Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Veite 824 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 46 zum Märtyrer wird, der lieber in den Tod geht, als seinen Mitschuldigen zu nennen, weil deren Bekanntgabe seinen Neligionsgenossen zum Verderben würde. Hatte er Mitschuldige, so würde er nicht zögern, sie anzugeben; das falsche Geständniß beweist, daß er keine Bedenken hätte, Alles zu gestehen, was ihm von dem Tode retten kann. Wenn er keine Mitschuldigen nennt, so hat er auch keine. Daß Hilsner nicht ihm unbekannte Mitschuldige haben kann, daß er sie also nicht deshalb nennt, weil er sie nicht kennt: das ist doch klar. Denn so können sich selbst die blutrünstigsten Antisemiten die Sache nicht vorstellen, daß zwei wildfremde Juden nach Polna kommen, Herrn Leopold Hilsner fragen, ob er kein Christenmädchen kenne, daß abgeschlachtet werden könnte, und er sie sofort in den Wald führte und ihnen bei der Ermordung des jungen Mädchens helfe. Sondern es mußldoch ein regelrechtes Complott vorangegangen sein: das heißt, Hilsner müßte seine Mitschuldigen kennen, und wenn er sie hätte, würde er wahrlich nicht zögern, sie zu nennen. Wir meinen, daß selbst die fanatischesten Ritualmordgläubigen auf dieses Geständniß hoffen. Wenn es aber ausbleibt? Wenn Hilsner gehenkt wird, ohne de ine Mitschuldigen zu nennen? Wird dann wohl noch Jemand die Courage haben, zu meinen, er habe sie doch gehabt? Bleibt dieses Geständniß aus, so sind wir für unseren Theil überzengt, daß Herr Peschak falsch gesehen hat, als er Hilsner „mit zwei fremden Juden" in dem Augenblick zu sehen vermeinte, da Agnes Hruza im Brezinawalde ermordet wurde! Und wir meinen auch, daß die Geschwornen alle Ursache gehabt hätten, den Thatbestand sorgfältiger zu erwägen, als sie daran gingen, einen Menschen dem Tode zu überantworten!" Nachdem aber die Gffchwornen mit ihrem Wahrspruch festgestellt haben, daß Hilsner den Mord allein nicht begangen hat, sondern nur unter Theilnahme und Hilfe mehrerer Mitschuldigen, haben wir uns veranlaßt gesehen, den einmal ausgesetzten Preis von fl. 5000 auf die Entdeckung dieser Mitschuldigen durch Wiederabdruck der Bekanntmachung an der Spitze des Blattes zu erneuern. Jüdische WohlthskigKeitsanstalten in Paris, Frankfurt a. W., Berlin und Breslau. Das Mitglied des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde Herr k. k. Baurath Wilhelm Stiaßny, der Erbauer des Rothschildspitals, des Blindeninstitutes des Versorgungs- und Siechenhauses in Wien, der Gründer, des jüdischen Museums und Präsident des Vereines zur Unterstützung israelitischer Handwerker und Gewerbetreibender, ist soeben von einer Reise zurückgekehrt, auf der er den größten Theilseiner Zeit demStudium jüdischer Wohlthätigkeitsanstalten gewidmet hat. Seine Reise führte ihn in die Hauptstädte Frankreichs und Deutschlands und in die beiden großen Handelsemporien am Main und an der Oder, und mit scharfer Beobachtungsgabe, mit vollkommener Sachkenntniß hat er daselbst Studien unternommen, um die verschiedenen Anstalten nicht nur kennen zu lernen, sondern sie auch mit den Wiener Institutionen zu vergleichen. Ein Mitarbeiter unseres Blattes hat ihn über seine interessanten Wahrnehmungen befragt und in entgegenkommender Bereitwilligkeit hat er sich darüber geäußert, was er in der Fremde Besseres gesehen, als wir es besitzen, und was wieder bei uns besser ist als anderwärts. Wir lassen seine Aeußerungen möglichst getreu hier folgen : Im Allgemeinen muß man bekennen, daß in den vier genannten jüdischen Gemeinden schon seit vielen Jahren eine große Opferwilligkeit seitens der Mitglieder aufgeboten wurde, um Wohlthätigkeitseinrichtungen zu schaffen, so daß alle diese Anstalten älter sind, als die Wiener. Es nluß auch bemerkt werden, daß in diesen Städten derartige Wohlthätigkeitsanstalten, die eigener Häuser bedürfen, mit diesen theils schon in älterer Zeit versehen wurden, theils sie in jüngerer Zeit erhalten haben. (Beispielsweise sei erwähnt, daß ein Siechenhaus in einer dieser Städte schon seit 60 Jahren besteht, und daß selbst das jüngste schon mehr als zehn Jahre alt ist.) Einen besonders erhebenden Eindruck macht es, daß in jeder dieser Städte zumindest ein Wohlthäter oder eine Wohlthäter-Familie sich mit besonderer Hingebung Werken der Barmherzigkeit widmet und diese aus eigenen Mitteln nicht nur neu erstehen läßt, sondern auch fundirt und erhält, so die Familie Rothschild in Paris, das Ehepaar Mannheimer in Berlin, die Brüder Frankel in Breslau u. A. Darin, daß die meisten dieser Wohlfahrtseinnchtungen reich fundirt sind und sogar Ueberschüsse haben, die mit der Zeit die Errichtung neuer Anstalten ermöglichen, ist ein besonderer Vorzug zu erblicken, der leider in Wien nicht wahrgenommen werden kann. Die Verwaltung der Spitäler, Versorgungs- und Siechenhäuser, Waisenverpflegsaustalten u. s. w. ist durchaus eine vortreffliche und wird fast in allen Fällen durch Ausschüsse besorgt, welche zur Hälfte aus Mitgliedern der Gemeindevorstände, zur anderen Hälfte aus solchen Gemeindemitgliedern bestehen, die nicht dem Vorstande angehören — eine Einrichtung, die auch dem Wiener Brauche entgegengehalten werden soll. Diese Ausschüsse und die Ehrendamen besorgen zugleich durchwegs die ökonomische Verwaltung von Haus und Küche, und namentlich von den Ehrendamen muß gesagt werden, daß sie sich in aufopferungsvollster Weise ihrem Amte widmen. Durch dieses Lob der Frauen soll aber das Verdienst der Männer durchaus nicht geschmälert werden, die gleichfalls mit Selbstverleugnung ihres Amtes walten. Es mag als Beispiel angeführt werden, daß im jüdischen Spitale in Berlin täglich ein Vorstandsmitglied durch mehrere Stunden anwesend ist, um den Dienst zu versehen oder zu controliren. So großartig auch die Einrichtungen sind und so mustergiltig die Verwaltung — was Bau und Ausstattung betrifft sind ihnen die Wiener Anstalten weit überlegen, und zwar nicht nur diejenigen, welche die Gemeinde errichten ließ, wie z. B. das Rothschildspital und die Versorgungshäuser, sondern auch die von Privaten oder Wohlthätigkeitscorporationen errichteten, das Blindeninstitut, das Gutmann'sche Mädchenwaisenhaus rc. Allerdings übertrifft das Orphelinat in Paris, von Rothschild begründet und erhalten, alle anderen au Zweckmäßigkeit und Ausstattung, es ist aber dieses Institut das hervorragendste unter allen. Auch das Hospital Rothschild, mit welchem ein Siechenhaus für unheilbare Kranke in Verbindung steht, ist insbesondere in seinem neuen Theile unter Berücksichtigung allermodernen hygienischen und technischen Fortschritte gebaut. Gerechterweise muß jedoch bei Vergleichung all dieser fremden Einrichtungen mit den Wiener gleichartigen Institutionen hervorgehoben werden, daß beispielsweise das vom Architekten Fleischer erbaute Gutmann'sche Mädchen- Waisenhaus erfolgreich mit allen zu concurriren vermag. (Wir dürfen wohl hinzufügen, daß das von Baurnth S i i a ß n y erbaute Rothschildspital und besonders dessen neuester chirurgisch - gynäkologischer Trakt, sowie das Versorgungshaus, das Siecheuhaus, das Blindeninstitut, die Friedhvfshalle u. a. Wohlthätigkeitsinstitute, deren Bau er geleitet, sich dadurch auszeichnen, daß in ihnen alle von der Wissenschaft erprobten Verbesserungen volle Berücksichtigung fanden, und daß in der Architektur derselben auch stets darauf Bedacht genommen erscheint, daß der Aesthetik Rechnung getragen werde, soweit es die Oekonomie erlaubt. Anm. d. Red.) Nebst den vorerwähnten beiden Anstalten, Orphelinat (für 60 Mädchen und 50 Knaben) und dem Hospital (mit 303 Betten), fesselten in Paris auch noch die anderen Versorgungsanstalten, das Institut für dames agees am Boulevard Piepus, und ferner die Ecoles de travail die Aufmerksamkeit des Besuchers. Die Ecoles de travail in der rue des rosiers und die Ecole Bischoffskeim am Boulevard Bourdon haben den Zweck, Knaben und Mädchen in Handarbeiten für den Lebenserwerb heranzubilden, letztere auch die Mädchen bis zu ihrer Verheiratung zu beherbergen und sie mit einer Ausstattung zu versehen. Die Familie