Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 828 Ar. Vlortz's Wochenschrift. Nr. 46 Für den nächsten Samstag werde das Centralwahlcomitä wahrscheinlich eine öffentliche Wählerversammlung einberufen. Vicepräsident Professor E h r m a n n übernimmt den Vorsitz. Herr W e r t h e i m möchte in der Wiener Cultusgemeinde eine Einrichtung der Pester Gemeinde nachgeahmt sehen. In Pest werden aus der Gesammtzahl der Wähler 200 Ausschussmitglieder gewählt, die in 7—8 Sectionen getheilt werden. Die Sectionen wählen ihre Obmänner, diese den Präsidenten. Herr Fried beklagt sich darüber, daß den meisten Gemeindemitgliedern die Rechte und Pflichten der Gemeindemitglieder nach den neuen Statuten unbekannt seien. Der Vorsitzende bemerkt, daß die neuen Statuten zugleich mit den Wahlzetteln versendet wurden. Dr. Schreiber macht der Union zum Vorwurfe, daß sie kein bestimmtes Programm aufgestellt habe. Auch der Referent der letzten Versammlung hat sich mit einem negativen Programm begnügt. Das neue Statut wurde als kalt aeeowpli hingestellt. Warum hat sich der Vorstand der Union nicht in „begutachtenden Befunden" darüber geäussert? Die Gemeinde ist ein zu werthvolles Gut, als daß mit ihr experimentirt werden dürfte. Der Redner tadelt ferner das Vorgehen des Vorsitzenden in der letzten Versammlung, der die gegen Gemeindefunctionäre seitens eines Redners vorgebrachten Beschuldigungen habe protokolliren lassen, um dieselben in officieller Form dem Cultusvorstande zur Kenntniß zu bringen. Das gehöre nicht zu den Obliegenheiten des Vorstandes. Redner findet es auffallend, daß die Ausschmückung der Gräber auf dem Centralfriedhofe an einen christlichen Gärtner verpachtet sei. (Rufe: Es gibt keine jüdischen Gärtner!) Dann müßte der Vorstand den christlichen Gärtner verpflichten, eine Anzahl jüdischer Gehilfen zu halten, damit sich dieselben zu Gärtnern heranbilden. Der Vorsitzende rechtfertigt den vom Vorredner gerügten Vorgang gegenüber dem Präsidenten in der letzten Versammlung. Wer so schwere Beschuldigungen gegen Abwesende und Todte ausspreche, muffe dieselben beweisen. Kaiser!. Rath RuÄeka fügt hinzu: Wenn solche Beschuldigungen fallen, müsse dem Abwesenden Gelegenheit gegeben werden, Rechenschaft zu fordern, und darum muß der Thatbestand festgehalten werden; das ist Pflicht des Vorsitzenden. Herr Gottlieb B e t r e l h e i m stellt sich als Tempeljude und einfaches Cultusgemeindemitglied vor. In ersterer Eigenschaft müsse er den Vorstand loben. Es sind bedeutende Schritte vorwärts gemacht worden auf dem Wege jenes von den Tempelvereinen vor einigen Jahren aufgestellten Programmes. Insbesondere sei die Errichtung der Bezirkscommissionen ein bedeutender Schritt vorwärts. Redner empfiehlt die Bildung eines Gemeinderabbinates, in das auch die Vereinsrabbiner, Männer von akademischem Rang, die man nicht der Rechte von Gemeinderabbinern berauben sollte, einzubeziehen wären. Redner erklärt sich ferner dagegen, daß das Armenwesen durch die Cultusgemeinde monopolisirt und dadurch die freiwillige Armenpflege unterbunden werde. Auch die Friedhof-Verwaltung sollte ganz der Chewra-Kadischa übertragen werden. Herr Dr. Elias bemerkt gegenüber Herrn Dr. Schreiber, daß das Programm der Union in deren Statuten genau angegeben sei. Was die Wahlreform betreffe, so sei das letztemal genug darüber gesprochen worden. Es sei jetzt abzuwarten, ob die vom „jüdischen Großgrundbesitz" — so nennt er die Plural- Wahlrechtbesitzer — zu wählenden Mitglieder des Vorstandes, wenn sie das entsetzliche jüdische Elend mitansehen werden, nicht in noch ganz anderer Weise als bisher mithelfen werden, dem Elend zu steuern. Herr Dr. Zins: In Betreff der Neuwahlen vertrete ich zwei Standpunkte. Erstens, dass alle ausgelosten Herren verdienen, wiedergewählt zu werden. Zweitens, daß wir auf die Wahlen aus der privilegirten Curie Einfluß üben sollen, damit die 12 Mitglieder dieser Curie nicht einfach „ernannt" werden. Das gesammte Präsidium dürste Werth darauf legen, aus der allgemeinen Curie gewählt zu werden, und dieser Anspruch ist gerecht, dagegen könnten manche andere ausgeloste Herren der privilegirten Curie überwiesen werden. Kaiser!. Rath RuLiLka: Die Versammlung könnte folgenden concreten Antrag beschließen. Morgen tritt das Centralwahlcomitä für die Cultuswahlen zusammen, um programmatisch festzuftellen, von welchen Voraussetzungen man ausgehen soll, wenn man Candidaten namens der im Centralwahlcomite vertretenen Bereinigungen nominirt. Mittwoch werden wir die Candidaten sehen und hören. Das Centralwahlcomitä will vorerst diese Candidaten kennen lernen, um dann seine Beschlüffe zu fassen. Mein Antrag lautet demnach: Die Plenarversammlung der Union wird erst dann, w en n d i e C a n d i d atur e n bekannt worden sind, zu den Wahlen Stellung nehmen. Herr Wertheim empfiehlt die Anregung des Herrn Dr. Zins auf's Wärmste und beantragt folgende Resolution: Es sei wünschenswerth, daß in der privilegirten Curie ein Theil der ausgelosten Mitglieder des Cultusvorstandes candidire. Cultusvorstand Dr. Spitzer: Die Vermehrung der Vorstandsmitglieder von 24 auf 36 entspricht einem in früheren Versammlungen oftmals geäußerten Wunsche. Was die privilegirte Curie anbetrifft, so sind die Reichen aus eigenem Antrieb an uns herangetreten mit der Bitte, mitzuthun bei der allgemeinen Jntereffen dienenden Arbeit. Einen solchen Wunsch mußte man mit Freuden begrüßen. Die Bezirkscollegien sind zur Erledigung lener Agenden geschaffen worden, deren Abgabe an die Bezirkstempelvorstände im § 89 der alten Statuten vorgesehen war. Gegenüber den budgetäre Verhältnisse berührenden Aeußerungen des Herrn Bettelheim bemerkt Redner, daß die Sammlung für das Siechenhaus blos die Summe von 50.000 fl. ergab, die Gemeinde werde daher 80.000 fl. aus eigenem Säckel beisteuern müssen. Die Erhaltung des Rothschild-Spitals wird jährlich 50—60.000 fl. kosten. Der Religionsunterricht kostet 85.000 fl., die Armenpflege 200.000 fl. Solch große Aufgaben könne der Cultusvorstand nicht privaten Vereinen überlaffen. — Das Gemeinderabbinat könne, der Tradition entsprechend, nur aus 3 Personen bestehen. Die Matrikenführung sei bereits den Vereins-Bethäusern zugewiesen worden. — Eines ist es, das uns Alle eint: Die Begeisterung für's Judenthum. Der Vorstand thut sein Möglichstes, daß das Judenthum groß und geachtet dastehe. Es ist Schluß der Debatte beantragt. Der Antrag wird abgelehnt. Herr Bernhardt: Einige Wählerversammlungen der westlichen Bezirke haben sich über den Zustand des Religionsunterrichtes und der Tempelverwaltung beklagt, ferner über die zu geringe Decentralisation des Armenwesens und die Präterirung der Intelligenz in dem neuen Wahlstatut. Redner spricht sodann über die Art, wie dem Elend der rumänischen Auswanderer begegnet wurde. Die Hilfsaction lag zwar in den Händen der Alliance, aber die moralische Veranwortung treffe den Cultusvorstand. Kaiserlicher Rath R u L i o k a übernimmt wieder den Vorsitz. Es wird der Antrag auf Schluß der Debatte gestellt. Der Antrag wird angenommen. Es sind noch mehrere Redner angemeldet. Professor E h r m a n n: Es ist zuzugeben, daß die Alliance sich ihrer Ausgabe nicht gewachsen sah. Aber diese Aufgabe war eine solche, daß die Möglichkeit nicht vorlag, sie in so idealer Weise zu lösen, wie wir Alle es gewünscht hätten. Die Auswanderung war eine ungeregelte. Die Leute wollten nach Amerika. Nun hat aber die amerikanische Regierung sofort die Häfen sperren wollen. Nur den Bemühungen einiger angesehener Glaubensgenossen gelang es, diese Sperre für die ersteu Auswandererschaaren rückgängig zu machen. Es stand bevor, daß die nächsten Auswanderer- Abtheilungen sofort zurückgesendet werden sollten. Die Alliance verlor den Kopf, einige Herren wurden nervös. Das Alles ist zuzugeben. Den Zionisten wäre aber zu rathen, jene auf Auswanderung gerichtete Agitation in geregelte Bahnen zu leiten. Herr S. Heit schließt sich den Ausführungen des Vorredners an und erzählt Fälle, wo die Auswanderer solche Hilfe zurückwiesen, die darin bestand, daß man ihnen hier in Wien Arbeit verschaffen wollte. Herr H o f b a u e r: Zuerst wurde der Vorstand angegriffen, jetzt die „Alliance". Das wirkt nicht anspornend auf solche neue Männer, die sich der Mühen der Repräsentanz unterziehen wollen. Kaiser!. Rath R u z t e f o: Die Debatte ist geschlossen und kein Redner mehr zum Worte vorgemerkt. Es liegt ein Antrag und eine Resolution vor. Der Antrag geht dahin, zu den Cultuswahlen erst dann Stellung zu nehmen, wenn die Candidaturen bekannt worden sind. Dieser Antrag wird mit allen gegen 3 Stimmen zum Beschlüsse erhoben; die Resolution Wertheimer wird zur Kenntniß genommen. Zum Punkte Reichsrathswahlen nimmt der Präsident das Wort zu folgender Enunciation: