Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 46 Br. Blvch's Wochenschrifk' Seite 829 Der Vorstand der Oesterreichisch-Jsraelitischen Union habe, identisch mit dem Beschlüsse des Comitös der vereinigten jüdischen Reichsrathswähler, den Beschluß gefaßt, bei den kommenden Wahlen in den Reichsrath blvs zu den Wahlen des!. und II. Wiener Gemeindebezirkes, sowie zu den Wahlen in die V. Curie concret Stellung zu nehmen, sowie gegebenen Falles auf die jüdischen Wähler in Galizien Einfluß zu nehmen. Bezüglich Wien wurde einstimmig beschlossen, daß die bisherigen Candidaten der Inneren Stadt, die Herren Dr. K o p p, Dr. Kronawetter, Noske und W r a b e tz mit allem Nachdruck zu unterstützen sind, wenn dieselben ihre Mandate beizubehalten erklären. Nur in dem Falle, wenn einer dieser Herren freiwillig zurücktritt, sei die Aufstellung der Candidatur des Dr. Ofner einstimmig beschlossen worden. Desgleichen wurde der einstimmige Beschluß gefaßt, in der Leopoldstadt an der Candidatur des Hofrathes K a r e i s festzuhalten. Bezüglich der V. Curie wurde es als Grundsatz ausgesprochen, daß die Judenschaft in erster Linie Ursache habe, alle Diejenigen zu unterstützen, welche die wirksamste Gewähr für die Bekämpfung unserer Feinde bieten. Als solche sieht das Comitö die Socialdemokraten an und habe den Beschluß gefaßt, energisch einzugreifen, falls von anderer, namentlich von jüdischer Seite, der Versuch gemacht werden sollte, in dieser Curie separate Candidaten aufzustellen. Was Galizien betrifft, sv wurden zwar vorbereitende Schritte gemacht, dieselben haben jedoch leider aus vom Borslande, respective dem Comite unabhängigen Gründen noch keinen Erfolg gehabt, und ist auch ein solcher leider schwerlich zu erwarten. Herr H o f b a u e r stellt die Anfrage, ob das vereinigte jüdische Wahlcomits für den Fall, als das liberale Wahlcomits für die Innere Stadt zu anderen Beschlüssen gelangen sollte, auf seinen gefaßten Beschlüssen bestehe und eventuell selbstständig iu die Wahlaction einzugreifen gedenke. Der Präsident erwidert, daß alle jüdischen Vereine durch Delegirte in dem liberalen Wahlcomits vertreten seien und daß diese die Verpflichtung auf sich genommen haben, deu Standpunkt des vereinigten jüdischen Comites in dem liberalen Wahlcomitö energisch zu vertreten. Die Versammlung nimmt diese Enunciation des Präsidenten zur Kenntniß, welch' Letzterer noch die Erklärung abgibt, die Versammlung neuerdings einberufen zu wollen, falls das vereinigte jüdische Wahlcomits gezwungen sein sollte, von seinen bisherigen Beschlüssen abzuweichen. Hierauf schloß der Vorsitzende gegen Mitternacht die Versammlung. Rabbiner Jacob Fleißig. Freitag starb hier der Rabbiner der Wiener israelit. Cultusgemeinde Jacob Fl ei ßi g in seinem 83. Lebensjahre. Der Verstorbene, welcher, ohne jemals etwas publicirt zu haben, als Gelehrter eines über die Grenzen Oesterreichs weit hiuausreichenden klangvollen Namens sich erfreute, war eine durch seltene Geistesgabeu hervorragende Erscheinung. Rabbiner Fleißig war ein Vertreter classisch scharfsinniger Talmudfvtschung und ein sehr gründlicher Kenner der Kant'schen Philosophie. — Als in Ungarn die religiösen Parteiverhältnisse in Folge des vom Cultusminister Baron E ö t v ö s einberufenen Congresses sich verschlimmerten, legte Fleißig, um nicht in das Parteigetriebe hineingerissen zu werden, sein Amt als Rabbiner in Freistadtl nieder. Ihm ging der Friede über Alles, und deshalb leistete er der Verlockung, an die Spitze der neu gegründeten ungarischen Landes-Rabbinerschule zu treten, wohin er in der ehrenvollsten Weise als Rector berufen wurde, mannhaften Widerstand. Er zog es vor, hier in Wien als Rabbinats-Asseffor in bescheidener Weise selbstlos und hingebungsvoll zu wirken, seinen Studien zu leben und wissensdurstigen Jüngern Belehrung angedeihen zu lassen. Bis zu seinem 80. Geburtstage lag er allen seinen Amtspflichten in der hingebungsvollsten Weise ob; er wirkte hier länger als 26 Jahre und erfreute sich bei allen Parteien der größten Hochachtung, denn er war ein fester unbeugsamer Charakter, ein Mann des Friedens und der Wahrheit. — Ueber das Liechenbegängniß wird uns geschrieben: Unter ganz außerordentlicher Autheilnahme fand heute Vormittags 9 Uhr, die Beerdigungsseier des im 82. Lebensjahre nach langer Kränklichkeit Hingeschiedenen Gemeinderabbiners und Rabbinatsassessors der Wiener israelitischen Cultusgemeinde, des Herrn Jacob Fleißig, statt. Hier, an der Bahre dieses bescheidenen, in beschaulicher Zurückgezogenheit lebenden, hochgelehrten Mannes konnte man zum Bewußtsein gelangen, daß nicht das künstliche Vordrängen der Persönlichkeit oder gar die in die Oeffentlichkeit dringende rauschende Thätigkeit die Vorbedingungen für allgemeine und ungetheilte Wertschätzung sind. Alle Schichten des großen Wiener Aemeindeverbandes waren bei dieser Feier vertreten; Reiche und Arme. Hohe und minder Hohe, Künstler und Handwerker rc., Alle. Alle waren sie herbeigeeilt, um dem allgemein hochverehrten Manne das letzte Geleite zu geben, um Zeugen dieser Feier zu sein, und das Trauerhaus in der Dißlergaffe war nicht im Stande, all die Hunderte von Teilnehmern zu bergen, weshalb sich viele auf offener Straße aufstellten, um den Trauerzug zu erwarten. Angesichts dieser ganz außerordentlichen Betheiligung ist es ganz unmöglich, eine erschöpfende Liste aller Anwesenden auszustellen; deshalb wollen wir nur constatiren, daß der Cultusvorstand durch die Herren Baurath S t i a ß n y, Salo Cohn, Arthur Edlen von M i s es, Dr. G r ü n f e l d , Doctor Berger; der Bethausvorstand durch die Herren Doctor Spitzer, S. A. Wasservogel, Jul. Wolf, Jacob Moor; die Chewra - Kadischa durch die Herren Vorsteher S. Heit und R o s e n b a u m, aber auch sämmtliche Vereinsbethäuser und Vereine durch ihre Vorsteher M e i s e l s, Zolles, S t r a ß e r u. A. vertreten waren. Die Administrationsbeamten kais. Rath Dr. Lieben, Dr. Adler, Amtsvorstand Wiener, Amtsleiter Bäcker u. A. waren gleichfalls anwesend. Von den dienstfreien Rabbinen bemerkten wir Herrn Dr. G e l b h a u s und T a g l e i ch t, und auch die dienstfreien Religionslehrer waren unter Führung des Jnspectors Herrn Dr. K a n i tz anwesend; auch der Gemeinde-Obercantor Singer mit dem I.Cantor Blatt, sowie die Obercantoren Bauer. Schorr, Wittm a n n und Cantor L ö w i t hatten sich gleichfalls eingefunden. Kurz vor 9 Uhr widmete Herr Seminardirector Dr. Schwarz dem Verewigten einen warmen Nachruf, woraus unter Absingung der rituellen Gebete durch den Vereinscantor Schwarz der imposante Zug nach dem Centralfriedhofe sich in Bewegung setzte. Dort angelangt, wurde die Leiche auf der Estrade aufgebahlt, wo. auf nach Rcitation des Ha zur towim durch Cantor Schwarz Herr Oberrabbiner Dr. G ü d e m a n n dem dahingeschiedenen theueren Mitcollegen aus dem Herzen fließende Worte der Würdigung und des Dankes widmete. Auch die hierauf folgende Trauerrede des Gemeinderabbiners Herrn Dr. S ch m i e d e l war tief empfunden und machte allgemeinen Eindruck. Hierauf wurde der Sarg zur Erde bestattet, und als die letzten Schollen auf denselben niederfielen, bemächtigte sich eines Jeden die Ueberzeugung. daß wieder ein Gelehrtenfürst und Großer in Israel von uns gegangen. Möge ihm die Erde leicht sein. S ..... . Sigmund Eisenbergrr. Wir haben in unserer letzten Nummer kurz vor dem so jäh erfolgten Hinscheiden des Herrn k. k. Commercialrathes Sigmund Eisenberger berichtet. Mit ihm ist ein um das Judenthum unserer Stadt hochverdienter Mann aus dem Leben geschieden, dem wohl auch an dieser Stelle ein Ehrenplätzchen gebührt. Sigmund Eisenberger war ein selk-macie-raan im vollsten Sinne des Wortes. Als er vor länger als einem halben Jahrhundert aus seiner Vaterstadt Dürrmaul bei Marienbad nach Wien kam. um hier die Seidenweberei zu lernen, nannte er nichts sein eigen, als seine Arbeitskraft und den besten Willen, sie ehrlich und rechtschaffen auszunützen. Mit unermüdlichem Eifer und rastloser Thätigkeit lebte er seinem Berufe; maßvoll und bescheiden in seiner Lebensführung, voll ernster Grundsätze und mit eiserner Willenskraft begabt, konnte es ihm an Erfolg nicht fehlen, zumal er in seiner ausgezeichneten Lebensgefährtin Cäcilie eine tüchtige, hochbegabte Mitarbeiterin zur Seite hatte. Neidlos wurde seine geschäftliche und industrielle Tüchtigkeit anerkannt, und die zahlreichen Ehrenposten, mit denen er nicht blos von hoher Stelle ausgezeichnet wurde, legen hiefür das beste