Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 17 (1900)
- Issue
- 46 (16.11.1900)
- Date
- 1900-11-16
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 46 Vr. Bloch's Wochensülrift. Seite 819 bietet, daß nur die tüchtigsten Kräfte zur Ertheilung des Religionsunterrichtes zugelassen werden. Wenn es nun noch gelingt, das Haus, die Familie, die Eltern für die religiöse Erziehung der Jugend zu interessiren, so wird hoffentlich das erzielt werden, was der Cultusvorstand bezweckt — die Heranbildung einer für das Judenthum begeisterten Generation, der die künftigen Geschicke der Gemeinde mit Beruhigung anvertraut werden können. An den Beschlüssen über die grundlegenden Aen-derungen im Unterrichtswesen theilgenommen zu haben, gereicht mir zur inneren Befriedigung. Wenn Sie, geehrte Herren, der Ansicht sind, daß meine Wirksamkeit für die Gemeinde ersprießlich war, so bin ich gerne bereit, meine bescheidenen Kräfte wieder in die Dienste der Gemeinde zu stellen. Es ergreift nunmehr das Wort der Cultusvorstand Dr. Maximilian Steiner: Vor nicht gar langer Zeit mußte man bei jeder Vorstandswahl mit der Diogeneslaterne nach Candidaten suchen; ließ sich ausnahmsweise ein notabler Financier oder Jurist hierzu bestimmen, so betrachtete er es als eine Verirrung und benützte die nächstbeste Gelegenheit, um wieder zu entwischen. Dank dem Antisemitismus, ist doch Manches bei uns besser geworden; so fehlt es nicht mehr an Candidaten, darunter tüchtige und vertrauenswerthe Männer. Ob Sie auch mich als tüchtig und Vertrauenswerth ansehen wollen, ist Ihre Sache. Meine Sache ist es, Ihnen zu erklären, daß ich mich gerne in den Dienst der Gemeinde stelle. Seit 15 Jahren Mitglied des Vorstandes, sind mir seit ein paar Jahren als Obmann der I. Section die gottesdienstlichen Angelegenheiten anvertraut. Ueber dieselbe hat College Dr. Berger gesprochen, — ich schließe mich dem von ihm Vorgebrachten großentheils an und verschone Sie mit Wiederholungen. Dagegen möchte ich Ihnen einige Worte über 2 andere Agenden sagen, die mir am Herzen liegen, die Religionsschule und die Armenpflege. Als ich in den Vorstand eintrat, fand ich die Religionsschule — wie soll ich sagen? — confessionslos. Hervorragende Vorstandsmitglieder erklärten rückhaltlos, daß sie die Aufgabe dieser Schule nur darin erblicken, die Schüler zu guten Menschen heranzubilden. Wohlgemerkt, meine Herren, „zu guten Menschen", nicht zu guten Juden. Nun meine ich, daß ein guter Jude wohl auch ein guter Mensch sein kann, daß Sie aber nie und nimmer ein Kind ohne religiösen Anhalt zum guten Menschen erziehen können. Bedürfte dies eines Beweises, so läge ein recht drastischer in dem Umstand, daß */« der Vielen, die sich zur Taufe drängen, in der Religionsschule^der Siebziger- und Achtziger- Jahre zu guten Menschen herangebildet worden sind. Seit meinem Eintritt in den Vorstand schloß ich mich jenen Collegen an, die — damals in der Minderheit, jetzt in überwältigender Mehrheit — die Religionsschule wieder confessionell zu machen streben. An der Spitze derselben ist der gar nicht genug zu rühmende Obmann der II. Section Dr. Gustav Kohn zu nennen. Es bedurfte jahrelanger Kämpfe, ehe dieser Standpunkt zur Geltung kam, wobei leider die ablehnende Haltung vieler Familien — insbesondere der „Mütter in Israel" — große Schwierigkeiten in den Weg legte. Der Contrast zwischen dem, was die Kinder in der Religionsschule lernen sollen, und dem, was sie zu Hause vor sich sehen, kann nur allmälig durch taktvolles Fortschreiten, durch richtige Methode und weises Maßhalten überwunden werden. Dazu gehört vor Allem eine hingebende geschulte Lehrerschaft. Um diese zu bestellen, ist viel geschehen, und kann ich Sie versichern, daß die schwunghaft betriebene Pauschalverdächtigung unserer Lehrer keinen Glauben verdient. Zumeist sind es schlechte Schüler und leichtgläubige Eltern, welche recriminiren. So oft man einer solchen Klage näher tritt, stellt sich dieselbe aber' als grundlos heraus. Dabei wollen Sie den meist übersehenen Umstand im Auge halten, daß nur die Volks- und Bürgerschulen dem Cultusvorstande unterstellt sind, während die Religionslehrer der Mittelschulen, als staatlich angestellt, sich unserer Jngerenz entziehen. — Um an der Fortentwicklung unserer Religionsschule Mitarbeiten zu können, wünschte ich nochmals gewählt zu werden. Auch auf dem Gebiete der Armenpflege ist noch viel zu leisten. Als ich in den Vorstand eintrat, gab es überhaupt kein jüdisches Armendepartement. Spital uud Bersorgungshaus — letzteres in einer miserablen Baracke — wurden rein patriarchalisch geführt. Die vorhandenen Stiftungen waren systemlos dem Zufall von Referentenanträgen anheimgegeben und die Geldunterstützungen wurden ohne irgendwelche Vorerhebungen, nocb Controls vertheilt. Diesen Zuständen mußte ein Ende gemacht werden, zumal die Vereinigung der Vorortegemeinden und der zunehmende Antiseufftismus eine rapide Vermehrung der Armutli unter den Juden nach sich zogen. Dementsprechend wurde ein Armenamt eingerichtet. Der zum Leiter desselben bestellte Max Groß war ein vorzüglicher Organisator, der innerhalv 8 Jahren seiner Wirksamkeit — unterstützt von dem trefflichen Obmanne der III. Section Baurath Goldschmied — das Amt zu einer Musteranstalt heranbildete, dasselbe bei den Behörden, uud mehr als das, bei den Armen in Achtung setzte und mit relativ bescheidenen Mitteln Bedeutendes leistete. Im vorigen Jahre ist der brave Groß heimgegangen. Kaum hatte er seine Augen geschloffen, so erhoben allerlei sonderbare Heilige ihre Stimme gegen das Armenamt. Es waren ganz merkwürdige Anwürfe, die man vorbrachte. Man bezeichnete es als einer Gemeinde unwürdig, sich mit Schnorrern zu befassen, auch solle man die Gemeindegelder nicht zu Almosen mißbrauchen. Einige gingen soweit, die Z'doko als statutenwidrig zu erklären. Nun kann man ja über die Almosenfrage verschiedener Ansicht sein. Dieselbe ist feit jeher strittig, eine ganze Bibliothek ist pro und contra geschrieben worden. Volkswirthe und Publicisten sind verschiedener Meinung — wohlgemerkt: christliche. Denn wir Juden sind über die Pflichten des Besitzes nur einer Meinung. Der größte Socialreformer aller Zeiten, unser Lehrer Moses, hat es offen eingestanden, daß es trotz seiner weisen Gütervertheilung an Armen im Lande niemals fehlen wird und daß die Besitzenden in die Tasche greifen und nach Kräften geben sollen. Wir predigen dem, der hungert und friert, nicht, daß das Almosen entsittlicht, sondern wir geben ihm Brod und Kleidung. So ward es gehalten seit jeher, keine jüdische Gemeinde, keine orthodoxe oder fortschrittliche, keine große noch kleine hat sich jemals dieser Anordnung entzogen. Wer sich überzeugen will, ob unser Armenamt seiner Aufgabe gewachsen ist. der beobachte durch einige Tage an Ort uud Stelle, wie es amtirt. Es hat täglich Dutzende, manchen Tag Hunderte von Personen anzuhören, welchen sofort geholfen werden muß, sollen nicht die schlimmsten Consequenzen eintreteu. Um dem zu eutsprechen, ohne zu tief in den Gemeindesäckel zu greifen, ohne dem gewerbsmäßigen Bettel zum Opfer zu fallen, dazu bedarf es eben eines Gemeindeamtes, dazu bedarf es aller Hilfsmittel einer Gemeindeverwaltung, des Rabbinats und Matrikelamtes, der Filialen in den Vororten. Würden Sie, wie es vorgeschlagen ist, diese Agenden an Wohlthätigkeitsvereine übertragen — die Armen würden dennoch zur Gemeinde ihre Zuflucht nehmen; Pflicht der Gemeinde ist es, diese Agenden zu bewältigen. Für den Bestand dieses Amtes bin ich mit einigen Collegen in die Bresche getreten — wir haben uns mit großen Stiefeln vor die Thüre des Armenamtes gestellt; die große Mehrheit unseres Vorstandes hat uns beigepflichtet. Ich fürchte aber, daß der muthwilligen Angriffe noch kein Ende ist. Damit soll übrigens nicht gesagt sein, daß unsere Armenpflege eine vollendete sei. Um sie im Geiste der Zeit fortzubilden, um jene Richtung einzuschlagen. welche zur präventiven Armenpflege führt, ist noch viel zu leisten. Daran mitzuarbeiten, ist mein einziger Wunsch. Meine Herren! Ich habe nie nach Auszeichnungen gestrebt, mich nie um irgend ein Mandat beworben. Das Mandat eines Cultusvorstandes jedoch betrachte ich als die höchste Ehre, als das einzige Mandat, das ich anstreb?. Geben Sie mir Gelegenheit, den Rest meiner Kräfte der jüdischen Sache und Angelegenheiten unserer Gemeinde zu widmen. Die Ausführungen Dr. Steiner's fanden lebhaften Beifall bei der Versammlung, und am Schluffe wurde der Redner von allen Seiten stürmisch acclamirt. Erster Vicepräsident Dr. Alfred Stern: Verehrte Herren! Ich beabsichtig» nicht, eine Candidatenrede zu halten; ich gehöre dem Vorstände der israelitischen Cultusgemeinde sowie mehreren Wohlthätigkeitsinstituten derselben seit einer langen Reihe von Jahren au — ich stehe seit zwei Jahrzehnten im öffentlichen Leben — so daß ich wohl glauben darf, daß mein Wirken nicht unbekannt sein wird. (Bravo!) Wenn Sie nun der Meinung siao, daß die Richtung, nach welcher mein Bestreben sich bethätrgt, die richtige ist. dann