe seines heimatlichen Dorfes. Geehrt und geachtet ist er dort gestorben, seine Kinder und Kindeskinder aber leben noch heute in angesehenen Stellungen, ohne das Tefilin-Abenteuer ihres Ahnherrn zu kennen. H. In Jungwoschitz lebt ein wohlhabender Bürger und Hausbesitzer, der Sattlermeister Abraham Hajek, der vielleicht 73 oder 74 Jahre alt ist und den in seiner Jugend ein seltsames Geschick in den Verdacht des Brudermordes brachte. In den Vierziger-Jahren, als in Böhmen noch die Patrimonialämter existirten, lebte in dem Dorfe Nodlochowicz, nahe bei Wottitz, ein armer, kinderreicher Jude namens Fleischel Hajek, der Vater unseres Abraham. Er war Sattler, und da er fleißig und billig arbeitete, gehörten alle Bauern im Umkreise zu seiner Kundschaft. Seine Kinder ließ er, so gut es möglich war, im Lesen, Schreiben und Religion unterrichten, das Handwerk lernten sie im Hause, so daß sie sämmtlich, wie er selbst, Sattler wurden. Als auch die jüngeren Knaben heranwuchsen, faßten seine beiden ältesten Söhne Abraham und Philipp den Entschluß, in die Welt zu gehen und dort ihr Glück zu versuchen. Fechtend kamen sie bis nach Oesterr.-Schlesien, wo sie in der Stadt Bennish in einem kleinen Gasthause übernachteten und, wie es Brauch war, in das Fremdenbuch eingeschrieben wurden. Am folgenden Tage verließen sie die Stadt, und als sie auf die Landstraße zu einem Scheidewege kamen, trennten sich die Brüder, der eine ging rechts, der andere links, um allein vielleicht eher Arbeit und Unterkunft zu finden, als zu zweien. Nach kurzer Zeit kehrte Abraham nach Hause zurück; seine Bemühungen waren vergeblich gewesen, von seinem Bruder wußte er nichts und es traf auch keine Nachricht von demselben ein. Kaum aber waren einige Tage vergangen, als Gerichtsdiener im Hause Fleischel Hajek's vorsprachen, nach Abraham fragten, ihn in Ketten legten und mit ihm fortfuhren. Die verzweifelten Eltern fragten und weinten, baten und schrieen und verlangten wenigstens den Grund der Verhaftung mitgetheilt zu bekommen. Da erfuhren sie denn, daß Abraham im Verdachte stehe, seinen Bruder erschlagen zu haben. Auf der Straße nach Ungarn war nämlich unweit Bennish ein Ermordeter aufgefunden

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