Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Rr. 46 Seite 821 Dr. Bloch's Wochenschrift Architekt Oscar Marmorek ergreift das Wort und unterwirft zunächst die neubeschlossene Wahlreform einer scharfen Kritik. Die Argumente gegen dieselbe citirt er wörtlich aus den Verhandlungsprotokollen des israelitischen Cultusvorstandes. Alle Argumente, welche die Gegner der Wahlreform innerhalb des Cultusvorstandes während der langen Dauer der Debatten mit großem^Nachdrucke vorgebracht haben, werden von ihm der Versammlung neuerdings vorgeführt. Ueberdies sei er der Meinung, daß der Vorstand zu einer solch durchgreifenden Statutenänderung ohne vorhergegangenen Appell an die Wähler, moralisch wenigstens, nicht befngt war und plaidirt für die Einführung des allgemeinen, gleichen Wahlrechtes für die Wahlen m den Cultusvorstand. Redner hält dem Vorstände vor, daß man ihm seine Cultussteuern um das Doppelte erhöht hat, ohne daß man ihm dabei gleichzeitig neue Rechte eingeräumt hätte, und bringt zur Sprache, daß ein Mitglied des Cultusvorstandes den Bau seines Hauses einem christlichen Architekten übergibt, welcher ausschließlich christliche Gewerbsleute beschäftigt. (Stürmische Unterbrechung; Rufe: Namen nennen!) Die Versammlung verlangt immer dringlicher, daß der Redner den Namen des angegriffenen Vorstehers nennt. Präsident kaiserl. Rath Heinrich K l i n g e r rügt im strengen Ton die Unterbrechungen und bittet, dem Redner ruhig zuzuhören. Auch er aber fügt den Wunsch hinzu, daß der Name des betreffenden Vorstandsmitgliedes genannt werde. Architekt Oskar Marmorek beruft sich auf das Zeugniß des k. k. Baurathes Wilhelm S t i a ß n y und erklärt sich bereit, den Namen privatim zu nennen. Der Redner greift nochmals auf die Wahlreform zurück, welche zu Gunsten der begüterten Classen geschaffen wäre, in deren Mitte die Taufen in erschreckender Weisezunehmen. Wozu wurde diese Wahlreform durchgeführt? Weil die Gemeinde Geld gebraucht hat! Da sollte der Vorstand sich lieber nach der Decke strecken und mit den vorhandenen Mitteln das Auslangen zu finden trachten. Auch die facultative Fünfgulden-Steuer sei vom Uebel, er wünsche, daß die Zehngulven-Steuer aus fünf Gulden ermäßigt werde. Der Vorstand glaube seine Mission erfüllt zu haben, wenn er die Verwaltungsagenden erledige. Redner ist aber der Meinung, daß der Vorstand auch große socialpolitische Aufgaben zu lösen habe. Er verweist auf die zunehmende Verarmung der Massen, auf die Boycottirung der jüdischen Arbeiter, die Präterirung der jüdischen Beamten und Lehrer und plaidirt für die freiwillige Einführung der coniessionellen Schule, er zieht die rumänische Massenemigration, das galizische Judenelend in den Kreis seiner Erörterungen, um die Nothwendigkeit großer altruistischer Einrichtungen zu beweisen und wendet sich gegen ein angebliches Wort des Präsidenten kaiserl. Rathes Heinrich K l i n g e r, daß die Wohlthätigkeit Sache des Einzelnen und Privaten und nicht Sache der Gemeinde sei. Die Ausfälle dieses Redners erregten wiederholt den lebhaftesten Widerspruch bei der Versammlung, fanden aber auch beifällige Unterstützung bei seinen im Saale gutvertheilten Gesinnungsgenossen. Nachdem er beendigt hatte, erklärt der Vorsitzende, der Redner hat sein Citat nicht wortgetreu und wahrheitsgemäß vorgebracht. Er habe allerdings gesagt, daß die Pflicht des Wohlthuns jedem Einzelnen und Privaten obliege; er habe aber gleich hinzugefügt: Wer diese Pflicht versäumt, den muß die Gemeinde durch den Steuerbogen dazu zwingen. Herr Architekt Marmorek habe aus dem Satze einen Theil herausgerissen und ohne Zusammenhang hier vorgebracht. Die Klage über die angeblichen Massentaufen sei übertrieben. Der größte Theil jener Personen, die sich hier taufen lassen, sind überhaupt keine Angehörigen der Stadt Wien, sondern Fremde, welche eigens zu diesem Zwecke hieher zugereist kommen. Gemeinderath Lucian Brunner ergreift das Wort, um den Rechenschaftsbericht einer Kritik zu unterwerfen. Das Gemeindebudget beträgt nahezu eine Million und der Vorstand erfülle trotzdem nicht seine Aufgabe. Die Pflicht der Gemeinde sei es, die religiösen Bedürfnis: der Mitglieder zu befriedigen, und daß der Vorstand dieser Pflicht nicht Nachkomme, beweisen die zahlreichen Bethausvereine. Er persönlich habe zwar keine religiösen Begürfniffe, allein für Diejenigen, die beten wollen, müssen hinreichend Bethäuser geschaffen werden. Gulden 86.000 verschlingt der Religionsunterricht und der Redner findet, daß der jüdische Religionsunterricht etwas zu theuer ist. Er citirt die Ziffern aus dem Rechnungsabschluß der Stadt Wien, um den Nachweis zu erbringen, daß der katholische Religionsunterricht ungleich billiger sei. Redner bemängelt die angeblich zu theure Administration und erklärt den Rechenschaftsbericht für so undeutlich und unklar, daß er eines eigenen Commentars bedürfe. Der Präsident kaiserl. Rath Heinrich K l i n g e r bemerkt dem Redner, daß alle Posten des Budgets bis in die kleinsten Details in öffentlicher Sitzung verhandelt werden, 14 Tage hindurch liegt in der Gemeindekanzlei das Budget zur allgemeinen Einsichtnahme auf. Leider kommt Niemand, um die Gebahrung kennen zu lernen. Wir sind gerne bereit, auch Herrn Brunner nicht nur jede gewünschte Auskunft zu ertheilen, sondern ihm auch alle die nöthigen Bücher vorzulegen. Gemeinderath Lucian Brunner zweifelt nicht, daß er die gewünschte Auskunft erhalten werde, er ist aber der Ueberzeugung, daß zu theuer administrirt werde. Er verlangt, daß die Austritte aus dem Judenthume in den Zeitungen bekannt gemacht werden, damit es ihm nicht wieder einmal begegnet, daß er einen Bekannten auf der Straße grüßt und von ihm die Antwort erhält: „Was wollen Sie, ich bin bereits ein Arier!" (Lebhafte Heiterkeit.) Redner wendet sich in heftiger Rede gegen die Wahlreform als eine Verschlechterung des Statutes, eine Friedensstörung in der Gemeinde, eine Versündigung, gegen die demokratischen Grundsätze der Gleichheit, eine muthwillige Verschärfung der Klassengegensätze und droht, den Kampf gegen diese Wahlreform bis zu den äußersten Consequenzen zu führen. (Schlußrufe!) Redner bespricht die Mängel des gegenwärtigen Steuersystems und empfiehlt neuerdings seine bekannten Steuerreformvorschläge. Er fordert den Vorstand auf, für die Gemeindemitglieder im Wege der Versicherung eine Altersversorgung zu schaffen, eine Versicherung gegen Krankheit und Arbeitslosigkeit und schließt damit, daß er nochmals erklärt, die Wahlreform bedeute eine Friedensstörung und Kriegserklärung. (Lebhafter Beifall.) Herr Dr. Jacob K o h n stellt sich als Candidat vor und verweist auf seine zwölfjährige Thätigkeit auf dem Gebiete der Vertretung jüdischer Interessen. So kam durch seine Agitation seinerzeit die Frage der Ernennung jüdischer Auskultanten ins Rollen, indem durch einen damals in der „Wiener Allgemeinen Zeitung" unter dem Titel „Die unbeschnittene Justiz" erschienenen Artikel Minister Schönborn, zur Stellungnahme gedrängt, vielfach Ernennungen vollzog. Dr. K o h n sieht die Ursache der Jntereffelosigkeit an dem Gemeindeleben in dem vom Vorstand inmitten breiter Kreise genährten Glauben, daß die Cultusgemeinde ein Bethausverein sei, während hier der Mittelpunkt des volküchen und socialen Lebens zu suchen sein sollte. Deswegen ist auch das Wahlunrecht tief zu beklagen. Es ist unjüdisch und ungerecht, einen Vater von der Einflußnahme auf den religiösen Unterricht seines Sohnes in der Schule auszuschließen, weil er kein reicher Mann ist; es ist tief bedauerlich, wenn jüdischen Fleischhauern wegen einiger Differenzen mit der Bevorzugung christlicher, ja christlich-socialer Fleischhauer gedroht wird, wie dies in einer Versammlung ausführlich dargelegt wurde. Solches kann nur geschehen, wenn der Vorstand sich als reine Verwaltungsbehörde und nicht als Repräsentanz des jüdischen Volkes betrachtet, überdies infolge Ueberbürdung es an der nöthigen Controle fehlen läßt. Neue Ideen und junge Arbeitskräfte sind daher die Voraussetzung einer gedeihlichen Entwicklung der Gemeinde. (Lebhafter, andauernder Beifall. Redner wird vielfach beglückwünscht.) Erster Vicepräsidrnt Dr. Alfred Stern stellt gegenüber dem Vorredner fest, daß die Mischen Fleischhauer den rituellen Anforderungen des Rabbinates nicht mit jener Bereitwilligkeit sich fügen, wie die christlichen Fleischhauer. Auf diese Bemerkung hin springt der anwesende Fleischhauer Klein auf und verlangt vom Präsidenten sofort stürmisch das Wort. Der Präsident bemerkt, daß er in der Reihe der Redner zum Worte gelangen werde. Allein Klein läßt sich nicht beruhigen und verlangt sofort zu sprechen. Bon anderer Seite erschallen Rufe: Hinaus! Endlich gelingt es dem Präsidenten, die Gemüther zu beruhigen und die Ordnung wiederherzustellen. Er ertheilt das Wort dem Cultusvorsteher Dr. Adolf Stein. Gegen Architekten Marmorek, welcher eine Zwangssteuer von fl. 5 eingeführt sehen wollte, bemerkte er, daß es unjüdisch wäre, arme Leute wegen fl. 5 Steuer gerichtlich exequiren zu laffen; wollte man nach dem Vorschläge Marmorek's Vorgehen, so wäre die Cultusgemeinde gezwungen, jährlich Tausende von Executionsgesuchen gegen die eigenen Glaubensgenoffen an den Wiener Magistrat zu richten, und wir erklären offen, daß wir das nicht wollen. Wir wollen nicht unsere armen Brüder durch den