Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 822 Dr. Bloch's WochrnfttzriK Nr. 46 Magistrat auspfänden lasten. Wenn unsere Finanzen nicht dringend einer Verbesserung bedurft hätten, so hätte man die Wahlreform nicht in Angriff genommen. Herr Architekt Marmore! aber sagt, wir sollen uns nach der Decke strecken, allein er widerspricht sich sofort selber, indem er uns gleichzeitig neue socialpolitische Aufgaben stellt und die Schaffung großer altruistischer Einrichtungen empfiehlt. Heißt das nach der Decke strecken? Herr Marmore! verlangt, wir sollen den rumänischen Flüchtlingen helfen, dem galizschen Judenelend unsere Sorge zuwenden, und wenn er dann gleichzeitig uns zuruft : „Streckt Ench noch der Decke!*, so ist das eine Irreführung. W ll die Gemeinde ihre Pflichten gegen die Armen erfüllen, dic nothleidenden Glaubensgenossen nicht hilflos im Elend verschmachten lasten, so brauchen wir dazu große Mittel. Darum muss-,, wir die Wahlreform in den Kauf nehmen. Damit ist den Armen und Nothleidenden besser gedient, als mit gesinnungsrüchtigen Schlagworten, die hier gar nicht am Platze sind. Unsere reichen u,rd begüterten Gemeindemitglieder haben sich freiwillrg zu größeren Opfern für die Gemeinde erboten, verlangten aber dafür einen gewissen Einfluß bei der Verwendung der Gelder, bei der Führung der Gemeindegeschäfte. Redner widerlegt eingehend alle vorgebrachten Einwände gegen die Wahlreform und bemerkt zuletzt: Man hat hier das System der Wahlkörper als „unjüdisch" gebrandmarkt. Nun besteht diese Wahlordnung in zahlreichen alten und berühmten jüdischen Gemeinden seit jeher. Herr Lucian Brunner sagt auch, daß wir Clastengegensätze heraufbeschwören, Clastengegensätze darum, weil wir anstreben, daß im Schoße des Cultusvorstandes neben den Zehnguldenmännern auch die Großbesteuerten, die Millionäre, den Platz einnehmen, daß sie alle zusammen friedlich mit einander arbeiten in dem Dienste der Gemeinde; weil wir es dahin bringen wollen, daß unsere reichen und begüterten Glaubensgenossen die Roth und das Elend der Brüder mit eigenen Augen kennen lernen und darum ausgiebiger als bisher Hilfe schaffen. (Lebhafter Beifall.) Präsident kaiserl. Rath Heinrich Klinger bespricht die Ursachen, welche die Wahlreform nothwendig gemacht haben. Nicht die Steuern allein haben wir nothwendig, wir müffen die Großen auch für die Interessen des Judenthums gewinnen. Fürchten Sie nicht die Großbesteuerten, fie sind entweder Juden oder sie wollen es werden. Dr Heinrich S chfieibe r (mit lebhaften Zurufen der Parteigenossen begrüßt) erklärt, es bei der Ermüdung der Versammlung, die bereits so viele und zum Theile über Gebühr ausgedehnte Reden über sich ergehen lasten mußte, der Zuhörerschaft nicht zumuthen zu können, noch weitere längere Auseinandersetzungen zu billigen. Er will daher kurz vorausschicken, daß er, auf jenem Programme fußend, das seinerzeit die Tempelvereine aufgestellt haben und dem sich der jüdische Volksverein angeschlosten, seine im oppositionellen Geiste gehaltene Candidatur anmelde. Arstatt aber die Wünsche der Gemeindegenosten nach Herabsetzung des Steuercensus und Vermehrung der Collegiatsmitglieder zu erfüllen, hat man ein verwässertes und unaufrichtiges Wahlgesetz geschaffen, das die Gegnerschaft jedes aufrichtigen Freundes des demokratischen Glaubensprincipes Hervorrufen muß. So wurden Privilegien und Ausnahmsstellungen eingeräumt sowohl nach Oben, durch die Einräumung von Vorzugsrechten an die begüterten Gemeindegenossen, als auch (was noch schlimmer und verletzender sei) nach Unten: durch die Bildung einer Curie von Toleranz-Juden, die facultativ durch Beisteuer eines herabgesetzten Obulus sich die Wahlberechtigung erkaufen können. Ein solches Princip verdiene die Bezeichnung des „Nebochantenthums", Zurückgesetzte, die gerne möchten, leider aber nicht können. Für die nusera plebs eoutribusus, die alte große Wählermaffe, die bereitwilligst alle Opfer getragen hat und weiter tragen wird, ist aber Alles beim Alten geblieben. Verwunderlich sei daher der Ausspruch aus dem Munde des Präsidenten unserer Gemeinde: Den Privilegirten sei die Präponderanz zu gönnen; entweder deshalb, weil sie Juden sind, oder weil sie dadurch zu Juden werden. Beides sei aber unzutreffend. Sind die Höherbesteuerten Juden, dann haben sie nach dem Principe der Gleichberechtigung und der Gleichwertigkeit keinen - Anspruch auf einen Vorrang. Sollten sie jedoch dadurch erst dem Judenthum gewonnen werden, dann widerstreite dies dem Grundsätze unserer Weihen, daß die Proselytenmacherei unzulässig ist. Und wie steht es, fragt Redner, mit der Forderung, daß jeder Bezirk seinen eigenen Vertreter in den Cultusvorftand wählt? Auch dies ist unberücksicht geblieben, und dafür hat man einen schwachen und unzulänglichen Ersatz in den Bezirks Commissionen geschaffen, der aber, wie jedes Surrogat, ohne Saft und Kraft ist. Eine solche allzunackte Decentralisation ohne ein gemeinschaftliches Bindeglied im Centralcollegium, das aus den Delegirten dieser Bezirks - Commissionen zu bestehen hätte, kann nur einseitig und erfolglos wirken, und es ist zu besorgen, daß der geschickte und kluge Lenker fehlt, der diese disparaten, an verschiedenen Strängen ziehenden Elemente zu nützlichem und der Allgemeinheit dienendem Ziele führen würde. Redner hält eine Opposition auch aus tactischen Gründen für angezeigt, natürlich immer als ein aus sachlichen Momenten gerechtfertigtes Gegengewicht gegen die übermächtige Einflußsphäre der jetzigen Collegial-Majorität. Haben sich doch erst jüngst zwei ehrenwerthe Mitglieder des Vorstandes ernstlich darüber beklagt, und es ist bedauerlich, daß sie nur ein kleines oppositionelles Fähnlein gegen die geschlossene Phalanx der jetzigen Mehrheit aufstellen können, das, einsam und verlassen ausgepflanzt, von dem erstbesten Windhauche fortgeblasen wird. Dieser als Nothhelfer beizuspringen, ist das Gebot des heute bereits mehrfach augerufenen „Rachmunes". (Heiterkeit und Beifall.) Und wenn Sodom und Gomorrha zugrunde gehen mußte, weil auch nicht ein Gerechter gefunden werden könnte, dann scheint es dem Sprecher, als ob auch dieser Vorstand einer eingreifenden Erneuerung und Auffrischung bedarf, weil er zuviele „Gerechte" zählt. (Erneuerte Heiterkeit.) Weiters ist auch die als unbefriedigend geschilderte Finanzlage der Gemeinde eine Uebertreibung. Die Stenereingänge sind in steter Zunahme begriffen, und jener Abgang, der aus der Erweiterung des Rothschild - Spitals und aus dem Neubau des Siechenhauses bevorsteht, rechtfertigt noch lange nicht die diesbezüglich gehegten Besorgnisse. Warum droht der Vorstand den Bethausvereinen damit, "daß die Voraussetzungen für den Neubau von Gotteshäusern von nun ab im Interesse der Finanzlage eine strengere Beurtheilung finden sollen? Warum ließ sich das Collegium bei der Errichtung dieser Barmherzigkeitswerke nicht selbst von der gleichen Strenge leiten! Wahrscheinlich, weil es mit Recht von der Erwartung ausgeht, daß die jüdische Wohlthätigkeit nicht aus stirbt, und daß jene Menschenfreunde, welche die Schaffung dieser Kranken- und Armenhäuser durch ihre munificenten Beiträge gestiftet haben, und jene vielen anderen Glaubensgenossen, die stets opferwillig bereit sind, unseren Kranken und Gedrückten eine Heilstätte und Zuflucht zu bieten, diese humanitären Schöpfungen nicht werden nothleidend werden lassen. (Lebhafter Beifall.) Redner ist in der Lage, noch manch andere Anregungen über das Armen-, Unterrichts- und Ritualwesen zu geben; doch angesichts der vorgerückten Zeit will er dies lieber aus eine andere Gelegenheit verschieben, die sich ihm vielleicht dann bieten dürfte, wenn er bei allfälliger Ergebnißlosigkeit seiner Wahlwerbung neuerdings zum Nutzen der vom ihm vertretenen programmatischen Ideen veranlaßt wäre, sich seinen Glaubensgenossen zur Verfügung zu stellen. Feind aller politischen Schlagworte, hielt er sich davon ferne, mit solch wohlfeilen Haranguirungen vorübergehenden Beifall zu ergattern. Nur Eines möchte er nicht unterdrücken: die Klage, daß der Cultusvorstand auch anläßlich der schrecklichen Scenen während der letztsommerlichen Emigration der rumänischen Juden nicht auf der Höhe seiner Thätigkeit und der allumfassenden Barmherzigkeitsmission unseres Glaubens gestanden ist. So ist auch hier manch Nothwendiges nachzuholen, und dazu bietet er seine Hand, seinen guten Willen und den Eifer, mit dem er seit jeher gewohnt war, für jüdische Interessen und für das Wohl seiner Glaubensgenossen einzustehen. (Lebhafter Beifall.) Nachdem noch Fleischhauer Klein, Commercialrath S t i a ß n y, Sigmund S ch i ck l e r. kaiserl. Rath Wilhelm P o l l a k nacheinander das Wort ergriffen hatten, erklärt der Präsident, wegen vorgerückter Stunde zum Schluffe der Versammlung zu schreiten. Zwar seien noch einige Redner vorgemerkt, allein diese werden zweifellos noch Gelegenheit finden, in den von den verschiedenen Vereinen in Aussicht genommenen Wahlbesprechungen das Wort zu ergreifen. Die heutige Versammlung hatte zunächst den Zweck, den Vorstandsmitgliedern Gelegenheit zu geben, den Rechenschaftsbericht zu erstatten, Wünsche und Anregungen von den Wählern entgegenzunehmcn. Solcher Anregungen hat die heutige Versammlung eine Fülle geboten, die jedenfalls nicht auf unfruchtbaren Boden gefallen sind. Der -Präsident dankt allen Teilnehmern der Versammlung für ihr Erscheinen und erklärt die Sitzung für geschlossen.