Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Nr. 46 Drv B'och's Wochenschrift. LeUe 835 worden, den viele Zeugen als Philipp Hajek erkannten und der einen Tag nach dem die beiden Brüder die Stadt gemeinsam verlassen hatten, getödtet worden war. Man kann sich den Kummer der Eltern denken. Der eine Sohn ermordet, der andere sein Mörder! Vergeblich versicherte Abraham seine Unschuld; man brachte ihn per Schub nach Bennish. Solch eine Reise war schrecklich; wo ein Patrimonialamt war, übergab man ihn dem Gerichtsdiener, dieser führte ihn ins Gefängniß, wo er solange blieb, bis ein anderes Gefährte gemiethet war und er weiter befördert wurde. Jeden Abend wurde er in ein anderes Arrestlocal gebracht, und nach dem Genüsse eines Stück trockenen Brotes mußte er mit Dieben und anderem Gelichter auf hartem, kalten Lager die Nacht vollbringen. Endlich, nach drei Tagen dieser martervollen Fahrt traf er in Bennish ein, wo man ihn das erstemal verhörte. Eine Menge Zeugen meldeten sich und Alle sagten aus, daß nur er mit seinem Bruder an jenem Tage gewandert sei und daß also nur er der Mörder sein könne. Trotzdem betheuerte Abraham seine Unschuld. Vierzehn Monate blieb er bei Wasser und Brot eingekerkert, immer von Neuem verhörte man ihn, immer mehr belastende Zeugen meldeten sich, da erhielten eines Tages die alten Eltern einen Brief aus Siebenbürgen, in welchem ihnen Philipp mittheilte, daß er gute Arbeit gefunden habe und dort zu bleiben gedenke. Nun war Abrahams Schuldlosigkeit erwiesen. Der glückliche Vater lief mit dem Briefe zum Ortsamt, dieses benachrichtigte das Amt in Schlesien, aber es dauerte dennoch lange, ehe Abraham wirklich frei kam. Per Schub wurde der Arme nach Hause geschickt und an einem strengen Wintertage fuhr der Wagen in ein kleines Dorf, das nur noch eine Stunde von seinem Elternhause entfernt war. Dennoch sollte er, weil dort ein Patrimonialamt war, über Nacht in dem Dörfchen bleiben, da nahm sich aber seiner ein Freund und Verwandter, Philipp Gans, an, der den Amtmann veranlaßte, ihm den Schübling zu überlassen. Das kleine Gepäck auf dem Rücken, wanderte er mit Abraham nach Nodlochowitz und bald traten Beide in die Stube der glücklichen Eltern, deren Freude unbechreiblich war. III. Einen weniger erfreulichen Ausgang hat eine andere Geschichte über die der schon erwähnte Philipp Gans Folgendes berichtet: Bor etwa 10 Jahren, als ich mich gerade in dem kleinen Stäbchen Bystric niedergelassen hatte, geschah es, daß ein Gendarm einen alten Bettler auf der Landstraße anhielt und denselben, da er sich nicht legitimiren konnte und nicht einmal seine Heimat anzugeben vermochte, zum Bezirksamte brachte. Der arme Bettler hatte ein entschiedenes jüdisches Aussehen, und vielleicht aus diesem Grunde bekam er unterwegs von dem ihn führenden Gendarmen mehrere tüchtige Hiebe über den Kopf und den Rücken. Als er endlich beim Bezirksamte anlangte, war der alte Mann in einem solch elenden Zustande, daß man schnell nach dem Arzte und dem Vorsteher der Judengemeinde sandte, denn man sah, er habe nur noch Minuten zu leben. Auf die Fragen nach seinem Namen vermochte er nicht mehr zu antworten und nur auf die Erkundigungen, ob er Jude sei, stammelte er verneinend : Katholik. So waren die Juden aller Pflichten entledigt und der Bettler wurde am christlichen Friedhofe bestattet. Als aber die Leute dem Vorgesetzten des Gendarmen, dem Postenführer Albrecht, erzählten, wie sich sein Untergebener gegen den Armen benommen, wurde dem mitleidslosen Menschen eine Rüge in sein Aufführungsbuch geschrieben. Aus Kränkung hierüber und vielleicht auch von Gewissensbissen gequält, erschoß sich der Gendarm und büßte so seine Rohheit mit dem Leben. Literatur. Die Minäer des Talmuds und das Gebet gegen Minäer. Unter diesem Titel erschien in der Nummer 44 dieser Wochenschrift eine Abhandlung, die, wie der Verfasser derselben sagt, durch mein neuerschienenes Buch „Zur Genesis der Agada'', Frankfurt a. M., I. Kauffmann (Commissionsverlag), angeregt wurde". Ich spreche hiermit demselben meinen aufrichtigen herzlichen Dank aus für die offene, freimüthige Anerkennung, die er meinem überaus fleißigem und verdienstvollem Buche zollt, obwohl er auf eine nähere Besprechung über Inhalt und Wesen, sowie über das Ziel, welches genannte Arbeit sich gesteckt, weiter nicht eingeht. Man gewinnt hierdurch den Eindruck, sobald der Verfasser mit ein paar kurzen Federstrichen meiner Arbeit gegenüber Genüge geleistet zu haben glaubt, er eine Abhandlung beginnt, die, streng genommen, ein am -nssb ist, d. h. es ist ihm hierbei hauptsächlich und fast ausschließlich nur darum zu thun, seine einmal gefaßte Meinung, daß man im Talmud unter dem Ausdruck dvö ausschließlich Gnostiker versteht, mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln zu vertheidigen. Bedenkt man nun, daß etwa drei Jahrhunderte vor üblicher Zeitrechnung das ganze Heidenthum im Auflösungszustande sich befand und mit großer Schnelligkeit feinem gänzlichen Verfalle entgegenging, ferner, daß Palästina und Alexandria der Boden war, wo die religiösen Ideen des Heidenthums und die des Monotheismus hart auseinanderstießen und sich gegenseitig bekämpften, so ist es leicht begreiflich, welche große religiöse Gähruugen da stattgehabt haben mußten und wie verschiedentlich und mannigfaltig hier religiöse Auffassungen und Meinungen sich entfaltet und entwickelt haben mußten. Berücksichtigt man nun, daß die religiöse Grundlage des ganzen Heidenthums ausschließlich der Polytheismus ist und daß diese Auffaffung fast ausnahmslos den Bodensatz all' dieser Secten bildete, so mußte selbstverständlich der Polytheismus das wesentliche Merkmal auch dieser Secten sein, wie abweichend sie auch von einander sein mochten. Selbstverständlich war der religiöse Gedanke einer jeden dieser Secten um so reiner, je weniger sie Gottheiten anerkannte. Es bedurfte höchstwahrscheinlich eines diesbezüglichen Läuterungsprocesses, bis endlich die Vielheit in der göttlichen Auffassung auf zwei herabkam. Jeder Mensch mit gesunden Sinnen wird wohl nach einiger Ueberlegung diese logisch zwingende Nothwendigkeit in der Fortentwicklung der religiösere Idee zugeben muffen, da ja das Fortschreiten vom Heidenkhum zum absoluten Monotheismus ein Emporschwingen vom craffen Materialismus zum höchsten Idealismus bedeutet?) Diese Entwicklung hat die religiöse Idee auf dem ganzen Erdenrunde durchgemacht und auch durchmachen müssen, weil sie die allernatürlichste ist. Daß dies wirklich war, bestätigt uns eine wichtige Talmudstelle, welche uns erzählt, daß während der Periode des zweiten Tempels innerhalb des Judenthums nicht weniger als vierundzwanzig religiöse Secten sich bildeten. Alle ihre Anhänger werden mit dem Namen Minim oder Minäer bezeichnet und allen ihnen ist der Polytheismus gemeinschaftlich (nr^n ti®). Warum die Talmudlehrer ausschließlich nur auf die bösen Gnostiker es abgesehen haben und den anderen Secten gegenüber, die ja auch Minäer waren, sich ganz gleichgiltig verhielten, mag uns der geehrte Verfasser in seiner Liebenswürdigkeit erklären?) Es wird mich sehr freuen, wenn ich dies erfahren könnte, da ich nach langjährigem Nachdenken es mir nicht erklären kann. Ich will aber noch hinzufügen, daß es in ') Herr Dr. Weinstein hat den von ihm angezogenen vorwöchentlichen Artikel über „die Minäer und das Gebet gegen die Minäer" entschieden unrichtig aufgefaßt. Tort wurde gesagt und konnte auch logischerweife nicht — wie dies bei ihm geschieht — gesagt werden, daß die Zweigottheit der Minim aus dem Polytheismus hervorgegangen sei. Ganz im Gegentheil! Es wurde dort logischerweife die Zweigottheit (Sch'te Reschujoth) als aus dem Monotheismus hervorgegangen dargestellt, will sagen, aus der ängstlichen Besorgniß der jüdisch-alexandrinischen Schule, die Gottheit profaniren zu können, ans dem eifrigen Bestreben, die Gottheit nicht unmittelbar mit der Hyle in Berührung kommen zu lassen. Das war ganz unzweideutig ausgedrückt. Der heidnische Polytheismus hat (entgegen der Ansicht Weinstein's) mit der Sch'te Reschujoth der Minim absolut nichts zu schaffen. Die „zweite Gottheit" kam aus denr Judenthum im Wege der Philosophie herauf, nicht aber aus dem Heidenthum herunter. Die Red. -) Abermals eine falsche Auffassung der vorwöchentlichen Abhandlung. Dort wurde im Hinweis auf die Schrift: „der vorchristliche jüdische Gnosticismus". wo diese Tinge ausführlich behandelt wurden, behauptet, daß dre Minim des ersten Jahrhunderts antinomistische Gnostiker waren, und daß es solcher Secten eine Fülle gegeben v a b e. Und diesen vielen und gefährlichen Secten habe der Kampf der Gesetzeslehrer gegolten. Allerdings. Philo und seine conservative Partei wurden dort nicht zu Mini m gestempelt. Diese Erkenntniß erschloß erst Herr Tr. Weinstein. Nach ihm sind Philo und seine rechtgläubige Schule, welche (im Gegensatz zu den Gott und se n Gesetz schmähenden Mmim) den Gott Mosis und dessen Gesetz mehr denn der rechtgläubigste Gesetzeslehrer glorificirten — die Minim des Talmud! Nach ihm sind dieser selbe Philo und feine Gesinnungsgenossen dieselben Minim, von welchen der Talmud klagt: „Daß sie erkennen, und dennoch Gott leugnen, u. s. w. u. s. w." Die Redaction.