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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1900-11-16 · 46 (16.11.1900) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
17 (1900)
Issue
46 (16.11.1900)
Date
1900-11-16
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 820 Vr. Vloch's Wochrnschrrft» Nr. 46 werden Sie, auch wenn ich Sie nicht darum bitte, mich wieder in den Cultusvorstand entsenden; wenn Sie jedoch der Meinung sein sollten, daß mein Wirken nicht das richtige ist, dann würden Sie sehr unrecht thun, wenn Sie nicht einen Anderen an meine Stelle berusen würden! (Bravo!) Ich glaube daher, mich einer Candidatenrede enthalten zu dürfen und möchte mir nur eine persönliche Bemerkung gestatten: Ich bin, wie ja schon mancher Andere, auch Gegenstand persönlicher Angriffe gewesen, doch ich muß sagen, daß mich nicht leicht irgend ein Persönlicher Angriff in solcher Weise geschmerzt hat, wie der, welcher aus der Milte meiner Glaubensgenossen in jüdischen Blättern, in jüdischen Vereinsversammlungen gegen mich laut geworden ist. Es ist mir nachgesagt worden, daß bei einer Unterredung, zu welcher ich von Seiner Excellenz dem Herrn Ministerpräsidenten berufen zu werden die Ehre hatte, ich mich geäußert haben soll, hier nicht als Jude, sondern als Gemeinderath zu stehen. Gestatten Sie mir, daß ich die heutige öffentliche Wählerversammlung dazu benütze, um Ihnen zu sagen, daß diese Mittheilung eine völlig lügenhafte ist, daß an derselben auch nicht ein einziges Wort wahr ist, und daß ich gerade bei dieser Unterredung, wie bei jeder anderen Unterredung, die ich mit Persönlichkeiten halte, von denen ich voraussetzen kann, daß sie für die Schicksale meiner Glaubensgenossen eine entscheidende Stimme haben, daß ich auch bei dieser Unterredung, und zwar unter Mitbringung eines bedeutenden Actenmaterials, für meine Glaubensgenossen in der entschiedensten Weise eingetreten bin. (Bravo!) Daß davon nichts in der Oeffentlichkeit verlautete, hat seinen Grund in der Erwägung, daß das Schweigen zwar nicht immer die Garantie des Erfolges, sehr oft aber die Veröffentlichung die Garantie des Mißerfolges ist. — Das die Erklärung, welche vorzubringen ich mir vorgenommen habe. Nun aber, meine Herren! gestatten Sie mir, nachdem ich durch seit sovielen Jahren die Ehre hatte, von Ihnen wiederholt in den Vorstand berufen zu werden, und mir die Ehre zutheil wurde, vom Vorstande in das Präsidium gewählt zu werden und hier an der Seite unseres hochverehrten allgemein geliebten Herrn Präsidenten zu wirken, daß ich auch Einiges über die Änwürse spreche, welche gerade in letzter Zeit. gegen den Vorstand und dessen Wirken in einer nicht zu rechtfertigenden Weise gerichtet worden sind. Da habe ich z. B. von einem „maßlosen Cultussteuerdruck" gelesen, der wahrscheinlich darin bestehen soll, daß von 14.000 Steuerträgern ungefähr 10.000 fl. 10.— Cultussteuer und kaum mehr als 900 mehr als fl. 100.— Steuer bezahlen. Da habe ich z. B. vom Protectious- und Trinkgelderwesen gelesen, welches bestehen soll, als wenn man nicht wüßte, daß jede derartige an den Vorstand gerichtete Anzeige Gegenstand eingehendster Untersuchung ist. Dann habe ich auch gelesen: re£ müsse das alte, unjüdische System gestürzt werden". Nun, meine Herren! es mag ja vielleicht Manches in unserer Gemeinde nicht streng dem jüdischen Gebrauche entsprechen. Wenn heute der Arme nicht ebenso in den Tempel gehen kann wie der Begüterte, wenn wir heute Classen bei den Leichenbegängnissen haben, u. dgl., so will ich gerne zugestehen, daß dies der jüdischen Sitte nicht entspricht. Aber, geben Sie uns einige Millionen, aus denen wir den Haushalt der Gemeinde bestreiten können, und Sie können überzeugt sein, daß der Vorstand einmüthig zur altjüdischen Sitte wieder zurückkehren wird. Es ist auch neulich von Oppositionsparteien gesprochen worden, die im Vorstande bestehen sollen, und es ist sogar Klage darüber geführt worden, daß Vorstandsmitglieder, welche der Opposition angehören, zu Referaten nicht zugelassen würden. Mir ist im Laufe der vielen Jahre, welche ich dem Vorstände angehöre, kein einziger Fall bekannt geworden, daß sich Mitglieder des Cultusvorstandes darüber beklagt hätten, daß ihnen zuwenig Referate zugewiesen würden. Sie können jedoch überzeugt sein, daß, wenn eine derartige Klage Vorgelegen wäre, man dem Thätigkeitsbedürfnisse dieser Mitglieder bereitwilligst entsprochen hätte. (Heiterkeit, Rufe: Sehr gut!) Und nun komme ich zu der Oppositionspartei im Vorstande; von dieser weiß ich wirklich nichts, und ich würde es auch nicht für richtig, nicht für gut und nicht für passend erachten, wenn in einem jüdischen Cultusvorstande sich ein Parteiwesen entwickeln, sich eine Oppositionspartei bilden würde, welche principiell darauf ausgehen müßte, sich in allen Fragen in die Opposition gegen das Präsidium und das Vertreter-Collegium zu stellen. Meinungsverschiedenheiten über einzelne Fragen kommen natürlich vor, die werden bei selbstständig denkenden Männern immer Vorkommen, solche Meinungsverschiedenheiten werden im Laufe der Debatte ausgeglichen und es kommt dann zu einer einhelligen Annahme, oder sie werden nicht ausgeglichen, dann entscheidet eben die Majorität. Daß aber principielle Oppositionsparteien existiren, das glauben Sie nicht. Meine Herren! es haben ja öffentliche Sitzungen des Vorstandes in genügender Zahl stattgefunden und ich glaube nicht, daß Einer von Ihnen jenials den Bestand einer Oppositionspartei im Vorstande sehen oder annehmen konnte. Nach einer Richtung etwa könnte man sich eine verschiedentlich« Auffassung denken, nämlich nach der Richtung, daß die Einen einer strengen religiösen Observanz huldigen, während bei den Anderen diesbezüglich eine minder strenge Auffassung obwaltet, daß z. B. die Einen absolut an der Forderung festhalten, daß sofort eine Mikwah hergestellt werden müsse, während die Anderen vorerst durch den Bau eines Siechenhauses für unsere 80- und 90jährigen verarmten Glaubensbrüder gesorgt wissen wollen. Das sind Meinungsverschiedenheiten, bezüglich welcher sich immer ein Mittel und Weg finden läßt. Sehen Sie gleich eine Meinungsverschiedenheit bei der so viel besprochenen Angelegenheit der Statutenrevision! Es dürfte Ihnen nicht ganz unbekannt sein, daß ich ein entschiedener Gegner dieser Statutenrevision war und, offen gestanden, auch heute noch bin, ohne daß es mir aber einfiele, mich für den Führer oder das Mitglied einer Oppositionspartei zu halten. Wenn ich aber davon spreche, daß nicht Parteien, nicht, Oppositionsparteien im Borstande bestehen, und wenn ich das, eventuelle Bestehen derselben als nicht wünschenswerth bezeichnen müßte, so möchte ich den sehr dringenden Wunsch aussprechen, daß nicht allein wie bisher der Vorstand, daß auch die Gemeinde selbst von Parteiungen, von Zwistigkeiten sich ferne halten möge. In einer Zeit, in der es vorkommt, daß in offenen Correspondenzkarten davor gewarnt wird, bei jüdischen Kaufleuten zu kaufen, daß jüdische Kaufleute offene Correspondenzkarten bekommen, in welchen es heißt: „Wir würden zwar mit Vergnügen mit Ihnen in Geschäftsverbindung treten, aber principiell treten wir mit Juden nicht in Verbindung"—in einer Zeit, wo man in unserem Rathhause jüdischen Beamten und armen jüdischen Lehrern so begegnet, wie es der Fall ist, in einer Zeit, wo der jüdische Arme den Druck am allermeisten und aller schwersten zu empfinden hat und es vorkommt, daß dem jüdischen Armen sogar das Armuthszeugniß verweigert wird, mittelst dessen er sich irgend eine Erleichterung verschaffen könne, in einer Zeit, in welcher in einem Gerichtssaale in solcher Weise gesprochen werden darf, wie wir es aus dem gestrigen „Deutschen Volksblatt", ersehen können (stürmische Pfui-Rufe) — ich stimme in diese Pfui-Rufe ein — wo die Rede des Dr. Baxa enthalten ist, der von der Verfolgung christlicher Mädchen durch Juden ein schauerliches Bild entrollt, daß wir uns in die Zeiten des „Rabbi von Bachrach" zurückversetzt wähnen — in einer solchen Zeit sollten wir uns wohl vor Parteiungen und Parteizwistigkeiten in der Gemeinde hüten. Ja, es ist merkwürdig, meine Herren, daß gerade zur selben Zeit, in welcher Sie derartige Enunciationen im österreichischen Gerichtssaale hören, hier in Wien eine Bischofsconserenz tagt, welche — um ihre Enunciation gegen das Duell zu rechtfertigen — sich auf unseren altjüdischen Dekalog, auf das altjüdische Gebot: „Du sollst nicht tobten!" beruft, merkwürdig, daß fast an demselben Tage die Thronrede eines mächtigen Monarchen mit aller Entrüstung spricht von „fanatisirten Massen" und von „finsterem Abgerglauben" in — China. Meine Herren! ich hätte noch Vieles auf dem Herzen, Ihnen zu sagen, ich habe jedoch die mir vorgeschriebene Zeit von 10 Minuten bereits überschritten; nehmen Sie meine Mahnung günstig auf, hüten wir uns vor Parteizwistigkeilen, bewahren wir den Frieden in unserer Gemeinde! (Stürmischer, langanhaltender Beifall und Händeklatschen.) Von dem Cultusvorsteher kaiserl. Rath und Handelskammerrath Friedrich Vogel wird ein Schreiben zur Verlesung gebracht, daß er wegen einer gleichzeitig tagenden Handelskammersitzung verhindert ist, bei der heutigen Versammlung zu erscheinen. Er erklärt sich auch bereit, neuerdings ein Mandat bei der Wiener Cultus gemeinde anzunehmen.

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