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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 886 Dr. Bloch-s Wochenfchrifl. Nr. 46 vorgekommen, als hörte er das Wimmern eines Menschen. Auch ein Stimmengewirr ertönte aus dem Keller. Er habe sich daher platt auf den Bauch gelegt und etwa anderthalb Stunden lang in der menschenleeren, ruhigen Straße gehorcht, was in dem Keller vorgehe. Das Wimmern habe noch lange Zeit angedauert. Als dies verstummt war, habe er ein Geräusch gehört, als ob in dem Keller gescheuert werde. Gleich darauf sei ein kleiner Mann aus dem Keller gekommen, der sich scheu auf dem Hofe umgesehen habe, ob Menschen in der Nähe seien. Der Figur nach zu schließen, sei dieser Mann der Fleischermeister Adolf Lewy gewesen. Er habe auch gesehen, daß drei Leute aus dem Lewy'schen Hofe getreten seien, von denen zwei einen schweren, sackartigen Gegenstand trugen. Der dritte sei hinterdrein gekommen, und zwar seien alle drei Personen nach dem Mönchsee zu gegangen. Sehr bald seien sie ohne Packet zurückgekehrt. Nachdem sie sich scheu nach allen Seiten umgesehen, hätten sie die Lewy'sche Hofthür geöffnet und seien hinter dieser verschwunden. Als er (Maßlos) nach Hause kam, habe seine Frau ihm Vorwürfe gemacht, daß er so spät und noch obendrein so schmutzig nach Hause komme; er habe daraufhin sofort seiner Frau alle seine Wahrnehmungen erzählt. Die Frau Maßlof's bestätigte dies unter ihrem Eide. Eine noch gruseligere Geschichte beschwor Maßlof's Schwiegermutter, Frau Roß. Sie erzählte bei Gericht, Lewy's Frau hätte zu ihr nach der Ermordung Winter's gesagt: „Per junge Mann, den man ermordet hat, war gar nicht so viel werth, daß man deshalb ein so großes Geschrei macht. Den Mörder wird man niemals entdecken, die jüdische Gemeinde ist reich genug, um die Sache zu unterdrücken", Ferner erzählte Frau Roß: Ein junger Knecht habe ihr erzählt: Er sei am Spätabend des 11. März durch die Rähmerstraße gegangen. Da habe sich plötzlich die Thür, die zu dem Hofe des Fleischermeisters Lewy führte, geöffnet. Aus dem Hose seien drei Leute getreten, von denen einer ein großes Packet unter dem Arme trug. Die drei Personen hätten sich nach der Gegend des Mönchsees begeben. Einige Tage nach dem Morde habe sie für die Familie Lewy Wäsche gewaschen. Dabei sei ihr ein roth gezeichnetes weißes Taschentuch aufgefallen, da es bedeutend feiner als die anderen war. Ihre Tochter, die des Lesens kundig sei, habe ihr gesagt, daß das feine Taschentuch mit „E. W." (der Ermordete hieß Ernst Winter) gezeichnet war. Ihre Tochter habe ihr außerdem erzählt: Kurz nach dem Morde habe sie, als sie bei Lewy Bedienerin war, auf dem Ofen eine Uhrkette gefunden. Als sie sich diese besah, sei zufällig Frau Lewy hinzugekommen, habe ihr die Kette aus der Hand gerissen und in größter Aufregung gesagt: „Was geht Sie die Uhrketle an? Diese gehört meinem Sohn". Die Tochter der Roß, eine Frau Berg, hat als Zeugin dasselbe beschworen. Andere Zeugen haben übrigens ähnliche Märchen zum Besten gegeben. So erzählte der Floßmeister S t e i n i ck e: „Ich war im October 1899 bei dem jüdischen Fleischermeister Eisenstedt in Prechlau. Ich sprach über den Bauunternehmer Winter, den Vater des später ermordeten Knaben und sagte: „Er hat einen netten Sohn in Könitz". Eisenstedt sagte: „Ist dieser gut zu schlachten?" Ich antwortete: „Zum Schlachten ist er doch wohl zu schade." Eine Jüdin Namens Mayer, wird weiter dem Gericht erzählt, habe gesagt, daß eine V erschwörung gegen den jungen Winter geplant sei, und dem hinzugesügt: Man sagt, wir brauchten es zu Mazzes, zum Händewaschen oder zum Altarreinigen. Das ist Unsinn. Wir brauchen es nur zum Glück, damit alle Kunden bleiben und neue hinzu kommen." Und das glauben die Leute in Könitz. Diese Frau Mayer soll zugleich der Christin Hellwig gesagt haben, sie möge sie nicht verrathen. Und der Gemahl dieser Frau Hellwig, der sich eine jüdische Ritualmörderin als solche vorgestellt hatte, erzählte, daß ihm ein jüdischer Getreidehändler gesagt habe: „Sie sehen so gesund aus, Sie müssen viel Blut haben? Sind Sie Soldat gewesen? Sie sind gut dazu. Blut ist dieses Jahr theuer. Es kostet eine h alb e Milli o n." So hatte sich denn der Arbeiter Maßlos sammt Frau, Tochter und Schwiegermutter gegen die Anklage wissentlichen Meineides vor Gericht zu Vertheid igen. Die schwerverdächtigte Familie des Fleischermeisters A. Lewy hatte ihren Alibibeweis derart lückenlos vor Gericht geführt, daß nicht blos der Staatsanwalt sondern auch die Rechtsvertreter der Familie Maßlos ihn uneingeschränkt anerkennen mußten. Nach einer vierzehntägigen Verhandlung, während welcher Hunderte und Hunderte von Zeugen einvernommen wurden, sprachen die Geschwornen den Maßlos und seine Schwiegermutter des Meineides schuldig und der Gerichtshof verurtheilte den Maßlos zu einem Jahre Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust, dre Frau Roß zu zweieinhalb Jahren Zuchthaus und drei Jahren Ehrverlust. — Beiden wurde die Fähigkeit zur Eidesleistung für immer aberkannt. Die Staatsanwaltschaft hatte gegen Maßlos 4 und gegen die Roß 9 Jahre Zuchthaus beantragt. Das Gericht hat die Schuld der Angeklagten weniger hart beurtheilt und bemessen, in der Erkenntniß, daß die Meineidigen unter dem suggestiven Einfluß der antisemitischen Schurkenbande gestanden, welche durch unablässige Agitation das klare Urtheil der Bevölkerung getrübt, den Sinn für Wahrheit und Gerechtigkeit verwirrt hat. In den Angeklagten haben die Richter die traurigen Opfer einer gemeingefährlichen Maulwurfsarbeit gesehen und mögen bedauert haben, daß das Gesetz keine Handhabe bietet, die eigentlichen Schurken zu fassen, daß man die Kleinen hängt, während man die Großen laufen läßt. Lina Morgenstern. Zuihrem 70. Geburtstage, den 25. November 1900 Lina Morgenstern, welche in rastloser Schaffensfreudigkeit und nimmermüder Arbeitskraft in fast jugendlicher Elasticität und lebendiger Geistesfrische unter der wärmsten Antheilnahme der deutschen Frauenwelt insbesondere ihren siebzigsten Geburtstag begeht, nimmt in den Reihen der vornehmsten Kämpferinnen für erweiterte Frauenbildung, der Führerinnen und Trägerinnen der deutschen Frauenbewegung einen hervorragenden Platz ein. Ihr öffentliches Wirken ist bekannt; wo es gilt, ihren Ideen Eingang zu verschaffen, Anregung für neue Wohlfahrtseinrichtungen zu geben, da tritt sie seit Jahrzehnten lebhaft in Wort und Schrift ein, setzt all ihr Denken und ihre Kraft für die guten Ziele der Frauenbewegung, für die Wohlfahrt ihrer Mitmenschen, für das Volkswohl und Wohlthätigkeit mit ein, und von echter Menschenliebe erfüllt, ist sie feit einem halben Jahrhundert im Dienste der Menschenliebe thätig. Lina Morgenstern, geborene Bauer, erblickte am 25. November 1830 als die Tochter eines wohlhabenden Kaufmannes zu Breslau das Licht der Welt, erhielt von den feingebildeten Eltern eine vorzügliche Erziehung und besuchte eine höhere Töchterschule. Ihre Mutter Fanny, geborene Adler, das Vorbild einer würdevollen, echt weiblichen, von edelster Menschenliebe beseelten, geist- und anmuthreichen Frau, welche sich bis in ihr hohes Alter das Streben nach Fortbildung und Vervollkommnung bewahrte, das sie ihren vier Töchtern von frühester Jugend einzupflanzen wußte, die denn auch in der Folge jede in ihrer Art Bedeutendes auf dem Gebiete der Humanität geleistet haben, verstand auch ihr Haus zu einer Stätte edelster Geselligkeit zu machen. Lina war ein sehr lebhaftes Kind von seltener Begabung und hohem Lerneifer, zeichnete sich in den ersten Jugendjahren weniger durch Fleiß als durch schnelle Auffassung aus; erst in den höheren Classen zeigte sie einen wahren Feuereifer, insbesondere für Literatur, Geschichte und Naturgeschichte. Sie versuchte frühzeitig ihre Gedanken in poetische Form zu kleiden und auch von ihr gilt nicht nur darin, sondern auch in Betreff des sich frühzeitig regenden Mitgefühls für Noch und Elend „das Kind ist die Mutter der Frau". Von hohem Einfluß auf ihr Gemüthsleben war der Religionsunterricht des Predigers Abraham Geiger; sie zeigte ein beachtenswerthes Gesangstalent, das in der von Mosewius trefflich geleiteten Singakademie zur Geltung kam, namentlich hatte sie eine große Vorliebe für Oratorien, welche dort meisterhaft aufgeführt wurden. Aus dem lebhaften Kinde wurde eine schwärmerische, sentimentale Jungfrau, die sich hauptsächlich idealen Bestrebungen zuwandte und sich vorzugsweise mit Literatur, Poesie, Musik und Astronomie beschäftigte. Die treffliche, verständige Mutter

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