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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 46 Dr. Blvrlr's WochrnMrrift. Sette 837 duldete jedoch keine weiblich« Sentimentalität und hielt sie zu strenger Pflichterfüllung, gewisienhafter Zeiteintheilung und wirthfchaftlicher Thätigkeit an, das beste Gegengewicht für den übergroßen Idealismus des jungen Mädchens; Lina mußte in allen Zweigen der Hauswirthschaft sich reiche Kenntnisse sammeln und nur die Morgenstunde durfte sie der Musik, die Abende literarischen Studien widmen. Die polnische Revolution und die Stürme des Jahres 1848 lenkten zuerst den Sinn des warmherzigen Mädchens auf die socialen Berhältnisse und regten sie an, die Lewen der darbenden Menschheit zu lindern. Sie gründete unter Aufsicht ihrer Mutter mit gleichgesinnten Freundinnen noch in dem sturmbewegten Jahre den Pfennigverein zur Unterstützung armer Schulkinder, der sich schnell zu gedeihlicher Thätigkeit entfaltete und in dem halben Jahrhundert seines Bestehens unendlich viel Segen gestiftet hat. Anläßlich der fünfzigjährigen Jubelfeier des Pfennigvereins hat ihre Vaterstadt Frau Morgenstern begeisterte Huldigungen entgegengebracht. Den politischen Errungenschaften jener Zeit folgte sie mit lebhafter Theilnahme, und das Interesse für dieselben hat für ihr ganzes späteres Leben einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf ihre segensreiche gemeinnützige Thätigkeit ausgeübt und sie immer mehr in dem Wunsche bestärkt, ausgleichend und verbessernd auf die socialen Zustände zu wirken. 1854 reichte sie aus reinster Herzensneigung einem jungen Kaufmann aus Kalisch- Theodor Morgenstern, welcher mehrere Jahre in einem großen Breslauer Handlungshause thätig war, die Hand zum Lebensbunde, und das junge Paar übersiedelte nach Berlin. In ihren ersten Ehejahren lebte die junge Frau ganz ihren Pflichten als Gattin, Mutter und Hausfrau; 1859 trat sie in die Oeffentlichkeit. Damals gewann in der preußischen Residenz der Gedanke, Fröbel'sch; Kindergärten einzuführen, immer mehr Boden und somit Freunde, und sie war eine der ersten Frauen, die sich für Friedrich Fröbel's Lehre begeisterte, sie vorerst für ihre Kinder und dann für weitere Kreise studirte, und die ernste Vertiefung in die Lehre des großen Kinderfreundes zeitigte das treffliche Buch „Das Paradies der Kindheit", welches 1861 erschien und schon mehrere Auflagen erlebt hat. Von jener Zeit an hat Frau Morgenstern, oft als leitende Persönlichkeit, an allen Bestrebungen und Vereinen, welche die Kindererziehung, die Bildung und wirthschaftlichen Erwerbsinterressen der Frauen betreffen, den lebhaftesten Antheil genommen. Immer mehr vertiefte sie sich in ihre literarische und gemeinnützige Thätigkeit, ebenfalls zuerst für ihre Kinder erschienen die Märchenfammlungen „Die Storchstraße" und „In der Dämmerstunde" und sie hat sich das unbestreitbare Verdienst , erworben, als Vorsitzende des Kindergartenvereines wesentlich zur Verbreitung der Fröbel'schen Lehre in der preußischen Residenz beigetragen zu haben, als nicht minder derselben durch Gründung von Kindergärtnerinnen-Seminaren und Kindergärtnerinnen-Cursen, als durch populäre Vorträge für Frauen und Mütter zur Belehrung immer mehr Anhänger verschafft zu haben. Neben den Kindergärten erstanden Volkskindergärten, und als Frau Morgenstern 1866 sich von der öffentlichen Wirksamkeit zurückziehen wollte und den Vorsitz des Kindergartenvereines niederlegte, entfachte der Ausbruch des preußisch-österreichischen Krieges aufs Neue ihre hilfsbereite Liebesthätigkeit auf einem anderen Gebiete. Sie gründete die Volksküchen, die infolge eines von ihr gehaltenen Vortrages zuerst in ihrer Vaterstadt Breslau, dann in verschiedenen anderen Großstädten, Wien, Posen, Hannover, Pest, Lemberg, Warschau u. a. m. begeisterte Nachahmung fanden. Diese großartige Wirksamkeit auf volkswirthschaftlichem Gebiete entzog jedoch Frau Morgenstern ihrer schriftstellerischen Thätigkeit nicht; immer mehr vertiefte sie sich in ihre Studien über Erziehung, sie schrieb das Buch „Die kleinen Menschen", 100 Erzählungen für die Kinderwelt, gründete 1869 den Kinderschutzverein und hatte für die Erziehung des weiblichen Geschlechts, für seinen Beruf stets die höchsten Ziele im Auge. Sie errichtete im Herbste 1869 eine Akademie zur wissenschaftlichen Fortbildung für Frauen und Töchter, der sie einen großen Theil ihrer Zeit und Kraft widmete, und schon begann dieselbe kräftig emporzublühen, als der deutsch-französische Krieg ausbrach und Frau Morgenstern's Hauptinteresse sich an den durchziehenden Truppen, der Pflege der Kranken und Verwundeten zuwendete. Die opferwillige Thätigkeit, welche sie in jener großen Zeit entfaltete, lebt unvergessen in Aller Erinnerung fort, dieselbe fand die wohlverdiente Anerkennung in Ordenszeichen und Medaillen, wie sich Frau Morgenstern überhaupt wiederholt der persönlichen Aufmerksamkeit des ersten deutschen Kaiserpaares, der edlen Frau Großherzogin von Baden, der Kaiserin Friedrich und der verewigten Großherzogin Alice von Hessen zu erfreuen hatte. Als die Segnungen des Friedens das Vaterland wieder beglückten, entfaltete sich ihre literarische Thätigkeit nicht nur wieder reicher, sie gründete 1873 den Berliner Hausfrauen-Berein, aus dem mehrere gemeinnützige Anstalten, besonders die Kochschule, hervorgingen, und rief im folgenden Jahre die „Deutsche Hausfrauenzeitung" in's Leben, die sie unentwegt redigirt. Anläßlich des fünfundzwanzigjährigen Jubiläums dieser ihrer beiden ureigensten Schöpfungen, wie schon früher des Berliner Frauencongreffes, sind der verdienstvollen Frau zahlreiche wohlverdiente Ehrungen und Auszeichnungen dargebracht worden. Es würde über den Rahmen dieser Skizze hinausgehen, Alles, was Lina Morgenstern in ihrem arbeits- und erfolgreichen Seien geleistet hat, aufzuzählen. Zahlreichen Frauentagen hat sie beigewohnt, überall für die von ihr mit Begeisterung vertretene Frauenfrage warm das Wort führend, eine Reihe von Jahren gab sie den „Allgemeinen Frauenkalender" heraus, auch eine Monatsschrift : „Für junge Mädchen". Von ihren trefflichen Schriften seien noch erwähnt: „Friedrich Fröbel, sein Leben und seine Werke," „Universalkochbuch," „Praktische Studien über Hauswirthschaft." „Der häusliche Berus und hauswirthschastliche Erfahrungen" u. A. m. Ihr Lebensiverk „Die Frauen des neunzehntem Jahrhunderts" bildet einen werthvollen Beitrag zur Zeitgeschichte. Früher erschienen die Novellen: „Liebe und Leid" und „Blütenleben". Lina Morgenstern lebt in idealer Ehe; ihr Gatte ehrt und versteht ihr Streben und ihre Interessen, und steht ihr rathend, helfend und fördernd zur Seite. Sorgen und Prüfungen find ihr nicht erspart geblieben, aber ihrem Gatten die treueste, edelste Gefährtin, ihren Kindern die liebevollste Mutter, ihren Enkeln die zärtlichste Großmutter, ihrer großen Familie ein werthvolles theures Glied, von ihrem zahlreichen Freundeskreise gleich ihren Verwandten geliebt, geschätzt und verehrt, darf Lina Morgenstern mit hoher Befriedigung auf ihr Leben zurückblicken. Den Idealen ihrer Jugend ist sie treu geblieben, sie wirkt und schafft, so lange es Tag ist! Möge der edlen Jubilarin ein freundlicher Lebensabend beschieden sein, möge ihr noch lange ihre frohe Schaffenskraft, ihre schöne harmonische Frische von Körper und Geist erhalten bleiben. K. N. Lorrespondenzen. 2 österreichisch-Israelitische Union. Plenarversammlung, Samstag den 10. November 1900. Der Vorsitzende, kaiserl. Rath R u z i c f a, theilt der Versammlung mit, daß aus Böhmen beunruhigende Nachrichten vorliegen. Ein Mitglied der „Union" in Nordböhmen schreibt, daß es au seinem Wohnort anläßlich einer Theatervorstellung zu Scandaleu kam. Einer der Schauspieler sagt mit Bezug auf seinen Partner: „Blut, Blut will ich sehen!", und dieser hat zu antworten: „Du, Hilsner, Du!" Darauf stürmischer Beifall! Es wird also für den Ausgang des Processes Hilsner Stimmung gemacht und bestehe angeblich ein eigenes Comit«;, welches Judenhetzen im größten Maßstabe vorbereite. Wir werden offene Augen behalten! Es wird sodann ein Schreiben des Präsidenten der Wiener israelitischen Cultusgemeinde zur Verlesung gebracht, in welchem derselbe, durch Unwohlsein verhindert, der heutigen Versammlung anzuwohnen, fein Fernbleiben entschuldigt und auf die in der letzten Plenarversammlung der Union im Referate über die Wahlreform wegen Nichtbeantwortung des Memorandums der Union seitens des Cultusvorstandes enthaltenen Bemerkung reagirt. Auf Verlangen des Referenten Dr. Zins erklärt der Vorsitzende, daß das Referat im Namen und in den Intentionen des Vorstandes erstattet wurde. Die Versammlung nimmt die sympathischen Erklärungen des Präsidenten der Cultusgemeinde Herrn kaiserl. Rathes K l i n g e r befriedigend zur Kenntniß und spricht den Wunsch einhellig aus, daß er bald sich voll erhole und feine Thatkrast dem Gemeindewohle wieder voll zuwenden möge. Der Vorsitzende gibt bekannt, daß sich für die bevorstehenden Wahlen in den Cultusvorstand ein Centralwahlcomite gebildet und beschlossen habe, die nächste, für Mittwoch anberaumte Wählerversammlung abzuwarten und die Candidaten anzuhören.

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