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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · page 7

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Str. 46 Dr. Blych's Wochenschrift. Seite 823 Das Schwurgerichtsurtheil von Pisek. Es war im Jahre 1866, daß die guten Leute in Pisek ihre Mitbürger, welche an der Cholera erkrankten, in Dünger eingegraben, so daß ihnen nur der Kops herausragte. Als Medicin gab man ihnen Jauche zum Einnehmen. Das war aber nicht ein vereinzeltes Vorkommniß, der Exceß irgend eines verrückten Menschen, sondern entsprach der Vorstellung und der Anschauung der gesammten Bevölkerung. Seitdem scheint sich nichts geändert zu haben. Dünger bildet wohl dort nocy immer die geistige Lieblingsnahrung, Jauche die trefflichste Medicin, welche diese Leute finden können. Man verwundere sich deswegen nicht, über das seltsame Schauspiel, welches heute die Stadt Pisek bietet. Ein einziger Jubel beherrscht diese Bevölkerung, die Leute, welche auf der Straße sich begegnen, freuen sich mit einander, Zeugen und Theilnehmer des großen Ereignisses zu sein, denn der arme Trottel Hilsner ist zum Tode durch den Strang verurtheilt. Und zur Verherrlichung dieses Todesurtheiles wird ein Fest, ein Concert veranstaltet. Das Volk hat seinen Willen durchgesetzt gegen den Obersten Gerichtshof und gegen die Facultät. Dem Blutprediger Baxa bereiten die Geschworenen auf offenem Marktplatz begeisterte Ovationen. Die armen Vertheidiger wurden auf's Aergste beschimpft, am Leben bedroht. Dünger ist dort wohl noch immer die Volksnahrung und Jauche Medicin. Mit welchen Mitteln die Antisemitenbande auf die Geschwornen von Pisek einzuwirken sich nicht scheute, dafür nachstehend einen kleinen Beitrag. Bekanntlich hat die Preßburger Judengemeinde das Privilegium, alljährlich zu Martini durch eine Deputation Martinigänse in die Hofburg zu bringen. Die Deputirten der Cultusgemeinde werden auch bei dieser Gelegenheit zur Audienz bei Sr. Majestät zugelassen. In der Morgenausgabe vom 11. November 1900 veröffentlicht das Organ des Stadtrathes Dr. Wähner die bodenlose Lüge, daß die Judengemeinde von Preßburg in diesem Jahre erklärt habe: „nur unter der Bedingung, ihr patriotisches Gansdeputat abzuliefern, daß Hilsner freigesprochen werde. Hofrath Wetschl soll zugesagt haben". Natürlich sollte mit Hilfe dieser bodenlosen gemeinen Lüge auf die Geschwornen in Pisek im antisemitischen Sinne eingewirkt werden. Und der Privatbetheiligte Dr. Pevny erklärte ganz offen: „Hier handelt es sich nicht um die Person des Thäters, sondern um die Feststellung des wahren Motivs beider Morde." Das ist die größte That des heutigen Jungczechenthums. So ist denn das gewünschte Urtheil erzielt worden. Einzelne Scenen dieses Processes verdienen in der Ernnerung festgehalten zu werden. Man denke blos an die Kronzeugen Lang und Frau Gruber. Seit dem einen Jahre, wo sie zum letztenmal einvernommen worden waren, hat ihr Gedächtniß mcht etwa abgenommen, sondern — Sensation über Sensation — ihr Erinnerungsvermögen hat sich noch verstärkt. Sie erinnern sich jetzt an eine ganze Reihe von Einzelheiten, von denen sie das vorigemal gar keine Ahnung hatten. Das Publicum dankt ihnen dafür durch ein beifälliges Gemurmel. Auch die anderen Belastungszeugen, an der Spitze die Erzieherin Broz und der kleine Prochazka, besitzen diese Gabe, sich an die Dinge umso genauer zu erinnern, je weiter zurück sie liegen. Sensation erregte wie in Kuttenberg so auch in Polna der Zeuge P e s ch a k, der den Hilsner auf 900 Schritte weit erkannt, zu haben angibt. Aber dieser Sensation fügte er noch eine zweite hinzu. Man wollte prüfen, ob er wirklich wie er behauptet, größere Entfernungen abzuschätzen versteht, und man ließ ihn rathen, wie groß die Entfernung vom Gericht bis zur Sparcaffe ist. Und schlagfertig wie immer antwortete er: 250 bis 300 Schritte. Der Berichterstatter verzeichnet hier: Große Bewegung im Auditorium. Rufe bei den Geschwornen: So ist es! Sehr richtig! u. s. w. Aber die größere Sensation ist dem Gerichtssaalpublicum gar nicht bekannt geworden, die Sensation, die darin besteht, daß die Entfernung keine 250 und keine 300, sondern blos £00 Schritte beträgt, daß sich der Zeuge daher um 25 bis 50 Percent geirrt hat. Aber auch dieser Kronzeuge hatte 5 Monate bedurft, um sich über seine Wahrnehmungen klar zu werden. Fünf Monate trug er das Geheimniß bei sich, und auf die Frage des Präsidenten und des Angeklagten, warum er nahezu ein halbes Jahr geschwiegen, ohne sich zur Zeugenschaft zu melden, trotzdem ein Preis von 150 fl. auf die Eruirung des Mörders gesetzt war, antwortete der Kronzeuge Peter Peschak: er müsse schweigen aus Furcht, Brot und Arbeit bei den Juden zu verlieren. Dabei hat dieser Zeuge in den letzten drei Jahren Alles in Allem von einer Frau Henriette Hitschmann 25 kr., von einem Jacob Schiller 40 kr., von einem Emanuel Basch 1 fl. für Reparaturen erhalten, also Alles in Allem seit mehreren Jahren circa fl. 1.70, während für die Eruirung des Mörders 150 fl. zu verdienen waren. Aber die Aufregung über den „strammen" Zeugen Peschak war bald vergessen, als die Prager Augenärzte, die Professoren D ey l und Chaloupecky mit ihren wahrhaft sensationellen Enthüllungen kamen. Der Zeuge behauptete, auf 900 Schritte oder 676 Meter einen Menschen erkannt zu haben. Da ist doch gar nichts daran, sagten die sachverständigen Herren, die Wissenschaft lehrt uns, da man ein etwa einen Drittelcentimeter großes T auf weißem Papier etwa 5 Meter weit sieht, daß man demnach eine 20 Centimeter lange Hand 300 Meter weit und einen 160 Centimeter großen Menschen 2400 Meter weit sehen kann. Wieder Sensation und beifälliges Gemurmel im Zuschauerraum. Leider haben die Herren Sachverständigen auch hier die Multiplication nicht weit genug betrieben. Sie hätten ja ganz gut noch herausrechnen können, daß ein 32 Meter hohes Haus oder eine ebensolange Feuerwehrleiter 48 Kilometer weit zu sehen wäre. Die unerhörten und beispiellosen Redeexceffe zu welchen Dr. Baxa den Gerichtssaal mißbrauchte, bilden eine Schmach für die Partei, der er angehörte. Die Büberei aber, deren sich die Wiener „Deutsche Zeitung" schuldig gemacht hat, war darauf berechnet, die Geschwornen gegen die Juden und gegen den Angeklagten in der ärgsten Weise aufzureizen. Allein der Verbreitung solcher Infamien hat es gar nicht bedurft, die Herren Geschwornen waren sich ihrer hohen weltgeschichtlichen Aufgabe voll bewußt. Das große czechische Volk hat also gegen Hilsner gesiegt» das Jungczechenthum ist gerettet. Dank dem großen unsterblichen Dr. Baxa! * * * Das „Deutsche Bolksblatt" redet den Juden mit wahrhaft rührender Milde zu, sie sollen doch endlich zugestehen, daß einige unter ihnen Christenblut dringend zu rituellem Zwecke benöthigen. Bergani erklärt sich sogar bereit, Advocaten, Aerzte rc. auszunehmen, dafür soll man ihm doch die übrigen preisgeben, vor Allem aber mögen die Juden doch gütigst zulasten, daß der Hilsner endlich einmal gehenkt werde! Es beruft sich auf das sogenannte „Geständniß" Hilsner's, welches zweifellos auch bei dem Urtheil der Geschwornen eine Rolle gespielt haben wird. Dagegen bemerkt die „Arbeiter-Zeitung": „Dieses „Geständniß" war falsch, und Hilsner ist auch wegen Verleumdung der zwei Juden verurtheilt worden. Aber zweierlei war nicht daran. Erstens die s e e l i s ch e A n g st vor dem Tode, aus der heraus es gethan wurde. Sie war an sich bei dem feigen Burschen vorhanden, sie ist aber durch seine Zellengenossen raffinirt gesteigert worden. Daß man vor ihm die Geberde des Henkens machte, daß man ihm, als im Gerichtsgebäude ein Telephon gebaut wurde, das Geräusch dahin erläuterte, es werde bereits der Galgen für ihn aufgerichtet, daß sich der Koubar auf Hilsner warf und, ihn würgend, von ihm einGeständnißverlangte, das Alles gaben die als Zeugen vernommenen Sträflinge selbst zu. Welchen Sinnkonnteeshaben, daßHilsnerzweiihmzufällig einfallendeLeutealsThäterdenuncirt, wennnicht den, daß er sich damit vor dem drohenden Tode retten wollte? Angenommen nun, Hilsner hätte Mitschuldige, die eigentlichen Mörder wären jene zwei Juden die der Zeuge Peschak ges e h e n haben w ill. WelchenGrund, fragen wir, hätte er, sie z u s ch o n e n? Ein Mensch, der sich, um sein Leben zu retten, dazu entschließt, zwei ihm zufällig einfallende Leute des Mordes zu bezichtigen, der diese gräßliche Beschuldigung bewußt erfindet : d e r sollte zögern, seine wirklichen Mitschuldigen zu nennen? Dieser verlumpte Bursche ist wirklich alles andere denn ein Mensch, der für sein Volk

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